Tim Powers / Die Tore zu Anubis Reich

Tim Powers‘ vierter Roman wurde von David Pringle in die Liste der besten 100 moderen Fantasyromane aufgenommen, ist aber ebenfalls in Jones & Newmans Publikation über die besten Horrorromane zu finden. 1984 gewann das Buch den Philip K. Dick Memorial Award und wurde nicht zuletzt durch hervorragende Mundpropaganda so erfolgreich.

In dem Roman treffen wir einen Witwer mittleren Alters namens Brendan Doyle, einen Experten für Samuel Taylor Coleridge und den (fiktiven) Dichter William Ashbless. Doyle wird von einem exzentrischen Millionär, der sich ein Zeitreisegerät ausgedacht hat, gebeten, in das Jahr 1810 zurück nach London zu reisen, um an einer Coleridge-Vorlesung mit einer Gruppe wohlhabender Chrono-Touristen teilzunehmen. Doyle stimmt vorsichtig zu und wird – um es kurz zu machen – in der Vergangenheit ausgesetzt, wo er bald in die Machenschaften ägyptischer Zauberer verwickelt wird, die versuchen, England zu zerstören. Powers‘ ausweglose Handlung schafft es irgendwie, das gehirngewaschene Ich von Lord Byron, einen von Körper zu Körper wandernden Werwolf, eine unterirdisch operierende kriminelle Gesellschaft, angeführt von einem verkrüppelten Clown auf Stelzen, eine mutige junge rachsüchtige Frau, verkleidet als Mann, ägyptische Götter, löffelgroße Jungs, Feuer- und Wind-Elemente, das Mameluken-Schlachten von 1811, eine Menagerie von Freaks, die Beatles (!) und noch vieles mehr miteinander zu verschmelzen.

Und gerade als der Leser denkt, dass diese Handlung nicht wilder werden könnte, katapultiert Powers Doyle noch weiter zurück in das Jahr 1684! In der Tat gibt es für niemanden eine Möglichkeit zu erraten, was als nächstes kommt, in diesem wirklich verrückten Wirbelwind eines Buches. Bemerkenswert ist, dass jede einzelne Seite dieser fast 600-seitigen Geschichte mit verblüffenden Gesprächen, Handlungssträngen, Beschreibungen oder Spekulationen aufwartet. Powers hat sehr viel historische Forschung betrieben, und sein Buch behält immer seine Wahrhaftigkeit, trotz der Unverschämtheit der Handlung.

Powers, der nicht nur den so genannten „Steampunk“, sondern auch das Subgenre der „alternativen Geschichte“ hervorgebracht hat, erklärt in diesem Buch amüsant Londons Großbrand von 1666 sowie Byrons scheinbar gleichzeitige Präsenz in Griechenland und London im Herbst 1810. Und obwohl Geschichten mit Zeitreise-Paradoxien dem Leser manchmal Kopfschmerzen bereiten können, ist diese hier absolut reizvoll. Die Tore zu Anubis Reich ist eine Explosion, angefangen von der Eröffnungsszene in einem Londoner Zigeunerlager im Jahre 1802 bis zu seinem wunderbaren, ironischen, völlig befriedigenden Abschluss in den Sümpfen von Woolwich.

Allerdings sind die Tore zu Anubis Reich keine leichte Lektüre für Leute, die jede historische Referenz oder jeden Ortsnamen nachschlagen wollen. Dazu benötigt man eine etwas ältere Straßenkarte, die natürlich nict notwendig ist, aber die ganze Lektüre zu einer noch reicheren Erfahrung macht. Zum Biespiel findet man dann heraus, dass Powers uns an einem Punkt erzählt, dass die Coleman Street östlich der Bishopsgate Street liegt, während ein kurzer Blick auf die Karte deutlich zeigt, dass sie westlich liegt. Für manche Leser ist soetwas ein zusätzlicher Genuss, der nicht zu unterschätzen ist.

Für alle Liebhaber von Science Fiction, Fantasy, Horror, historischer Fiktion und/oder Poesie sollten die Die Tore zu Anubis Reich ein Geschenk des Himmels sein. Es ist ein sehr großzügiges Buch, viel intelligenter und humorvoller, als es unbedingt sein muss, und verdient alle Auszeichnungen, die es erhalten hat.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.