Tarzan (Der Affenmensch)

Burroughs‘ „Tarzan of the Apes“ erschien zuerst im All Story Magazine und wurde 1914 als Buch veröffentlicht, das sofort die Bestsellerlisten anführte und nach wie vor ein Dauerbrenner ist. Für Ray Bradbury war es eines der besten Bücher, die er kannte.

Wir sind alle nur Tiere

In den folgenden Jahren forderten die Leser etwa fünfundzwanzig Fortsetzungen von Burroughs. Die Statistiken sind erstaunlich: Bis 1970 gab es zum Beispiel mehr als sechsunddreißig Millionen Tarzan-Bücher in einunddreißig Sprachen; außerdem gab es mehr als fünfzig Tarzan-Filme (von den unzähligen Samstagsmatineen, in denen Johnny Weissmuller seinen berühmten Tarzan-Schrei ausgab, bis hin zu den jüngsten Inkarnationen wie „Greystoke“ und „Legend of Tarzan“). Der Gelehrte Russel Nye hörte sich in der gesamten amerikanischen Kultur um und kam zu dem Schluss: „Tarzan bleibt die größte populäre Schöpfung aller Zeiten.“ Die Strahlkraft mag in Europa nicht ganz so bedeutend sein (man träumt auf dem alten Kontinent anders), und dennoch bleibt Tarzan auch hier ein Phänomen.

Burroughs‘ privater Traum sprach Millionen von Lesern an und wurde dann zu einem gemeinsamen Traum, einem öffentlichen Traum, einem Mythos. Burroughs tat nicht weniger, als uns zum wilden Ursprung zurückzubringen. Das bedeutete Lendenschurz und Nacktheit. Entfernte Überreste unseres Werdegangs. Der Text spricht die Wahrheit aus, dass wir im Grunde genommen Tiere sind – Konkurrenten, allein mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Neben unserer Kultur und den guten Manieren liegen Gier und der Wunsch nach Macht. Rationales Denken ist nur ein zerbrechlicher Deckel, der einen stärkeren und tieferen Eintopf aus Trieben, Impulsen und Leidenschaften bedeckt. Denn was sind wir am Ende? Wie würden wir uns in der Wildnis verhalten, wenn alle Annehmlichkeiten nicht mehr vorhanden wären? Burroughs findet am Ende eine Antwort. Bei Darwin und Freud.

Der Traum von Afrika

So sehr Burroughs sich von Legenden über das Wolfskind und von Kiplings Dschungelbuch inspirieren ließ, so sehr wich er von dieser Tradition ab, als er Tarzan anstelle von Wölfen von Affen aufziehen ließ. Allerdings waren das keine Gorillas, wie das wahrscheinlich die Mehrheit noch immer glaubt, weil es in vielen Filmen falsch dargestellt wurde.

Tatsächlich wurde Tarzan von einer der Wissenschaft unbekannten Affenart aufgezogen. Diese Kreaturen ähneln Gorillas in Größe und Stärke, aber sie unterscheiden sich eben auch. Diese Menschenaffen gehen oft aufrecht, jagen Tiere, essen Fleisch und haben eine wirkliche Sprache. Sie nennen sich selbst die „Mangani“, und Burroughs beschreibt sie als „riesig“, „heftig“ und „schrecklich“. Er fügt hinzu, dass sie „eine Spezies sind, die eng mit dem Gorilla verwandt ist, aber noch intelligenter.“ Dank ihrer Intelligenz und Stärke sind die Mangane „die furchterregendsten Vorfahren des Menschen“.

Burroughs folgt in seinem „Affenkind-Mythos“ nur lose den Darstellungen in Darwins „Über die Entstehung der Arten“. Vielmehr hält er sich an jene Artikel des Naturforschers, die in Zeitschriften erschienen sind und die sich um das Überleben des Stärkerene, Evolution und niedere Ordnungen drehten.

Auf den Erfolg von von Tarzan angesprochen sagte Burroughs:

„Jeder will den engen Grenzen der Stadt entkommen, den Beschränkungen, Hemmungen und künstlichen Gesetzen, die uns die Gesellschaft auferlegt hat.“

Burroughs machte Afrika zum Schauplatz seiner Phantasien. Es ist natürlich ein Afrika, das es so gar nicht gibt. In einer Szene zum Beispiel schlägt Tarzan einen Tiger (der nur auf dem indischen Subkontinent zu finden ist) mit einer Ananas (einer Frucht, die in der Karibik wächst). Trotz dieser enormen Freiheiten, die sich diese Geschichte gönnt, richtete der damalige Kaiser von Äthiopien – Hailie Selassi – die Bitte an Hollywoood, man möge ihm doch alle Tarzan-Filme schicken, denn Burroughs‘ Bücher sind zwar nicht wahr, aber sie stellen den Traum von Afrika dar.

Ein Afrika, das Freud das „absolute Anderswo“ genannt hätte, den dunklen Kontinent.

„Weißhaut“

In der Welt von Edgar Rice Burroughs haben die Menschenaffen ihre eigene, einzigartige Sprache. Und nach diesem Primatendialekt bedeutet „tar“ „weiß“ und „zan“ „Haut“. Fügt man diese beiden zusammen, bekommen wir „Tarzan“. In den Romanen gibt ihm Tarzans adoptive Affenmutter Kala diesen Namen, als sie seine blasse, haarlose Haut sieht.

Aber Burroughs fiel dieser Name nicht aus heiterem Himmel ein. Während er 1910 in Chicago lebte, verliebte er sich in die Gemeinde Tarzana. Er kaufte sogar etwas Land dort. Einige Jahre später, als er einen Namen für den von Affen aufgezogenen menschlichen Jungen brauchte, dachte er an Tarzana. Er ließ den letzten Vokal vom Ende weg und eine Legende war geboren. Interessanterweise gab es den Namen „Tarzana“ nicht offiziell. Erst 1930, als sich der Stadtteil sozusagen gründete und eine Poststelle bekam, wurde der Name amtlich. Dies führte zu der Legende, dass die Stadt nach dem Affenmenschen benannt wurde, obwohl es in Wahrheit umgekehrt war.

Tarzan: Unsterblich im Innern der Erde

Zusätzlich zu den Tarzan-Büchern schrieb Burroughs mehrere andere Serien, darunter die Pellucidar-Romane. In diesen Geschichten bauen die Abenteurer David Innis und Abner Perry eine experimentelle Bohrmaschine und entdecken, dass die Erde hohl ist. Tatsächlich wird sie sogar von einer inneren Sonne beleuchtet. Diese Welt wird von Dinosauriern, primitiven Menschen und einer Vielzahl intelligenter, nicht-menschlicher Rassen bewohnt.

In „Tarzan am Mittelpunkt der Erde“ machen sich der Affenmensch und eine kleine Gruppe von Begleitern auf die Suche nach Innis und Perry. Tarzan verwendet sein Vermögen, um den Bau eines speziellen Luftschiffs namens O-220 zu finanzieren. Mit dieser riesigen Flugmaschine reisen sie durch ein gigantisches Loch am Nordpol und landen im Zentrum der Welt.

Die Idee einer hohlen Erde ist eine pseudowissenschaftliche Idee, die es seit dem 18. Jahrhundert gibt. Es ist nicht klar, ob Burroughs diese Idee ernst nahm, aber er fand sie sicherlich nützlich für seine Literatur.

In „Tarzans Suche“ gerät der Affenmensch in Konflikt mit den Kavuru, einem feindlichen Stamm, der den Dschungel terrorisiert und Frauen stiehlt. Sie haben sogar Jane entführt. Es stellt sich auch heraus, dass die Kavuru unsterblich sind, da sie eine Pille entwickelt haben, die ihnen ewige Jugend gewährt.

Nachdem Tarzan Jane gerettet hat, kehren sie mit einer Schachtel der Unsterblichkeitspillen nach Hause zurück und teilen sie unter ihren Verbündeten auf. Sie ließen sogar Tarzans Affenbegleiter Nkima etwas von ihrer Medizin nehmen. Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, dass Tarzan und Jane nicht daran gedacht haben, ein paar Pillen für ihren Sohn Korak und seine Frau Meriem zu bekommen. Aber sie spielten in diesem Buch keine Rolle, also zum Teufel mit ihnen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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