Transformation

Hoang Vu blickte auf den Panoramabildschirm. Ein tiefes Blau, durchzogen von grünen Schlieren: so präsentierte sich Palma, sehr heimisch, der Erde überraschend ähnlich. So etwas gab es selten. Zumeist waren die Planeten rau, mit extremen Bedingungen, alles andere als paradiesische Welten.

Hoang gehörte jetzt schon seit dreizehn Jahren zur Raumflotte. In dieser Zeit hatte er insgesamt neun Planeten und fünf Monde inspiziert. Sie alle besaßen ihr ganz eigenes Aussehen, ihr spezielles Flair. Palma war anders. Es war der erste Planet, der mit der Erde vergleichbar schien.
Palmas Oberfläche bestand zu neunzig Prozent aus Wasser, besaß in etwa 1,8fachen Erddurchmesser, aber durch seine wesentlich geringere Dichte nur eine geringfügig höhere Schwerkraft als die Erde. Die Durchschnittstemperatur betrug 28°C – und das bei recht konstantem Klima und geringen Schwankungen – und die Landmassen verteilten sich in Form vieler kleiner Inseln über die Planetenoberfläche.
Alles in allem war Palma ein Paradies – und dies nur achtzehn Lichtjahre von der Heimat entfernt.
Es war Hoangs fünfzehnter Einsatz. Er galt als hervorragender Fachmann auf seinem Gebiet. Er arbeitete als Späher. Und dies durfte er in solch einem Paradies unter Beweis stellen. Die Vorschriften der Flotte verboten eine Landung auf einem bereits bewohnten Planeten, bevor nicht ein Kundschafter die physikalischen Gegebenheiten sowie die kulturellen Gewohnheiten der heimischen Spezies überprüft hatte. Seine Vorfreude stieg.

Der Spähgleiter war auf der größten Insel gelandet. Hoang stieg aus und sog die frische, stark nach Fisch riechende Luft ein. Die Unbedenklichkeitsfreigabe der Raumflotte war dank unbemannter Sonden erteilt, auch wenn der Geruch gewöhnungsbedürftig war.
Das Luftgemisch ähnelte dem der Erde, ein erhöhter Edelgasanteil und Spuren von unbekanntem Gas störten das Bild, wurden aber als gesundheitlich irrelevant eingestuft.
Das Begrüßungskomitee bestand aus einem weiblichen und einem männlichen Palmaner. Die Eingeborenen hatten vier Beine, zwei Arme – mittig am Bauch platziert, und besaßen ansonsten humanoides Aussehen. Ihre Hautfarbe leuchtete in einem blauen Ton, ihre Haut selbst bestand aus kräftigen, beweglichen Schuppen. Sie wurden in der Regel nicht größer als anderthalb Meter, ein Umstand, den Hoang begrüßte, denn mit seinen 1,72 war er selbst recht klein.
„Seid gegrüßt, edler Hoang!”
Das Übersetzermodul gab der palmanischen Begrüßung einen singenden Unterton, Hoang fühlte sich fast wie zu Hause im fernen Vietnam.
„Seid gegrüßt, edle Taro Ming, edler Tao Kong.”
Selbst ihre Namen klangen heimatlich für den Späher. Hoang erfüllte ein tiefgehendes Gefühl von Harmonie. Beinahe hätte er wohlig geseufzt.
Beide hatten schmale längliche Gesichter, die ihm ein wenig ausdruckslos vorkamen. Unwillkürlich musste er an Porzellanpuppen denken.
Ihre Mundpartie deutete im Ruhezustand ein Lächeln an. Ein sehr sympathischer Zug. Soweit Hoang das beurteilen konnte, waren die Palmaner unbekleidet. Den Unterschied der Geschlechter konnte man nur anhand der Extremitäten erkennen; der weibliche Arm war schmaler und länger. Ansonsten sahen sie sich zum Verwechseln ähnlich.
Wie wohl der Sex der Palmaner aussah? Ob die Arme etwas damit zu tun hatten? Bei diesem Gedanken grinste er unwillkürlich.
„Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Reise, edler Hoang. Wenn Sie uns bitte folgen wollen.”
Hoang warf einen Blick auf das Meer. Die Brandung war sanft, ein warmer, angenehmer Wind wehte herüber. Der Drang, sich in die kühlen Fluten zu stürzen, überkam ihn, doch Hoang beherrschte sich. Er war ein Profi. Ein letzter sehnsüchtiger Blick, dann folgte er den Palmanern.
Hoang kam in einen riesigen Saal. Dreieckige Luftpolstersessel bildeten lange Reihen. Vor jedem Sessel stand eine sternförmige Blume, die wohl als Tisch diente.
„“Bitte nehmen Sie Platz. Gleich werden Speis und Trank serviert.”
Hoang ließ sich vorsichtig in die Sitzgelegenheit sinken. Weich und warm formte sie seine Konturen nach, umschmiegte ihn und massierte seine Muskeln. Sanfte Stromstöße liefen in Nackenhöhe und massierten seine Glieder. Behaglich entspannte er, döste fast weg.

Und krache unsanft zu Boden. Ein glühender Schmerz explodiert in meinem Nacken, als ich auf die Keramikbox falle, pflanzt sich in Beinen und Armen fort.
Was ist los? Wo bin ich? Wo ist der Saal? Wo sind die Palmaner?
Die Schlieren vor meinen Augen verlieren an Dichte, meine zurückkehrende Sehschärfe bildet Konturen, die Erinnerung kehrt zurück. Die Realität. Eine bittere Realität.
Der kleine, von Unrat übersäte Raum sorgt für ein beengendes Gefühl. Die nackten, plastikverkleideten Wände starren in ihrer verkommenen, verwitterten Gestalt. Wo vorher leuchtende Farben gewesen sind, treten jetzt blasse, schon farblos zu nennende Töne zutage.
In der Luft liegt ein penetranter Gestank nach Schweiß, kaltem Rauch und abgestandener Luft.
Stöhnend erhebe ich mich aus dem Unrat, mit Mühe wuchte ich meinen schlaffen Körper in die Höhe. Fehlende Bewegung, schlechte Luft und das nährstoffarme Essen sind für mein wabbeliges Fleisch verantwortlich. Ein Blick in den Spiegel würde eine graue Gesichtsfarbe zeigen, doch ich habe keinen Spiegel. Alles, was ich besitze, ist ein kleiner Raum, eine Gemeinschaftsnasszelle und die Utensilien, die mir den täglichen, halbstündigen Netzaufenthalt ermöglichen.
Über Datenbuchse. Eine halbstündige Ekstase, die Flucht vor der Wirklichkeit. Die Flucht in die Weiten des Alls, auf wichtige Missionen, wenn auch nur virtuell.
Jetzt sitze ich hier, mein Heim besteht aus acht Quadratmetern. Manchmal verlasse ich es. Doch ist das Draußen ebenso schrecklich, nein, schrecklicher. Die Schadstoffbelastung der Luft erreichte schon vor Jahren ein solches Übermaß, die es nicht ratsam machte, das Freie aufzusuchen. Einmal pro Woche, manchmal auch seltener, gehe ich nach draußen, stets den Atemfilter aufgesetzt. Doch immer schwerer wird es, sich dorthin zu begeben, in eine sterbende Welt. Bäume und Sträucher sind selten geworden. Die wenigen grünen Oasen sind Ausflugsziele, kostspielige Reisen, die ich mir nie leisten werden kann. Der Preis ist höher als mein Jahresgehalt.
So vegetiere ich vor mich hin. Erledige meinen Job, kontrolliere tagein tagaus endlose Zahlenkolonnen und verdiene gerade so viel, um mir meine Bude und Essen leisten zu können. Aber es sind keine leuchtenden Orangen, keine frische Kiwi oder ein zartes Filet. Nährstoffe in Tablettenform, denen künstliche Vitamine und Mineralien beigemischt sind. Einmal die Woche ein Stück Fleisch mit pappigem Reis. Immer wieder ein Hochgenuss, wären da nicht die virtuell gedeckten Tische. Ich verbringe immer mehr Zeit in der künstlichen Welt, fast schaffe ich es kaum, meinem Broterwerb nachzugehen, die erforderliche Selbstdisziplin grenzt an Selbstkasteiung.
Die Rückkehr wird immer schlimmer, das Leben danach nimmt an Trostlosigkeit zu, von Tag zu Tag mehr. Schon immer ist der Unterschied zwischen Realität und Traum groß gewesen. Doch nie so groß wie heute.
2087 n.Chr.
Keine richtige Arbeit. Kaum Geld. Keine Visionen. Was bleibt da neben der Flucht in den virtuellen Raum? Wie sieht meine Zukunft aus? Wo sind die positiven Aspekte?
Ich will nicht mehr.
Ich hasse meinen Körper, meine schlaffen Muskeln, mein trostloses Heim. Ich hasse mein Leben. Mit jeder Faser meines Denkens.
Die Rückkehr in die Wirklichkeit ist dieses Mal besonders brutal gewesen. Zu brutal. Nicht der körperliche Schmerz, als ich zu Boden krachte. Nein, der Schmerz in meinem Kopf. In meinem Innern. Diese Trostlosigkeit. Diese Hoffnungslosigkeit.
Ich kann nicht mehr. Und ich will nicht mehr. So geht es nicht weiter.
Schon Jahre habe ich es vor mir hergeschoben. Auf Besserung gehofft, doch blieb sie aus. Die Arbeitsstellen blieben knapp. Die Umweltverschmutzung nahm eher zu. Die Sterblichkeit auch.
Es wird Zeit, mein Leben in die Hand zu nehmen und es zu ändern. Die Ära des Abwartens ist vorbei. Ich habe mich entschieden.
In der Schublade liegt die Erlösung.
GIN. Geist im Netz.
In Tablettenform. Die neueste Droge, die neueste Hoffnung, erstanden von meinem letzten Ersparten. Die letzte Chance. Und die einzige Chance. Ich bin mir sicher. Jetzt oder nie.
GIN.
Eine Reise ohne Wiederkehr. Es gibt kein Rückfahrtticket. Kein Ausklinken. Kein Zurück zur Wirklichkeit. Keine Körperlichkeit mehr.
GIN sorgt für die Umwandlung der Körperchemie. Ich klinke mich per Buchse ein, wie gewöhnlich. Nehme GIN und gebe die Befehlskette in den virtuellen Raum ein.
Mein Körper löst sich auf. Wandelt sich mittels GIN in virtuelle Materie. Statt eines Zellverbundes bin ich ein Haufen energetischer Impulse, der sich ins Netz einspeist.
Irgendwie zusammenbleibend, lebe ich als virtuelles Bewusstsein. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie es funktioniert.
Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Aber nie wieder einen Körper. Nie wieder urtümlichen, physikalischen Sex. Nie mehr den Windhauch in meinen Haaren, sanfte Berührungen von weicher Haut. Nie wieder sehe ich die wirkliche Sonne untergehen. Rot, als verblute sie im Untergang, ein Farbenspiel der Sonderklasse.
Ich zögere, zittere. Furcht ergreift Besitz von mir. Ich sehe mich um. Langsam. Sauge Detail für Detail in mich auf.
Furcht?
Zu spät. Ich gebe die letzten Befehle ein. Dann ist es unumstößlich, die Rückumwandlung unmöglich. Ich habe es geschafft. Ein neues Leben, ein lebenswertes, der ewigen Ekstase nahe, verlasse ich die Wirklichkeit und begebe mich in die virtuelle Unendlichkeit.
Ein Späher, für immer. Palma, ich komme.
Ich habe viel zu lange gezögert. Scheiß doch auf die Körperlichkeit. Wahres Leben, ich komme.

(aus: Teutonic Future)

Michael Schmidt

Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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2 Kommentare auf "Transformation"

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Erik R. Andara
Autor

Zählt es neben dem bunten Traum, wenn der Körper verfällt? Ist es wichtig, was wahr ist, und was nicht – oder nicht eher nur eine Frage des Standpunkts und der richtigen Buchse mit der richtigen Datengeschwindigkeit an Abenteuern, die einem in den Leib geschossen werden, so dass man schließlich daran glauben kann? Wenn man im Traum stirbt, stirbt man dann mit dem Leib, oder ist der Geist an einem sicheren Ort weggebunkert? Seelenleben online? Ist das möglich, oder kapriziert und dupliziert man sich bloß ins Nichts. So wie Drogensüchtige das von jeher taten. Dann zumindest schnell und schmerzlos – könnte man meinen. Ist auch schon was wert…schöne, dichte Geschichte über die Macht von vorgegaukelter Wirklichkeit, über die man selbst nicht mehr entscheiden möchte

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