Total im Verzug (1. Teil)

Das Kopfsteinpflaster raste auf Hans zu. Er prallte mit dem Schädel hart gegen den Boden, der stechende Schmerz durchfuhr Gesicht, Kopf und Körper. Für den Bruchteil einer Sekunde hörte er das laute Knacksen in seinem Genick und spürte das Einbrechen seiner Wirbelsäule.

Dann war der Schmerz weg.

Ich bin wirklich gesprungen …

Er blickte auf den schlaffen Leib, der vor ihm auf der Straße lag, angetan mit Wollweste und Hosen. Die dunklen Haare waren zerzaust, der Kopf lag verdreht auf dem Pflaster. Die glasigen Augen schienen auf die Blutlache zu starren, die sich unter dem Kopf immer weiter ausbreitete. Ein lebloser Blick.

Bin ich tot?

Zwei junge Männer mit Hosenträgern und Schiebermützen kamen von der anderen Seite der Straße herangelaufen. Hans glaubte, sie vor seinem Sprung noch auf dem haushohen Schutthaufen schräg gegenüber herumstapfen gesehen zu haben.

Ein alter Mann war schneller bei der Leiche. Der Hut fiel ihm vom Kopf, als er zittrig heraneilte. Das Sakko flatterte im Wind um seinen Körper.

Eine Frau mit Hühnerbrust zog ein kleines Mädchen an sich. Sie drückte dessen Gesicht gegen ihre Beine und hielt mit einer Hand das Köpfchen. Ihre schreckgeweiteten Augen blickten auf den Körper am Boden.

Gut. Ich bin tot, dachte Hans und beobachtete, wie weitere Leute heranströmten. Der alte Mann rief über die Straße zu dem dicken Schneider, der dort sein Geschäft hatte: „Rufen Sie die Polizei!“

Eine alte Frau brachte dem Mann von hinten den verlorenen Filzhut.

Und was mache ich jetzt?

Hans wusste es nicht. Er blieb stehen und beobachtete, wie sich immer mehr Leute um seine fleischliche Hülle scharten, durcheinander redeten, weinten, schrien und fluchten. Er fragte sich, wieso sie sich so aufregten. Er war doch nur tot, das war doch nicht das Ende.

Moment! Es sollte das Ende sein. Warum war er noch hier? Ich wollte doch sterben!

Für einen Moment packte ihn die Panik. Das konnte doch nicht sein! Was war hier los? Wild sah er um sich.

Bleib ruhig! Dafür muss es eine logische Erklärung geben.

Er blickte an sich hinab. Er war nackt.

Hans bedeckte seine Scham mit den Händen, stutzte allerdings sofort. Niemand beachtete ihn, die Leute waren nur auf seine Leiche konzentriert. Sie sehen mich nicht!

Bin ich ein Geist?

Ziemlich sicher.

Aber Geister gibt es nicht!

Die Arbeiten in der ganzen Straße wurden eingestellt. Von dem riesigen Schutthaufen, der einmal ein Wohnhaus gewesen war, bevor es eine Bombe zerstört hatte, kamen mehr und mehr Menschen angerannt. Fenster wurden hinter Hans geöffnet, und zwar von dem Gebäude, aus dessen fünftem Stock er gesprungen war.

„Oh mein Gott! Das ist der Hans!“, rief eine schrille Frauenstimme. Die alte Sedlacek! Seine Nachbarin.

Er reckte den Kopf.

Hans hatte die alte Sedlacek immer gern gehabt. Früher, als er noch ein Kind gewesen war, hatte sie ihm manchmal Kuchen gebacken. Sie hatte ihn und seine Mutter rührend unterstützt, während sein Vater im Krieg gewesen war. Und noch mehr, als dieser dann vor zwei Jahren gefallen war.

Hans dachte, dass er mehr Schmerz verspüren sollte. Sein Inneres sollte sich zusammenkrampfen, wenn er den Schrecken der alten Sedlacek wahrnahm. Doch es rührte ihn kaum. Warum?

Wieso hatte er sich überhaupt aus dem fünften Stock gestürzt? Er erinnerte sich, dass er einen Abschiedsbrief verfasst hatte, irgendetwas von wegen, alles sei vorbei und sinnlos. Es hatte etwas mit seinem toten Vater zu tun, ja, und mit der schwierigen Situation seiner Mutter. Und auch etwas mit Julia, seiner geliebten Julia.

Julia. Ich erinnere mich an die Gefühle. Aber ich fühle sie nicht mehr … Irgendwie war das alles nicht mehr wichtig.
Bald kamen Polizeiautos und ein Rettungswagen. Die Beamten und Rettungskräfte stiegen aus, forderten die Leute um den Leichnam auf, Platz zu machen, und kümmerten sich um ihn. „Er ist tot“, sagte einer der Männer.
Hans hätte erleichtert ausgeatmet, hätte er noch geatmet. Was wäre gewesen, wenn er doch noch nicht tot gewesen wäre? Dann hätten sie versucht, ihn zurückzuholen. Zurück zu all dem Schmerz und der Unsicherheit und dem Leid, weswegen er sich hatte umbringen wollen.

Und er hatte es geschafft. Aber irgendwie auch nicht …

Während sein Körper zugedeckt wurde, sprach ein dicker Polizist mit der alten Sedlacek. Die ältliche Frau redete mit verweintem Gesicht.

„Seine Mutter ist arbeiten. Bei einem Krämer hilft sie aus. Zwei Straßen weiter“, sagte sie brüchig.

Der Dicke nickte langsam. „Wir werden sie sofort verständigen. Kommen Sie bitte mit. Sie wird ein vertrautes Gesicht brauchen.“

Die beiden gingen zu einem Polizeiwagen und fuhren davon.

Ein Leichenwagen kam angerollt. Zwei Männer in Schwarz legten Hansens Körper auf eine Bahre, verstauten ihn im Kofferraum des Fahrzeugs und fuhren wieder weg.

Nach und nach löste sich die Menge auf. Unter den ersten, die gingen, waren die beiden jungen Männer mit den Hosenträgern. Sie sahen bleich aus. Einer wischte sich die schweißnasse Stirn mit einem Taschentuch.

Der Alte mit dem wiedergewonnenen Hut zögerte etwas, doch bald zog ihn die Frau am Arm weiter.
Hans legte den Kopf schief und beobachtete, wie die beiden in seine Richtung gingen. Er sollte vielleicht ausweichen. Aber er konnte irgendwie nicht. Bevor er noch weiter dachte, schritt der alte Mann direkt durch ihn hindurch.

„Brrrrr!“, machte der Alte und zog die Schultern hoch.

„Was hast du?“, fragte seine Frau.

„Nichts. Es hat mich nur gerade geschüttelt. Mir war einen kurzen Moment richtig kalt.“

Sie gingen weiter. Hans sah ihnen mit geneigtem Kopf nach. Die Stelle, wo sein Körper gelegen war, war jetzt wieder frei. Nur die rote Blutlache auf dem grauen Kopfsteinpflaster starrte dort gegen den Himmel, das Blut in den Rillen zwischen den Steinen dunkler als auf den gewölbten Flächen.

Das Suchen und Aufräumen bei dem Schutthaufen schräg gegenüber gingen langsam weiter. Aus der offenen Tür der Schneiderei hörte Hans den Besitzer mit Kunden sprechen.

So schnell verflog also die Aufregung über seinen Selbstmord. Irgendwie enttäuschend.

Hans blickte zu Boden. Jetzt, wo alles vorbei war, konnte er endlich in Ruhe nachdenken. Es gab so viele Fragen. Er hatte sich umgebracht, hatte seiner Existenz ein Ende setzen wollen. Doch sie war nicht zu Ende. Warum? Und wieso spürte er nicht die Schmerzen, die ihn dazu getrieben hatten?

Ich muss ein paar Schritte gehen. Dann kann ich besser denken. Doch er rührte sich nicht von der Stelle. Er wollte sein Bein heben, doch es reagierte nicht. Spürte er es überhaupt? Ja, irgendwie schon, aber nicht so, wie er es gewohnt war.

Er machte noch einen Versuch. Wieder nichts. So sehr er sich auch darauf konzentrierte, sein Körper bewegte sich nicht von der Stelle.

Mein Körper? Ich habe doch keinen Körper. Oder? Sein Körper war gerade abtransportiert worden. Und trotzdem stand er nackt da, offenbar unsichtbar für alle anderen, für alle Lebenden. Er musste also so eine Art Geist-Körper haben. Er war ein Gespenst.

Das ist doch verrückt! Ich glaube nicht an Geister!

Und warum konnte er sich nicht von der Stelle rühren? Den Kopf konnte er hin und her drehen, sogar die Arme konnte er heben und senken. Er machte versuchsweise eine Kniebeuge. Auch das funktionierte. Doch die Leibesübung verursachte ihm keine Anstrengung.

Konnte er sich auf den Boden setzen?

Er setzte sich im Schneidersitz aufs Gehsteigpflaster. Auch das ging. Er legte die Unterarme auf den Knien ab. Nur vage nahm er wahr, dass er den Boden auf seinem nackten Hintern nicht spüren konnte.
Er runzelte die Stirn und starrte auf die Blutlache. Sie trocknete schon im heißen Sonnenlicht. Was passiert hier? Er knirschte mit den Zähnen, doch weder spürte er das Aneinanderreiben, noch machte es irgendeinen Laut.

Bleib ruhig, Hans. Es ist alles nicht so schlimm. Du bist tot und hast keinen Kummer mehr. Das wolltest du doch, nicht wahr?

Aus den Augenwinkeln glaubte er, eine schwarz verhüllte Gestalt die Straße entlang schreiten zu sehen. Ein Schauder überlief ihn. Doch als er sich in die Richtung der Erscheinung wandte, war sie weg.

Nur Einbildung? Er war sich nicht sicher.

Als es Abend wurde und immer weniger Menschen auf der Straße zu sehen waren, kamen seine Mutter und die alte Sedlacek um die Ecke des Wohnhauses, in dem er gelebt hatte. Der dicke Schneider sperrte gerade die Tür seines Geschäfts zu.

Die alte Sedlacek hielt den Arm seiner weinenden Mutter. Ihre braunen Locken waren in Unordnung, das hagere Gesicht schmerzverzerrt. Sie sah noch verhärmter aus als sonst. Ihr graues Kleid hing schlaff an ihrem Körper herab. Sie ging gebeugt.

Mutter sieht ja fast älter aus als die Sedlacek. Und die schaut alt aus für ihre Fünfzig …

Hans beobachtete sie, unnatürlich ruhig. Warum war er nicht fähig, Schmerz zu empfinden? Er spürte nur Unruhe. Unruhe und Sorge. Was war los mit ihm?

Er sah, wie seine Mutter erstarrte, als sie den eingetrockneten Blutfleck auf der Straße erblickte. Sie schniefte.

„Mein Bub … mein armer Bub“, murmelte sie immer wieder.

„Kommen’S, Frau Achter, gehen wir hinein und trinken Kaffee. Mit einem ordentlichen Schuss.“

Fast gewaltsam zerrte die Alte seine Mutter zur Tür des Wohnhauses.

Hans starrte ihnen noch eine Weile hinterher, bis es so dunkel geworden war, dass der Hauseingang in den Schatten lag, trotz der spärlichen Straßenbeleuchtung.

Bei Nacht war in diesem Viertel nicht viel los.

Ein Betrunkener wankte an ihm vorbei, ihm fehlte ein Arm. In der verbliebenen Hand hielt er eine Schnapsflasche. Er stolperte, fluchte, rappelte sich wieder auf und lehnte sich an der Hausmauer an, bevor er weitertorkelte.

Er murmelte irgendetwas, doch Hans verstand kein Wort.

Der kann wenigstens herumgehen …

Am nächsten Tag saß Hans immer noch da. Er beobachtete die Front der Schneiderei, hinter deren Auslagenscheiben Kleider und Anzüge zu sehen waren. Ab und an fuhren Autos vorbei, einmal sogar der Jeep mit seinen vier Insassen, die schon sprichwörtlich geworden waren. Die Vier im Jeep. Die Besatzungsmächte …

Es passierte rein gar nichts.

Die Arbeiten auf dem Schutthaufen gingen schleppend voran. Die Fundamente des einstigen Wohnbaus waren unter den Steinbrocken fast nicht zu erkennen. Männer und Frauen stapften über den Schutt und halfen zusammen, um Trümmer auf die Seite zu heben. Sie gruben dort nach Dingen, die sie gebrauchen konnten. Hans glaubte, eine dreckige Puppe in der Hand einer blonden Frau zu sehen. Die Blonde lächelte fast triumphierend.

Was mache ich hier eigentlich? Warum kann ich nicht gehen? Er stand auf und versuchte es wieder, doch es tat sich nichts. Verdammt. Was hielt ihn hier? Vielleicht strengte er sich nur nicht stark genug an?

Noch einmal! Mit seiner ganzen Willenskraft konzentrierte er sich auf die Bewegung. Ein Bein heben und nach vorne setzen. Das konnte ja nicht so schwer sein. Ein Bein heben und nach vorne setzen. Heben und nach vorne setzen.
Doch nichts. Sein Geist-Körper hörte nicht auf den Gehbefehl.

Frustriert verzog er das Gesicht und setzte sich wieder im Schneidersitz auf die Straße. Das gibt’s doch nicht! Irgendeinen Grund musste es doch geben, warum er hier nicht weg konnte. Aber welchen?

Er war kein gläubiger Mensch. Der Krieg hatte ihm den Glauben an einen Gott ausgetrieben. Er war Atheist, ein überzeugter Atheist. Zumindest war er das gewesen. Jetzt war er ein Geist, der nicht mehr davon überzeugt sein konnte, dass es nach dem Tod zu Ende wäre, das Bewusstsein vollkommen ausgelöscht würde.

Sagte man nicht, dass man nach dem Tod ein Licht sähe? Ein Licht, auf das man zugehen sollte?

Er sah sich um.

Da war der Schutthaufen, die Schneiderei, das Wohnhaus, ein paar andere Gebäude. Menschen, die über die Straßen flanierten. Aber kein Licht, außer das der Sonne, die vom blauen Himmel auf ihn herunterschien.
Aberglauben, schlussfolgerte Hans. Aber Geister sind doch auch Aberglauben! Habe ich geglaubt … Und was weiter?

Der Tag zog sich dahin, das Beobachten der Menschen in ihren täglichen Geschäften wurde Hans bald langweilig. Er verlegte sich auf Däumchen drehen. Auch das wurde bald ermüdend.

Er sah auf, als er ein bekanntes Grunzen hörte.

Das ist doch … Hans wandte sich um. Ja, er war es. Hinter ihm ging sein Onkel Johann vorbei. Onkel Johann mit den hängenden Wangen, dem Doppelkinn und dem Spazierstock. Onkel Johann, der alle fünf Minuten ein Grunzen ausstieß.

Neben ihm ging seine Tochter Josefine, Hansens zwölfjährige Cousine. Das verhärmte Mädchen mit dem aschblonden Haar schluchzte leise. Sie wischte sich mit einem Taschentuch die Augen. Beide trugen sie Schwarz.
Sie waren die einzigen Verwandten, die Hans und seine Mutter noch hatten. Wahrscheinlich kamen sie, um ihr in der schweren Zeit beizustehen, die sie unweigerlich wegen seines Selbstmords haben musste.

Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben … Warum habe ich das nicht?

Als die beiden zur Eingangstür des Wohnbaus gingen, erinnerte er sich daran, wie Onkel Johann ihm immer wieder gesagt hatte, er solle nicht so viel träumen und sich besser auf die Schule konzentrieren. Die ganze Poeterei, wie er sich ausdrückte, bringe nichts ein. Aber Josefine hatte Hansens Gedichte immer sehr gerne gehört. Vor allem die, die von unerreichbarer Liebe handelten.

Diese Gedichte hatte er für Julia geschrieben, die Tochter des Krämers, bei dem seine Mutter arbeitete.

Der Gedanke an Julia brachte jedoch nicht mehr das gewohnte Herzklopfen. Als er noch gelebt hatte, hatte der Gedanke an sie ihm jedes Mal einen Stich versetzt. Sie war verlobt mit dem Sohn eines Bankiers. Da hatte Hans keine guten Karten gehabt, noch dazu wo Julia zu schüchtern und kleinlaut war, um gegen die Wünsche ihres Vaters aufzubegehren. Und das heute, im 20. Jahrhundert, nach zwei Weltkriegen! Hans hatte das fürchterlich aufgeregt, der Schmerz darüber hatte ihm fast die Brust zerfetzt.

Doch jetzt war ihm das auch egal. Warum, verdammt?

Als er zusah, wie Onkel Johann und Josefine durch die Tür gingen, fragte er sich, ob er vielleicht über sein Leben nachdenken sollte. Doch was würde das nützen? Was gab es schon viel nachzudenken? Da war die Schule, da war seine Liebhaberei zur Dichtkunst, da war Julia. Sonst nichts. Und seine Mutter, die nach dem Tod seines Vaters in eine seltsame Lethargie gefallen war. Punkt. Da gab es nicht viel, worüber er nachdenken konnte.

Wo waren Sinn und Zweck dieses Geisterdaseins?

Sollte er nur weiter beobachten?

Die Männer und Frauen auf dem Schutthaufen waren nicht interessanter geworden. Und die Schneiderei hatte sich auch nicht verändert.

Wenn ich gewusst hätte, dass das so langweilig ist … Er wäre dann wahrscheinlich nicht gesprungen. Nein. Er wäre sicher nicht gesprungen.

Jetzt ließ sich das nicht mehr ändern. Hans musste sich mit der Situation arrangieren.
Ein tiefes Knurren ließ ihn herumfahren.

„Ruhig, Rollo. Was ist denn? Was hast du?“ Der kleine sommersprossige Junge tätschelte den Dackel, der neben ihm in Drohhaltung stand und seine Zähne fletschte, die Nackenhaare gesträubt, den Schwanz aufgestellt.

Die Augen des kleinen, pechschwarzen Tiers waren auf Hans fixiert. Das Knurren klang wie entferntes Donnergrollen, die gelben Augen blickten durchdringend.

Das Vieh kann mich sehen, schoss es Hans durch den Kopf. Reflexartig sprang er auf und wollte weglaufen. Doch das ging nicht. Natürlich. Ich kann ja nicht.

Aber warum wollte er weglaufen? Er war ein Geist. Es konnte ihm nichts passieren.

„Was ist denn, Rollo?“ Die Pausbacken des Jungen wölbten sich nach innen, die Stirn zog er in tiefe Falten.
Rollo knurrte weiter, seine dunklen Augen starrten Hans bedrohlich an.

„Was willst du von mir?“, fragte Hans ganz ruhig, die Hände erhoben. „Ich tu dir nichts. Ich bin ein Geist.“

Der Hund legte verwirrt den Kopf schief und stierte ihn an, unsicher.

Plötzlich zog er den Schwanz ein und winselte. Er ging rückwärts, die Augen starr auf Hans gerichtet.

„Rollo!“, rief der Junge. „Wir müssen nach Hause!“

Er zerrte an der Leine, doch der Hund wich immer weiter zurück. Der kleine Junge hatte nicht die Kraft, den Hund aufzuhalten. Er riss und zerrte, bis der Kleine den Halt verlor. Die Leine glitt ihm aus den Händen, der Hund rannte davon und der Junge fiel nach vorne auf sein Gesicht.

Er schrie, das Gesicht blutig. Eine pummelige Frau mittleren Alters eilte zu ihm. Ihre grünen Augen über der Stupsnase blickten alarmiert.

„Du meine Güte!“, rief sie. „Hast du dir wehgetan, Bub?“

„Roll… Rollo“, stammelte der Junge zwischen Schluchzern. „Er … er ist … weggelaufen.“ Rotz tropfte aus seiner Nase, Blut sickerte aus der Platzwunde am Kopf.

„Komm. Steh einmal auf, kleiner Mann“, sagte die Frau. „Kannst du das?“

Der Junge nickte und schniefte. Er erhob sich zitternd, gestützt von der Frau.

„Wie heißt du denn, mein Kleiner?“

„Ich … ich bin der Franzi.“

„Und wo wohnst du?“

Der kleine Franzi streckte zögernd einen Finger aus und zeigte die Straße hinunter. „Dort … dort vorne.“

„Dann gehen wir jetzt gemeinsam dorthin, ja?“ Die Frau nahm ihn an der Hand und wollte gehen.

„Aber was ist mit Rollo?“, fragte Franzi und blickte mit verweinten Augen zu ihr hinauf.

„Zuerst müssen wir dich einmal Nachhause bringen und versorgen. Deine Eltern wissen sicher Rat.“

Als sie miteinander an Hans vorbeigingen, sah Hans vorne an der Kreuzung eine schwarz umhüllte Gestalt über die Straße wandeln. Ihr Mantel bewegte sich ganz sachte im Zugwind, in einer weißen Hand hielt sie eine … Eine Sense?

Hans fühlte einen eisigen Hauch über seine Geisterwirbelsäule streifen. Er machte die Geisteraugen zu und wieder auf.

Die Gestalt war weg.

Er war erstarrt. Was war das? Ein Bauer mitten in der Stadt? In einem schwarzen Mantel? Oder war das etwas anderes?

Erlebnisse wie die mit dem Jungen und dem Hund wiederholten sich selten, während ein Tag nach dem anderen verging und Hans weiter auf der Straße saß und beobachtete.

Hin und wieder schritt ein Passant direkt durch ihn hindurch und schüttelte sich, als hätte ihn eben ein eisiger Windhauch erfasst. Und manchmal knurrten Hunde ihn an und wollten partout nicht an ihm vorübergehen. Die Besitzer mussten dann wohl oder übel einen Umweg machen.

Einmal, es musste eine Woche vergangen sein, sah er, wie Onkel Johann und Josefine seine Mutter und die alte Sedlacek abholten. Alle waren sie schwarz gekleidet. Ihre Gesichter waren traurig, Mutter weinte still, doch Josefine schluchzte offen und laut.

Vielleicht ist heute mein Begräbnis.

Hans beobachtete die trauernde Gruppe, wie sie sich entfernte. Die Frage ist nur, was es für ein Begräbnis sein wird … Für einen Selbstmörder … Wenn er jetzt kein Geist wäre, dachte er, könnte er ebenfalls die Straße hinuntergehen.

Lesen Sie morgen den zweiten Teil hier im Phantastikon!

Daniel Weber

Daniel Weber

Daniel Weber, 1993 in Wien geboren, ist diplomierter Schauspieler und studiert Deutsche Philologie an der Universität Wien. 2016 erschien, nach "Das verwunschene Bildnis" 2013, sein zweiter Band mit Horrorerzählungen, "Der Kuss der Dämonin", im Eigenverlag. Seit April 2016 veröffentlicht er regelmäßig literarische Texte auf seiner Website weberdaniel.at, und hat Ende 2016 begonnen, auch in Zeitschriften zu veröffentlichen. Gegenwärtig lebt er in Wolkersdorf im Weinviertel, Niederösterreich.

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