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Das ekelhafte Geräusch des Mento-Weckers reißt mich aus dem zuckerwattefarbenen Traum von Licht und Liebe. Der anfangs dumpfe, sich immer höher schraubende und dabei lauter werdende Ton sägt sich durch die Ohren direkt ins Gehirn und setzt sich dort fest, bis das arme Opfer die ultraleichte Bettdecke von sich schleudert und sich in die Senkrechte begibt.

Wer nicht sofort in die Schalldusche tritt, bekommt noch eine halbe Minute Jaulen als kleine Warnung mit in den Tag. So auch ich heute. Aber ich muss mich zunächst um die Wunden an meinen Beinen kümmern, bevor gleich die Morgenselbstfindung beginnt.

Vorsichtig streiche ich Salbe auf die Striemen, die sich in wilden Mustern kreuz und quer über meine Schenkel ziehen. Sofort färbt sich das dunkelrot geronnene Blut in den tiefen Schnitten leuchtend gelb – ein Zeichen, dass die Salbe zu wirken beginnt. Außerdem eine Warnung, dass ich mit einem hochansteckenden Virus infiziert bin. Wäre ich gesund, färbte sich das intelligente Medikament grün.

Ich verstehe nicht, warum die Wunden nicht heilen, obwohl ich sie jeden Tag auf Neue behandle. Langsam geht mir die Salbe aus, eine neue Packung werde ich ohne eingehende Untersuchung in einer Klinik nicht bekommen. Doch wenn sie sehen, dass ich mich selber verletze, sperren sie mich wieder ein. Das gilt es mit allen Mitteln zu verhindern.

Nach der Dusche setze ich mich in die Mitte meines Wohnquartiers. Das Bett ist bereits in der Wand verschwunden und wird erst zur Schlafenszeit wieder ausgefahren. Manche der Bewohner unseres Komplexes stören sich daran, sie fühlen sich bevormundet. Mir ist es egal: Im Gegensatz zu den meisten hier habe ich Arbeit. Nach der Morgenselbstfindung werde ich meine heutige 12-Stunden-Schicht im Großen Werk antreten. Nach dem Abendessen und dem obligatorischen Besuch im Sportzentrum oder einer kulturellen Veranstaltung meiner Wahl wird es sowieso spät sein und ich werde mein Wohnquartier als voll ausgestattetes Schlafzimmer vorfinden.

Es ist ein hartes Leben, aber besser, als arbeitslos oder eingesperrt zu sein.

Die Salbe hat die Wunden weich und elastisch gemacht, so dass ich mich nun in den vorgeschriebenen Lotussitz knoten und die Anleitung zur Morgenselbstfindung erwarten kann.

„Guten Morgen … Bewohnerin 83X12!“

Der personalisierte Teil der Begrüßung ist nicht in derselben sanften Frauenstimme gesprochen, sondern wurde offensichtlich vom Verwalter meines Wohnblocks aufgenommen. Der Bruch stört mich schon lange, doch da er nur zu Beginn und am Ende der Übertragung auftritt, schaffe ich es meist, ihn zu ignorieren.

„Atme tief ein, fülle Deinen Körper mit der reinen Luft der Liebe, leere Deine Gedanken, entspanne alle Muskeln, atme tief aus, genieße das Gefühl, am Leben zu sein, spüre Deinen Körper, zentriere Dich. Atme tief ein, fülle Deinen Körper…“

Wie ferngesteuert blende ich das Mantra aus, das die einschmeichelnde Stimme in den nächsten zwölf Minuten wiederholen wird. Das passiert bei mir immer ganz automatisch, es ist egal, wie sehr ich mich um die korrekte Ausführung der Meditation bemühe, ich schaffe es nicht. Ich kann meine Gedanken nicht leeren oder meine schmerzenden Muskeln entspannen und ganz bestimmt genieße ich es nicht, am Leben zu sein – im Gegenteil, die erzwungene Konzentration auf mein Inneres wirft mich auf mich zurück und auf einmal fällt mir alles wieder ein.

Ohne diese morgendliche Erinnerung an all die Dinge, die ich den vergangenen Tag über mühsam verdrängt habe, könnte mein Leben ein leidlich Gutes sein. Ich würde freudig die Regeln befolgen, schlafen, wenn es erlaubt ist, arbeiten, wenn meine Schicht läuft, die genau abgemessene Portion Proteine, Vitamine und Eiweiße zu mir nehmen, die ich vom Großen Werk täglich erhalte.

Ich könnte vergessen, was einmal war, mich um einen passenden Partner bewerben und die Fortpflanzung beantragen. Vielleicht könnte ich auch die alte, nunmehr stumpfe Glasscherbe wegwerfen, mit der ich jeden Abend meine Beine aufschlitze.

Aber das Große Werk verlangt Arbeiter, die sich ihrer selbst bewusst sind, und so werden wir alle dazu gezwungen, die kollektive Morgenselbstfindung über uns ergehen zu lassen, und alles, was mich vom reibungslosen Funktionieren abhält, stürzt auf mich ein.

Es dauert bis zur Nacht, wieder zu vergessen, bis kurz nach meiner rituellen Selbstverletzung, wenn ich blutend und weinend auf das ergonomisch perfekt ausbalancierte Bett krieche und mich in die Laken kuschle.

Früher konnte ich das besser, war ich schneller bereit, mich zu fügen, schneller nicht mehr ich. Aber diese Tage wurden seltener, immer seltener, und bleiben nun meist aus.

Meine Träume jedoch sind frei, weich und süß, und sie schenken mir das Vergessen, das ich brauche. Bis zum Morgen, bis zum Wecker, wenn ich verwundert auf frische Wunden blicke und sie routiniert behandle, bis zur personalisierten Begrüßung durch meinen Hausverwalter, wenn das Mantra der sanften Frauenstimme mir wieder alles vor Augen führt.

Wie reglementiert unser Leben ist, wie vielen Verboten und Vorschriften wir uns unterwerfen, wie wenig wir doch selber entscheiden dürfen.

Als es endlich vorbei ist, bin ich deprimiert. Ich ziehe mich an und beginne mit meiner Arbeit des Verdrängens.

Es gelingt mir nicht.

 

Zur Mittagszeit sitze ich in der Mensa des Großen Werks und warte auf das Tablett mit der heutigen Mahlzeit.

Ich bin den Tränen nahe, denn es gelingt mir nicht, meinen Kummer zu vergessen, meine Angst und die Leere, diese unglaubliche Leere in meinem Kopf, meinem Bauch, überall.

Um mich herum tost das Gewirr tausender aufgeregter Stimmen. Meine Kollegen genießen die Mittagszeit, die kleine Pause vom Arbeitstag, in der es ihnen erlaubt ist, miteinander über Privates zu sprechen. Manchmal knüpfen sie zarte Bande, die dazu führen, dass sie wochen-, manchmal monatelang ausschließlich dafür arbeiten, ausreichend Schmiergelder zu verdienen, die sie einsetzen, um das Ministerium für Fortpflanzung dahingehend zu bestechen, dass sie die Erlaubnis zur Verpaarung erhalten.

Man munkelt, das klappe erstaunlich häufig, aber wenn ich am Morgen, wenn ich offen und unglücklich bin, in die leeren und grauen Gesichter blicke, habe ich so meine Zweifel, ob sie glücklicher sind als ich.

Warum schaffe ich es nicht, ein Level der Gelassenheit zu finden, das mich den Tag überstehen lässt, oder mir zumindest ermöglicht, meine gesunde Vollwertmahlzeit hinunterzuwürgen?

Ich zwinge mich, den Teller in der vorgeschriebenen Zeit zu leeren, sonst bekomme ich Strafpunkte, und das bedeutet, dass man mich unter Beobachtung stellt. In meiner momentanen Stimmung und mit den verräterischen Wunden, deren Existenz ich heute einfach nicht vergessen kann, ist das keine Alternative zu der unvermeidlichen Übelkeit, die mich nun erfasst, da ich mich lustlos vollstopfe, ehe ich zurück an meinen Arbeitsplatz eile.

Nach dem Ende meiner Schicht fühle ich die Leere immer noch, zunehmend deutlicher, die Straßen ängstigen mich, die anderen Menschen wirken aufgesetzt fröhlich, die Wandermönche hinterhältig heiter. Ich fühle mich ertappt, wann immer ich einem von ihnen mit gezwungenem Lächeln den obligatorischen Gruß entbiete.

Ich will nach Hause, mich verstecken, mich in aller Ruhe grämen, doch ich muss noch ein wenig soziale Interaktion hinter mich bringen. Bloß nicht zu offensichtlich abkapseln, bloß nicht zu radikal eigen sein, zu wenig der Gruppe zugehörig erscheinen.

Körperliche Betätigung kommt heute nicht in Frage, dazu revoltiert mein Magen zu sehr. Also setze ich mich in eine der Ultrabahnen in Richtung Kulturviertel, wo ich auf den holografischen Fenstern den Spielplan des von mir favorisierten Kinos aufrufe.

Nur ein Film heute, in Dauerschleife, ein historisch-erbauliches Werk über die Vorteile der Zivilisation, wie wir sie heute leben dürfen, inklusive Verherrlichung des Werdegangs des Gründers unseres Großen Werks.

Die Aussicht, mir mehrere Stunden im Dunkeln mit all den verzückt strahlenden Genossen dieses pathostriefende Machwerk anzuschauen, schnürt mir die Kehle zu.

Erschrocken ob meiner ketzerischen Gedanken wähle ich ein paar zufällige andere Kinos aus – überall nur dieser eine Film, in allen Theatern nur die Bühnenadaption, sogar eine Operette haben sie daraus gemacht.

Am Endhalt ergebe ich mich in mein Schicksal und gehe in ein beliebiges Kino. Da muss ich nun durch, und zwar mild lächelnd und ganz bei mir.

Mein Magen brennt wie die Tränen in meinen Augen, die ich nur noch mit Mühe zurückhalte. Abneigung, Ablehnung, Ekel formieren sich und überrennen meinen Geist.

Der große Saal ist brechend voll, der Film beginnt gerade, also setze ich mich auf den angewiesenen Platz und schließe die Augen, atme tief durch, versuche zu entspannen, zu verdrängen, zu dem zu finden, was ich früher immer habe erreichen können: Völlige und totale Selbstaufgabe, Hingabe an ein Leben in der Gemeinschaft und unter den Regeln des Großen Werks.

Ein Ordner versetzt mir mit seinem Elektrostock einen Schlag – einschlafen sei verboten, das wisse ich doch wohl. Meine Sitznachbarn schauen missbilligend. Ich straffe meinen Rücken, setze mein falschestes gelassenes Lächeln auf und gestikuliere eine Entschuldigung. Wir konzentrieren uns wieder auf den Film, die anderen freudig-gespannt, ich angstvoll und mit wachsender Unruhe.

Als in einer Szene der Gründer des Großen Werks unter Einsatz seines Lebens den ewig gültigen Text der Morgenselbstfindung in die Titanplatte über dem Eingang zum ehemaligen Präsidentenpalast ätzt, die verhassten Worte dabei laut und kraftvoll skandierend, geht ein ekstatisches Seufzen durch das Publikum und meine Unruhe bricht sich in einem heiseren Schrei Bahn.

Ehe die Ordner reagieren können, bin ich auch schon aufgesprungen und haste so schnell ich kann in Richtung Ausgang, über Sitzlehnen, Schenkel, Schultern und Köpfe der anderen Genossen, die ganzen vierhundert Reihen nach hinten, was nur gelingt, weil alle vor Schreck ob dieser Blasphemie erstarren und niemand auch nur auf die Idee kommt, nach mir zu greifen und mich aufzuhalten.

Die Tür ist verschlossen, ich bin gefangen, die Ordner eilen heran, ihre Elektrostöcke gezückt, einer gar mit dem traditionellen Titanspeer, der nur noch für rituelle Zeremonien genutzt werden darf.

Habe ich etwa einen hohen Feiertag vergessen? Das wäre eine Erklärung für die einheitliche Beschallung aller Kulturtempel mit dem Film, den ich nicht ertrage.

Der Speer ist schneller als die anderen Ordner, also flüchte ich in erster Linie vor ihm, durch den Mittelgang zur Holowand, auf der der Film gleißend hell weiterläuft, als sei nichts geschehen. Doch niemand sieht mehr hin, alle starren mich an.

Unterwegs reiße ich mir den Kittel herunter, der mich beim Rennen sowieso behindert, und enthülle meine versehrten Beine. Ein kollektiver Aufschrei belohnt mein Manöver: Sie sehen meine Wunden, sie sehen meine Farben, sie weichen erschrocken zurück.

Das ist meine Chance: Wenn sie mich sowieso wieder einsperren werden, jetzt, wo ich versagt habe, dann hinterlasse ich ihnen das einzige, das mich wirklich ausmacht, das Eine, das an mich erinnern wird. Meine Krankheit, mein Virus, damit sie erleben, wie fragil so eine Seele ist und wie falsch die Gleichschaltung, die sie betreiben, freudig, vermeintlich freiwillig.

Ich kralle meine Fingernägel in den Schorf und öffne die Wunden, zerfetze meine Beine, meinen Bauch, schleudere Blut und Haut und schließlich Stücke meines Fleisches in die Menge, auf die Ordner, auf den Speer.

Ehe er mich trifft, mein Blut direkt aus dem Herzen in der Menge verteilt, beginne ich zu lachen und zu tanzen, drehe mich wild im Kreis, werfe mich schließlich auf die erste Reihe, auf die Genossen der Oberschicht, und gebe ihnen die grauenhafte Freiheit, die mich zerstört hat.

Simona Turini

1981 in Mainz geboren, wurde Simona Turini früh gezwungen, etwas Anständiges zu lernen. Seitdem bemüht sie sich um die Bewahrung ihrer geistigen Gesundheit, indem sie wirre Texte zwischen Stephen King, Neil Gaiman und Abdul Alhazred verfasst, die sie nun auch endlich der Öffentlichkeit vorstellen darf. Sie lebt und arbeitet im schönen Wiesbaden & wird sich dafür nicht entschuldigen.

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