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Tess Riley & Christian Brandt / »Jack«

riley-jackDer 27jährige Matthieu Savary gilt als Physik-Wunderkind am C.E.R.N.. Während seine Kollegen auf der Suche nach Higgs-Teilchen sind, bereitet der Franzose unbemerkt ein ganz privates Experiment vor. Ein Versuch, der ihn in den Olymp der Wissenschaften katapultieren oder schlicht töten könnte.
Das Experiment hält offenbar beides für Savary bereit: es gelingt ihm zwar, mittels eines kleinen schwarzen Lochs einen Sprung in die Zukunft zu machen, gleichzeitig erfolgt aber eine gewaltige Explosion, die den jungen Wissenschaftler tödlich verstrahlt. Die behandelnden Ärzte geben ihm nur noch einige Tage oder Wochen. Da kommt plötzlich eine Fremde an sein Krankenbett. Sadie Fletcher ist Mitglied einer geheimen Organisation, die Savary schon lange beobachtet. Sie verfügt angeblich über unbekannte Medikamente, die sein Leben über viele Jahre verlängern können. Außerdem besitzt die Organisation scheinbar einen Teilchenbeschleuniger, der dem des C.E.R.N. in nichts nachsteht. Savary soll dort seine Zeitreise-Experimente fortführen, um eine wichtige Aufgabe im Jahre 1888 zu erledigen. Der Auftrag: Beschaffung eines objektiven Beweises, dass kein Mitglied des englischen Königshauses an den berüchtigten Rippermorden beteiligt war. Nur wenig später stellt Savary eine illustre Gruppe aus internationalen Spezialisten zusammen, die ihn bei dieser gefährlichen Reise begleiten sollen: ein ehemaliger finnischer Polizist, einen schottischen Schauspieler, eine italienische Forensikerin, eine schweizer Meisterdiebin und einen russischen Computer-Techniker. Und dann ist da noch die Historikerin Karoline Freitag, die nur zufällig auf das Geheimprojekt stößt. Der Auftrag ist komplizierter als gedacht und erfordert mehrere Besuche im London des Jahres 1888. Die Zeitreisenden verfolgen zudem alle ganz eigene Ziele. Während es ihnen mehr oder weniger glückt, keine großen Veränderungen in der Vergangenheit vorzunehmen, ist ihr eigentliches Ziel – Jack the Ripper – längst auf die ‚Besucher‘ aufmerksam geworden. Ein blutiges Katz-und-Maus-Spiel nimmt seinen Anfang.
Der eigentliche Plot – Zeitreise ins viktorianische London Jack the Rippers – hat durchaus Potential. Wie es in einem Thriller zu erwarten ist, halten die Autoren auch einige unerwartete Twists bereit. Eher unbefriedigend ist allerdings die wissenschaftliche Erläuterung der Zeitreisen. Während z.B. Michael Crichton in seinem Roman »Timeline« das Prozedere sehr ausführlich erläutert, wird hier nur von schwarzen Löchern und einem ominösen Gerät namens ‚Dimensionator‘ erzählt. Savary hat kurz zuvor erst einen Sprung in die Zukunft (!) nur knapp überlebt, doch nur wenig später stellen Zeitreisen in die Vergangenheit keinerlei Problem mehr für den Physiker dar. Auch gegen die tödliche Strahlung gibt es nun einen Schutz. Woher kommt dieser plötzliche ‚Quantensprung‘ in seinen Überlegungen? Nicht nur die genaue Zeiteinstellung ist scheinbar ein Kinderspiel, offenbar kann man sich auch an jeden beliebigen Ort auf der Welt ‚teleportieren‘ lassen. Dies hatte selbst der Ur-Vater der Zeitreise, H.G. Wells, in seinem Buch »Die Zeitmaschine« nicht gewagt. Seine Maschine bleibt an Ort und Stelle, während sich um ihn herum die Welt verändert.
Unglaubwürdig ist auch die Reaktion der Crew auf das bevorstehende Abenteuer. Niemand stellt die Möglichkeit einer derartigen Zeitreise überhaupt in Frage. Kein Teilnehmer diskutiert auch nur über eventuelle Gefahren. Das ist phantastischer als das gesamte Unternehmen.
»Jack« ist somit ein spannender Zeitreise-Thriller, dem es allerdings an wichtigen Stellen an Überzeugungskraft mangelt. Es reicht in diesem Genre eben nicht aus, nur Stichworte wie ‚C.E.R.N.‘, ‚Teilchenbeschleuniger‘ oder ‚Schwarzes Loch‘ fallen zu lassen, um den Leser atemlos auf eine Reise durch die Zeit mitnehmen zu können.

Tess Riley + Christian Brandt: »Jack«
Rowohlt Verlag, 2015
Tb., 320 Seiten, € 9,99
ISBN 978-3-499-26957-8

Andreas Wolf, im Juni 2015

Andreas Wolf

Geboren im Jahr des Tigers und Sternzeichen Löwe, schreibt unter Pseudonym düstere Erzählungen und Romane und unter seinem bürgerlichen Namen Rezensionen für das Magazin „phantastisch!“.

1 Kommentar zu Tess Riley & Christian Brandt / »Jack«

  1. Gute Buchvorstellung, sauber. Was und wie es mich erwartet…lesenswert scheint es mit gewissen Abstrichen wohl allemal zu sein. Was mich immer wieder irritiert/neugierig macht: Ein Autoren-Duo. Frage mich, ob das mit mir funktionieren würde. Eher nicht-nie.

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