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The more I looked at people, the more I hated them

(Titelbild: Badlands, copyright: Warner Bros., 1973)

Mickey Knox sagt: „Scheiße, Mann, ich bin einfach der geborene Killer.“ Natural Born Killers, 1994. Kit Carruthers schultert das Gewehr, spuckt auf seine Stiefel, weiß, dass er nicht weiß, was er tut, – …was sie tun… – , und tötet. Badlands – Zerschossene Träume, 1973. Charles Starkweather sagt:

„The more I looked at people, the more I hated them.“

Knox und Kit sind Filmfiguren. Starkweather war ein Serienkiller, der als 21Jähriger in Nebraska auf dem elektrischen Stuhl starb. Im Frühsommer 1959. Da war sein großes Idol James Dean bereits vier Jahre tot. Und François Truffaut drehte Sie küssten und sie schlugen ihn mit Jean-Pierre Léaud als Junge Antoine, der sich seine Welt besser denkt und gegen all das da draußen still rebelliert. Mag man das jetzt nachvollziehen können oder stirnrunzelnd darüber hinwegsehen, aber das Bild von diesem trotzigen Antoine taucht auf, wenn von der traumatisierten Kindheit der Mörder die Rede ist, die Revoluzzer in ihrem eigenen sinnverdrehten Krieg spielen. Eine erbärmliche Rolle. Keine Truffaut-Rolle.

Charles Starkweather (Archiv-Bild)

Bei Starkweather, unspektakulär in einer kinderreichen, recht mittellosen Familie aufgewachsen, waren es Spott und Hänseleien während der Schulzeit, die ihn zornig machten. Seiner Einfältigkeit setzte er Körperkraft entgegen. Er war ein guter Sportler. Er verprügelte sie alle, schlug weiter zu, wenn es längst genug war. Er war der wahnsinnige Schläger, vor dem die anderen Angst hatten. Gleichzeitig imitierte er optisch immer mehr Hollywoods jungen Star-Rebellen: Er kleidete sich wie er, posierte, rauchte, blickte wie er: So suchend. Irritiert. Aufmüpfig. Fighter ohne Grund. Sowas  wie James Dean. So ungefähr. So gedacht. So verdammt falsch gedacht.

Die verlorene Generation: Da war sie. Oder eben nicht. Aber ihr fühlte sich Starkweather zugehörig, ohne dass er es jemals hätte erklären, in Worte fassen können.

Er verließ die Schule mit sechzehn, jobbte als Gelegenheitsarbeiter, zog von zuhause aus, konnte die Miete nicht zahlen…und wurde erstmalig zum Killer, weil der junge Tankwart Robert Colvert sich weigerte, ihm ein Stofftier auf Kredit zu geben, das er seiner erst dreizehnjährigen Freundin Caril schenken wollte. Starkweather tobte vor Wut. Noch in der gleichen Nacht fuhr er bewaffnet zu der Tankstelle zurück, raubte sie aus, entführte Robert Colvert und erschoss ihn an einer abgelegenen Stelle.

Nur kurz darauf tötete er Carils Mutter Velda und ihren Stiefvater nach einem Streit in deren Haus und erstach die kleine Halbschwester Betty Jean. Die Leichen schleppte er nach draußen, Mutter Velma in die Hoftoilette, Stiefvater Marion Bartlett in den Hühnerstall, und das Baby warf er in den Müll. Caril Fugate, so irritierend kindlich, so grotesk und schwer verliebt und selbst mit wenig Intelligenz, dafür mit erstaunlicher Abgebrühtheit gesegnet, kam von der Schule nach Hause, sah das Furchtbare, wischte eifrig das Blut weg und blieb bei ihm.

Caril Fugate (Archiv-Bild)

Die beiden verbrachten die darauffolgenden Tage gemeinsam in Carils Elternhaus und öffneten die Tür nicht. Besucher wurden fortgeschickt mit der Erklärung, alle hätten die Grippe. Die Großmutter wurde misstrauisch, schaltete die Polizei ein. Als die eintraf, waren Charles und Caril bereits verschwunden und auf dem Weg zum Haus eines langjährigen Freundes der Starkweathers, August Meyer, zweiundsiebzig, Junggeselle, der sie ahnungslos hereinbat. Sie erschossen Meyer, legten die Leiche in einer Hütte ab und zogen mit seinen Gewehren weiter.

Robert Jensen und Carol King, zwei Teenager, waren die nächsten Opfer. Robert nahm die beiden „Tramper“ Fugate und Starkweather in seinem Auto mit. Er wurde mehrmals in den Kopf geschossen, seine Beifahrerin Carol durch Messerstiche getötet.
Fugate und Starkweather fuhren in einen der wohlhabenderen Stadtteile, die Charles aus seiner Kurz-Episode bei der Müllabfuhr kannte, und drangen in das Haus der Eheleute Ward ein. Clara Ward zwangen sie, ihnen ein Frühstück zu servieren, bevor sie erstochen wurde wie auch das Hausmädchen Lilian. Sie warteten, bis der Ehemann auftauchte, ermordeten ihn und flüchteten in seinem schwarzen Packard bis Wyoming, wo sie nach wilder Verfolgungsjagd verhaftet wurden.

Über 1200 Polizeibeamte und die Nationalgarde waren mittlerweile hinter ihnen her. Unterwegs hatten sie noch den Geschäftsmann Merle Collison erschossen. Warum auch er sterben musste, scheint fast überflüsig gefragt zu sein: Da war kein Grund. Es gab nie einen Grund. Es gab nur Charles Starkweather: So dumm, so böse, so kaltschnäuzig, so voller Wut und Hass auf alles. Kein James Dean. Nur ein billiger Abklatsch aus dem finsteren Irgendwo.

Und es gab die blutjunge Caril Fugate: Genauso grenzenlos dumm. Sonst nichts. Immerhin zeigte sie eine Spur von Gerissenheit, als sie bei der Festnahme behauptete, Charles hätte sie als Geisel genommen, mit der Blutspur hätte sie nichts zu tun. Tatsächlich bestätigte Starkweather das zu Beginn der Verhandlung, bezeichnete sie aber als Lügnerin, als sie ihn Mörder nannte. Ein gewöhnlicher Mörder? Nein, war er nicht.

Natural Born Killers (Foto copyright: Warner Bros.)

Glauben schenkte das Gericht Carols Unschuldsbeteuerungen nicht: Ihr Alter rettete sie vor der Todesstrafe, sie bekam lebenslang, wurde nach achtzehn Jahren Haft entlassen und nahm einen anderen Namen an. Starkweather wurde nach seinem Tod auf dem elektrischen Stuhl, – elf Morde in kürzester Zeit konnten ihm nachgewiesen werden – , in seiner Heimatstadt Lincoln, Nebraska, begraben.

Die Geschichte von unreif verstandener Liebe und extremer Gewalt als Aufputschmittel für die Leere im Kopf verarbeiteten Terrence Malick (Badlands) und Oliver Stone (Natural Born Killers) für die Leinwand. Großes Kino, große Show. Hätte Charles Starkweather wohl irgendwie gefallen. Warum? Hätte er wohl irgendwie nicht sagen können.

Bruce Springsteen singt es in Nebraska. Für ihn? Eher nicht.

I saw her standin‘ on her front lawn just twirlin‘ her baton
Me and her went for a ride sir and ten innocent people died

From the town of Lincoln Nebraska with a sawed off .410 on my lap
Through to the badlands of Wyoming I killed everything in my path

I can’t say that I’m sorry for the things that we done
At least for a little while sir me and her we had us some fun…

(ursprünglicher Titel: Starkweather)

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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