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Über Brian Lumley

Seine Vampire machen eine Menge mehr als nur Blutsaugen

Brian Lumley, Titus Crow, Vol. 2

Brian Lumley schreibt nicht nur einzelne Romane (und Kurzgeschichten und Gedichte), er schreibt auch Romanserien. Er scheint eine unaufhaltsame Naturkraft zu sein – oder, wenn man seine Thematik betrachtet: eine übernatürliche Kraft. Der sehr produktive britische Autor (über vierzig Bücher und noch kein Ende abzusehen) ist wohl am bekanntesten für seine “NECROSCOPE”-Reihe, ein prächtiges Gemälde mit starken Charakteren und einer ebensolchen Komplexität, die den unvergesslichen Harry Keogh, den Mann, der mit den Toten spricht, mit der Spionage im Kalten Krieg und einer Vampirrasse aus einer anderen Welt kombiniert.

Die ersten zehn NECROSCOPE-Bücher wurden, allein in den USA, zusammen 1.500.000 mal verkauft und sie werden momentan immer noch in neun anderen Ländern publiziert. (Tor hat insgesamt mehr als 2.000.000 Bücher von Lumley verkauft.) Auch Comics und ein Rollenspiel basieren auf der Geschichte des NECROSCOPE.

Lumley wartete zwei Dekaden um über Vampire zu schreiben.

“Als ich Richard Mathesons I Am Legend las (Gott, wieviele Jahre ist das schon wieder her?), nahm es mir in den ersten zwanzig Jahren meiner Karriere den Mut, oder besser, gab mir keinen Anlass, selber einen Vampirroman zu schreiben,”

sagt der Autor.

“Aber wenn mal etwas in einem drin ist, will es auch wieder raus, also schrieb ich es letztlich … Ich war mir bewusst, dass schon einiges an Vampirgeschichten geschrieben worden war und ich wollte Vampire, die viel mehr tun als nur saugen. Sie mussten eine Geschichte haben, einen Ursprung, es musste einen verdammt guten Grund dafür geben, warum sie die Erde nicht schon längst unter ihre Herrschaft gebracht hatten, und so weiter. Es wurde sehr kompliziert und je mehr ich von der Geschichte erzählte, desto mehr gab es, was erzählt werden musste.”

Er gibt zu, dass die Komplexität dieses von ihm geschaffenen Mythos auch dessen Tod sein wird.

“Das große Problem ist, dass ich, nachdem ich so viel Arbeit in die historische, geografische und politische (wenn man so will) Forschung gesteckt habe, nun in meinen eigenen Büchern nachforschen muss! Es gibt so viele laufende Erzählstränge, wenn ich da nicht aufpasse, kann es passieren, dass ich mich darin verheddere. Das ist ein Grund, warum die Reihe wahrscheinlich mit der E-Branch-Trilogie enden wird. Es wird einfach zu kompliziert, um sie weiterzuführen.”

Das erste Buch der Reihe NECROSCOPE erschien 1986 und wurde fast sofort ein großer Erfolg. Alle Bücher, die diesem folgten, wurden ähnlich erfolgreich.

“Die NECROSCOPE-Romane haben etwas für jeden; und der NECROSCOPE selber, Harry Keogh, könnte JEDERMANN sein; ich meine, jeder von uns. Dieser Kerl hat wirklich schreckliche – zur Hölle: fürchterliche! – Kräfte, allerdings bekommt man das nur dann mit, wenn er sie tatsächlich nutzt. Die restliche Zeit ist er wie du und ich, ein Mensch mit menschlichen Emotionen. Und weil wir uns selbst in ihm erkennen, müssen wir ihn einfach lieben. (Tatsächlich wird Harry sowohl von den Lebenden als auch von den Toten geliebt.) Ich habe keinen Leser getroffen, der nicht Harry Keogh sein möchte, und keine Leserin, die nicht mit ihm ins Bett gehen möchte. Die Geschichten sind dicht und schnell und auch die anderen Charaktere sind so tief und real wie ich sie nur schaffen konnte. Schau, ich erzähle die Geschichten so, als ob sie wirklich passieren, und es ist sehr leicht sich in einer guten Lüge zu verlieren.”

Obwohl er schon in seiner Jugend Fan von Horror und Fantasygeschichten war, begann Lumley erst 1967, im Alter von fast dreißig Jahren, zu schreiben. Er absolvierte seinen Dienst bei der “Royal Military Police” in Berlin.

“Ich hatte Nachtschicht im Büro und nicht viel zu tun. Ich las die Anthologien aus August Derleths‘ Arkham House Verlag.” (Derleth und sein kleiner Verlag, Arkham House, war bekannt für die posthume Herausgabe und damit Popularisierung von H. P. Lovecraft.) “Sie halfen mir durch mehr als nur eine Nacht und formten Stil und Inhalt meiner ersten Geschichten. Meine ersten Geschichten schrieb ich tatsächlich während des Dienstes, an diesem Schreibtisch im Olympia Stadion in Berlin. Ich tippte sie ab und schickte sie Derleth, der sie kaufte.”

“Zu dieser Zeit wusste ich nichts über professionelle Herausgeber und Veröffentlichungen. Und ich wusste absolut nicht, dass Derleth der Meister aller Herausgeber phantastischer und düsterer Literatur war, der Mann, der zuerst Van Vogt, Bradbury, Bloch, Leiber, Lovecraft (natürlich), und so viele andere veröffentlicht hatte. Also, meine Geschichten waren einzeilig auf Papier mit einem ziemlich ungewöhnlichen Format geschrieben, unnummeriert, in einer Ecke geheftet, zusammengerollt, in eine Kartonrolle gestopft und per Post nach Wisconsin geschickt … von Berlin aus! Es ist schon erstaunlich genug, dass sie überhaupt dort ankamen … und dann las er sie auch noch! Man kann sich sicher gut vorstellen, wie er an seinem Schreibtisch saß und die Blätter schier festnageln musste, um sie lesen zu können.”

1981 kehrte Lumley ins Zivilleben zurück und begann in Vollzeit zu schreiben. Er schrieb – neben einigen anderen Titeln – die  “Psychomech”-Trilogie Psychomech (1984), Psychosphere (1984), und Psychamok! (1985) – in der ein Held mit gesteigerten psychischen Fähigkeiten böse Jungs mit ähnlichen Fähigkeiten bekämpfte; Demogorgon (UK 1987, US 1992) zeigte den Nachkommen Satans, der mit seinen Superkräften seine dunkle Seite und seinen verfluchten Vater bekämpfte; vier Romane der “Sword & Sorcerey”-Reihe “Dreamlands”, und natürlich die NECROSCOPE-Serie, mit der er 1986 begann.

Am Anfang war Lumleys Name eng mit Lovecraft und einer freizügigen Auslegung des Cthulhu Mythos in seinen Kurzgeschichten und seinen frühen Romanen verbunden – der “Titus Crow”-Reihe Mitte bis Ende der 70er. Crow, ein Detektiv des Okkulten, schlägt sich mit Lovecrafts Monstern in einer fantastischen, überdimensionalen Leere herum.

“Ohne Lovecraft hätte es keinen Titus Crow gegeben. Alle “Mythos”-Geschichten basieren natürlich auf HPL. Aber ein weiterer, grosser Einfluß war August Derleth, der Chef von Arkham House. Er betrachtete den Mythos aus einem anderen Winkel, und wenn er das konnte, konnte ich das auch. Burroughs war vermutlich, ebenso wie Abraham Merritt, Clark Ashton Smith, Robert E. Howard, und überhaupt diese ganze Gruppe, von einiger Bedeutung. Aber ich habe schon so viel über Lovecraft gesprochen und geredet, ich kann einfach nicht mehr. Warum können wir nicht einfach sagen: Er war ein Original, einer der Größten, und er hat so viele von uns beeinflußt, er ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Eckpfeiler der heutigen “Weird Fiction”- und es dabei belassen?”

Die Titus Crow und NECROSCOPE Bücher stehen auch als Metapher für den Kalten Krieg.

“Die NECROSCOPE-Romane entwickelten sich durch das, was tatsächlich in der Welt vorging, während sie geschrieben wurden. Die letzte Trilogie wird ein paar Jahre in der Zukunft spielen, von daher ist das natürlich ein Ratespiel. Es geht hauptsächlich um den Gegensatz Ökologie – Politik. Bisher hatte ich mit meinen Voraussagen immer Glück; der Kanal-Tunnel, den ich im zweiten Crow-Band (Transistion, 1975) erwähnte, ist jetzt Realität. Aber ich kann ehrlich nicht sagen, ob er tatsächlich von den Sternensteinen von Mnar beschützt wird. Ich nehme mal an, eher nicht …”

Welten in der Zukunft? Fantastische andere Dimensionen? Sternensteine? Politik? Übertrat Lumley absichtlich die Genregrenzen um (s)eine Synthese aus Horror, Science-Fiction und Fantasy zu etablieren?

“Nein, dieses Genreübergreifen war nicht geplant. Ich habe nur versucht, das Schreiben zu lernen, ich habe herumexperimentiert, um herauszufinden, was ich am besten kann und wo es mich hinführt. Das erste Taschenbuch von mir, The Burrowers Beneath, war eine Horrorgeschichte “nach Lovecraft-Art”. Die beiden Folgebände waren Science-Fantasy und das letzte Buch der Reihe, Elysia, war reine Fantasy. Ich habe einfach alles ausprobiert. Aber NECROSCOPE? Es beinhaltet Teile aus vielen Genres, aber doch hauptsächlich Horror. Wenn man es genau betrachtet, machen die besten “Horror”-Filme das gleiche. Ist Bodysnatchers (Original und Remake) Horror oder Science Fiction? Was ist mit The Thing oder Alien oder Predator? Wird deutlich, was ich meine? Andererseits sind Kurzgeschichten von mir – wie Fruiting Bodies und The Sun, The Sea and The Silent Scream – reiner Horror. Wenn mich jemand fragt, was ich bin … ich bin Horrorschriftsteller.”

Mit “Fruiting Bodies” gewann Lumley 1989 den British Fantasy Award und 1998 bekam er den “Grand Master Award” auf der “World Horror Convention”.

Ein paar Jahrzehnte beim Militär sind üblicherweise nicht unbedingt das perfekte Trainig für die meisten Horrorautoren. Auch wenn der Autor wohl zustimmen wird, dass diese erste Karriere seine zweite vorangebracht hat, denkt er dennoch, dass das Schreiben ihm eine Möglichkeit zur Flucht vor einer Militärkarriere bot.

“Die Armee brachte mich an Orte, zeigte mir eine Menge Dinge, und ich traf die unterschiedlichsten Menschen – Wasser auf die Mühlen eines Autors. Aber an so trostlosen Orten wie Berlin 1967 war Schreiben doch eher eine Flucht.”

Das Militär brachte Lumley auch den Geschmack aufs Reisen näher. Er besuchte oder lebte in den Vereinigten Staaten, in Zypern, Berlin, Malta und auf mehr als einem Dutzend griechischer Inseln. Er und seine amerikanische Frau, Barbara Ann, leben nun in Devon, aber sie reisen immer noch gerne und Lumley liebt speziell die Reisen zum Mittelmeer, wo er sich dem Genuss von Moussaka hingeben und ein bisschen Retsina, Ousa und Metaxa trinken kann. Was würde er tun, wenn er nicht schreiben würde?

“Es gibt eine Menge andere Dinge, die ich noch nicht getan habe, Orte die ich noch nicht gesehen habe. Letztlich werde ich die Zeit für solche Dinge finden müssen, solange ich sie noch habe. Wir haben nur ein Leben und je älter wir werden, um so klarer wird uns, wie kurz es ist. Es ist wie mit dem Geschichten erzählen. Schriftsteller sind im Unterhaltungsgeschäft und ich habe viel Spass daran, meine Leser zu unterhalten. Aber ich werde nicht länger zum Schreiben gedrängt. Ich muss mich mittlerweile selber drängen.”

Lumleys Bücher haben sowohl die Musik als auch die Literatur inspiriert.

“Es gibt eine englische Heavy Metal Gruppe die sich NECROSCOPE nennt; ich habe sie nie getroffen. In den Staaten gibt es eine Handvoll Gruppen, die mir ihre Arbeiten gewidmet haben. Es gibt wohl keine Möglichkeit der Fehlinterpretation bei Titeln wie ‘What Will Be Has Been‘, oder ‘From Northern Aeries to the Infinite Cycle of the Unborn Lord‘. Das sind Titel von einer CD der Gruppe ‘Epoch of Unlight‘. HEAVY!”

 

“Als ich 15 – 16 war, hatte ich drei Hobbies: Rock‘n‘Roll, den Jive (den Tanz) und Science Fiction. Also …  ich rede hier von 1953, ‘54. Ich war Mitbegründer von NEZFEZ der ‘North-East Science Fiction Group‘. Für gewöhnlich trafen wir uns in einer kleinen Stadt, in der Nähe von Newcastle, in einem Pub namens ‘The Red Lion‘ und sprachen über Bücher und sowas. Ich zeichnete und schrieb “Lyrik” für Fanzines (England und USA) mit Titeln wie CAMBER (Wölbung), PEON (Tagelöhner), SATELLITE usw.. Das war meine, nunja, “intellektuelle” Seite. Aber ich kaufte mir auch die Vinylscheiben und lernte den Jive in einer Dance Hall. Wirklich … mit 16! Hey, eine großartige Möglichkeit Mädchen kennenzulernen!”

“Also habe ich immer mit Musik gelebt,” fährt Lumley fort. “Seit ich zehn Jahre alt war und mein großer Bruder all diese Platten aus Deutschland mitbrachte, nachdem er seinen Armeedienst abgeleistet hatte. Und ich liebte die Big Bands! Artie Shaw, Woody Herman, Benny Goodman, Gene Krupa, Glenn Miller, die Dorseys usw.! Heute habe ich eine wirklich gute Ray Charles Sammlung, die ich 1960 in Deutschland begann und seitdem ausbaute. Während ich schreibe höre ich gewöhnlich Ray Charles.”

Und wo wird man Lumley in der Zukunft sehen?

“Die Zukunft ist unsicher. Wir sind alle Zeitreisende, obgleich natürlich ziemlich langsame Zeitreisende. Wir bewegen uns nur mit einer Geschwindigkeit von einem Tag pro Tag, einen Schritt pro Schritt. Und vielleicht ist das ja der richtige Weg in die Zukunft: Ich werde es einfach auf mich zukommen lassen. Ich meine, es läuft jetzt schon seit 61 Jahren so, warum sollte ich jetzt etwas ändern? Etwas genauer: Wenn die E-Branch-Trilogie beendet sein wird, werde ich wohl eine Zeit lang zu den Kurzgeschichten zurückkehren, nur um im Geschäft zu bleiben – oder sogar, um wieder in dieses Geschäft zu kommen. Ich meine, es ist eine lange Zeit vergangen, seit ich Kurzgeschichten geschrieben habe. Und ich glaube, ich freue mich darauf …”

Paula Guran

Paula Guran ist leitende Redakteurin bei “Prime Books”. Sie gibt eine jährlich wachsende Anzahl Anthologien heraus. In einem früheren Leben gestaltete sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter “DarkEcho”. Sie gewann zwei Stokers, einen International Horror Guild Award und bekam zweimal eine Nominierung für den World Fantasy Award. Sie trug mit ihren Rezensionen, Interviews und Artikeln zu zahlreichen Fachpublikationen bei.

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