Tausend Augen

David Blickreich benötigte eine Brille. Bei seinem gestrigen Besuch beim Augenarzt hatte es ihm die Ärztin ans Herz gelegt, sich so bald wie möglich eine solche zuzulegen, denn um seine Sehkraft stand es immer schlechter: Er war kurzsichtig und hatte überdies eine sich stetig verschlimmernde Hornhautverkrümmung.

Er war zwar erst vor kurzem nach Bachbrunn im Weinviertel gezogen, doch er wusste bereits, dass es hier einen ansässigen Optiker gab, ein alter Familienbetrieb mit Namen Taschl. Blickreich war schon immer ein Gegner großer Firmenketten gewesen, er bevorzugte kleine Unternehmen, da er der Annahme war, diese würden sich intimer und freundlicher um ihre Kunden bemühen. Außerdem wollte er sie in Zeiten wie diesen, in welchen Kleinbetriebe immer gefährdeter waren unterzugehen, unterstützen. Leisten konnte er es sich. Erbe eines beträchtlichen Vermögens war er nicht dazu genötigt, einer Arbeit nachzugehen, die ihn von seinen schöngeistigen Interessen abgelenkt hätten.
Also stand er nun vor dem Geschäft am Hauptplatz von Bachbrunn, dessen Fassade schon bessere Zeiten erlebt hatte. Aus den Schaufenstern jedoch blitzten ihm die schönsten Brillenfassungen entgegen, die man sich nur wünschen kann. Die Fensterfront bot auch Einblick in das hell erleuchtete Geschäft, dessen Verkaufsraum von Regalen mit ausgestellten Brillen umsäumt war. Und vor dem Eingang stand ein Schild mit der Aufschrift: Wir konservieren ihr Augenlicht.

Blickreich lächelte etwas schräg über diesen Werbespruch und öffnete die Tür. Eine Klingel ertönte und er betrat den nicht übermäßig großen Raum. Als er sich umsah, war er fast peinlich berührt von all diesen Brillen, deren Gläser ihn seltsam zu mustern, ja fast anzustarren schienen. Ein grotesker Nebeneffekt seiner Liebhaberei zu unheimlicher Literatur: er hatte ein viel zu großes Vorstellungsvermögen.

Und noch etwas kam ihm seltsam vor: Die Brillen, die hier ausgestellt waren, waren keine neuen Modelle wie in der Auslage, teilweise waren sogar sehr alte darunter, beinahe schon Antiquitäten. Blickreich stutzte, dies kam ihm sehr interessant vor.

Nicht lange, und aus einer Tür hinter dem Tresen gegenüber dem Eingang kam die Gestalt eines etwas untersetzten, übergewichtigen alten Männleins zum Vorschein, mit Hemd und Jeans bekleidet. Das Gesicht des Alten war eingefallen, doch war die Rundlichkeit in jüngeren Jahren noch immer erahnbar. Die verschwitzte Glatze, auf der noch ein paar kümmerliche Haare klebten, überwölbte ein Gesicht, welches an das eines Schweinchens erinnerte, mit Knopfaugen ausgestattet, die durch dicke Brillengläser den Gast beäugten.

Während dieses Männlein auf ihn zu trippelte, die Hände fast zitternd ineinander verschlungen, sagte es mit einer dünnen Stimme: „Guten Tag, guten Tag, werter Herr. Was kann ich für Sie tun?“

Blickreich war etwas irritiert von dieser Gestalt, die einen Kopf kleiner war als er und ihm nicht einmal die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte. Er schob die Seltsamkeit des Verkäufers jedoch auf die Eigentümlichkeiten des ländlichen Volkes und antwortete ihm freundlich: „Guten Tag. Mein Name ist David Blickreich. Ich brauche eine Brille.“

„Da sind sie hier genau richtig, Herr Blickreich. Ich betreibe dieses Geschäft schon seit fünfzig Jahren, wie mein Vater vor mir und dessen Vater vor ihm. Sie werden hier also von generationenalter Erfahrung betreut!“, rief das Männlein beinahe überschwänglich aus und fügte hinzu, „Mein Name ist übrigens Eduard Taschl. Ich habe Sie noch nie hier gesehen, sind Sie neu in dieser Stadt?“

„Ja, ich bin erst vor ein paar Wochen hier eingezogen. Ich habe ein Haus in der Brunnenallee gekauft.“

„Ahja, ich verstehe. Verzeihen Sie meine Neugierde, aber in einer so kleinen Stadt kennt man sich eben. Und ein neues Gesicht zieht die Aufmerksamkeit auf sich.“ Taschl lächelte etwas schmierig bei diesen Worten. „Was brauchen Sie denn genau?“

„Hier ist der Verordnungsschein vom Augenarzt.“ Er brachte aus seiner Jackentasche den Zettel zum Vorschein und überreichte ihn dem Verkäufer, der ihn sofort interessiert durchsah.

„Oh, oh, oh, ein recht schwerer Fall, das könnte teuer werden.“ Taschl stieß einen Pfiff aus und schaute dann wieder auf zu seinem Kunden.

„Das dachte ich mir schon.“ Blickreich lächelte.

„Na denn, ein Mann, der weiß, dass gute Qualität kostet. Ganz nach meinem Geschmack. Wenn Sie sich bitte setzen würden, Herr Blickreich, ich möchte Ihnen einige Fassungen zeigen, die vorzüglich zu Ihnen und Ihren … Oh, oh, oh, haben Sie aber schöne blaue Augen! Eine Seltenheit, sage ich Ihnen, so schöne Augen zu haben, und ich muss es wissen, denn ich sehe berufsbedingt viele, viele Äuglein, wie Sie sich denken können. Blau wie der weite Ozean. Da könnte man ja richtig neidisch werden!“ Während dieser Worte wies Taschl ihn zu einem Sessel vor einem Tisch, auf dem ein kleiner Spiegel stand.

Zum zweiten Mal in diesem Geschäft war er peinlich berührt, diesmal von den letzten Worten des Verkäufers. Ein komischer Kauz war er wirklich, dieser Taschl, doch offenbar verstand er sein Handwerk, wie hätte er sich auch sonst als Optiker in einer Stadt halten können, die gute und schnelle Verbindungen nach Wien aufzuweisen hatte?
Taschl sprach unbeirrt weiter: „Es wäre doch wahrlich eine Schande, so schöne Augen verkommen zu lassen! Keine Sorge, keine Sorge, bei mir sind sie in besten Händen. Verlassen Sie sich darauf, ich werde ihre Augen neu einfassen, ihre Sehkraft sozusagen konservieren, wie es auf dem Schild draußen heißt! Augen sind ja bekanntlich der Spiegel der Seele, und die Seele gehört geschützt, nicht wahr?

Wie wäre es beispielsweise mit diesem Modell?“

Taschl reichte ihm eine vollkommen schwarze Brillenfassung, sie war federleicht und Blickreich spürte beinahe kaum, dass er sie aufgesetzt hatte. Er sah in den Spiegel und sie gefiel ihm nicht an seinem hageren Gesicht; außerdem passte die Fassung nicht zu seinem langen schwarzen Haar, er wollte etwas Bunteres.

Der Optiker verzagte nicht und nach einigen Versuchen war eine dunkelrote Fassung gefunden, etwas schwerer als die erste. Sie sah sportlich aus, doch entbehrte sie nicht eines feinen Einschlags, denn die unteren Hälften der Gläser waren rahmenlos.

Natürlich war dies einer der teuersten Brillenrahmen im Sortiment Taschls. Blickreich hatte eine Gabe, sich immer die kostspieligsten Dinge auszusuchen, doch dies störte ihn natürlich nicht weiter. Die endgültigen Kosten, Rahmen und Gläser zusammen, bildeten eine vierstellige Zahl, doch Blickreich hatte, wie gesagt, nichts anderes erwartet. Er sagte Taschl, diese Brille wolle er kaufen.

„Sehr fein! Sehr fein! Sie passt auch vorzüglich zu Ihrem Gesicht. Vor allem zu Ihren Augen, wenn ich das sagen darf“, plapperte das kleine Männchen weiter. Seine eigenen Augen blitzten, als er in die seines Kunden sah. „In einer Woche können sie die Brille abholen!“

„Dankeschön! Ich freue mich schon darauf! Aber, Herr Taschl, wenn ich mir die Frage erlauben darf“, setzte Blickreich an und deutete auf alle Brillen im Verkaufsraum, „diese ganzen Brillen sind ja nicht gerade die neuesten, weswegen haben Sie diese hier alle ausgestellt? Ich frage mich das schon, seit ich hier eingetreten bin, wollte Sie aber nicht gleich ausfragen.“

„Aber, wer redet denn von Ausfragen! Ich finde es nett, dass sie es bemerkt haben!“, rief Taschl und sprach ruhiger weiter, „Mein Großvater hatte bereits die Angewohnheit, ganz besondere Modelle, auch wenn sie schon aus der Mode waren, weiterhin auszustellen. Allerdings unverkäuflich, er legte quasi den Grundstein zu dieser nun doch schon sehr beachtlichen Sammlung, zu der mein Vater und auch ich bereits beigetragen haben. Somit bleibt leider nur mehr in der Auslage und in den Schubladen Platz für die neuesten Modelle, aber ich finde, diese Sammlung gibt meinem kleinen Geschäft ein gewisses Flair. Finden sie nicht?“

Blickreich war zwar nicht gerade dieser Meinung, aber er stimmte Taschl höflich zu und wunderte sich nicht wenig über diese seltsame Sammelgewohnheit. Er verabschiedete sich und ging nach Hause. Dieser Taschl war zwar ein sehr sonderbarer Mensch, aber er wirkte kompetent, wenn auch etwas redselig. Doch letzteres mochte mit seinem fortgeschrittenen Alter zusammenhängen.

Nach einer Woche also trat Blickreich wieder in das Geschäft Taschl ein und stockte erneut, als er der Brillen gewahr wurde, die ihn von allen Seiten des Raumes anstierten. Er schüttelte den Kopf über seine Einbildungskraft. Glaubte er doch schon wieder, von diesen Dingern irgendwie beobachtet zu werden, was ihn diesmal noch unangenehmer berührte, da er nun wusste, dass manche dieser Brillen bestimmt schon über hundert Jahre alt waren. Doch dieser Eindruck hielt nicht lange an, und außerdem kam auch schon der Optiker von hinten aus seinem Arbeitsbereich heraus.

Taschl begrüßte ihn freundlich, ja überschwänglich und sagte, er habe die Brille fertig, sie sei bereit, seine „Sehkraft zu konservieren“, wie er sich in seiner eigenartigen Sprechweise ausdrückte.

Blickreich setzte die Brille auf und war verblüfft, wie klar er mit einem Male sehen konnte. Alles war schärfer, die Konturen der erschauten Welt waren nicht mehr übereinander geschoben. Es war ein herrliches Gefühl.

Taschl hantierte noch einige Male an der Brille herum; er stellte sie ein, sodass sie seinem Kunden perfekt passte. Er wirkte dabei sehr bemüht, während er redete: „So, hier muss noch ein bisschen etwas verstellt werden. Besser? Ja. Ach, da zwickt es noch? Etwas zu eng, sagen Sie? Gut, das haben wir gleich.

Es kann durchaus sein, dass wir heute noch nicht zu der perfekten Einstellung gelangen. Sollten Sie in den nächsten Tagen ein Ziehen bemerken oder Ihnen die Augen etwas wehtun, so liegt es wahrscheinlich daran. Kommen Sie dann einfach zu mir, ich stelle die Brille dann gerne für sie nach.“

Nach zehn Minuten war die Arbeit abgeschlossen und die Brille saß perfekt. Blickreich konnte sich nicht vorstellen, in den nächsten Tagen noch einmal deswegen vorbeikommen zu müssen.

Nun ging es an die Bezahlung. Blickreich folgte Taschl zum Tresen, wo dieser die Rechnung ausdruckte. Sein Kunde händigte ihm die ganze Summe in Bar aus, als er das Buch bemerkte, dass auf dem Tisch neben der Tastatur des Computers lag: E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann.

Taschl bemerkte die hochgezogenen Augenbrauen seines Kunden und kicherte etwas verschmitzt. „Ich weiß, eine etwas kuriose Lektüre für einen Optiker. Aber was soll ich sagen, dieses Werk fasziniert mich ungemein.“

„Sie missverstehen meinen Blick, Herr Taschl. Ich bin auch ein Liebhaber der unheimlichen Literatur. Sie haben einen guten Geschmack. Hoffmann zählt auch zu meinen Favoriten.“

„Was Sie nicht sagen. Nun, das freut mich, das freut mich!“, sagte Taschl und setzte als Verabschiedung hinzu, „Nun, in diesem Sinne! Ich wünsche Ihnen viel Freude mit Ihrer neuen Brille! Sköne Oke können ab sofort wieder klar und in voller Schärfe sehen!“

Blickreich bedankte und verabschiedete sich seinerseits. Wieder wunderte er sich über diesen komischen Kauz von einem Optiker, allerdings sprach seine Arbeit für sich. Er freute sich schon, heute mit neugewonnener Sehkraft in seinen Büchern lesen zu können. Und wenn er so darüber nachdachte: den Sandmann könnte er wirklich wieder einmal lesen!

Und als er gerade aus dem Geschäft hinausgehen wollte, fiel sein Blick noch einmal auf die Regale mit den gesammelten Brillen. Ein freier Platz war da in der mittleren Reihe – vielleicht hatte Taschl wieder ein schönes Modell gefunden, das er seiner Sammlung einverleiben wollte, wenn es aus der Mode sein würde.

Es waren zwei Tage vergangen, da stellte sich mit einem Male wirklich ein Ziehen in seinen Augen ein. Es fiel ihm auf, als er die letzten Sätze des Sandmanns gelesen hatte.

Blickreich nahm die Brille ab, rieb sich die Augen und setzte sie wieder auf die Nase. Das Ziehen hielt jedoch an. Es war, als ob seine Augäpfel aus den Höhlen hinausdrängen wollten, sehr unangenehm. Er rollte die Augen hin und her, hob und senkte die Augenbrauen, doch diese Übungen verstärkten die Symptome nur. Es half nichts, er musste erneut zu Herrn Taschl.

Also stand er nach einer halben Stunde Fußweg wieder im Verkaufsraum des Optikers, und diesmal begrüßte er das Gefühl, von den tausend Augen der Brillengläser um ihn her beobachtet zu werden, fast wie einen alten Bekannten. Auch Taschl ließ nicht lange auf sich warten. Hände reibend und auf der Glatze schwitzend kam er in den Verkaufsraum und begrüßte seinen Kunden in gewohnter Manier und mit der Frage, wie er dem geschätzten Herrn denn helfen könne.

„Nun“, sagte Blickreich, „Sie hatten recht. Ein Ziehen in den Augen hat sich eingestellt. Heute hat es angefangen, allerdings ziemlich stark, also bin ich gleich hergekommen. Würden Sie die Brille neu einstellen, bitte.“

„Aber natürlich, selbstverfreilich!“, rief der Optiker und nahm Blickreich die Brille vom Kopf.
Er hantierte damit, prüfte hier etwas, bog dort etwas zurecht, setzte sie seinem Kunden zur Probe auf und fingerte wieder daran herum.

Nach zehn Minuten war er offenbar mit seiner Arbeit zufrieden und fragte Blickreich, was für ein Gefühl er denn jetzt habe.

„Besser. Das Ziehen ist zwar noch da, aber ich glaube, es ist leichter geworden.“

„Naja, das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich weg, versteht sich. Da müssen Sie Ihren Augen schon etwas Zeit geben, sich an die Erleichterung zu gewöhnen. Morgen spüren Sie gar nichts mehr, das versichere ich Ihnen!“ Das kleine Männlein rieb sich die Hände und blitzte mit seinen kleinen schwarzen Äuglein unablässig in die seinen.

„Dankeschön, Herr Taschl. Wie viel bin ich schuldig?“

Blickreich zog schon seine Geldbörse aus der Gesäßtasche, als der Optiker eifrig abwehrte. „Aber wo denken Sie hin. Für diesen kleinen Dienst werde ich Ihnen kein Geld mehr abknöpfen. Das sind Dinge, die aufs Haus gehen!“

Blickreich lächelte dankend und die beiden verabschiedeten sich wieder voneinander. Mit jedem Mal mochte er diesen kleinen Mann mehr, trotz seiner kuriosen Art.

Am Abend desselben Tages saß Blickreich in einem Fauteuil im Lesezimmer und starrte ins Leere, ein Buch im Schoß. Irgendwie konnte er sich heute nicht auf seine Lektüre konzentrieren. Sein Blick schien immer wieder von den Buchstaben abzurutschen. Irgendwann gab er es ganz auf, vielleicht mussten sich seine Augen an die bessere Einstellung der Brille gewöhnen, denn das Ziehen hatte immer noch nicht gänzlich aufgehört. Morgen würde sicher alles schon viel besser sein.

Er war ohnehin müde. Dann legte er sich eben heute früher ins Bett, schaden konnte es nicht; außerdem würde er heute keine Zeile mehr lesen können, dessen war er sich gewiss.

Er ging ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen, und als er in den Spiegel sah, erschrak er. Nur für den Bruchteil einer Sekunde hatte er das Gefühl, dass ihn zwei Paar Augen aus dem Spiegel entgegenblickten, sein eigenes, und noch eines, das nebelhaft aus den Gläsern seiner neuen Brille selbst zu starren schien. Dieser Eindruck verflüchtigte sich aber sofort wieder und war für ihn ein Zeichen, wirklich ins Bett zu müssen. Er sah schon Gespenster!

Also machte er sich schnell bettfertig, legte die Brille auf sein Nachtkästchen, löschte die Lampe und vergrub sich unter der Decke.

Bald, nachdem er die Augen geschlossen hatte, stellte sich ein unruhiger Schlaf ein. Wirre Träume zeigten ihm seltsame Bilder. Seine eigenen Augen blickten ihm aus der neuen Brille entgegen, und dann, es war in der finstersten Nacht, fuhr er auf und saß kerzengerade im Bett.

Seine Hand schnellte zur Brille am Nachtkästchen. Und sofort setzte er sie sich auf die Nase …

Man fand David Blickreichs Leiche einige Tage später in seinem Bett. Nachbarn waren stutzig geworden, weil er seinen Briefkasten nicht entleert und seine regelmäßigen Spaziergänge unterlassen hatte.

Den Polizisten bot sich ein sonderbares Bild: Die Leiche Blickreichs lag scheinbar friedlich im Bett, sein Körper war unverletzt und sein Mund war wie in großem Erstaunen geöffnet. Nur die Augen, oder besser: das Fehlen der Augen schockierte die Beamten. Statt seiner Augen klafften hinter den Brillengläsern zwei schwarze Höhlen.

In der Nacht von David Blickreichs Tod fand der Optiker Eduard Taschl keinen Schlaf, denn er wartete fieberhaft. Lange hatte er keine so schönen Augen mehr wie die von diesem Herrn Blickreich gesehen. Keine anderen waren ihm lange Zeit wert erschienen, die Tradition seiner Vorväter weiter fortleben zu lassen. Das letzte Augenpaar, das es wert gewesen war, hatte er vor zehn Jahren in die Familiensammlung aufgenommen.

Er saß in seiner kleinen Kammer im Keller unter dem Geschäft und blickte unentwegt auf die Brille, die da vor ihm auf dem kleinen Altar lag. Es war das gleiche Modell wie jenes, das er Blickreich verkauft hatte.

Stundenlang saß er da, die Nacht senkte sich bereits über die Welt, und irgendwann dann, es muss kurz nach Mitternacht gewesen sein, sah er, dass das Werk vollendet war.

Er nahm die Brille behutsam von ihrem Platz, ging mit ihr hinauf in den Verkaufsraum des Geschäfts und legte sie auf den für sie bestimmten Platz inmitten der anderen Brillen, die in den Regalen an den Wänden ausgestellt waren. Er legte sie hin, lächelte zufrieden, und ging dann wieder weg.

In den Gläsern der Brille wanderten die Abbilder zweier meerblauer Augen hektisch hin und her. Man hätte meinen können, sie wären schreckgeweitet, hätten sie noch zu einem menschlichen Gesicht gehört. Von einem Ende der Brillengläser schossen sie zum anderen, sich hilfesuchend an die anderen wendend. Doch diese blickten nur apathisch aus ihren eigenen Gefäßen und nahmen ihren neuen Genossen scheinbar gar nicht war. Sie blickten nur stur geradeaus, vielleicht ins Leere, vielleicht auch in die Mitte des Raumes. Vielleicht wussten sie, dass sich die neuen, die meerblauen Augen, die jetzt noch so hektisch in ihrem neuen Zuhause hin und her schossen, bald an ihre Situation gewöhnt haben und dann auch wie sie ins Leere oder in die Raummitte starren würden.
Und der nächste Besucher des Geschäfts wäre wieder peinlich berührt, weil er glaubte, tausend Augen würden ihn aus den Brillen ringsum beobachten …

Ende

Daniel Weber

Daniel Weber

Daniel Weber, 1993 in Wien geboren, ist diplomierter Schauspieler und studiert Deutsche Philologie an der Universität Wien. 2016 erschien, nach “Das verwunschene Bildnis” 2013, sein zweiter Band mit Horrorerzählungen, “Der Kuss der Dämonin”, im Eigenverlag. Seit April 2016 veröffentlicht er regelmäßig literarische Texte auf seiner Website weberdaniel.at, und hat Ende 2016 begonnen, auch in Zeitschriften zu veröffentlichen. Gegenwärtig lebt er in Wolkersdorf im Weinviertel, Niederösterreich.

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3 Kommentare auf "Tausend Augen"

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Erik R. Andara
Autor

Hallo Daniel,

Willkommen in den Unweiten des Phantastikons. Es ist schön, hier neue, junge Gesichter zu sehen, die sich der Phantatsik ver-schreiben. Ich habe in einer anderen Gruppe ja schon ein paar Mal in Deine Texte hineingelesen, und eine solide Basis, sowie ein entsprechendes Interesse an Sprache und dem Formellen gefunden. Es ist mir aber noch zu manieristisch und steif. Ich kaufe Dir vor allem die Charaktere nicht ab, auch wenn ich sehe, worauf Du hinauswillst. Ich glaube, dass es Deinen Geschichten guttun würde, wenn Du Dich ein bisschen mehr öffnest und Dich selber so hineinschreibts, wie Du die Dinge siehst, nicht, wie Du gerne hättest, dass andere Leute sie Deiner Meinung nach wahrnehmen müssen, um sie anspruchsvoll zu finden. Es fehlen diesbezüglich ein bisschen die Höhen und Tiefen und der Mut, auch seine verletzlichen, unsicheren Seiten aufzumachen. Erzähle den Leuten phantastische Geschichten, ohne Dich als Erzähler dabei erfinden und zusammenfabulieren zu müssen. Das ist es, denke ich, was in der Kunst am Meisten zählt – also ohne Wenn und Aber aufzugehen in den Dingen die man macht. Dort wirklich man selbst sein zu können. Die eigene Sprache zu benutzen. Den Rezipienten und Rezipientinnen die eigen Welt näherzubringen. In der Phantastik ist dabei ja wirklich jede Spielform erlaubt. Also, wie gesagt, ich sehe hier eine Geschichte, die Du durchdacht und überlegt geschrieben hast, gleichzeitig sehe ich aber auch noch deutlich die Fäden an Deinen Marionetten und Requisiten hängen, die ihre Funktion erfüllen sollen. Mehr Leben, mehr Du, mehr Welt, mehr Angst und Verzweiflung und Hoffnung und Liebe und Alles-Kotzt-mich-heute-an und Was-auch-immer Dir an heißer Gefühlsesse und kaltem Schockwasser dienlich ist, in denen du deine Geschichten schmiedest und härtest, würde ich mir wünschen, in Erzählungen dieser Art. Aber Du wirst sicher noch vieles Lernen und Schreiben und tun, um so Meckermäuler wie mich zufriedenzustellen, so wie ich das einschätze. Vielleicht mich auch einfach ignorieren und weiter dein Ding durchziehen. Und ich will noch einmal herausstreichen, dass ich hier ja eine durchaus solide Geschichte gelesen habe von jemandem, der gerne schreibt und sich offenbar auch schon eine ganze Zeit lang damit beschäftigt. Jetzt warte ich darin noch auf die tatsächliche Hingabe zum Geschichtenerzählen in den Erzählungen.

Daniel Weber
Gast

Lieber Erik!

Danke für Deine ausführliche Kritik. Ich nehme mir alle Kritiken zu Herzen, ganz besonders die, die sich hauptsächlich mit meinem Stil beschäftigen und mit der Frage nach Leben und Gefühlstiefe (auch des Autors) innerhalb des Textes.

Ich versuche ständig, schriftstellerisch an mir zu arbeiten.

Liebe Grüße,
Daniel

Erik R. Andara
Autor

Das ist ein sehr lobenswerter Ansatz. Ich wünsche Dir für Deine Arbeit nur das Beste und Viel Erfolg!

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