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Folge 13: Streifzüge durch die Unterwelt (2): Terry Pratchett und Neil Gaiman

Willkommen zum zweiten Teil unseres Streifzugs durch die Unterwelt. Den ersten Teil gibt es hier: Streifzüge durch die Unterwelt (1) – Dantes Inferno und Miltons verlorenes Paradies.

Wir reisen heute durch die endlosen Weiten des Raumes bis zum Rand des bekannten Universums und darüber hinaus. In eine scheibenförmige Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten ruht, die selbst vom Rücken einer riesigen Schildkröte getragen werden.

Wir sind ein paar Jahrhunderte weiter nach vorne gesprungen, haben die klassische Literatur hinter uns gelassen und sind in die Hölle eines modernen Meister der Fantasy gekommen.

Terry Pratchett

Terry Pratchett hat immer sein eigenes Ding gemacht, und die Scheibenwelt-Version der Hölle ist etwas unbeschwerter als die bisher besuchten. Sicher, im Angesicht der Strafen ist auch diese Hölle ziemlich schrecklich, die Verdammten werden gestreckt, verbrannt, genagelt und so weiter. Aber die zentrale Aussage von Pratchetts Hölle ist die, dass die meisten der verdammten Seelen, die in ihr gefangen sind, herausgefunden haben, dass sie Geister sind, die keinen Schmerz fühlen können, wenn sie es nicht wollen.

Die meisten der Dämonen, die diese Hölle bewohnen, haben sich gut mit dieser Tatsache arrangiert. Sie erledigen ihren Job und machen einfach weiter wie gewohnt. Einige Dämonen “quälen” seit Jahrhunderten dieselben Seelen und haben eine enge und freundschaftliche Beziehung zu ihnen aufgebaut. Denkt man in einem ernsten Kontext darüber nach, ist diese Vorstellung doch ziemlich erschreckend. Man stelle sich vor, das Wesen, das die meiste Zeit mit einem verbringt, das einen besser versteht als die Eltern, der Partner und sogar der Therapeut, entwickelt sich im Laufe der Geschichte in ein hasserfülltes Monster, das nichts anderes im Sinn hat, als einen auf jede erdenkliche Weise fertig zu machen. Bis in alle Ewigkeit.

Natürlich ist die Scheibenwelt freundlicher als dieser Gedanke.

Oder zumindest war sie das.

Denn im Roman “Eric” ist die Hölle von der Moderne bedroht. Der Dämonenkönig Astfgl hat herausgefunden, dass Langeweile die größte Strafe von allen ist. (Vermutlich ein Einblick in Pratchetts eigenen Glauben). Er beschließt, dieses Wissen zu nutzen, um die Verdammten effektiver zu bestrafen. Zum Beispiel müssen sie Dämonen zuhören, die gigantische Bücher über Gesundheit und Sicherheit vorlesen, mit Hunderten von Unterabsätzen. Wir müssen im Laufe dessen zu dem Schluss kommen, dass die Wiederherstellung des Status quo der Hölle eigentlich nicht so schlimm ist, denn menschliche Foltermethoden sind den dämonischen weit überlegen.

So witzig es auch sein mag, stellt diese Version der Hölle die abschreckende Möglichkeit dar, dass sich die Hölle und ihre Bewohner verändern oder entwickeln können, und sogar Ideen der Menschheit stehlen, die noch schlimmer sind, als ursprünglich geplant. Viele andere Schriftsteller haben mit dieser Idee experimentiert.

Einige haben Höllen geschaffen, die hier gar nicht berücksichtigt werden können, wie etwa in Clive Barkers “Das scharlachrote Evangelium”, das mit einem Höllenpriester beginnt (den wir alle als Pinhead kennen), der sterblichen Magiern Macht und Wissen stiehlt, um die infernalische Domäne besser erobern zu können. Oder das eher übertriebene Leben nach dem Tod aus Richard Kadreys “Sandman Slim”-Romanen mit seinen Vorstandssitzungen und dämonischen Killern.

Pratchett hat uns mit vielen Fragen zurückgelassen. Könnten die Höllen, die wir auf Erden erschaffen, verkommener sein als die, die von Teufeln für uns entworfen wurden? Ist das Böse um des Bösen willen von Natur aus unoriginell und damit weniger gefährlich als das Böse, das durch Unfähigkeit oder Gleichgültigkeit geschaffen wird? Hat die Person, die die Nebensätze erfunden hat, einen eigenen Höllenkreis erhalten?

Oh. Ein Teufel hat uns entdeckt und eilt herbei, um unsere Bekanntschaft zu machen. Ich mag den Look der Mistgabel, die er trägt, nicht. Verschwinden wir besser von hier. Ich denke, ein kleiner Dimensionssprung ist angebracht.

Und schon sind wir angekommen und bestaunen eine der prächtigsten Höllen in diesem oder jedem anderen Kosmos.

Neil Gaimans – Der Sandmann

Gemeint ist die Hölle, wie sie von einem guten Freund Pratchetts und einem Großmeister der Fantasy präsentiert wird. Es ist eine Comicbuch-Hölle, aber deshalb noch lange keine Lachnummer.

Die Hölle, die wir im “Sandmann” sehen, ist eine Dimension oder ein Reich unter vielen. Sie und ihr Herrscher werden zu Recht auch von den größten Wesen der Kosmologie Neil Gaimans gefürchtet, aber sie ist immer noch eine politische Einheit, ein Land, das Staatsbesuche erhalten, überfallen und sogar gestürzt werden kann.

Im Aussehen ist diese Hölle riesig und seltsam und phantasmagorisch. Das Eingangstor ist ein weitläufiges Gewirr aus dicht gepackten organischen und architektonischen Elementen, ähnlich wie das von H. R. Giger entworfene Castle Grayskull. Endlose Ebenen erstrecken sich bis zum Horizont, hier und da übersät mit Bergen und weniger natürlichen Strukturen – unglaublich verdrehten Steingebäuden, rülpsenden Schornsteinen und grausamen Folterkammern. Es gibt ein Meer aus Blut und einen überraschend schönen hellrosa Himmel.

Als Morpheus (alias Dream) diese Hölle besucht, bemerkt er, dass sie im Gegensatz zu den Steinhöhlen von Milton (wo wir schon waren) und Barlowe (wohin wir noch kommen) veränderlich ist. Diejenigen, die über genügend Macht verfügen, können diesen Bereich nach ihren eigenen Wünschen gestalten. Das wirft die faszinierende Frage auf, ob dieser Ort, den wir Hölle nennen, überhaupt höllisch sein muss. Auch ist sie so groß, dass selbst Luzifer ihre Größe nicht begreifen kann. Denn dieser Ort ist die Reflexion des Himmels, und wer könnte den Himmel quantifizieren? Kein Wunder also, dass die Hölle als ein Hauptstück der interdimensionalen Destinationen gilt, um das sich Dämonen, Götter, Engel, Feen und andere manifeste Prinzipien des Universums streiten.

Die Dämonen oder Dämonenarten, die dieses Land bewohnen, meiden meist die klassischen Flügel und Hörner und suchen nach exotischeren Kombinationen aus Merkmalen und Körperteilen:

Die Form eines Riesenbabys mit einer noch angehängten Nabelschnur in Form einer lebenden Schlange, zum Beispiel.

Oder eine Kombination aus Wolf, Mantis und Skelett.

Eine tödliche Kriegerin, deren rechte Seite schön und deren linke Seite eine verfaulte Ruine ist. (Vermutlich eine Anspielung auf die nordische Göttin Hel, die auf unserer Reise immer wieder auftaucht, obwohl sie nicht eingeladen ist.)

Es gibt auch Wesen mit zusätzlichen Mündern, Wolken aus lebendem Gas, Kreaturen mit pelzigen Körpern und freiliegenden Gehirnen und vieles mehr. In gewisser Weise fühlt sich Gaimans Hölle dem Krieg der Sterne näher als Dante, obwohl es auch Hinweise auf die wahnsinnigen Gemälde von Hieronymus Bosch gibt. Keiner der Dämonenarten ist ein Eingeborener der Hölle und nur wenige sind gefallene Engel wie Luzifer. Die meisten fanden ihren Weg von “woanders” her, wie Luzifer es ausdrückt, und das deutetet auf andere Unterwelten und Höllen hin, auf ungeahnte Welten oder sogar auf eine entfernte und schreckliche Leere jenseits des Kosmos. In Comics gibt es immer Platz für eine andere Dimension!

Gaiman teilt einige Ideen mit Pratchett. Seine Hölle hat mehr mit Menschen als mit Dämonen zu tun. Viele der menschlichen Gefangenen dieser Hölle wollen bestraft werden – ihre Schuld, ihr Ego, ihr Bedürfnis, wahrgenommen zu werden – das alles manifestiert sich in dem Wunsch, dass ihre Sünden als wichtig genug anerkannt werden, um ein allgemeines Misstrauen zu rechtfertigen. Nur diejenigen, die glauben, dass sie die Hölle verdienen oder dort sein wollen, landen in der Hölle. (Es gibt Ausnahmen, von denen eine in der Haupthandlung der Serie beschrieben wird.) Gaiman hat eine ebenso allegorische Interpretation der Hölle parat wie Milton, aber mit dem Fokus auf modernen Ideen der Psychologie und nicht auf älteren Vorstellungen wie der Natur der Sünde. Die Hölle ist eine Illusion, ein giftiger Geisteszustand, etwas, das wir uns selbst auferlegen und das wir nicht erleiden müssen, wenn wir es nicht wollen.

Bis hierher haben wir die Reise also schadlos überstanden. Jetzt folgt mir diesen Gang entlang, den wir gerade gemeinsam erschaffen haben. Wir verlassen die vielschichtige Welt der Comics und nicken auf dem Weg nach draußen respektvoll zu Hellboy, Spawn, Constantine, dem Ghost Rider und Etrigan. Natürlich sehen wir im Vorbeigehen auch, was die Besetzung von “Preacher” sich gegenseitig antut.

Ich nehme an, die nächste Hölle wird gegenüber den bisherigen wie eine kleine Erleichterung erscheinen. Wenigstens gibt es dort Schönheit. Mein Name ist Michael Perkampus und ich hoffe, wir sehen und im nächsten Teil wieder. Gehabt euch wohl.

Shownotes:

  1. Intro (00:00)
  2. Terry Pratchetts “Eric” (00:18)
  3. Neil Gaimans “Sandmann” (04:15)

 

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