The Spirit (Die Zeit und den Tod besiegt)
Der Phantastikon-Podcast ist ein literarisch-philosophisches Format รผber das Fantastische in all seinen Formen โ von klassischer Phantastik und Horror รผber Mythos und Symbolismus bis hin zu modernen Grenzbereichen zwischen Realitรคt und Imagination. Er verbindet intellektuelle Tiefe mit erzรคhlerischer Atmosphรคre und richtet sich an Hรถrer, die das Denken und Trรคumen gleichermaรen ernst nehmen.
Wรคhrend der Schriftsteller und Arzt Sir Arthur Conan Doyle heute bei den meisten fรผr seinen logisch denkenden Skeptiker Sherlock Holmes bekannt ist, wissen die Horrorbegeisterten aus aller Welt, dass er mit seiner bรถsartigen Mumie eine der besten Geistergeschichten der englischen Literatur verfasste und erkennen in ihm einen Vorfahren der Lovecraft unterstellten Weird Fiction. Tatsรคchlich ist Doyle fรผr die Mumie das, was Stoker fรผr den Vampir ist, und seine Geschichten von spitzhackenschwingenden Serienmรถrdern, gespenstischen Folterinstrumenten, Geistern am sonnenlosen Nordpol, verfluchten Werwรถlfen, gelatineartigen Monstern am Himmel รผber uns und verunglรผckten Sรฉancen, sind genauso kรผhl vorgetragen wie die Holmes-Abenteuer spannend sind. Der enorme Erfolg dieser Detektivgeschichten erlaubte es Conan Doyle, 1891 seine medizinische Praxis aufzugeben und sich dem Schreiben zu widmen. Sein Schaffen war breit gefรคchert: Theaterstรผcke, Verse, Memoiren, Artikel รผber Sport, Kurzgeschichten, historische Romane und schlieรlich Schauerromane und Schriften รผber Spiritualismus. Sein erfolgreichstes Werk blieb jedoch Holmes, sehr zu seiner spรคteren Frustration.
Im Jahre 1940 fanden die Leser in den Zeitungen mehrerer US-Stรคdte etwas Ungewรถhnliches: eine neue farbige Comicbeilage, die nicht auf den รผblichen Witzseiten der Sonntagsausgabe zu finden war, sondern ein eigenes Comicbuch darstellte. Ein schicker Herr im blauen Anzug lรคchelte vom ersten Panel der Geschichte auf die Leser herab, sein Gesicht schwebte รผber einem Friedhof, der sich vor einem fernen Stadtbild abzeichnete.

Die folgende Geschichte war kurz; sie handelte von dem Polizisten Denny Colt, der anscheinend von Dr. Cobra โ dem Schurken der Geschichte โ getรถtet wird, aber den Tod รผberlistet, weil er mit einer mysteriรถsen Flรผssigkeit รผbergossen wird. Und so gelingt es ihm, den รbeltรคter als der geheimnisvoller โSpiritโ zur Verantwortung zu ziehen.
Ein zukunftsweisendes Comic
Der Rest der Broschรผre, dessen Herausgeber, Autor und Kรผnstler Will Eisner war, enthielt eine Mischung aus anderen Artikeln, aber The Spirit war eindeutig dazu bestimmt, der Star zu werden. Eine Woche spรคter hob Eisner seine Figur richtig aus der Taufe. In dieser Geschichte ging es darum, die Illusion, Denny Colt sei tot, aufrecht zu erhalten. Hier wurde zum ersten Mal die blaue Dominomaske zum Kostรผm hinzugefรผgt. Die Zeichnungen sowie die Handlung waren zwar noch immer nicht spektakulรคr, aber es war bereits ein sichtbarer Fortschritt gegenรผber der Vorwoche zu erkennen. Das Erรถffnungspanel erschien mit dem bekannten Logo und gab einen Einblick in das, was folgen sollte.
Was als eine nicht besonders aufsehenerregende, kleine Detektivgeschichte begann, entwickelte sich zu einem der bahnbrechendsten und zukunftsweisendsten Comics aller Zeiten.
Denny Colt war ein Jedermann und nur minimal kostรผmiert, ein netter Kerl, der gegen die bรถsen Jungs kรคmpfte. Und im Gegensatz zu seinen heldenhaften Artgenossen war er keineswegs unverwundbar. Er litt bei jedem Schlag, den er einzustecken hatte.
Will Eisner auf seinem Hรถhepunkt
In den folgenden Monaten schwang sich Eisners Kunst und Erzรคhlgeschick zu phรคnomenalen Hรถhen auf. Fast jede Woche verwandelte er die jeweilige Geschichte in ein Mini-Meisterwerk aus Stimmung und Grafik, wobei er seine kreative Kontrolle fรผr viele Experimente und alle mรถglichen Techniken nutzte. Unterschiedliche Perspektiven und Winkel, seltsame Motive und Tempi, neuartiges Lettering, interessanter Einsatz von Licht und Schatten, verschachtelte Handlungsstrรคnge und unzรคhlige andere Tricks wurden eingesetzt. Das ging weit รผber die bis dahin bekannten Heldencomics hinaus und fรผhrte tief in die Welt der filmischen Perspektive hinein.
Als er 1942 zum Dienst in der US-Army eingezogen wurde, hinterlieร er seine Schรถpfung einem Team von Assistenten, kehrte dann aus dem Krieg zurรผck und machte dort weiter, wo er aufgehรถrt hatte.

Ende der 1940er Jahre befand sich Eisner auf dem Hรถhepunkt seines Kรถnnens und entwickelte Geschichten, in denen Denny Colt selbst immer weniger eine Rolle spielte und mehr als Katalysator denn als zentrale Figur agierte. Jede Folge brachte eine neue รberraschung mit sich und erinnerten an die Arbeiten groรer amerikanischer Schriftsteller.
Eine Geschichte folgte Kleinkรผnstlern durch die Straรen der Stadt und vermischte solide Charakterzeichnungen mit Elementen des Absurden, eine andere prรคsentierte ein weltumspannendes Abenteuer. Der Titelheld agierte immer mehr am Rand jener Domรคne, dessen Namen er trug: Spirit.
Nachdem das goldene Zeitalter der Comics vorbei war, sank die Auflage. Eisner beschรคftigte sich mit anderen Dingen. Nach zwรถlf Jahren lief die Serie um den Spirit aus. Die letzte Strecke ist Zeuge des Versuchs, das Konzept neu auszuloten. Man beauftragte den Schriftsteller Jules Feiffer und den Kรผnstler Wally Wood damit, Danny Colt aus seiner urbanen Gegend herauszunehmen und ihn direkt ins Weltall zu schieรen. Die letzten Kapitel wurden im Oktober 1952 verรถffentlicht.
Das Nachleben von „The Spirit“
Allerdings war das noch nicht das Ende. In Jules Feiffers bahnbrechendem Buch โThe Great Comic Book Heroesโ von 1965 wurde eine klassische Eisner-Geschichte nachgedruckt, und auch Harvey Comics brachte 1966 und 1967 einige Geschichten im รberformat neu heraus. In den 1970er Jahren hauchten Warren Publishing und Kitchen Sink Press „The Spirit“ komplett neues Leben ein, brachten Eisners klassische Geschichten einem neuen Publikum nรคher und verpflichteten gelegentlich sogar den Maestro selbst dazu, neue Geschichten beizutragen. Und in den folgenden Jahren verรถffentlichte DC eine umfangreiche Reihe von Hardcover-Archivausgaben, die die komplette Serie enthielten. In Deutschland wurden 22 Archivbรคnde plus zwei Sonderbรคnde von Salleck Publications verรถffentlicht.
Will Eisners Geschichten dienen weiterhin als Anregung fรผr Comicschaffende und Wissenschaftler und werden von jeder Generation wiederentdeckt, aber die Figur selbst hat sich als weniger gut gealtert erwiesen. Heute erscheint sie eher liebenswert als dauerhaft. Verschiedene Verlage haben versucht, mit verschiedenen Kreativteams einen Neustart zu wagen. Allerdings gelang es ihnen zu keiner Zeit, die gleiche Magie zu erreichen wie Eisner und sein Team in ihren Anfรคngen. Versuche, die Figur in andere Medien zu รผbertragen (einschlieรlich einer TV-Adaption von 1987 und Frank Millers Spirit-Film von 2008), scheiterten als lauwarme Lรผftchen.

Der Grund ist simpel: trotz der Sympathie, die man der Figur Danny Colt gegenรผber empfindet, ist sie eigentlich nicht der Grund, warum sich die Menschen noch immer fรผr The Spirit interessieren. Das wesentliches Element war Will Eisner selbst, vor allem die Art, wie er mit Charakteren jonglierte, Handlungsstrรคnge und Bildstilmittel einsetzte und dadurch Geschichten erzรคhlte, die jede Woche aufs Neue an die Grenzen des Mediums Comic stieรen und neue Richtungen vorgaben.
Und Eisners eigenwillige Auseinandersetzung mit der Form, seine visuellen und narrativen Innovationen und seine Gabe, leicht schrรคge Kurzgeschichten zu schreiben … das sind keine Elemente, die man wiederholt einfangen kann. Wer das Erbe der Serie aufgreift, kann dem Kernkonzept seine eigenen Vorstellungen hinzufรผgen, mรถglicherweise kann er sogar die Groschenheft-Stimmung und die wilden Charaktere darstellen, aber Eisners Vision kann er eben nicht wieder heraufbeschwรถren.
Heute feiern wir also genau das. Nicht den gut gekleideten, maskierten, Detektiv Denny Colt, sondern die Geschichten, in denen er auftrat, und die kรผnstlerische Stimme ihres Schรถpfers Will Eisner. Das ist der Geist von „The Spiritโ, eine einzigartige Vision, die diese Figur den Test der Zeit bestehen hat lassen.
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