Total im Verzug (2. Teil)

 

Das war eine saublöde Idee. Er verzog das Gesicht.

Er erinnerte sich vage, dass er den Selbstmord als einzigen Ausweg gesehen hatte. Lange hatte sich dieser Entschluss in ihm aufgebaut, zwei oder drei Monate – zumindest hatte er das für eine lange Zeit gehalten … Aber jetzt? Jetzt war er sich darüber nicht mehr so sicher.

Er hatte arbeiten wollen, aber seine Mutter hatte darauf bestanden, dass er weiter zur Schule ginge. Das wiederum hatte ihm alle Chancen bei Julia zunichte gemacht, deren Vater keinen Erwerblosen als ihren Freund sehen wollte. Und das wiederum hatte ihn zur Poeterei getrieben. Und zu guter Letzt hatte er es dem Werther nachgemacht, hatte gleichermaßen seine eigene Lyrik Realität werden lassen.

Als er seiner Mutter und den anderen nachblickte, fragte er sich, ob sein Vater ihn verstanden hätte.
Vater! Hans riss seine Geisteraugen auf. Sein Vater war doch im Krieg gefallen! Er müsste ebenfalls ein Gespenst sein. Das war nur logisch, denn Hans selbst war ja jetzt auch eines. Aber wo war er?

Moment. Wenn ich nicht weg kann von hier, dann kann er vielleicht … Hans stellte sich vor, wie der Geist seines Vaters über einem aufgerissenen, zerfurchten Feld voller Leichen stand. Nackt, zusammen mit zig anderen Geist-Soldaten. Er wusste, dass das ein unheimlicher Gedanke war, ein trauriger sogar, doch irgendwie fühlte er es nicht. Zumindest nicht so, wie er es fühlen zu müssen glaubte.

Diese Gefühllosigkeit wollte ihm so gar nicht eingehen. Das war nicht nur sehr beunruhigend, sondern machte alles ja noch langweiliger.

Himmel, war ich ein Idiot! Zwei, drei Monate eine lange Zeit? Und dann Suizid? Er schüttelte den Kopf, ballte die Fäuste. Er hätte sich ohrfeigen können. Was sollte er, verdammt noch mal, jetzt machen?

Ihm kam ein Gedanke.

Vielleicht könnte ich dichten, während ich hier stehe. Irgendwann muss ja was passieren, hoffe ichAber worüber dichten? Er nickte nachdenklich und blickte auf die Straße. Wieder fuhren die Vier im Jeep vorbei, was alle Passanten und die dreckigen Leute auf dem Schutthaufen zum Aufschauen anhielt.

Das ist es! Er konnte über die Dinge Gedichte machen, die er sah, die Begebenheiten und Bilder in Verse fassen, sie in Worten malen. Eine ganze Reihe von Balladen. Das war doch eine gute Beschäftigung! Und kein bisschen langweilig. Fürs Erste jedenfalls.

Ich habe aber nichts zum Schreiben daDann muss ich sie mir eben auswendig merken! Das erschwerte die Arbeit und machte sie gleichzeitig spannender. Was eindeutig positiv war, denn damit würde sie noch mehr Zeit in Anspruch nehmen und noch länger nicht langweilig sein. Hoffte er.

Irgendwann musste doch irgendetwas irgendwie passieren. Er konnte doch nicht ewig als Geist hier stehenbleiben. Oder doch? Was geschah mit dem eigenen Geist, wenn man gestorben war? War er dazu verdammt, ewig an der Stelle seines Todes zu verharren?

Aber wo sind dann die anderen Toten? Da müssten doch Millionen andere sein. Oder nicht?

Er sah zu, wie der Jeep mit den vier alliierten Soldaten um eine Ecke bog und verwischte die drückenden Zweifel.

Als Erstes eine Ballade über die Vier im Jeep, beschloss er und fing an zu dichten.

Vier im Jeep, die Alliierten,
die geliebten Ungeliebten.
Sie rattern durch die Straßen Wiens.
Schwarze Blicke, so verstohlen.
An den Hüften die Pistolen.
Sie rattern durch die Straßen Wiens.

Es dauerte einige Zeit, bis er die Ballade über die Vier im Jeep fertig hatte. Zehn Strophen. Das war ja nicht schlecht. Er wiederholte sie noch ein paar Tage lang, bis er sich sicher war, dass er sie nun auswendig kannte.
Als nächstes folgten ein paar Verse über seine Mutter, wie sie zur Arbeit ging und oft mit der alten Sedlacek spazierte. Manchmal kamen auch Onkel Johann und Josefine zu Besuch.

Der Text war ein tieftrauriger, so musste es sein, aber er fühlte die Emotionen nicht richtig. Er glaubte zu wissen, wie sich die Gefühle der Ballade ausnahmen. Es war wie eine ferne Erinnerung an das Leben.

Aber hauptsächlich spürte er den Drang, der Langeweile zu entkommen. Und dieser vagen Hoffnung, dass irgendwann etwas passieren musste. Es war fast wie eine zehrende Ungeduld an den Randbezirken seines Bewusstseins. Gaukelte er sich selbst etwas vor?

Nein, es muss etwas passieren!

Er wurde nicht müde, er war nicht hungrig oder durstig, er saß oder stand nur an seinem Platz als Geist und dichtete weiter.

Nach vielen, vielen weiteren Sonnenauf- und Sonnenuntergängen, hatte er schließlich die Ballade über seine Mutter fertiggestellt. Er wiederholte sie ein paar Tage lang immer wieder, zusammen mit der über die Vier im Jeep.

Danach verlegte er sich darauf, eine Ballade über die Menschen auf dem Schutthaufen zu machen, der immer kleiner und kleiner wurde.

Sie bergen Puppen aus den Trümmern,
kleine Kästen oder Kleider.
Wer soll sich um die Knochen kümmern?
Tote sind ja keine Neider.

Immer, wenn einer der Menschen etwas barg, freute er sich wild und überschwänglich. Eine Frau mit schwarzen Haaren frohlockte und jauchzte, als sie einen eingedellten Männerhut in dem Schutthaufen fand. Ein Mann mit platter Nase und fliehendem Kinn schrie seine Dankbarkeit in den Himmel, nachdem er einen Hammer geborgen hatte.

Und so ging es weiter und immer weiter.

Hans dichtete eine Ballade nach der anderen und memorierte sie, indem er sie immer wieder wiederholte, nachdem er eine neue gemacht hatte. Bald verlor er auch vollkommen das Zeitgefühl und war außerordentlich verblüfft, als er sah, wie die Menschen sich plötzlich in Mäntel hüllten und zitterten, wie ihr Atem gefror. Es schneite.

Es war Winter geworden. Aber ihm war nicht kalt. Er war zwar nackt, aber er war ja ein Geist. Und nur undeutlich war ihm bewusst, dass er jetzt schon über ein halbes Jahr tot sein musste.

Er durfte sich nicht schon wieder in seinen Gedanken verlieren. Er musste weiter dichten. Imme weiter.
Es ging in seinen Texten bald um die Veränderungen, die sich vor seinen Augen abspielten: der Schutthaufen war aufgeräumt und ließ nur noch die mickrigen Fundamente des zerstörten Bauwerks zurück. Nach langer, langer Zeit, wie Hans vorkam, machten sich Arbeiter ans Werk und bauten ein neues Gebäude an dieser Stelle, größer und moderner als das vorige. Wieder ein Wohnhaus.

Hans beobachtete die Bauarbeiten, sah zu, wie Ziegel um Ziegel aufgeschichtet wurde von den schwitzenden muskulösen Männern. Dann wurden ein Gerüst aufgezogen, das Dach gemacht, die Fenster eingesetzt. Es war faszinierend, gar nicht langweilig. Das war guter Stoff für eine Ballade.

Aber ein noch besserer Stoff waren die fröhlichen Menschen, die lachend und jubelnd einige Zeit später durch die Straßen liefen und aus den Fenstern schrien. Auch die alte Sedlacek hörte er über sich aus ihrer Wohnung gackern. Kinder hüpften und tanzten auf der Straße. Manche Leute schwenkten sogar rot-weiß-rote Fahnen.

Diese Fröhlichkeit hielt lange an. Und Hans bemerkte, dass nach diesen Feierlichkeiten die Vier im Jeep nicht mehr durch die Straßen kamen. Du Schlussfolgerung war klar: Österreich war nicht mehr besetzt.

Das war gut, dachte er. Gleichzeitig war es ihm ziemlich egal, doch er wollte darüber dichten.

Und gerade, als er sich den ersten Vers der Ballade zusammenreimte, stockte er und schaute zu dem neuen Wohnbau. War da nicht gerade eine in schwarz gehüllte Gestalt hineingegangen. Mit Kapuze und Sense?
Wieder überlief ihn diese Kälte.

Er blickte starr zum Eingang des Gebäudes.

Habe ich so etwas nicht schon einmal gesehen? Er runzelte die Geisterstirn und schüttelte den Kopf. Ein Gespenst, das Gespenster sieht. Können Geister verrückt werden?

Doch da war mehr dahinter, irgendwie wusste er das. Am besten wäre es, wenn er nicht weiter darüber nachdachte.

Irgendwann bemerkte er mit Staunen, dass seine Mutter graue Haare bekam. Sogar Falten hatte sie!

Und Josefine, die seine Mutter immer noch regelmäßig besuchte, war schon zu einer attraktiven Frau herangewachsen.

Wie lange bin ich jetzt schon tot? Er glaubte, sich an einige Winter erinnern zu können, war sich aber nicht mehr sicher. Seine Geisterhände sahen noch aus wie damals, als er zum ersten Mal auf sie geschaut hatte. Sie sahen aus wie die Hände des jungen Mannes, der er einmal gewesen war. Hätte er noch gelebt, wäre er gealtert. Und ich hätte wirklich gelebt und würde nicht hier feststecken und nichts tun können außer dichten!

Und plötzlich schrie er. Unartikuliert und laut, lange und ohne Atem zu brauchen.

Aber es brachte ihm keine Erleichterung. Niemand beachtete ihn. Sie können mich nicht sehen, sie können mich nicht hören … Wollte er weinen? Vielleicht. Es war schwer zu sagen.

Konzentriere dich auf deine Umgebung, Hans! Denk nicht darüber nach … Schau, was die Leute für Kleidung tragen!

Die Mode hatte sich verändert im Laufe der Zeit. Die Schnitte der Sakkos, die Kleider der Frauen, alles wurde plötzlich anders und irgendwie … leichter und lockerer. Auch reicher und farbenfroher. Männer trugen im Sommer nicht mehr nur ausschließlich Hemden und Sakkos. Sie trugen Leibchen mit kurzen Ärmeln. Und die Frauen! Sie zeigten mehr Haut als eigentlich anständig war, wie eine Diva aus Amerika. Die Ausschnitte wurden tiefer. Und sie trugen Hosen!

Und das war noch lange nicht das Ende der Veränderungen.

Der dicke Schneider gegenüber renovierte sein Geschäft. Ein schlaksiger junger Mann, der die schlaffen Gesichtszüge des Dicken hatte, vielleicht sein Sohn, war bald derjenige, der immer im Geschäft stand.

Auch die Autos änderten ihr Aussehen. Sie wurden flacher und bunter, kantiger und schnittiger. Roter, grüner, gelber Lack glänzte im Sonnenschein, wenn sie an ihm vorbeirauschten. Immer stärker stank es auf der Straße nach Benzin.

Und dann die Frisuren der Menschen! Wäre man in Hansens Lebenszeit so herumgelaufen, hätte man mit dem Finger auf einen gezeigt. Man hätte sich schämen müssen. Lange, wilde Mähnen, verrückte Schnitte. Bunte Haare! Das war doch nicht normal!

Er stutzte, als ein Rettungswagen vor seinem ehemaligen Zuhause stehenblieb. Das war an sich nichts Außergewöhnliches, aber seine vollkommen ergraute Mutter winkte die Sanitäter hektisch heran.

„Kommen Sie schnell! Sie liegt da oben!“, kreischte sie schrill.

Was ist jetzt passiert?

Hans beobachtete den Hauseingang eine lange Zeit, ob nicht etwas passieren würde. Und ja, es passierte etwas, doch etwas, was er nicht erwartet hatte. Ein Leichenwagen fuhr vor, ähnlich dem, der auch seinen Körper abgeholt hatte, doch natürlich verändert wie alle Autos, kantiger und schnittiger. Der Motor knatterte hörbar.

Die schwarz gekleideten Männer gingen in das Haus mit einer grauen Truhe aus Plastik. Als sie nach kurzer Zeit wieder herauskamen, verriet ihre angespannte Körperhaltung, dass die Truhe nun schwerer sein musste.

Hinter ihnen erschien seine Mutter in der Eingangstür. Sie weinte, schnäuzte sich heftig in ein Taschentuch. Sie hielt sich gebückt, zitterte.

Wer mochte jetzt gestorben sein? Konnte es sein, dass …?

Ja, Hansens Vermutung bestätigte sich, als wieder lange Zeit später eine dreiköpfige Familie aus einem kantigen roten Auto stieg. Der Vater war ein bulliger Typ mit Stiernacken, die Mutter nicht minder übergewichtig und den Sohn hätte man ebenfalls die Straße entlangrollen können. Sie trugen diese seltsame Kleidung am Leib, wie sie jetzt alle anhatten. Jeans und T-Shirts, wie er jemanden sagen hatte hören, und der Junge trug eine Kappe mit breitem Schirm.

Sie wurden von einem verhutzelten Männlein in dunklem Anzug an der Haustür begrüßt und hineingeleitet. Bald darauf sah Hans das runde Gesicht des Jungen aus dem Fenster blicken, aus dem früher immer die alte Sedlacek geschaut hatte. Sie war also auch tot.

Doch anscheinend war sie zu weit entfernt vom Fenster gestorben, sonst hätte Hans vielleicht sogar ihren Geist sehen können. Er überlegte kurz, ob er rufen sollte, besann sich dann aber eines Besseren. Was brachte es, wenn sich zwei Geister rufend verständigten, sich aber nicht sehen konnten? Gar nichts.

Er schürzte seine Geisterlippen. Gesellschaft zu haben, wäre aber schon etwas Feines, dachte er, das würde mir die Langeweile noch besser vertreiben. Und dem anderen Geist ja auch …

Die ewige Balladendichterei ermüdete ihn zunehmend. Wie viele hatte er schon gedichtet? Sicher Hunderte! Und er erinnerte sich an alle. Er brauchte zwei ganze Tage, um sie hintereinander aufzusagen.

Also mein Gedächtnis ist auf jeden Fall nicht schlechter geworden. Nur sein Zeitgefühl hatte sich gänzlich verabschiedet. Aber der Tod der alten Sedlacek und die vielen Veränderungen um ihn herum gaben ihm ein vages Bild davon, wie lange er schon tot sein musste.

Das sind ja sicher schon Jahrzehnte gewesen! Himmel, war ich blöd!

Langsam irritierten ihn auch nicht mehr der neue Kleidungsstil oder die neuen Frisuren. Bald zuckte er mit den Geisterachseln, als sich diese Dinge schon wieder veränderten, schleichend und in gewissen Abstufungen.
Trotzdem staunte er nicht schlecht, als er ein schlankes Mädchen um die sechzehn, ohne erkennbare Brüste, in einem bodenlangen pechschwarzen Mantel sah – im Hochsommer! – und mit einem Haarschnitt, der alles in Frage stellte, was er bisher gesehen hatte. Die eine Kopfseite hatte sie vollkommen abrasiert, von der anderen hing schwarzes glänzendes Haar. Hans traute seinen Augen nicht. Da glaubt man, man hat alles gesehen …

Und an den Ohren trug sie nicht nur einen, sondern Dutzende Ohrringe. Ähnliche Gebilde verunstalteten auch ihr eingefallenes Gesicht. Sie war blass wie ein Leichentuch. Hans kratzte sich an seinem Geisterkopf und wusste nicht, was er darüber denken sollte. Jetzt hatten die Lebenden offenbar wirklich vollkommen den Verstand verloren.
Er hatte sich das schon einmal gedacht, als er die ersten mit viereckigen Klötzen am Ohr mit sich selbst sprechen gesehen und gehört hatte. Diese Klötze waren dann mit der Zeit kleiner geworden, und dann wieder größer, aber flacher. Und viele tippten auch herum auf diesen flachen Dingern, die Bilder zeigten, die sich ständig veränderten, oder sogar Schrift.

Über die Ohrstöpsel, die einige Leute trugen und die mit einem Kabel mit ähnlichen viereckigen Gerätschaften in ihren Taschen verbunden waren, wollte Hans gar nicht nachdenken.

Die weiteren Veränderungen seiner Umgebung nahm er hingegen kaum mehr wahr. Alles verschwamm in seinem Bewusstsein zu einem unübersichtlichen zeitlosen Strom. Er bemerkte so halb, dass die Autos wieder anders geworden waren. Anstatt kantig, waren sie nun wieder abgerundeter. Und sie waren leiser beim Fahren. Manche surrten nur noch.

Auch einige der Gebäude waren wieder renoviert worden, doch diese Vorgänge waren wohl nur als eine wieder Instandsetzung konzipiert gewesen, denn die ausgebleichten Steinfassaden der Wohnhäuser oder das blasse Schild über der Schneiderei wollten jetzt so gar nicht mehr zu den Autos und den Leuten passen.

Lustlos überlegte er, ob er noch Balladen über diese Veränderungen machen sollte … Doch nein, er wollte nicht. Nicht einmal die fertigen wiederholte er noch für sich und merkte, wie er sie nach und nach vergaß.

Hans neigte den Kopf, resigniert. Wozu dichten, wenn die Balladen niemand außer mir je hören wird? Die Poeterei … Onkel Johann hatte recht gehabt. Diese blöde Poeterei. Ohne sie wäre er wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, sich umzubringen. Er hätte sein Leben leben sollen, nicht in seinen Träumen verzweifeln.

Ich war so ein Idiot. Nicht einmal richtig wütend konnte er auf sich selbst sein … Er saß da, den Geisterkopf gebeugt, und blickte ins Leere.

Immer mehr machte sich dieses Gefühl in ihm breit, dass ja jetzt irgendwann irgendwas irgendwie passieren müsste. Dass er ja nicht bis in alle Ewigkeit hier angewachsen sein konnte. Es war eine Art Erwartung, die sich von ganz hinten in seinem Bewusstsein weiter und weiter in den Vordergrund drängte und ihn alles um sich herum vergessen ließ.

Ein letztes Mal wurde er aus seiner Grübelei gerissen, als seine Cousine, schon selbst eine alte Frau, wieder einmal seine Mutter besuchte. Mutter war schon lange, lange Zeit nicht mehr außer Haus gegangen.

Bald nachdem sie eingetreten war, kamen auch schon der Rettungswagen und kurz darauf der Leichenwagen.
Hans zuckte wieder nur mit den Achseln. Er brauchte nicht darauf zu warten, dass neue Menschen in sein ehemaliges Zuhause einziehen würden. Er wusste es irgendwie. Jetzt war auch seine Mutter tot und stand als nackter Geist in der Wohnung. Unerreichbar für ihn genauso wie die alte Sedlacek.

Hans saß nur noch da und grübelte über dieses Gefühl, diese seltsame Erwartung nach. Vage glaubte er zu wissen, dass seine Mutter nun bereits einige Wochen tot war, zumindest, soweit er das beurteilen konnte ohne wirkliches Zeitgefühl.

Er wusste, er wartete auf irgendetwas, ganz deutlich spürte er das. Aber worauf? Das wusste er nicht. Und er überlegte und überlegte, zermarterte sich das Geistergehirn über dieser Frage. Es war nicht mehr nur ein vages Gefühl, nein, dieses Warten auf irgendetwas war jetzt das einzige, an das er denken konnte.
Bald, sehr bald, das spürte er, würde dieses Irgendetwas eintreten müssen.
Als er sich dessen bewusst wurde, stockte er und sah sich verblüfft um.

Das ist einmal was Neues!

Alles um ihn herum war plötzlich zum Stillstand gekommen. Der schwarze Wagen, aus dem, wie er glaubte, zuvor noch wummernde unangenehme Töne geklungen waren, stand bewegungslos in der Mitte der Straße. Und der Fahrer, ein gebräunter Kerl mit Kappe und silbernen Halsketten, war in der rhythmischen Kopfbewegung erstarrt.
Ein paar Jugendliche, die ihre weiten Stoffhosen unter den Hintern gegürtet hatten, sodass ihre Unterwäsche zum Vorschein kam – Bunt glänzende Unterhosen? – und deren Haare in ungewaschen aussehenden Locken geflochten waren, standen still und atemlos auf der anderen Seite, wie eingefroren. So wie alle anderen Passanten und Fahrzeuge.

Hans bemerkte, dass er beobachtet wurde.

Er fuhr herum.

Und bei dem Anblick, der sich ihm bot, klappte ihm der Kiefer herunter.

Das ist … Das kann doch nicht …

Da stand eine Gestalt in schwarzem Kapuzenumhang. In einer Skeletthand, die aus einem der weiten Ärmel ragte, hielt sie eine lange Sense, die Klinge rostig … und scharf. Wie konnte das sein?

Der Kopf unter der Kapuze war nur ein kahler Schädel, die Kiefer und Zähne schienen unheimlich zu grinsen, die schwarzen Augenhöhlen starrten ihm entgegen.

Das bilde ich mir nur ein! Es ist nur Einbildung!

Langsam schritt die Gestalt auf ihn zu, fast feierlich.

Eine Armlänge von ihm entfernt blieb sie stehen.

Hans japste erstickt, als er einen eisigen Lufthauch spürte, der von ihr ausging. Warum spürte er das? Er war doch ein Geist! Und plötzlich bemerkte er die Unsicherheit, ja die Angst, die sich in seiner Geistermagengrube ausbreitete.

Er wollte weglaufen. Aber er konnte nicht. Verdammt!

Der Unterkiefer des Schädels klappte herunter und herauf, während eine dröhnende Stimme zu ihm sprach, leise und laut zugleich, in seinem eigenen Geisterschädel widerhallend und direkt auf ihn zugesprochen.

Der Schädel sprach! „HANS ACHTER! ES IST SOWEIT!“

Hans stammelte, die Geisterhände schützend erhoben. „Ich … ich habe dich doch schon gesehen … Du … du bist nur Einbildung! Ich werde verrückt!“ Seine Stimme zitterte. Das konnte doch nur Einbildung sein? Oder?

Die Gestalt richtete sich auf, reckte das Kinn etwas in die Höhe. „NEIN. ICH BIN DER TOD. ICH KOMME DICH ABHOLEN.“

Darauf habe ich gewartet!, schoss es Hans durch den Kopf.

Er ließ die Arme sinken.

Mit einem Mal war alle Angst und Nervosität verflogen und es blieb … Ärger. Er konnte sich nicht halten und platzte heraus: „Und warum kommst du erst jetzt? Du warst schon mindestens drei Mal hier in der Gegend! Ich stehe hier sicher schon Jahrzehnte herum! Mir ist die meiste Zeit langweilig und ich kann mich nicht vom Fleck rühren! Weißt du eigentlich, dass ich mich umgebr…“

„HALT DEINEN MUND, HANS ACHTER!“ Der Tod sprach nicht barsch, aber eindringlich, mit einer eisigen Ruhe. Und doch hörte Hans den Ärger in der hallenden Stimme. „ICH BIN GERADE ERST MIT DEN OPFERN ZWEIER WELTKRIEGE FERTIGGEWORDEN UND TOTAL IM VERZUG. UND DANN GIBT ES NOCH SOLCHE LEUTE WIE DICH, DIE GLAUBEN, SIE MÜSSEN SICH VOR IHRER ZEIT INS JENSEITS BEFÖRDERN UND MIR DIE ARBEIT NOCH SCHWERER MACHEN.

GLAUBST DU, ICH MACHE DAS ZUM SPASS? ICH BIN SEIT ÜBER EINEM JAHRHUNDERT RUND UM DIE UHR AUF DEN BEINEN. UND MEINE KNOCHEN SIND AUCH NICHT MEHR DIE JÜNGSTEN. ABER WER SOLLTE DIE SEELEN DENN SONST ABHOLEN? NIEMAND SONST WILL SICH DIESE UNDANKBARE PLACKEREI MIT EUCH MENSCHEN ANTUN, DIE IHR OFFENSICHTLICH EIN SO LIEBEVOLLES VERHÄLTNIS ZU MIR HABT. EIN EINSEITIGES, WIE ICH HINZUFÜGEN MÖCHTE.“

Der Tod machte eine Pause und Hans starrte ihn mit offenem Mund an. „Entschuldigen Sie, geehrter Herr Tod, ich wollte nicht …“

Doch weiter kam er nicht.

„JA, DAS SAGEN SIE ALLE! IHR MENSCHEN! KEINE GEDULD, NICHT EINMAL IM TOD. DU BRAUCHST NICHTS WEITER ZU SAGEN. ICH WILL JETZT ENDLICH IRGENDWANN WIEDER MEINEM ZEITPLAN HINTERHERKOMMEN! … OBWOHL DAS MIT DIESEM DUMMEN TERRORISMUS SCHWER WIRD.“ Die letzten Worte hallten fast grummelnd in und außerhalb Hansens Kopf wider.

Hans stammelte, sagte aber nichts. Wenn er vieles erwartet hätte, das nicht. Das wäre ein guter Stoff für eine Ballade! Das musste er sich merken.

Aber zuerst war da noch die Sache, dass der Tod fertig werden wollte. Hans traute sich fast gar nicht danach zu fragen, denn er fürchtete wieder eine Rüge. Vielleicht sollte er das schon längst wissen. Diese schwarzen Augenhöhlen, die ihn unentwegt anzustarren schienen, verunsicherten ihn zutiefst.

Aber er gab sich einen Ruck und fragte: „Ähm, geehrter Herr Tod, ähm, ich hätte … Nein, ich wollte fragen … Was soll ich denn jetzt tun?“

Mit der freien Knochenhand griff sich der Tod an die kahle weiße Stirn. Der Ärmel rutschte herunter und entblößte die zwei Knochen seines Unterarms. Er schüttelte den Kopf, seufzte tief und herzhaft. „INS LICHT SOLLST DU GEHEN.“

„Ach, ja, so etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht. Aber ich habe keines gefunden. Also habe ich gedacht, das sei Aberglaube.“ Hans nickte diensteifrig mit dem Kopf. Er wollte den Tod nicht noch weiter verärgern.
„NUR ICH KANN DIR DEN WEG INS LICHT WEISEN!“, sagte der Tod feierlich und deutete mit seiner Knochenhand auf einen Punkt hinter Hans. „UND JETZT GEHE. ICH HABE ZU TUN.“

Hans wandte sich um.

Wirklich! Da war ein Flecken weißes Licht, das nicht blendete, direkt in und um den schwarzen Wagen herum, der immer noch bewegungslos auf der Straße stand. Es sah fast so aus, als parke das schwarze Auto in dieser Lichtkugel.

Unwillkürlich machte Hans einen Schritt vorwärts.

Er stockte. „Ich kann ja wieder gehen!“, rief er aus.

„EINE SICHERHEITSVORKEHRUNG“, sagte der Tod von hinten. „ICH HABE GENUG DAVON, SEELEN AUF DEM GANZEN GLOBUS ZU SUCHEN, DIE MEINEN, AUF ENTDECKUNGSREISE GEHEN ZU MÜSSEN.“

Hans wandte sich ein letztes Mal um. „Verständlich. Werde ich meinen Vater sehen?“

Der Schädel nickte.

„Und die alte Sedlacek? Und meine Mutter?“

„DAS WIRD NOCH EINE WEILE DAUERN. SIE SIND LANGE NACH DIR GESTORBEN. ABER SIE WERDEN KOMMEN.“

Hans nickte. „Gut.“

„GEH JETZT ENDLICH. BITTE.“

Hans wandte sich wieder zu der Lichtkugel. Ein undurchdringlicher heller Schein, der nicht blendete. Er fasste Mut, machte einen Schritt darauf zu. Und einen weiteren. Er streckte die Hand nach der Lichtkugel aus und fühlte … Wärme.

Er lächelte.

Und ging ins Licht.

Ende

Daniel Weber

Daniel Weber

Daniel Weber, 1993 in Wien geboren, ist diplomierter Schauspieler und studiert Deutsche Philologie an der Universität Wien. 2016 erschien, nach "Das verwunschene Bildnis" 2013, sein zweiter Band mit Horrorerzählungen, "Der Kuss der Dämonin", im Eigenverlag. Seit April 2016 veröffentlicht er regelmäßig literarische Texte auf seiner Website weberdaniel.at, und hat Ende 2016 begonnen, auch in Zeitschriften zu veröffentlichen. Gegenwärtig lebt er in Wolkersdorf im Weinviertel, Niederösterreich.

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