News Ticker

Es sind die Unsterblichen, die uns sagen: Tod ist die bessere Option

Das ewige Leben scheint die verlockendste Verführung zu sein, die man sich vorstellen kann. Man kann hingehen, wo man will, alles tun, was man mag, und so Erfahrungen anhäufen, die man zu den Jahrtausendwenden zum besten geben kann. Doch bevor sich jemand der Unsterblichkeit verschreibt, sollte er vorgewarnt werden: es ist nicht alles so wundervoll, wie es scheint. Selbst in der manchmal verzauberten Welt der Fiktion gibt es viele Seelen, die durch ihre Unsterblichkeit verbittert sind. In den Worten der Rockgruppe Queen ausgedrückt: Who wants to live forever? Nicht diese Unsterblichen. Und hier kommt die Begründung:

Es kann ziemlich ekelhaft werden

Cronos

Man sollte sich zunächst überlegen, ob man die Dinge, die einen unsterblich machen, wirklich tun will. Vampirismus ist dabei das beste Beispiel: Sicher, man bekommt das ewige Leben und Superkräfte (übermenschliche Stärke, man kann sich in eine Fledermaus verwandeln, und manchmal ist man von einem regelrechten Glanz umgeben), aber man muss auch dieses ganze verdammte Blut trinken. In Guillermo del Toros Film, Cronos, erreichen die Menschen die Unsterblichkeit durch ein Gerät, das von einem mittelalterlichen Alchemisten erfunden wurde – dafür entwickeln sie jedoch einen vampirischen Hunger nach Blut. In dem B-Movie aus den 60ern, The Leech Woman, hält sich eine Frau durch ein afrikanisches Rezept jung, das Orchideenpollen und Zirbeldrüsen-Saft empfiehlt. Für diesen Zirbeldrüsen-Saft muss sie allerdings Männer töten, und sie kann das nur so lange tun, bis die Polizei auf sie aufmerksam wird. Ihre Version der Unsterblichkeit ist nicht etwa ein langes, genussvolles Mahl, sondern ein Hamsterrad, das sich immer schneller dreht und von dem sie nicht abspringen kann.

Unsterblichkeit bedeutet nicht gleich Unverletzbarkeit

Der Tod steht ihr gut

Ist man unsterblich, aber die Heilkräfte bleiben normal, dann kann man sich freuen, dann hat man eine Ewigkeit zur Verfügung, dann heilt so gut wie alles irgendwann. Der Film, Der Tod steht ihr gut, treibt das ins Extrem. Goldie Hawn und Meryl Streep laufen dort mit gebrochenem Genick und riesengroßen Schusswunden im Bauch herum. Letztlich erkennen sie, dass ihr Körper der ständigen Wartung bedarf, nur um in einem Stück zu bleiben. Das klingt nicht nach einer Menge Spaß. Zumindest verwesen sie nicht aktiv.

Ein verbleibendes Bewusstsein in einem zerfallenden Körper mag da schon die unappetitlichste Version von allen sein. In H.P. Lovecrafts Erzählung von 1928, Kühle Luft, kann der untote Dr. Muñoz so lange leben, wie es ihm gelingt, seinen Körper vor der Verwesung zu bewahren. Das Problem beginnt, als die Klimaanlage ausfällt.

Selbst Unverletzbarkeit kann schmerzhaft sein – wörtlich genommen. Denken wir an Wolverine von den X-Men. Seine „Heilkraft“ erlaubt ihm, nahezu von allen Verletzungen zu genesen. Das ist genau der Grund, warum man ihn kidnapped, seine Haut abzieht und geschmolzenes Metall über seine Knochen gießt. Das ist selbst für Kanadier ziemlich brutal.

Die Finanzen bereiten Kopfzerbrechen

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass sie, wenn sie endlos Zeit zur Verfügung hätten, leicht Millionäre werden würden. Man legt ein bisschen Geld auf ein sich verzinsendes Konto, wartet ein paar Jahrhunderte, und alles ist gut, richtig? Charles Forrester, der kryogenetisch tiefgefrorene Held aus Frederik Pohls Roman, Zeit der Katzenpfoten, ist erfreut als er erfährt, dass er eine Viertelmillion Dollar angehäuft hat, während er sich im Tiefschlaf befand. Erst als er das meiste schon ausgegeben hat, bemerkt er, dass bei vorgefundener Inflation eine Viertelmillion nicht viel Geld ist.

Außerdem wird man nicht viel von seinem Geld ausgeben können, wenn die Leute nicht glauben, dass man derselbe ist, der das Bankkonto vor 200 Jahren eröffnet hat. In Neil Gaimans Sandmann-Comics, muss der unsterbliche Hob Gadling nach einer gewissen Zeit seinen eigenen Tod inszenieren, um als sein Erbe wieder aufzutauchen.

Bei all diesen Problemen ist es doch einfach nur verlockend, sich als unsterblich zu outen. Das könnte doch ein gutes Geschäft sein; man geht in Talkshows und die Paparazzi bringen einen auf die Titelseiten der großen Magazine. Oder es ergeht einem so wie Robert Heinleins aus einem selektiven Zuchtprogramm stammenden Howard-Familie, die von ihren Nachbarn und der Regierung gejagt wird, als einige von ihnen den Mund nicht halten können. Und die sind noch nicht einmal unsterblich, sondern nur unglaublich langlebig.

Alle Freunde sind tot

Eines der oft zitierten Probleme der Unsterblichkeit ist, dass man sehr oft auf Beerdigungen geht. Es ist eine Bürde, Freundschaften zu schließen, wenn man doch weiß, dass man sie sicher verlieren wird. Die Elben in Tolkiens Herr der Ringe, grundsätzlich unsterblich, sind über diese nicht gerade unglücklich, aber auch sie leiden unter dem Verlust ihrer Freunde und Lieben.

Natürlich ist es für jemanden, der nicht für die Unsterblichkeit gemacht ist, noch härter. Lebt man lange genug, könnte man wie der Protagonist in L. Sprague de Camps Geschichte, Der knorrige Mann, enden. Er ist ein unsterblicher Neandertaler, der seine ganze Spezies überlebt hat. „Das größte Problem sind die Hemden“, sagt er zu den Wissenschaftlern. „Versuchen Sie mal, ein Hemd zu kaufen mit einem 20-Inch-Hals und 29-Inch-Ärmeln.“

Andere Unsterbliche sind vielleicht Arschlöcher

Keine große Sache, nicht? Mann kann sich schließlich nur mit anderen Unsterblichen dauerhaft abgeben. Es sei denn, man befindet sich in einer Highlander-Situation, wo jeder versucht, den anderen aufgrund einer blöden Prophezeiung, die da heißt, „Es kann nur einen geben“, umzubringen. Das geht niemals gut aus.

„Der fliegende Holländer“, Donbass Opera

Vielleicht sind andere Unsterbliche gar nicht darauf aus, einen umzubringen. Vielleicht sind sie einfach nur Arschlöcher. Denken wir mal an den Fliegenden Holländer, ein Schiff, dazu verurteilt, so lange über die Meere zu segeln, bis der Kapitän seine wahre Liebe gefunden hat. Wie Tom Holt in seinem Roman Der fliegende Holländer erklärt, bedeutet das, dass die Crew die Ewigkeit miteinander teilt, die auch dann alt wird, wenn der „Holländer“ es eben nicht wird. Holts Seemänner haben ein zusätzliches Problem: der alchemistische Trank, der ihnen Unsterblichkeit verleiht, lässt sie zum Himmel stinken. Das ist der wahre Grund, warum kein Hafen ihnen erlaubt, anzulegen.

Immer noch nicht überzeugt? Dann vielleicht noch dies: Steven Seagal – ja, der Steven Seagal – hat sich der Bewegung „Russland 2045“ angeschlossen, die sich dafür einsetzt, Russland zum Mittelpunkt der Unsterblichkeitsforschung zu machen. Und kürzlich hat er Vladimir Putin darum gebeten, für diese Forschung mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie also unsterblich werden, können Sie sich darauf einstellen, dass sie die nächsten Tausend Jahre mit Steven Seagal und Vladimir Putin verbringen werden.

Es gibt nichts Neues im Fernsehen

Jeder Unsterbliche wird früher oder später mit dem Problem konfrontiert, seine Tage auszufüllen. In John Varleys Geschichten des „Eight-World-Zyklus“, wo praktisch jeder unsterblich ist, ist die häufigste Todesursache Selbstmord aus Langeweile. (Obwohl sie dort eine interessante Sextechnologie zur Verfügung haben!)

In Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis kam Wowbagger, der unendlich Verlängerte, zu seiner Unsterblichkeit durch einen Arbeitsunfall. Er windet sich durchs Universum und hat rein gar nichts zu tun.

„Am Ende waren es die Sonntagnachmittage, mit denen er nicht fertig werden konnte, und diese schreckliche Lustlosigkeit, die ungefähr um 14:55 Uhr  beginnt … wenn du auf die Uhr starrst, die Hände sich rastlos bewegen, bis es vier Uhr ist und du in den langen Fünfuhrtee der Seele eintauchst.“

Wowbagger beschließt, seine Langeweile dadurch zu umgehen, dass er mit seinem Raumschiff durch die ganze Galaxie reist, um jedes Lebewesen persönlich aufzusuchen und es zu beleidigen und um herauszufinden, dass alle Unsterblichen Arschlöcher sind.

In Jorge Luis Borges‘ Geschichte, Der Unsterbliche, geht es um eine ganze Stadt von Unsterblichen. Den Bewohnern dieser Stadt ist inzwischen so langweilig geworden, dass sie sich nicht mehr die Mühe machen, sich zu bewegen oder zu sprechen. Selbst der große Dichter Homer hat sich im Laufe der Jahrtausende in einen Höhlenmenschen verwandelt, der den ganzen Tag nur dasitzt und vor sich hin starrt. Sie glauben, Sie wüssten sich besser zu unterhalten als Homer? Viel Glück!

Ein Date zu haben ist heikel

Doctor Whos Zeitmaschine

Es war immer schon etwas heikel, wenn man ein Jahr älter war als die oder der Betreffende, den man auf die Jahrbuch-Party einladen wollte. Und da ist es sicherlich noch merkwürdiger, wenn man 400 Jahre alt ist und mit jemanden ausgehen will, der so um die 20 herum ist. Kommt noch hinzu, dass derjenige altert und eines Tages stirbt. In einer der letzten Staffeln von Doctor Who hat der Doctor eine Erklärung dafür abgegeben, warum er so einen Pakt mit seinen sterblichen Freunden nicht eingeht: sterblich / unsterblich – das ist eine Paarung, die zu viele unangenehme ethische Fragen aufwirft. Trotz seiner aufrichtigen Moral fährt der Doctor fort, sich Gefährten zu wählen, die meist ziemlich heiße Mädchen sind. Man kann das Problem dadurch umgehen, dass man sich ausschließlich unsterbliche Partner aussucht, aber Achtung: vielleicht sind andere Unsterbliche ja Arschlöcher, wie wir weiter oben schon besprochen haben.

Man könnte in einer völlig unlustigen Phase festsitzen

Sollten Sie das ewige Leben anstreben, vergewissern Sie sich, dass Sie auch die ewige Jugend erwischen. Alles im Bereich zwischen 18 und 35 ist in Ordnung. In Jonathan Swifts Gullivers Reisen gibt es eine Insel der Unsterblichen, wo einige Leute zwar für immer leben, aber dennoch altern. Sie werden hilflos, senil und mürrisch wie eine Person nur sein kann, die ihre Gedärme für den Zeitraum von 500 Jahren nicht mehr unter Kontrolle hat.

Kirsten Dunst als Claudia

Auf der anderen Seite könnten Sie als ewiges Kind feststecken. Ray Bradburys Geschichte Willkommen und Lebewohl zeigt das Dilemma eines Unsterblichen, der mit 12 Jahren aufhört zu altern. Er findet eine Nische für sich selbst, indem er sich für alle Ewigkeit als Pflegekind für einsame Paare ausgibt. Aber gibt es ein schlimmeres Schicksal, als für alle Zeiten in der Pubertät festzusitzen?

Claudia, die vorpubertäre Vampirin in Anne Rices Interview mit einem Vampir wird verbittert und mörderisch, als sie sich bewusst wird, eine intelligente, ambitionierte Frau zu sein, die für immer im Körper eines kleinen Mädchens gefangen ist. Sieht man sich die Kleider an, die man Kirsten Dunst im Film verpasst hat, wer wollte ihr da einen Vorwurf machen?

Manchmal könntest du verrückt werden

Nehmen wir an, Sie hätten alle Zeit des Universums zur Verfügung – würden Sie da nicht vielleicht verrückt werden? Wahnsinn ist gemeinhin das Schicksal von Vampiren und anderen Unsterblichen, die beängstigende Dinge tun müssen, um am Leben zu bleiben.

Ra’s al Ghul im DC-Comic

Das Rollenspiel „Vampire: Die Maskerade“ beinhaltet diesbezüglich einen ganzen Clan. Die Malkavianer, deren Mitglieder komplett verrückt sind, sowie noch weitere Clans, die alle an Geisteskrankheiten leiden.

In den DC-Comics gibt es die „Lazarus-Grube“ können sich die Menschen auf Kosten vorübergehenden Wahnsinns selbst verjüngen. Das hat den Superschurken Ra’s al Ghul nicht davon abgehalten, die Grube wieder und wieder zu benutzen. Sein Erzfeind Batman würde sagen, dass Ra’s eigentlich deshalb dauerhaft wahnsinnig geworden ist. Aber kann man einer psychiatrischen Diagnose trauen, die von jemanden gestellt wird, der wie eine gigantische Fledermaus gekleidet ist?

Vielleicht ist der menschliche Geist einfach nicht dafür gemacht, für immer zu existieren. In Der Jaunt, einer von Stephen Kings unheimlichsten Geschichten, finden Wissenschaftler heraus, warum alle menschlichen Wesen vom Teleportieren verrückt geworden sind. Der Grund ist: während die Teleportation in unserer Zeit nur einige Sekunden dauert, wird sie innerhalb des Jaunt-Universums auf die Unendlichkeit ausgedehnt.

Aber lassen Sie sich nicht von der Bedrohung unendlicher Qualen abhalten. Mit einer positiven Einstellung und einer soziopathischen Gleichgültigkeit gegenüber Ihrer nur-sterblichen Geliebten kann die Unsterblichkeit Spaß machen. So wie die Gruppe Queen in dem Lied „Princes of the Universe“singt: Jeder will für immer leben. Und gleich darauf widersprachen sie sich. Auf dem selben Album.

Übersetzt von Michael Perkampus
aus dem Originaltext erschienen im Lightspeed Magazine

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.

*