Trollstation

Die Glut einer Schnittstelle am Horizont. Das sieht nicht weniger beeindruckend aus als das Polarlicht, wenn es in einem pulsierenden Bogen den Himmel bedeckt. Durch den in der Ferne grollenden Donner, der bereits wahllos Silberblitze verteilt, gerät die Landschaft in Verlegenheit, ohne Schminke im Rückspiegel erscheinen zu müssen.

Wir waren gezwungen, eine dieser Anti-Status-Karren zu fahren, seitdem unser Revier sich in eine Art Besserungsanstalt zu verwandeln drohte. Aber wenn wir nicht höher als in den zweiten Gang schalteten und dabei trotzdem tüchtig Gas gaben – ein Loch hatten wir ebenfalls bereits in den Auspuff gestanzt, damit alles richtig blubberte – war das Ergebnis gar nicht schlecht. Gar nicht schlecht. Wirklich. Zumindest mussten wir fast schreien, um uns zu verständigen und hatten dabei dieses merkwürdige Gefühl, dass alles Mögliche geschehen konnte, wenn wir uns jetzt zurücklehnen würden.

Wir waren unterwegs zu Tin-Tin, unserem Informanten draußen im Gewerbegebiet. Er hauste in einer Lagerhalle, die der Transportgigant Albatros irgendwann einmal aufgegeben hatte, als das ganze mit dem Schrumpfen der Wirtschaft richtig losgegangen war. Da standen jetzt viele Gebäude leer, als wären die Arbeiter einfach nach Hause geschickt worden, könnten aber morgen oder nächste Woche oder in einem Monat, um nicht zu sagen: jederzeit wieder kommen. Bevor Tin-Tin, ein Hacker der ersten Generation, wie er stolz behauptete, in dieser Lagerhalle Informationen vertickte, ob an die Polizei oder an die Regenbogenpresse, war ihm egal, diente sie den Katholiken für ihre sodomitischen Partys, weil sie in den Internaten bereits enttarnt waren. Tin-Tin erzählte, dass sie dort die kleinen Piller der Ministranten als Besteck benutzten, um sich mit deren Hilfe Schwarzwälder Kirsch in den Mund zu stopfen. Sie hätten dort wohl auch den Marquis de Sade ausprobiert, was immer das zu bedeuten hatte. Früher nannten wir das ‚harsches Vögeln‘, damit war der Fall erledigt und jeder konnte etwas damit anfangen.

„Was glaubst du, wo sie jetzt ihr Ding durchziehen?“, fragte ich Hänsel, der in zwei Tagen genau seit sechs Jahren mein Partner war. In letzter Zeit hatte er sich angewöhnt, einige Dinge zu sagen, die mir nicht gefielen, weil ICH sie gerne gesagt hätte.

„Sie sind vorsichtiger geworden, jetzt wo sie wissen, dass wir es wissen … dass es auch in den Zeitungen steht und vom Rundfunk gesendet wird.“ Ich zündete mir eine Zigarette an, obwohl es längst verboten war, in einem Dienstwagen zu rauchen, aber Hänsel und ich – wir redeten uns vor der Obrigkeit immer wieder damit raus, dass wir eine „auffällige Person“, meistens einen Obdachlosen, die es mittlerweile haufenweise gab, zur Überprüfung und zur eigenen Sicherheit in den Fond gesetzt hatten, und man weiß ja, wie die Burschen auf der Straße stinken. Das ist ein bleibender Gestank, den bekommt man nie wieder richtig raus. Wir leben in einer verkommenen Welt. Aber es hatte auch etwas Gutes: war man erst einmal mit einem Amt betraut, konnte man tun und lassen, was man wollte, man konnte so richtig auf die Kacke hauen, weil in der allgemeinen Verwirrung und nach dem systematischen Abbau aller althergebrachten Werte niemand mehr wusste, was Recht oder Unrecht war.

„Warum lachst du?“

„Ich musste gerade an das Rauchverbot denken. Stell dir vor, im Krieg, also in einem mit Panzern und so, wird ein Gesetz erlassen, dass man sich, bevor man jemanden abknallt, die Hände zu waschen hat“, erklärte ich ihm, aber Hänsel verstand nicht, worauf ich hinaus wollte. „Ich meine, wie absurd ist das wohl?“

Er verstand immer noch nicht. „Vergiss es!“ Manchen Menschen war mein Zynismus unbekannt, sie wussten einfach nicht, warum ich sagte, was ich sagte. Manchmal kränkte mich das, die meiste Zeit aber war es mir herzlich egal. Der beste Beweis für Weisheit ist beständige gute Laune.

Wir waren jetzt aus der Stadt raus, wo sich gerade die Sonnenstrahlen durch die immer dichter werdende Wetterwolke fraßen. Die Straße glühte wie ein erhitztes Ceranfeld. Nach einer Pause sagte er: „Es geht doch um den Nichtraucherschutz …“

Ich konnte nicht anders, ich musste ihn anstarren. Vielleicht mochte ich Hans Kaltquell nicht mehr, vielleicht konnte ich ihn einfach nicht mehr leiden.

Als wir offiziell auf den Troll angesetzt wurden, der bei Tin-Tin ein und aus zu gehen schien, hatte das ebenfalls etwas mit diesem bekloppten Nichtrauchergesetz in öffentlichen Gebäuden zu tun. Es war der Tag, nachdem wir uns eine Predigt darüber anhören durften, wie wegweisend es für den Zusammenhalt zwischen Nikotinsüchtigen und Nichtrauchern sei, sich mit Respekt in dieser Sache zu begegnen.

„Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wen ich mit einer Fluppe im Dienstwagen oder in diesem Gebäude erwische, der wird suspendiert. Die harte Hand des liebenden Vaters straft, aber sie wacht damit auch und vertreibt die Dämonen, die da meinen, sich in den Körpern der geliebten Kinder verstecken zu können.“ Das hat der Chef wirklich gesagt, und ob wir ihn nun für verrückt hielten oder nicht, wir wussten, er meinte es ernst.

Tags darauf geschah es dann. Ich rauchte auf dem Klo des Reviers. Das tat ich bereits seit Jahren. Entschuldigung, aber man muss sich wirklich nicht alles bieten lassen! Wir bekamen in den Zeiten der Krise ja schon kein Weihnachtsgeld mehr. Ich tat es natürlich nicht aus Protest, denn den müsste man schließlich in irgendeiner Form begreiflich machen; ich tat es aus liebgewonnener Gewohnheit. Wir Dunsthauben sollten bei aller Hysterie endlich gegensteuern und zumindest erwähnen, dass Nikotin, um etwas Positives ins Feld zu führen, die Darmtätigkeit anregt. Ein Polizeibeamter mit einer gehörigen Verstopfung, der nutzt niemandem etwas. Ich musste dreimal spülen wegen einer einzige Filterkippe. Herrgott, aber ich brachte sie runter nach wohin auch immer, kippte das Fenster und suchte in diesem Durcheinander, das hier herrschte, nach einem Mundspray, das es freilich nicht gab. Natürlich wäre es klug gewesen, mich mit minzfrischen Kaugummis einzudecken, wenn ich mich schon an keine Regeln halten konnte, aber es war noch nicht zu einem Automatismus geworden, mich verstecken zu müssen. Ich suchte weiter: Pflaster, Wundsalbe, Kernseifen, diverse Putzutensilien, Raumspray … ob ich mich damit? Ich schielte zu den Klosteinen, die hier als Vorrat herumlagen. Das tiefe Marineblau war beeindruckend. Also gut, sagte ich mir, es geht um meinen Arsch, und das hier ist nichts anderes als eine kleine Seife, die allerdings den Vorteil hat, Dichlorbenzol zu enthalten, und dieser Duft wird’s ja wohl raus reißen. Ich biss nur ein kleines Stück davon ab, ehrlich, und steckte mir den Rest in die Hosentasche. Noch während ich kaute, um eine gewisse Breitenwirkung zu erzielen, schossen mir Tränen in die Augen, aber ich behielt das Zeug im Mund, ziemlich sicher, dass jetzt nichts mehr aus meinem Rachen dünsten würde.

Das Brennen wurde immer schlimmer und schlagartig wurde mir bewusst, dass ich dabei war, meine Schleimhäute zu ruinieren. Meine Zunge wurde taub und fühlte sich an wie ein Wollstrumpf, also spuckte ich das Zeug aus und ließ Wasser in meinen Mund laufen, was alles noch viel schlimmer machte. Ich besah mich im Spiegel und stellte fest, dass meine Lippen anschwollen. Ich erblickte ein Gesicht wie nach einer Tracht Prügel, verheult, verrotzt, drauf und dran, wie ein Ballon anzuschwellen. „So ein verdammter Mist!“, hörte sich an wie: „Scho en verfammer Misch!“ Ich kotzte ins Waschbecken, steckte mir zur Unterstützung drei Finger in den Hals, als Hänsel an die Tür klopfte. „Alles in Ordnung, Alter? Was treibst du so lange, wir sollten langsam los.“

„Moment!“ Ich hoffte, dass es sich halbwegs vernünftig angehört hatte. Ein einzelnes Wort würde ich wohl noch bringen, dachte ich. Aber es nutzte nichts, ich musste da raus und hatte es irgendwie fertiggebracht, mein kleines Problem, das anfangs nur aus einem schlechtes Gewissen bestand, erheblich zu multiplizieren. Trotzdem wollte ich nicht auf halber Strecke stehenbleiben, sprühte mich also sicherheitshalber noch mit dem Raumspray ein, bevor ich mich einen Augenblick sammelte, was mit einer Verätzung, die pocht und brennt, gar nicht so einfach ist. Ich riss die Tür mit einem Ruck auf und lief Hänsel, der davor gewartet hatte, beinahe gegen die Brust. Sofort verzog er sein Gesicht, als spürte er meine Schmerzen, gleichzeitig drückte seine ganze Haltung jene Fassungslosigkeit aus, die man sich in Filmen ansehen konnte, dann nämlich, wenn die augenscheinlich treue Ehefrau eine langjährige Affäre gesteht: „Jetzt weißt du es, ich hätte es dir schon früher sagen sollen!“

Hänsel aber sagte: „Was um alles in der Welt …“ Ich nickte, schob ihn beiseite und schirmte mein Gesicht auf dem Weg zu unserem Büro mit dem rechten Arm ab wie ein Verbrecher, der in den Gerichtssaal geführt wird und keinen Aktenordner bei sich hat, allein schon deshalb nicht, weil er glaubt, nie etwas hinein tun zu müssen. So ein verdammter Fehler!

Hänsel kam mir hinterher. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Was für eine blöde Frage, wirklich. Wer setzt diese Floskeln eigentlich in die Welt, derer sich dann alle bedienen? Nehmen wir zum Beispiel: ‚Was soll das heißen?‘ So als sprächen wir absichtlich in Orakeln und meinten nie das, was das Wort zu bedeuten hat. Ich verstehe das einfach nicht.

Während ich an Kollegen vorbei den Flur entlang torkelte, begann der Aufruhr. Und er begann in den Räumlichkeiten, die ich gerade verlassen hatte. Nicht nur, dass man den Qualm, der trotz des geöffneten Fensters auf der Herrentoilette wie das Gespenst von Canterville stand, durchaus wahrnahm, er wurde von drei weiteren Unsäglichkeiten flankiert. Erstens wurde er durch das Tannennadel-Spray auf mysteriöse Weise noch verstärkt, zweitens lag ein angebissener Klostein auf dem Boden, der mir wohl aus der Hosentasche gefallen war, und drittens hatte ich vergessen, meine Kotze aus dem Waschbecken zu entfernen. Harold und Maude, die wir alle so nannten, weil sie tatsächlich so aussahen, inspizierten den Tatort und riefen Unverständliches, während ich mich auf meinen Drehstuhl pflanzte und Hänsel, der weiterhin äußerst verblüfft an der Tür stand, eröffnete, dass ich mir wahrscheinlich einen Virus eingefangen hatte.

Keine zehn Minuten später standen wir im Büro vom Chef. Seine Wurstfinger betasteten ein birnenförmiges, mit Wasser gefülltes Glas, Metallspäne flitterten über einem Weihnachtsmann aus Plastik, sein Lieblingsmotiv.

„Der Weihnachtsmann“, begann er, ohne von der Schneekugel aufzublicken, „ist dazu da, um uns Gutes zu bringen. Er belohnt jene, die artig waren und überlässt die anderen seinem Kumpel, dem Knecht Ruprecht, um das Seine zu tun. Vater und Mutter, wenn man so will, strafen und schützen. Wir haben diese beiden Symbole ersonnen, weil es schwer ist für eine einzige Person, dieses erzieherische Amt zu bewältigen, ohne dass eine Facette in den Vordergrund gerät. Ich aber, meine Herren, ich habe dieses schwere Los auf mich genommen, weil es in unserem Job eine Hierarchie geben muss. Einer muss das Sagen haben und die anderen müssen das, was er sagt, befolgen. Das leuchtet Ihnen doch ein?“

Ich sah Hänsel nicken und sich wahrscheinlich fragen, was er mit dieser Sache zu tun haben könnte. Der künstliche Schnee wurde erneut aufgewirbelt, meine Zunge befühlte ein beginnendes Geschwür an der Backeninnenwand.

„Glauben Sie, nach dem, was ich Ihnen gerade erzählt habe, dass ich der Weihnachtsmann bin?“

„Nein … also, ja … doch. Oder etwa nicht?“ Hänsel blickte mich von der Seite hektisch, nach Unterstützung heischend, an. Ich aber wollte nicht über Weihnachtsmänner reden, zumindest nicht jetzt. Das hatte noch Zeit, bis der Chef sich tatsächlich in ein lächerliches Kostüm zwängen würde. Alle Jahre wieder bekamen wir von ihm eine Tüte Hirseplätzchen, mit der seine Frau die Welt beglückte – und alle Jahre wieder spielten wir dasselbe Spiel, ließen uns fragen, ob wir schön artig gewesen wären, was jeder einzelne natürlich mit Ja beantworten musste, woraufhin wie aus dem Nichts ein Buch auftauchte, indem die Wurstfinger herumtobten.

„Tja, hm-hm, mal se-hen … ah ja, hier …“ Und dann kam die entsprechende Standpauke. Danach kam das Läuterungsangebot, danach die Kekse, die wir nicht etwa mit nach Hause nehmen durften, um sie gleich in den Müll zu werfen, sondern vor seinen Augen an Ort und Stelle verdrücken mussten.

„Was meinen Sie denn dazu, Rehbock?“

Jetzt hatte er mich. Ich vergeudete keine Zeit und spuckte beim Versuch, ganze Wörter zu formen, reichlich über meine Klamotten. „Üm Dezemba schind Schie der Weihnaschmann, aba etzt schin Schie der Scheff der Olisei, unser Voreschetster.“

„Jawohl, das bin ich.“ Er nickte gutmütig, sanft wie ein Plüschnashorn, während nicht weit von diesem Gebäude entfernt Verbrechen geschahen, Menschen im Schatten der Solarlaternen mit dem aus ihrer Brust ragenden Schaft eines Küchenmessers für Anfänger zum letzten Mal ihrer Geliebten ein Lebewohl zuhauchten, Kinder dazu gezwungen wurden, Spinat zu essen oder Hunde bedenkenlos auf die Straße kackten. Zwei Beamte weniger im Kampf gegen die schwarze böse Wand, eine schier übermächtige Höllenbrut, die in alle Winde davon brauste wie Löwenzahnsporen. Wir gehörten auf die Straße, verdammt – und nicht in die Klausur eines übergewichtigen Nikolausfetischisten, der Schneekugeln sammelte. Aber das sagte ich natürlich nicht. Ich würde sonst die Hirseplätzchen in diesem Jahr nicht bekommen.

Endlich ging es weiter und wir kamen zum Kern.

„Ich habe ein neues Betätigungsfeld für Sie, meine Herren! Eine echte Herausforderung für zwei Halunken, die Sie beide ja offensichtlich sind.“

Hänsel wollte doch tatsächlich protestieren, aber ich schickte ihm meinen Ellbogen in die Flanke und er schluckte einen ungesagten Halbsatz hinunter. Chef Mollpoch, den wir den Moloch nannten, weil er (wie in Paradise Lost nachzulesen ist) Kindertränen und Elternblut liebte, musterte uns beide wie eine ungenügende Nachspeise, die nach jähen Gaumenfreuden zum Entsetzen eines vollendeten Mahls völlig ungnädig auf den Tisch geworfen wurde, vertiefte sich dann aber wieder in sein gläsernes Spielzeug.

„Wir sind seit geraumer Zeit“ (jetzt griff er doch tatsächlich um sich, als könne er die Zeit mit seiner Spanne messen) „an einer etwas merkwürdigen Person dran, die wir als Ino Börker identifizieren konnten. Schon mal gehört?“

Wir schüttelten brav unsere Häupter.

„Ino Börker gehört einer Gruppe an, die wir, wohl in Ermangelung der Kenntnis der Nordischen Mythologie, Trolle nennen, oder, wenn Sie so wollen, tarnkappentragende Surfer, die Sandburgen kaputttreten und dem flennenden Rotzer vielleicht noch eine knallen, wenn er nach seiner Mutter verlangt. Aber … wie soll ich sagen … mehr 2.0, verstehen Sie?“

„Zweinull? Ist das nicht etwas für die Kollegen von der Netzkontrolle?“, sagte Hänsel. Ich hätte diese Frage gerne vor ihm gestellt, aber ich konnte nicht.

Er nickte, aber er nickte so, dass es Nein bedeutete. „Meine Herren, wir haben es hier mit Cybersex-Prostitution, Hirnschmuggel, Flatrate-Morden und Gestaltwandlern zu tun, die ganze Palette. Das ist aber, von meiner Warte aus gesehen, nicht das Schlimmste, nichts, was ich persönlich nehmen müsste, unser tägliches Brot eben. Der Stoff, mit dem wir unter Berücksichtigung der Gesetze an einer besseren Welt werkeln.“

Chef Moloch erhob sich in Zeitlupe und brüllte die letzten Sätze: „Sie schmieren mir meine Weblogs zu, den, auf dem ich kommentierte Bilder unter ‚Unsere Heimat ist spitze!’ anbiete, als auch auf meinem tagebuchähnlichen Blog mit dem Titel: Ein Fels im Asphalt, Untertitel: Tage in der Uniform. Auf letzterem verhöhnten sie meine dokumentierte Schönheitsoperation hier, um die Hüfte herum, wie Sie ja wissen, hoffe ich – und beleidigten die Haartracht meiner Frau, die, auch das wissen Sie, ein Vorbild für die nachwachsenden Töchter Evas in dieser Stadt ist, indem sie mit vier Dutts statt mit einem arbeitet und offenes Haar für verdammenswertes Nicht-flechten-wollen hält. Verbrechen, meine Herren, entstehen in der Familie, in der nämlich, in der es gar keine Familie mehr gibt!“

Hänsel unterbrach den Wüterich: „Haben Sie es mit dem Einschränken der Kommentarfunktion versucht?“

Verdammt, das war wieder mein Satz, überhaupt meine ganze Idee. Vielleicht waren wir schon zu lange Partner. Wenn ich nicht vorsichtig war, würde ich bald nur noch die zweite Geige spielen. Ich sollte mir so langsam überlegen, wie ich ihn loswerden konnte.

„Nein, natürlich nicht. Das wäre als ein Zeichen der Furcht zu werten, und die werden Sie bei mir nicht finden!“

„Ino Börker führt ganz legal eine Tankstelle. Alles, was wir über ihn wissen, wissen wir von Bernd Richtlingshausen.“

„Isch dasch nisch de Mann it em swei Esichtern?“, sagte ich und hatte vergessen, dass ich meine Zunge nicht unter Kontrolle bekam. „Der Mann mittem swei Jesichtern?“, bemühte ich mich an die neue Situation in meinem Rachen zu gewöhnen, was mir, da möchte ich mich jetzt einmal selbst loben, besser gelang als etwa einen Igel stubenrein zu bekommen.

„Ja. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er seiner Mutter oder lieber seinem Vater ähnlich sehen wollte, und irgendwie … also, jetzt hat er nur noch eins, aber fragen Sie mich nicht, welches. Er liegt im Klinikum Sonnenschneider, wahrscheinlich kommt er nicht durch. Der Fall Börker befindet sich jedoch in einer heißen Phase. Wir können es uns nicht leisten, nur weil jemand angeschossen wurde, die Menschen von dieser Tankstelle fernzuhalten. Und jetzt kommen Sie beide ins Spiel. Sie werden ab sofort dort regelmäßig tanken. Hier sind Ihre Kundenkarten, der Clubausweis, gefälschte Personalausweise auf den Namen Klaus Goliath – das sind Sie, Rehbock – und Fritz Warenhaus, das sind dann wohl Sie, Kaltquell – sowie eine Mitgliedskarte von Fair Browsen, man weiß ja nie.“

Damit legte er die neuen Identitäten auf den Tisch. Die Polizeimarken forderte er ein, aber er ließ uns unsere Walther.

Ino Börker. Der Mann war eine Legende, wie wir von Tin-Tin erfahren sollten. Seinen Aufstieg begann er als Zuhälter seiner behinderten Schwester, dann fiel er in der Schule, die er nur sechs Jahre lang besuchte, durch bösartige Störaktionen auf, die zwei Lehrer in den Selbstmord trieben. Ein dritter verlegte seinen permanenten Aufenthaltsort unter das Dach des Schulgebäudes, gab das Unterrichten nach einigen unzuverlässigen Versuchen wegen exorbitanter Panikattacken ganz auf und brachte auf dem Dachboden in 2m-Abständen Henkerseile an, damit er sich in der für ihn tröstlichen Situation befand, sich das Leben jederzeit nehmen zu können, wenn er das gewollt hätte. Er bekam nur eine magere Rente, der Vormund zwackte sich klugerweise das meiste davon ab, und ließ sich seine Lebensmittel über einen sprechenden Kühlschrank bestellen, der mit dem Internet verbunden war. Ino musste irgendwie davon Wind bekommen haben, als er das World Wide Web und seine unendlichen Möglichkeiten gerade für sich entdeckte. Er brachte die Sache zu Ende, indem er die Bestellungen des Kühlschranks änderte. Anstelle von Brötchen, Sauerkraut und Gelben Rüben brachte der Bote Gleitcreme, die St. Pauli Nachrichten und eine halbe Tonne Zucker, die mit einem Sattelschlepper angerollt kam. Irgendwann baumelte Christian Triebe in einer seiner Kreationen. Im Abschiedsbrief stand lediglich: „Shit! Mir langts!“

Aber Ino Börker reichte es noch lange nicht. Im Gegenteil, er fing gerade erst an. Zunächst brachte er einige Esoterik-Damen in ihren Blümchenblogs durcheinander, schickte ihnen Bilder von seinem Schwanz, auf dem mit einem roten Edding geschrieben lateinische Drohungen standen, z.b.: Moritur et ridet (es stirbt und lacht dabei), oder: Cultrarius (Opferschlächter), mischte sich in jede Wellness-Diskussion ein, nannte sich dabei Dalai Lama, Baphomet oder Hugenottenpapst. Als ihm das zu langweilig wurde, sprengte er ein Fußnagel-Selbsthilfe Forum (Damit’s wieder richtig wächst), verunsicherte mit unflätigen Fußfetisch-Geschichten einige ältere Damen, die er öffentlich bat, ihm ihre vom harten Horn zerfetzten Feinstoffstrumpfhosen zu schicken. Das alles war vergleichsweise harmlos, wenn auch ärgerlich, aber dann stieg er in das lukrative Holographie-Geschäft ein, einem Ableger des staatlichen Doppelgänger-Programms für Regierungspersonal, speiste sämtliche Nutten in das Programm ein, die irgendwann einmal in einem Sex-Forum Erwähnung fanden, und verkaufte genau diese Art des Treibstoffes von nun an in einer Tankstelle, die schnell als Trollstation bekannt wurde. Aber auch das wäre freilich nicht der Rede wert gewesen, wenn Ino nicht auch lichtintensive Doppelgänger im Angebot gehabt hätte, die zu den prominentesten unserer Mitbürger gehörten. Da konnte sich Hillary Clinton in ein richtiges Schweinchen verwandeln – man konnte bald nicht mehr sagen, wer nun an den wirklichen Sauereien beteiligt war, die immer unverhohlener sogar mitten auf der Straße stattfanden.

In den Straßenschluchten war von einer Zukunft nichts zu sehen. Der Abfall vermehrte sich – und die Ratten, die fruchtbarsten Geschöpfe auf Gottes ausgelatschtem Planeten, vermehrten sich auch.

***

„Tin-Tin, was hast du mit dem Troll zu schaffen?“ Wir hielten uns erst gar nicht damit auf, anzuklopfen, natürlich auch etwas verschnupft darüber, nicht geahnt zu haben, dass unser Informant über Dinge Bescheid wusste, von denen wir eben erst in Kenntnis gesetzt wurden. Hinter meiner gepanzerten Stirn glimmte jedoch nur ein einziges Bild: Emma. Ich fragte mich, ob sie ebenfalls nur ein Lichtdouble war, oder welche Frau hätte mir ein Mittagessen gekocht, das Bier auf allen Vieren kriechend gebracht und … okay, nach 2000 Schweizer Franken gefragt. Allein bei der Währung wäre ich stutzig geworden, hätte ich damals schon gewusst, was ich jetzt weiß.

„Okay, was wissen wir?“ Hänschen dachte nach, denn er wusste nicht, wo sich der Haken befand. Er mit seiner Eveline … nein, die Frau war dermaßen verwachsen, solche Kapriolen bekommt kein Lichtspiel hin. Andererseits, wer hätte jemals gedacht, dass eine „bessere“ Lampe so gut bläst wie Emma?

***

„Wir wissen jetzt, dass Rauchen wirklich scheiße sein kann.“ Zumindest hatte ich meine Mundhöhle wieder im Griff, und ob ich da drin jemals wieder etwas schmecken konnte, das würde ich bald an einem Cordon Bleu ausprobieren wollen.

„Ich meine, hast du das gewusst mit diesen Lichtwesen?“

„Ich kannte einige Mädels, die sogar von sich behaupteten, ganz genau das zu sein. Sie aßen Salatblätter und tranken Mineralwasser, über dem sie vorher meditiert hatten, ließen ihre Kinder mit Holzklötzen unter den schrecklichen Klängen von Walgesängen spielen.“

„Im Ernst?“

„Wenn ich es dir sage! Halt dort mal an, ich muss Fleisch einkaufen.“

Nach einem Abstecher ins Schlachtparadies, erklärte ich Hänsel endlich, was wir wussten, und ich erklärte es ihm so, dass er vielleicht drauf reinfiel. Vielleicht übertrieb ich es mit meiner Abneigung etwas, aber ich hatte nicht gut geschlafen. Die Ratte, die ich glaubte, erledigt zu haben, rumorte weiterhin durch meine Wohnung, ließ sich aber nicht sehen. Sie löste sämtliche Fallen aus. Natürlich ging ich gleich jedes Mal nachsehen, um dem sterbenden Feind eine Zigarette anzubieten, aber da war nichts. Ich rauchte folglich alleine und fragte mich, ob ich diese dressierte, medikamentenabhängige Ratte nicht lieber im Labor hätte lassen sollen. Emma Zwei, wie ich sie nannte, um keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, wer für mein Unglück im Allgemeinen verantwortlich war. Licht schläft nicht, aber das dachte ich natürlich erst zu einem späteren Zeitpunkt, genaugenommen, als wir Tin-Tin im Bademantel überraschten, mit seinen langen dürren Armen wedelnd, an deren Enden die Hände wie kleine Pfannen abstanden, „Pscht!“, machte und: „Ihr habt ja keine Ahnung!“ sagte.

Die Ratte hielt ich für unkompliziert, bis sie – und es war sogar der erste Tag – mich in den Finger biss, als ich ihr die Wasserschale reichte und ausbrach, um im Untergrund meines Appartements zu verschwinden. Den gab es nämlich nicht nur in der Stadt, sondern ebenfalls in meiner Wohnung. Emma war nicht da, wer sollte waschen? Emma war nicht da, wer sollte Regale anschrauben?

Nachts hörte ich die Ratte nagen und kratzen; wenn ich nicht komplett verrückt geworden war und akustische Halluzinationen hatte, dann hörte sie sich sogar Schallplatten an, bis ich sie mit gebrochenem Rückgrat in einer meiner Fallen entdeckte, den Käse noch im Maul.

„Bist du dir sicher, dass es dieselbe Ratte ist, die dich nicht schlafen lässt?“, sagte Hänsel, nachdem ich ihm den Grund meiner Launenhaftigkeit gebeichtet hatte.

„Es ist ihr Geist, Hänsel, ich weiß es.“ Danach, so weit ich mich erinnere, wollte er nicht mehr mit mir reden, betonte allerdings, dass er es ausgesprochen geschmacklos fand, eine Entschuldigung vorzubringen, die ich dann nur ins Lächerliche hinein zöge.

Jetzt kehrte ich erst recht zu meinem Plan zurück, ihn loszuwerden.

***

„Wovon haben wir keine Ahnung?“, fragte ich Tin-Tin. Ich wollte mich nicht mehr hinhalten lassen und wenn es sein müsste, so richtig austoben. Zunächst allerdings verflog der Überraschungsmoment, den wir eben noch auf unserer Seite vermuteten, als ein Individuum von erstaunlicher Körperbehaarung in unser Blickfeld trat. Ohne Klamotten erkannten wir ihn nicht gleich, aber es war Ino Börker.

„Es ist nicht so wie ihr denkt!“ sagte Tin-Tin, als er uns zu Marmor werden sah.

„So? Wi ischesch denn?“ Meine Geschwüre waren erneut angeschwollen und platzen vereinzelt, verursacht durch den Druck in meinem Kopf, auf. Aber auf diese Weise konnte ich natürlich nicht so recht bedrohlich rüberkommen, vor allem, weil ich durch mein nach wie vor etwas rundlichem Gesicht und mit den dicken Lippen ohnehin etwas blödsinnig wirkte. Ich sagte zu Hänsel: „Mach du esch!“ Wozu er nur allzu gern bereit war. Ino stand ganz und gar unerschrocken da und fragte nach Kaffee, was Tin-Tin ganz offensichtlich nervös machte.

„Hab ich es dir nicht gesagt!“ Tin-Tin meinte Ino, schaute aber zu mir.

„Ich glaube, wir sollten uns jetzt alle wieder etwas beruhigen. Das bringt doch nichts!“ Hänsel übernahm die Initiative. Erneut wallte der Ärger in mir auf, denn auch wenn ich ihn darum gebeten hatte, um mich nicht ganz und gar lächerlich zu machen, fühlte ich einen Stich, komischerweise im Magen.

„Was bringt nichts?“ Ino Börker. Und wie er die Tasse hielt … Hänsel sah zu mir herüber, aber ich erwiderte seinen Blick nicht. Das war jetzt sein Fall. Ich würde nur machen, was er mir ausdrücklich sagte, nur damit es nicht auf unterlassene Hilfeleistung hinauslief, wenn es hart auf hart käme.

„Wenn wir hier alle durcheinander reden, meine ich.“ Hänsel meinte Ino, schaute aber zu mir.

„Wer redet denn durcheinander?“ Ino meinte Hänsel, schaute aber zu mir. Hänsel zückte seine Waffe und erschoss den Kerl, was auch mich völlig überraschte. Er steckte die Knarre weg und sagte: „Notwehr! Rehbock, stelle seinen Tod fest!“ Tin-Tin schlug die Hände vors Gesicht und begann melodisch zu flennen. Ino stand nach dem tödlichen Treffer noch etwas herum und stellte, das muss man als Anekdote an seinem Grab einst erwähnen, die Tasse auf der Anrichte ab, bevor er – auch das einigermaßen ergonomisch – zu Boden fiel. Ich bedachte Hänsel keines Blickes, lief hinüber und stellte Inos Tod fest.

Tin-Tin spitzte zwischen den Fingern hervor. „Ist er …?“

Ich nickte dramatisch.

„Du weißt, dass er uns was angetan hätte!“, sagte Hänsel.

„Das weiß ich, aber jetzt musst du Tin-Tin auch erschießen,” sagte ich. „Danach zünden wir die Hütte an und suchen uns an der Trollstation einen Verdächtigen. Dann ab zum Chef und wieder in den normalen Dienst. Diese Internet-Geschichten machen mich ganz krank.“

Im Grunde sagte Tin-Tin nur kurz Nein, bevor Hänsel ihn aus nächster Nähe an der Schläfe erwischte und ihm dabei witzigerweise ein Stück seiner Nase abschoss. Noch während er selbst lachen musste, schoss ich Hänsel eine Kugel in die Nieren, und als er sich taumelnd umgedreht hatte, ins rechte Auge. Danach brannte ich das Haus nieder und fuhr im Krankenhaus bei Bernd vorbei. Bernd, der Mann mit den zwei Gesichtern, auch wenn er jetzt laut Moloch nur noch eines hatte, war ein guter Kollege, was ich daran maß, dass man solche Leute nur zu besuchen brauchte, um selber gut dazustehen. Sozusagen als sozial engagierter, integerer, mit Corpsgeist gesättigter Kollege.

Das Geheimnis eines guten Cordon Bleus ist die Naht. Läuft der Käse in die Pfanne aus, war die ganze Arbeit umsonst. Ich befand mich mit einigen Kollegen und dem, der versucht hatte, Bernd wieder zusammenzuflicken innerhalb dieses Zimmers, in dem alle ins Leere blickten. Bernd war tot, seinen Verletzungen erlegen. Wir alle hatten ihn vermutlich gemocht, aber auch wenn wir ihn nicht gemocht hätten, hatten wir gerade einen Kollegen verloren, und das würde, nachdem sich das geistige Trauerauge wieder an seinen Nicht-Ort verzogen hatte, den Zorn weiter anstacheln.

Mein Zorn war ein gänzlich anderer als der der hier versammelten. Ich ärgerte mich, wieder einmal zu spät gekommen zu sein, ohne die Sache für mich nutzen zu können. Rache ist ein primitives Gefühl, sagt man, aber ich habe mich immer bester Dinge gefühlt, wenn ich ihnen nachgehen konnte, diesen Instinkten, die eine Frau zum schreien bringt … und, natürlich, ein Cordon Bleu in der Pfanne. Während also die Racheschwüre und Redewendungen, die jeden Leichnam seit Anbeginn der Zeit begleiten, um mich herum anschwollen, verrauchte mein Ärger und ich dachte nur noch an die Naht.

Das Geheimnis eines guten Cordon Bleus. Es mochte Zufall gewesen sein, dass ich ausgerechnet an so einem Tag einen ganzen Kofferraum voller Schnitzelfleisch in einer Kühlbox liegen hatte, vom Metzger notdürftig mit Zahnstochern zusammengehalten, aber jeder Zufall ist eine neue Chance, sagte ich mir, andere Wege zu gehen, für das eigene Selbstverständnis zu kämpfen. Ich bat Dr. Linkborn zur Seite, damit niemand etwas davon mitbekam. Meine Gelüste waren meine Privatsache. „Also, Harry … da wäre noch eine Sache.“

Linkborn sah mich müde an. Er hatte beinahe sechs Stunden um Bernd gekämpft, und obwohl er ein hervorragender Chirurg war, konnte er nichts gegen das Schicksal unternehmen, das eine Uhr, die voll aufgezogen war, einfach stehen bleiben ließ – und auch nicht gegen jenes, dass sein Tag noch nicht ganz zu Ende war.

„Du willst seine Habseligkeiten, stimmt’s?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, hat mit der Sache nichts zu tun.“ Ich wusste nicht so recht, wie ich es sagen sollte, ein wenig komisch fand ich es dann doch. Ich malte mir aus, wie er auf mich los gehen würde, wie er – der bis dahin ein besonnener und ruhiger Arzt gewesen war – herumbrüllen würde und jeder mitbekäme, was für ein ignorantes Arschgesicht ich doch war. „Ich habe im Auto eine Kiste mit Cordon Bleu, du hast doch schon mal eins meiner Cordon Bleu gegessen, oder?“

Der Doc runzelte die Stirn und nickte schwach. „Ich bin jetzt nicht gerade in Stimmung, um …“

Ich hob die Hand. „Ich will dich nicht zum Essen einladen, das heißt, heute nicht. Hör zu. Das alles war ziemlich viel für einen Tag, aber weil es nun einmal so ist … könntest du das Fleisch so zusammennähen, dass der Käse nicht mehr in die Pfanne läuft?“

***

Die Trollstation baumelte im Mond- und Neonlicht, durch die Fenster fiel das flackernde Licht eines Bildschirms. Ich fuhr den Wagen vor eine der Zapfsäulen, stieg aus und zündete mir eine Zigarette an. Ein Rauchen-Verboten-Schild gab es hier nicht. „Ich bin an einer Holographie namens Emma interessiert!“, rief ich noch bevor jemand aus dem Gebäude kam. Die Überraschung war trotzdem sehr groß, als es dann Karlsson vom Dach war, der auf mich zugeschlendert kam. Als Kind hatte ich Angst vor diesem … Ding, verschlagen, verfressen und unzuverlässig wie er war, aber jetzt, ich muss sagen, ich freute mich, ihn zu sehen.

„Wie geht’s, wie steht’s?“, sagte er. Ich wiederholte mein Anliegen.

„Das stört keinen großen Geist!“

„Ja ja, ich weiß, aber ich will die Adresse von der echten Emma. Ihr habt mir eine Holographie angedreht.“ Während wir hier so standen und sprachen, griff das Feuer, das ich gelegt hatte, auf die umliegenden Fabrikgebäude über, würde sich von unmotivierten Feuerwehrmännern nicht aufhalten lassen und, angefacht durch einen günstigen Wind, bald den Stadtkern erreicht haben.

„Karlsson, bitte! Ich weiß, dass ihr von dieser Tankstelle aus die Geschicke der Menschheit steuert. Ich weiß, dass ihr nichts Unrechtes getan habt, diese Scheißblogs sind ja auch zu ärgerlich. Früher, in der guten alten Zeit, da verstand ein Mann wie ich die Welt noch, wir schlugen Demonstranten zusammen, schossen Kleinkriminellen die Kniescheibe zu Klump und bedienten uns bei den Strichnutten. Heute dagegen weißt du nicht mehr, wer dein Freund und wer dein Feind ist. Ich will nur Emma, danach übergebe ich euch die Stadt kampflos.“

„Du meinst die Stadt, die du gerade abgefackelt hast, Nero?“

Ich blinzelte etwas, geblendet von Karlsson, in den ich die ganze Zeit meines sentimentalen Schubs hineingestarrt hatte, um die Gestalt zu erkennen, die zwischen den Zapfsäulen stand.

„Ino Börker!“, rief ich, die Überraschungen wollten nicht enden und erinnerten mich an den Zahnschmerz einer entzündeten Wurzel. „Ist es möglich, eine Holographie zu erschießen?“

„Das war keine Holographie“, sagte er, „ich bin die Holographie.“

„Die weltbeste Holographie!“, sagte Karlsson und verzog seinen abstoßenden Kindermund.

„Merk dir eines, Rehbock, ein Troll versucht zu dem Gegenstand zu werden, mit dem er arbeitet. Unsere Haupteinnahmequelle ist aufgebackene Empörung. Wir besteigen den Berg weil er da ist, wenn du verstehst.“ Ich verstand nicht, aber ich roch Rauch und nahm jetzt auch endlich die Sirenen wahr.

„Das mag alles interessant sein, Kumpel, aber ich glaube, wir sollten hier weg. Ich meine, das hier ist eine Tankstelle. Aber vorher hätte ich gern gewusst, wer Emma wirklich ist.“

„Warum sollten wir ausgerechnet dir das sagen?“

„Ich weiß es nicht genau, vielleicht weil es einen höheren Plan gibt?“

***

Ich schaute gemeinsam mit Emma hinunter auf die Stadt, wie sie waberte, nicht mehr als ein kosmischer Impuls, aber auch nicht weniger. Es schien, als sende sie Lichtimpulse aus, als wäre sie allein aus Licht beschaffen. Aber das hier war ein fremder, unbekannter Stoff, der nur den Eindruck erweckte, Licht zu sein. Es erhob sich und verschwand, nahm sich Raum und überlagerte für Momente alles, was da vor uns flackerte. Aber das war nicht alles, was diese Halluzination, in deren Mitte eine Tankstelle glühte, zu einer Falle machte. Wie eine Karnivore lockte die brennende Stadt mit ihrer süßen Ambrosia, mit ihrem Nervengift.

Wir saßen auf Schorsch, dem Hügel und wussten, dass wir zum letzten Mal unsere Heimat betrachteten. Einst waren Emma und ich eine gute Idee gewesen. Ich, der Kriminalkommissar in einer Stadt, die mich brauchte, wie ich Kette rauchend und plötzlich in den verwahrlosten Vierteln auftauchen konnte, um mir zu nehmen, was mir in meiner Version des Paradieses zustand – und Emma, ein Fotomodell, schmerzunempfindlich und devot, dabei aber undurchschaubar, eine körperliche Psychopathin schier. Was hätte aus uns in einer anderen Geschichte nicht alles werden können.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

“Ich bin mehr daran interessiert, meinen Geist unterschiedlichen Situationen auszusetzen, als meinen Körper.” — Alan Moore

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1 Kommentar auf "Trollstation"

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Erik R. Andara
Autor

…eine üppige, stimmungsvolle Welt voller erforschenswerter Winkel…

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