The Ring

Kôji Suzuki mag sich über Ruhm, Lob und vernünftigerweise auch über ordentlich Geld gefreut haben, so richtig gut zufriedenstellend können für ihn die Verfilmungen seines Romans The Ring nur bedingt gewesen sein. Könn(t)en, wohlgemerkt…sofern der Leser unterstellt, dass es dem Autor wohl vor allem darum ging, altbewährte Horrorelemente, – Fluch, Spuk, Angst, Tod -, in möglichst neuer Machart (eh schwierig) gekonnt unterzubringen in einer Story, die sich im Rahmen einer ordentlich recherchierten Detektiv-Geschichte befindet. Die mörderische Spurensuche endet bei Suzuki mit der Prophezeiung, die ganze Welt müsse dran glauben, wenn nicht…
Im Film, – 1998 in Japan (Regie: Hideo Nakata, die US-Version (Regie: Gore Verbinski) folgte 2002 -, ist es ein zum Kult gewordener Show-Effekt, simpel gestrickt, dafür umso grausiger, der dem Zuschauer als Alptraum, weniger als Zunkunftsvision hängen bleibt und für prima Wahnvorstellungen vor dem ausgeschalteten Fernseher sorgen kann. Wohlwollende Warnung: Nicht reinsteigern in so was! Und keine Macht den Drogen, die wollen den Bildschirm flackern sehen.

The Ring, ein japanischer Horror-Bestseller von 1991 (deutsche Ausgabe: 2003), ist als Immer-wieder-brauchbar-Idee, mal streng betrachtet, natürlich kein Geniestreich: Tote Menschen mit bitterbösen Gedanken bleiben im Horror-Genre nicht und niemals tatenlos in ihren Gräbern, die kommen wieder raus, sind meist fürchterlich angeschlagen und rasseln nicht mit Ketten, um sich anzukündigen. Das sind keine höflichen Schloßgespenster, das sind phantasievolle Killer. Die machen Ernst. Immer. Wie und warum und bei wem sie das machen, ist einzig Sache des Erzählers. Wenn der gut ist und seinen Job vernünftig erledigt, stimmt die Angelegenheit. Auch das immer. Suzuki verdient diesbezüglich deutlich mehr als nur ein Schulterklopfen. Japanischer Stephen King wird er genannt. Nicht überall. Nicht von jedem. Einige flüstern das nur. Andere lächeln freundlich. Ehren wird’s ihn allemal.

Die Story als Rohbau ist im Buch wie auch im Film architektonisch ein Ding: Ein(e) Journalist(-in) begibt sich in Begleitung eines Freundes auf die abenteuerliche Suche nach einem verfluchten Videoband, das offensichtlich die Quelle mysteriöser Todesfälle ist. Die Kassette wird gefunden, man sieht einen wirren, beklemmden Kurzfilm, der mit der Warnung endet, dass der Zuschauer in einer Woche sterben wird, wenn nicht…brzzl, krck. Funkstille. Ratlosigkeit. Furcht. Es stellt sich heraus, dass eine junge, längst verstorbene Hellseherin (Sadako im Buch/jap. Verfilmung, Samara in der US-Fassung) verantwortlich ist für die scheinbar zusamenhanglosen, düsteren Filmsequenzen, die durch Gedankenübertragung entstanden sind. Sadako/Samara, der im Leben übel mitgespielt wurde und die in einem Brunnen keines natürlichen Todes starb, ist ein ruheloser, zorniger, hasserfüllter Geist (der später dann physische Gestalt annimmt), der tötet, um sich an allem und vor allem jedem zu rächen. Ihre Opfer sind Zufallstreffer, jeder, dem das Band in die Hände fällt, ist auserwählt und stirbt nach sieben Tagen. Unschöne Aussicht, natürlich. Würde da kein Riegel vorgeschoben, wären logisch nicht erklärbare Massen-Herzinfarkte die Konsequenz, verursacht vom bloßen Video-Gucken, – sofern man das Band nicht anschließend kopiert und panisch weitergibt, um den Fluch von sich selbst (durch die Kopie) abschütteln und Zweite, Dritte, Vierte damit belästigen, quälen, tatsächlich denn auch mehr oder weniger freiwillig zum Tode verurteilen zu können. Ob solch ein Riegel stabil genug für eine kleine Ewigkeit ist bzw. wäre, bleibt freilich offen.
Der Journalist (in den Filmen eine Frau) und sein Freund, ein leicht abgehobener Uni-Dozent, sehen auf jeden Fall Sinn darin, die Leiche der Frau auszugraben und aus dem Brunnen zu holen, um sie vernünftig bestatten und die rastlose Seele ihren Frieden finden zu lassen. Damit würde Ruhe einkehren. Denken sie. Es gibt Fälle, da haut das hin. Hier nicht. Der Gelehrte findet fristgerecht einen verstörenden, qualvollen Tod, der Journalist überlebt. Und schlussfolgert, er habe das wohl dem Umstand zu verdanken, dass er seinem Freund eine Kopie der Kassette überlassen hat.

Logisch oder nicht, spannend ist das alles schon. Zumal eine Aufklärung nicht stattfindet. Ob der verkappte Held der Story es schafft, seine Frau und seine kleine Tochter zu retten, die den Kurzfilm heimlich auch gesehen haben, wird nicht gesagt. Und Sadako/Samara bleibt mysteriös und tiefdunkelbösartig, direkt enttarnt wird nichts. Der geneigte, aber fest gepackte Leser liest, logisch weiter in The Ring II (auch als Kinofilm) und The Ring III, ebenfalls Mega-Bestseller; in die wird hier aber kein Blick erlaubt. Grundsätzlich schade zwar, weil jetzt die Neugier zu fressen beginnt, aber das will streng getrennt sein.
Etwas unfair ist Nörgelei in diesem Zusammenhang. Dass die Auflösung bei diesem Grusler enttäuscht (Filmkritik, Gong), da halt doch so manche Frage unbeantwortet bleibt, mag hier zwar Zustimmung finden. Letztendlich aber findet gezielt auch gar keine statt, die Auflösung lauert und nistet sich als Wie? Warum? Was? im Genick (und im Hirn) des Lesers/Zuschauers ein, sie beschäftigt, ärgert, verunsichert, macht nervös. Und ängstlich. Exakt das soll sie. Und die komplexen, spezifischen Charaktere mit den ihnen eigenen Gedankenwelten tragen nicht unbedingt zu einem klaren Verständnis der gesamten Situation bei. Das ist im Buch so. Das ist im Film genau so. Man bewegt sich permanent in bedrohlicher Atmosphäre, einer unheilvollen Dimension, die im Roman tatsächlich immer (be-)greifbarer wird, deren Dichte freilich auch in der japanischen Verfilmung stark überzeugt. Im Gegensatz dazu schafft es die Hollywood-Version, mit plakativen Effekten und genial in Szene gesetzten Schauer-Highlights aufzutrumpfen. Beides dürfte/hat gefallen.

Suzukis Sadako im Roman ist auf jeden Fall spezieller als die Film-Samara, obgleich die Kamera diese (natürlich) schrecklicher zeichnet. Sadakos Rachedurst ist nicht nur so richtig gut schlimm, sondern allumfassend mörderisch: Gleich die ganze Menschheit sollte/könnte ausgerottet werden, wenn das Video seine Runde macht. Die untote Sadako, im Leben unverstanden und tragisch in ihrer Sonderlichkeit, ist im Buch ein vor seinem gewaltsamen Tod vergewaltigter und dabei mit einem tödlichen Pockenvirus infizierter Hermaphrodit mit übersinnlichen Fähigkeiten, der es in seinem grenzenlosen Zorn auf die Vernichtung der Menschheit abgesehen hat. Mann und Frau in einem Körper, das stand in der Antike für absolute Macht und Schönheit, das steht bei Suzuki für das mögliche Gelingen eines teuflischen Plans: Alle, die das Video ansehen, mit dem Pockenvirus anzustecken. Heilung unmöglich, der Rest sind lausige sieben Tage. Zumal in Sadakos besonderem Fall, um das auch ordentlich glaubhaft zu machen, tatsächlich Grundsätzliches gilt:
„Drei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit die Toten ihren Hass in der Welt zurück lassen können. Es muss ein abgeschlossener Raum (ergo der Brunnen) vorhanden sein, außerdem Wasser, und es muss eine Zeitspanne vergangen sein, die dem Alter der Person bei ihrem Tod entspricht.“ Stimmt alles. Also. Und wer jetzt denkt, Oh Mann, Suzuki, das ist heavy und irgendwie doch sehr, eben sehr merkwürdig…ist es. Und klingt, so auf den Nenner gebracht, auch ziemlich durchgeknallt. Die Rechnung ging aber auf. In drei Büchern.
(The Ring II , Titel Originalausgabe: Rasen , 2003; The Ring III , Titel: Loop , 2004)

Im Film ist das alles, ja, einfach eine Spur anders geworden: 1998 in Japan bereits ein bisschen, in Amerika, wo eh immer (fast) alles heimattreu gemacht wird, schon ein Stück mehr. Von Pocken und dämonisch-magischen Zwitter-Wesen ist da nicht die Rede. So kratzt zwar vor allem allem die US-Version teils recht ungeniert an der Betrachtung des Erfinders, – eingebaut wird auch ein parapsychologisches Kind, das nicht sein muss, aber auch nicht stört -, aber sie kratzt höchst effektvoll, das macht die Sache erst so richtig fein fies. Suzukis gut düsterer Schrifftsteller-Phantasie gilt zwar der gebührende Respekt, aber diese fürchterliche Frau, die aus dem Fernseher geradewegs in (unser) Wohnzimmer krabbelt, ist ein teuflisch genialer Streich, der eben so nicht aus seiner Feder stammt. Genau betrachtet: Wie auch?
Die Szene ist Gänsehaut in Vollendung, ein Aha-Muss für Horrorfans, Markenartikel der düsteren Liga, da kriegen, Hand aufs Herz, selbst die Hartgesottensten Bammel. Im Buch fehlt das, man darf sich als Leser zwar Abstraktes in ähnlicher Art vorstellen, – immerhin passiert dem Freund Grauenvolles in den letzten Minuten seines Lebens, Furchtbares, das sich primär in seinem Kopf abspult, dann physisch wird -, aber es bleibt in konkreter Hinsicht undefiniert. Ein Autor darf sich das auf dem Papier erlauben, ein Drehbuch braucht dafür mehr Bilder.

Fazit ist grundsätzlich: Das Buch ist gut, die Filme sind es auch. Diese hinterlassen, – und das ist bei gelungenen Verfilmungen einer ebenso gelungenen Romonanvorlage auch völlig okay -, mehr nachhaltigen Eindruck. Natürlich sind sie als Massen-Medium tatsächlich besser geeignet, um Furcht, einfach nur grenzenlose Furcht zu erzeugen. Eine Kamera erleichtert solch ein Vorhaben. Klappt aber auch (bei Weitem) nicht immer. Bei The Ring (im Original: Ringu) hat’s funktioniert: Angst ist tonangebend, auf der Leinwand, streckenweise natürlich auch auf dem Papier. Hier tastet sie sich allmählich heran, geht aber nicht so weit, dass die Vorstellung, das eigene Blut würde in den Adern gefrieren, Gestalt annehmen kann. Heißt natürlich nicht, – das will betont sein -, Kôji Suzuki kann es (einen) nicht so richtig gruseln lassen. Kann er. Aber anders. Suzuki macht schließlich keine Filme. Und darf als Schriftsteller erwarten, dass die Vorstellungskraft seiner Leser mit bestimmt, wer und was und in welchen Farben in seinem Kopf den Takt angibt. Denn merke (immer wieder gut aufs Neue): „Dein größter Feind ist deine Fantasie.“ (Zitat aus The Ring)
Wissen wir. Das gilt aber nur sehr eingeschränkt zum Troste für die paar illusorisch Tapferen. Wie auch dieser aufmunternde Satz aus dem Roman, – tausendmal gehört, tausendmal (nicht?!) schiefgelegen -, der so herrlich ehrlich ist:
„Keine Angst. Da unten ist nichts.“

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)