News Ticker

Tante Traudels Zähne

Hätte Getrud Overkott an diesem für sie selbst prinzipiell ereignislosen Dezemberabend vor dreiunddreißig Jahren nicht aus einer undefinierbaren Laune heraus ihren Haarknoten gelöst, wäre Mechthild nach einem letzten Schluck Milch ins Bett gegangen. Sie wäre an der Seite der einarmigen blauen Stoffkatze, die sie nach ihrer zweitliebsten Cousine Roswitha genannt hatte, einfach so eingeschlafen, freilich nicht, ohne sich vorweg mit einem vorsichtigen Blick hinter die Übergardine zu vergewissern, dass da niemand stand, der darauf wartete, dass das Licht ausging.

Warum Mechthilds Mutter die weinroten bodenlangen Vorhänge, die sich schon seit Urzeiten im Familienbesitz befanden, ausgerechnet im Kinderzimmer aufgehängt hatte, war eine der Fragen, die in Mechthilds Leben unbeantwortet blieben. Vermutlich gab es keinen Grund dafür, vermutlich hatte ihre Mutter gar nicht in Erwägung gezogen, dass der scheußliche schwere Samt für ihre kleine Tochter die Nacht war, eine einzige böse rote ultimative Nacht ohne Mond und ohne Kinderreime.

Irgendwie hatte die Mutter es geschafft, auf ihre unbekümmerte Art Ängste in ihr zu wecken, denen Mechthild viele Jahre später, als sie erwachsen war und in hellen, von Licht durchfluteten Räumen lebte, schlichtweg verbot, in ihr zu atmen. Die Furcht davor, sich doch irgendwann eingestehen zu müssen, dass sie nicht ihr Leben lang die Luft anhalten konnte, um durch zu halten, holte sie ein, als es ihr grad besonders gut gefiel, so, wie es war.

Sie empfand sich als anständig glücklich, bevor Jonas ihr die Frage stellte, die ihrer Mutter niemals über die Lippen gekommen wäre. „Wovon träumst du wirklich?“
Weil sie einfach nicht ernsthaft wissen wollte, wie düster es in kleinen Köpfen, die größer und anstrengender werden, bei aller Hoffnung auf Leichtigkeit aussehen kann. Vielleicht war es auch gar nicht wirklich gewollt, das nie Gefragte und Unbeantwortete, vielleicht sollte es nicht stattfinden im feinen vorsichtigen Leben von Mechthilds Mutter, die gern lachte und dreimal kräftig ausspuckte, wenn jemand mit dem Teufel um die Wette fluchte. Und die erst einsilbig, dann böse wurde, wenn ihr Bruder von seiner Hand erzählte.

Mechthilds Onkel Hannes, der um drei Jahre ältere Bruder ihrer Mutter, hatte nie besonders viel Aufheben darum gemacht, dass ihm die linke Hand fehlte. Die meisten Leute guckten eh nur hin und schnell wieder weg, zumal er dieses phantastische Ding als Ersatz trug, da war kein peinliches Nichts am Gelenk. „Sauber abgehackt“, sagte er, wenn jemand sich dafür tapfer interessierte. „Egal, der Kunstscheiß macht seine Sache ordentlich. Noch was?“

Noch was beschäftigte seine kleine Nichte sehr wohl. Er mochte ihre dunklen alten Augen, die nicht jung sein wollten, er mochte die Falte, die sich zwischen ihre Brauen drängte, wenn sie ihn drängend ansah und ihre Lippen sich zusammenkniffen, weil er jetzt reden sollte. „Wer hat das gemacht, Onkel Hannes?“

Sie blickte ihn an, wartete, sie blickte ihre Mutter an, die immer noch lächelte und Kuchen verteilte und Likör einschenkte und einfach nur „Hannes!“ sagte. Freundlich klang das. Aber da war auch was im Ton der Mutter, eben wie sie den Namen des Onkels aussprach, der entschied, nicht weiter von der lästigen abgehackten Hand zu sprechen. Manchmal gelang das, manchmal redeten sie dann einfach über ganz andere Dinge, eben über irgendwas, das Mechthild grundsätzlich nicht hören mochte.

Sie langweilte sich, starrte zum Fenster, das eine schwarze Scheibe war, und stellte sich vor, dort wären Farben. Das beruhigte. Sie las viel, das lenkte sie ab von all dem Rot und Grün und Gelb, das immer schmutziger wurde, bis es hässlich war und ihr Angst machte.

Onkel Hannes ließ sich nicht immer von seiner Schwester unterbrechen. Wenn sein Gesicht sich leicht gerötet hatte und er sein Glas in der Hand hielt, nicht gewillt, es abzusetzen, nur gewillt, es hinzuhalten, um mehr zu bekommen, was in Ordnung war, weil sie alle dort saßen und trinken wollten, sprach er einfach weiter.
„Ist beim Holzhacken in Kanada passiert. Lausig kalt da, Hunger bis unter die Arme. So ein Bär von Kerl haut einfach daneben, erwischt meine Hand, hab‘ ich gebrüllt. Halleluja.“

Mechthild glaubte das nicht. Aber sie war wohlerzogen, schwieg, nickte erwachsen, vergrub sich in ihrem Buch und wollte am Abend von ihrer Mutter nach dem Gutenachtsagen wissen: „Wann war Onkel Hannes denn in Kanada?“
„In seinen Träumen, Schäfchen, die sind besser als das, was du nicht wissen musst.“

Als Mechthild ihren Onkel Hannes beim Weltkugelpuzzle, vor dem sie beide neben der Schlafhöhle im Kinderzimmer hockten und Nordamerika suchten, nach Kanada und seinen Träumen und seiner abgehackten Hand und dem, was sie nicht wissen musste, einfach so nebenher fragte, was aber tatsächlich nicht nur so nebenher schlimmes Herzklopfen bei ihr verursachte, sagte der: „War wohl vielleicht alles ganz anders, Mecki, aber du bist noch zu klein, und du solltest da auch gar nicht drüber nachdenken. Manchmal ist es besser, ganz fest die Augen zu schließen und sich was richtig Schönes vorzustellen.“
„Und wenn ich das nicht kann? Wenn ich immer an den schwarzen Mann denke, der da steht?“
„Wo soll der stehen?“
Mechthild holte tief Luft, beugte sich nach vorn, um ihrem Onkel beruhigend näher zu sein, während sie auf den Vorhang zeigte: „Na, dort vielleicht.“
Er schüttelte den Kopf und strich ihr übers Haar.
„Nein, dort nicht. Mit Sicherheit nicht. Aber ich sag dir was, ich sag dir, dass du immer gut aufpassen musst, weil sie alle lügen, wenn sie behaupten, keinen verdammten Hosenschiss vor dem schwarzen Mann zu haben. Irgendwo steckt er. Er sieht dich und merkt sich, wer du bist. Aber er kriegt dich nicht, solange du über ihn lachst.“

Mechthild verstand nicht, sie verspürte nur diese Sehnsucht nach der heißen gezuckerten Schokolade ihrer Mutter, die sie trinken würde mit der vertrauten warmen Stimme direkt neben sich. Ein Flüstern nur, freilich stark genug, um einen Bären in die Flucht zu jagen. „Pscht, mein Schäfchen, nichts passiert, Mama ist bei dir.“

Aber ihre Mutter stand nur dort im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, und sie war blass und wütend, als sie seinen Namen rief: „Hannes!“ Und gleich darauf deutlich ruhiger, mit Blick auf Mechthild, die dort neben ihrem Onkel auf dem Boden wie ein verschrecktes Kätzchen kauerte, das nicht weiß, wo es sich verstecken kann. „Hannes, bitte, nein. Ich fass das einfach nicht. Nicht meine Tochter, hörst du?“

Der blickte überrascht kurz auf und winkte ab. Ärgerlich.
„Jaja, lassen wir das. Gut ist das nicht.“
„Was ist denn besser? Willst du ihr jetzt auch noch von Cornelia erzählen?“
Er lachte. Heiser. Nicht wirklich belustigt. „Jetzt bewegst du dich aber auf Glatteis, Schwesterchen. Hatte ich tatsächlich nicht vor. Jetzt möchte unsere kleine wachsame Mecki natürlich gern wissen, wer Cornelia war. Blöder Fehler. Und nun?“
Mechthild dachte, weine bloß nicht, nützt nichts, merkwürdig ist das alles, merkwürdig sind sie alle, und wer ist denn Cornelia, noch nie gehört, nicht weinen, vielleicht wäre es gescheit, weiter zu puzzlen, vielleicht würde Mama Kakao kochen und Onkel Hannes eine Zigarette rauchen, die in seiner falschen Hand stecken würde, aber das war ja in Ordnung, die sah aus wie echt. Nicht weinen.

„Cornelia war meine Puppe. Dein Onkel hat sie im Garten vergraben, als ich sechs war. So wie du jetzt, mein Schäflein. Ich hab sie wochenlang gesucht. Das war böse von Onkel Hannes. Als ich sie wieder hatte, war sie völlig dreckig und nicht mehr schön. Aber ich war glücklich. Und dein Onkel hat sich entschuldigt. Stimmt’s, Hannes? Hat dir leid getan. Warst ja selbst noch klein. Wie alt? Acht. Ich war sechs. Stimmt doch, Hannes?“
Mechthilds Mutter nickte ihrem Bruder zu. Der sah seine Schwester nur müde an, nickte nicht zurück. Schwieg.
„Hannes?“
„Ja.“ Er starrte auf die Puzzleteile, die wild ausgebreitet vor seinen Knie lagen, nahm eins, zögerte, betrachtete es von allen Seiten, kicherte, legte es zurück.
„Ich konnte dieses verdammte Spiel noch nie. Zu dämlich. Ich. Ich meine, doch. Doch. Es hat mir leid getan, dass Cornelia weg war. Es hat mir leid getan. Was willst du hören, verdammt?“
Er sprang auf, rieb sich den schmerzenden Rücken, – immerhin hatte er die ganze Zeit in Mechthilds Augenhöhe auf dem Teppich gehockt, und seine Nichte war eben klein, noch sehr klein -, warf seiner Schwester einen zornigen Blick zu und tippte auf seine Armbanduhr. „Weißt du, wie spät es ist? Wo bleibt der Mistkerl von deinem Mann? Wir waren verabredet. Scheiß was drauf, entschuldige, Süße, so was sagt man nicht. Mund ausspülen, ich weiß. Ich trink jetzt erst mal was. Wir spielen morgen weiter, Mecki.“

„Und der schwarze Mann?“
Mechthild fragte ganz leise, sie wollte nicht stören, nur wissen. Ihre Mutter und ihr Onkel zuckten zusammen. Hatten beide vergessen, dass Kinder nicht so einfach ein lästiges Thema wechseln, wenn bessere Themen wie ein kaltes Bier und Skatkarten sich als prima Alternativen anbieten.

„Den gibt’s nicht, Schäflein. Und wenn er doch kommt, was er nicht macht, dann sorg ich dafür, dass er verschwindet und sich nie, nie wieder hier blicken läßt. Aber er kommt nicht, großes Ehrenwort.“
Mechthilds Mutter legte sich verschwörerisch zwei Finger auf die Lippen und lächelte. Mechthild lächelte nicht. Sie hätte mit dieser Antwort zufrieden sein sollen, das wusste sie, aber irgendwas sehr Erwachsenes in ihr sagte ihr, dass ihre Mutter einen völligen Blödsinn erzählt hatte. Sie runzelte ihre kleine Stirn. „Kommt er nicht oder gibt’s ihn nicht, Mama? Onkel Hannes …“
„Dein Onkel wollte dich nur erschrecken. Das ist nicht lustig, Hannes.“
„Nein. Nicht lustig. Und du holst jetzt endlich die grauenvollen Vorhänge da vor Mechthilds Fenster runter, klar? Ich warne dich. Du machst es schlimmer. Denk an deine Puppe. Wie hieß sie noch? Cornelia.“

Die Vorhänge blieben.
Fünfzehn Jahre später erfuhr Mechthild, dass ihre Mutter keine Plastikpuppe mit dem prinzipiell unsympathischen Namen Cornelia besessen hatte, die von einem ungezogenen achtjährigen Lauser in der Gartenerde verbuddelt worden war, um sie zum Heulen zu bringen. Cornelia Spokowski hieß eine junge Frau aus der Nachbarschaft, die kurz nach ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag spurlos verschwunden und niemals wieder aufgetaucht war. Medizinstudentin im siebten Semester, Barbie- und Menstruationsfreundin ihrer Mutter und wohl auch eine, vielleicht die eine wirkliche Freundin ihres Onkels.
Es war das Jahr, der Monat und exakt auch der Tag, an dem Hannes Overfeld seine Hand verloren hatte.
Kein Holzfäller. Kein unkonzentrierter Schlag auf Muskeln und Knorpel und Fleisch. Nur Schmerz. Verblüffung. Erkenntnis. Und Angst. Viel Angst.

Als Hannes Overfeld seiner Nichte Mechthild von diesem Abend erzählte, der alles verändert hatte, war er betrunken. Das entschuldigte, dass er die bittenden Blicke seiner Schwester geflissentlich übersah, die sich um all die Gäste kümmern musste, die sie zu ihrem fünfundzwanzigsten Hochzeitstag eingeladen hatte. Nicht unbedingt mit der vollen Zustimmung ihres Mannes, der es klein und bescheiden bevorzugt hätte, ein Vierteljahrhundert Langeweile und zudem noch Furcht vor den Träumen der Overfelds zu feiern. Ihm selbst war nicht viel passiert. Er hatte einen Zeh verloren, eben den, der ihm als Sechsjährigem von diesem verdammten gelben Hund fast abgebissen worden wäre. Er erinnerte sich: Da waren die Jungs aus der Nachbarschaft, die streunten ziemlich wild herum und machten Scheiß, seine Mutter verbot ihm den Umgang, da war sie streng, aber, große Güte, was ist denn das Wort einer Mutter wert, wenn dort draußen die Welt nach großen Kriegern schreit?

Sie packten ihn, hielten ihn fest am Oberkörper und an den Beinen, er schwebte dabei in der Waagerechten, und dann zogen sie ihm die Turnschuhe und die Socken aus, und dann rief einer, Mattes halt, der längst schon tote Mattes, der Jahre später plötzlich wieder da war: „Bruno soll ihm den Zeh abbeißen. Den rechten. Den da.“

Bruno war dieser dicke gelbe Hund, der dem alten Pottlowski gehört hatte, und das Viech war einfach nur alt und hatte keine Zähne mehr und wollte nur noch sinnlos nach Fliegen schnappen und Ungeheuern hinterher jagen, über die sogar Sechsjährige lachen können.

Also lachte er. Und machte sich ungebeten in die Hose.
Der Hund tat ihm nichts, er glotzte nur dumm und wollte weg.
Das wollte er dreißig Jahre später nicht mehr. Da fraß er seinen Zeh.

Hannes Overfeld war in Gesprächslaune. Ansonsten eher mundfaul, da lieber nur stummer Zuhörer angesichts des Banalen, das ihn ankotzte, – und prinzipiell kotzten ihn alle und alles an -, fand er es angemessen, Mechthild endlich und vernünftig zu warnen. Sie saß neben ihm auf der Veranda, trank die widerlich süße Kirschbowle ihrer Mutter und sah entzückend aus in ihrem hellen Sommerkleid, die Schultern hübsch gebräunt, das Haar schulterlang, die Taille herrlich schmal, die großen dunklen Augen immer noch so vertraulich alt. Und immer noch so bedauernswert ahnungslos.

Er begann väterlich Schulter klopfend, während er in sein leeres Whiskyglas starrte und darauf hoffte, jemand würde ihn dabei beobachten und dezent nachschenken. „Dein Studium läuft?“ Sie nickte freundlich, setzte an, um etwas zu erklären, was er nicht wissen wollte, sah ihm ins Gesicht, nickte noch einmal und sagte nichts. Er sprach.
„Mechthild, schläfst du gut? Träumst du gut? Ich mein, von früher. Schlechte Träume? Mein nur so.“
„Von früher?“ Sie lachte. „Meinst du deinen schwarzen Mann? Oder die gruseligen Vorhänge im Kinderzimmer? Ja. Schön, wirklich, die hätten nicht sein müssen. Mama sieht das immer noch nicht ein. Die hat auch die Sache mit Tante Traudels Zähnen nie kapiert. Kennst du die Geschichte? Egal auch Ist albern.“
„Glaube ich nicht. Was war damit?“
„Sie hat auf mich aufgepasst, abends, ich ging noch nicht zur Schule, Mama und Papa waren weg, irgendwo, weiß nicht mehr, Kegeln, denke ich, oder eingeladen, interessiert ja auch nicht. Da sitzt also die Tante Traudel vor der Nähmaschine im Mittelzimmer, dick war die, richtig fett, weißt du noch?, und sie hatte diesen alten geblümten Bademantel an, da waren diese riesigen Brüste, die da hervorkamen, lach jetzt nicht, ich hatte Angst davor, ehrlich, und ihr Dutt war gelöst, dieses lange dünne graue Haar fiel ihr bis zum Hintern, ich schwöre, ich hatte immer gedacht, dass so langes Haar nur schöne junge Frauen haben, nicht so alte wie Tante Traudel, und die war damals ja auch erst knapp über fünfzig, überleg mal, aber für mich war das eine echte Hexe, da war nur dieses schummrige Licht, aber sie nähte und nähte, ich hätte da nichts gesehen, glaub ich, aber sie nähte und ihr wirklich dünnes Haar fiel über ihren gebeugten dicken Rücken, ihr Gesicht war so hell, das war so, ja, unwirklich, und ich stand da eben so mit Roswitha, ich war noch so klein, und sie sagte so was wie hach und herje, jetzt muss ich aber wirklich mal meine Zähne herausnehmen.“
„Die Alte wollte dir ihre vermodderten Sabberzähne zeigen? Ich glaub’s nicht.“ Hannes schüttelte den Kopf, dachte kurz darüber nach, wie bekloppt alle waren, fühlte sich nicht wirklich gut behandelt, weil da kein Mensch war, der sein leeres Glas registrierte, und ertappte sich dabei, trotz seiner eigennützigen Wünsche sehr viel mehr dem Drang nachzugehen, seine kleine großen Nicht einfach so in den Arm zu nehmen und sie ganz fest zu drücken. „Pscht, Schäflein, alles ist gut.“

Mechthild rührte in ihrer Kirschbowle. Gedanklich war sie bei Tante Traudels Zähnen, sie bekam gar nicht mit, dass ein aufmerksamer Gast, Stephan Zabel, war‘s ein guter Freund ihrer Mutter, vielleicht ein sehr guter, ihrem Onkel nachschenkte, der flüchtig nickte und trank.
Mechthild sprach weiter, ohne auf Hannes zu achten, der viel zu schnell schluckte und hustete. Egal.
„In meiner Erinnerung hat sie dabei ganz schrecklich fies gegrinst, vermutlich hat sie das wohl nicht, getan, warum auch, aber ich schrie ganz fürchterlich, weil ich dachte, dass das ja überhaupt nicht geht, man kann sich nicht irgendwas einfach raus nehmen, das sitzt doch alles fest, die Haare und die Arme und die Augen und die Zähne, und die Zähne sind Knochen, und die kann man nicht raus nehmen, niemand kann das, und ich heulte und rannte zu unserer Wohnungstür, weil ich weg von ihr wollte. Sie kam hinter mir her, unglaublich schnell war sie da und packte mich im Nacken und schüttelte mich. Sie war böse auf mich und schimpfte und sagte, ich könne doch nicht barfuß und im Nachthemd und ganz allein auf die Straße laufen. Ich heulte weiter, und da sagte sie, so, jetzt aber zur Strafe, und dann nahm sie ihr Gebiss raus und hielt es mir hin.“
„Sauber.“ Hannes trank hastig aus, stellte sein Glas ab, räusperte sich streng. Es war Zeit.
„Hat die alte Overkott verdammt sauber hingekriegt. Knallt dir ihre beschissenen Zähne vor die Nase, und du träumst davon, nicht wahr? Immer und immer wieder. Ein süßes kleines Mädchen, das von Körperteilen träumt, die man sich prinzipiell nicht einfach mal so weg reissen kann. Diese Zähne, Mecki, sind dein ganz persönlicher Alptraum. Sprich nie wieder davon, hörst du, nie wieder?“
Er atmete tief durch. Mechthild sah ihn an. Fragend. Leicht amüsiert. Gott ja, er hatte einen sitzen. Lieber guter ernster Onkel Hannes. Er steckte sich eine Zigarette an, blickte anklagend zur Lampe. Dramatisch sah das aus. Sie lächelte. Zabel kam. Er kippte nach. Arschgesichtiger Retter, der.

„Meine Hand, Mecki, die wurde mir nicht in Kanada abgehackt. Ich war noch sehr klein, wir waren auf so einer Bauspielfarm, und da sagte dieser große verpickelte Junge zu mir, komm‘, du Scheißer, steck‘ mal deine Hand in das Loch. Es war so ein Loch in einem Baumstamm, ich war sofort dabei, dachte mir nichts, aber dann sagte er, jetzt ist deine Hand weg. Weil du ein Lügner bist. Wer lügt, verliert seine Hand. Ich hab‘ sie nicht verloren. Damals. Aber ich konnte das nie vergessen. Meine Hände, weißt du, habe ich immer beobachtet. Und immer habe ich gedacht, Hannes, nicht lügen, hörst du?, nicht lügen. Aber, und Gott, beschissener als die anderen bin ich nicht, klar lügt man mal. Harmlos. Einfach so. Und dann hab ich geträumt. Von diesem Kerl, der längst schon tot war, Levin Mettmann hieß der, der ist mit dem Motorrad verunglückt, da war der knapp zwanzig. Scheiße, so was, aber der tauchte in meinen Träumen auf und lachte abartig und sagte, los, steck deine Hand ins Loch. Der kam jede Nacht. Und dann hab ich’s einfach getan. Ich konnte das nicht mehr ertragen. Und dann…“

Mechthild spürte den Blick ihrer Mutter, die irgendwo stand und auf sie wartete, das wusste sie, und ihr war klar, jetzt artig aufstehen und ihrem Onkel ein „Bis später, trink nicht zu viel“ sagen zu müssen. Tat sie aber nicht. Sie dachte an die Zähne und an den Zeh ihres Vaters. Und ihr wurde kalt.

„Das Loch hat meine Hand geschluckt. Sie war weg. Danach hatte ich keine Träume mehr. Wie dein Vater. Dieser alte gelbe tote Hund hat seinen Zeh gefressen. Und weißt du was? Er konnte ihn nur fressen, weil dein Vater deiner Mutter davon erzählt hatte. Verstehst du? Es liegt an uns. Wir dürfen uns nicht erinnern. Wir dürfen nicht davon träumen. Dann wird es wahr.“

Mechthild wurde unruhig. Sie hielt Ausschau nach Jonas, ihrem Freund. Frische Beziehung. Ein Strahlemann. Tat ihr gut. Cleverer Bursche, sah nach Zukunft aus. Zukunft.

Hannes bemerkte die Sehnsucht nicht. Seine war tot.
„Cornelia, Gott, war sie schön, so großartig, so lieb. Wie du. So klein war sie, als sie diesen Zyklopen im Fernsehen gesehen hat, diesen einäugigen riesigen Fresser, immer hat sie gedacht, der stände plötzlich vor ihrem Fenster. Lächerlich, nicht wahr? Aber dann hat sie mir davon erzählt, Scheiße auch, sie war erwachsen, sie lag neben mir, wir waren, Mensch, glücklich eben, und sie lacht und erzählt davon, und ich sage, verdammt, sag mir so was nicht, von bösen Träumen erzählt man nicht, und in meiner Familie passiert da was. Und sie lacht weiter. Zwei Tage später ist sie nicht mehr da. Weg. Für immer. Der Zyklop hat sie geholt. Ich weiß das. Der Zyklop. Weggefressen.“

„Hannes.“ Mechthilds Mutter stand direkt hinter ihnen. Zärtlich kraulte sie den Nacken ihres Bruders. „Ich kann es. Wer sagt, dass Mechthild es nicht schafft?“

Sie schaffte es nicht.
Am zwölften Februar des folgenden Jahres, das für Mechthild mit wenigen Abstrichen großartig begonnen hatte, lag sie verschwitzt und glücklich neben Jonas auf einem hellblauen Bettlaken und amüsierte sich über die Farbe. „Babyhimmel“, sagte sie und kniff ihn zärtlich in die Wange. „Ich bin im Babyhimmel. Wie brav. Eigentlich träumt man da, da macht man’s nicht.“
Er lachte. „Dann träum was Böses. In bösen Träumen darfst du ficken.“
„Mag sein. Aber von bösen Träumen erzähle ich nicht gern. Ich darf das nicht.“
„So ernst?“ Er nahm seine rechte Hand von ihrer Brust, bedauerte seine Entscheidung, kurz nur, aber ehrlich. Dann zündete er sich eine Zigarette an, hielt ihr die Schachtel hin. „Hm?“
Er fühlte sich gut mit ihr. Wie sie dort lag, die herrlichen Locken so willkürlich gewollt (von wem bloß?) abstrakt zerzaust, als hätte eine Künstlerseele hier und da an ihr gepflückt, erschien sie ihm vollkommen. Diese Lippen, diese Augen, dieser Mund. Diese Zähne.

Jonas erzählte ihr in dieser Nacht der zärtlichen Erzählungen, nachdem Mechthild aus Liebe und Gleichgültigkeit von Zähnen gesprochen hatte, sein recht jung verstorbener Vater hätte ihn mit einem toten Hering geärgert, es war ein Spaß, der Vater mit dem toten Fisch, dessen Kopf wackelte, weil die Kehle durchgeschnitten war, das schreiende Kind, das von dem kalten Fisch verfolgt wurde, der Vater, der vergnügt rief: „Und der ist für dich, mein Sohn.“

Drei Tage nach dem kurzen hellblauen Glück hatte Jonas tatsächlich den Fisch gegessen, im Ganzen geschluckt und nichts davon wieder auskotzen können. Er lag dort, hatte vermutlich geträumt, war hässlich blau im Gesicht und grotesk tot, so, wie es sich niemand wünscht, mit einem Fischarsch, der aus dem Mund ragt.

Mechthild, der nur wenig Zeit für ein nutzloses Kopfschütteln blieb, stand ihrem eigenen Phänomen gegenüber.
Zweifellos war es ihr nach dem Fisch in den Sinn gekommen, dass jetzt sie selbst an der Reihe sein könnte. Würde. Müsste. Egal. Es war ein unschöner Gedanke. Sie verdrängte ihn, weil ihre Vernunft ihr sagte, dass Jonas vermutlich einer dieser zahllosen wahllos geliebten Idioten gewesen war, die sich in ihren Phantasien verzetteln und daran ersticken. Bedauerlich.

Ihre Zähne. Als sie sich die restlichen heraus riss und genug Blut spuckte, um zu wissen, dass dieses Blut nicht nur aus den Wunden in ihrem Mund kam, war Jonas bereits seit neunzehn Stunden tot. Ihre wie lange schon bleiche Tante stand dort mit ihrem Gebiss in der Hand und feuerte sie an: „Rupf dir die Zähne raus, Mistgöre, steck dir das verdammte Ding in dein dreckiges Maul. Gut so.“

Und sie weinte ziemlich viel und endgültig einsam und dachte an den schwarzen Mann hinter den Vorhängen ihrer Mutter.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz