Der böse Ort – The Shining

Wenige Bücher zelebrieren derart die Innenschau wie The Shining. Die Situation war folgende: Ein dem Alkohol zugetaner Lehrer, der eine Familie zu versorgen hat, schreibt sich also zunächst in eine finanzielle Sicherheit hinein, um dann über einen dem Alkohol zugetanen Lehrer zu schreiben, der eine Familie zu versorgen hat und daran scheitert, sein Talent sinnvoll einzusetzen und in der Folge seine Familie umbringen will.

Shining

Inspiriert von einem Alptraum, den Stephen King während eines kurzen Aufenthalts im Stanley Hotel in Colorado hatte, das am nächsten Tag seine Pforten für die Saison schließen sollte, ist The Shining sein erstes Buch, das er aus einer finanziellen Stabilität heraus auf den Weg brachte. Die Folgeauflagen von Carrie und Brennen muss Salem waren beschlossene Sache, die Taschenbücher verkauften sich gut, ein Vertrag mit Doubleday über weitere Bücher war unterschrieben, und er konnte es sich nun leisten, mit seiner Familie nach Boulder zu gehen. Stephen King war also bereit. Und was tat er? Er öffnete sich gänzlich und blutete förmlich über alle Seiten, die er schrieb.

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Die Stadt als Monster (Salem’s Lot)

In den agnostischen und sexuell freizügigen 1970er Jahren war der Vampir bereits seiner Mythologie beraubt und zu dem verkommen, was King „die Bedrohung durch das Lächerliche“ nannte. In deutlicher Abkehr von dieser Tradition reduzierte er den sexuellen Aspekt des Vampirs und verlieh dem Archetyp eine völlig neue Bedeutung, indem er seine Anziehungskraft auf den menschlichen Wunsch ausrichtete, seine Identität in der Masse aufzugeben.

Kings wichtigste Neuerung bestand jedoch darin, dass er eine mythische Kleinstadt im Sinne der amerikanischen Schauerliteratur imaginierte und diese Stadt selbst zum Monster machte; die Bevölkerung, normalerweise Opfer des Vampirs, wird hier als hirnlose Masse zur Bedrohung, als Pestwolke oder primitive Horde.

In Anlehnung an Richard Mathesons düster-naturalistischen Roman „I Am Legend“ (1954) und Jack Finneys Roman „The Body Snatchers“ (1955) konzentrierte sich King auf die Problematik der Fragmentierung und gab dem Vampir eine zeitgenössische Bedeutung.

King erklärte, dass der gesellschaftspolitische Subtext von „Brennen muss Salem“ die allgegenwärtige Desillusionierung der Watergate-Ära sei. Wie Gerüchte und Krankheiten breitet sich der Vampirismus nachts heimlich von Nachbar zu Nachbar aus, infiziert Mann und Frau, den Verrückten und den Senilen, den erwachsenen Bürger und das Kleinkind gleichermaßen und verschlingt die menschliche Bevölkerung, bis nur noch eine zombieartige Masse übrig bleibt.

Besonders gekonnt zeigt King, wie sich der kleinstädtische Konservatismus in sein Gegenteil verkehren kann, wie die gehegten Verdächtigungen und offenen Geheimnisse allmählich spalten und isolieren. Verstärkt wird dieses Bild durch den Stadtnamen „Salem’s Lot“, eine degenerierte Form von „Jerusalem’s Lot“, der suggeriert, dass die Stadt der Auserwählten in einen Kult dunkler Riten zurückfällt.

Kings andere Innovation war paradoxerweise eine Wiederholung. Er machte seinen „Königsvampir“ Barlow zu einer offensichtlichen Reinkarnation von Stokers Dracula, irgendwo zwischen Klischee und Archetyp. King nutzt die Vampirmythologie, um die Frage zu stellen, wie die Zivilisation ohne den Glauben an traditionelle Autoritätssymbole überleben kann. Seine Antwort ist pessimistisch und dreht sich um die Abdankung von Pater Callahan, dessen Stärke durch heimlichen Alkoholismus und oberflächliches Festhalten an der Norm untergraben wird. Die beiden Überlebenden, Ben Mears und Mark Petrie, müssen ihre Talismane und Rituale teils wiederfinden, teils neu erfinden, indem sie auf das Kompendium der Vampirtradition zurückgreifen – die Alternative zu konventionellen Systemen in einer kulturweiten Glaubenskrise. (An einer Stelle hält Mears einen Vampir mit einem Kreuz aus zwei Zungenspateln fest). Die Utensilien, so stellen sie fest, funktionieren nur, wenn derjenige, der sie benutzt, daran glaubt.

Bezeichnenderweise sind die beiden Überlebenden ein „weises Kind“ (Petrie) und ein Romanautor (Mears); nur sie verfügen über die nötigen Mittel. Sogar Susan Norton, die Geliebte von Mears und klassische Heldin der Gothic Novel, erliegt dem Bösen. Wie in „The Shining“, „The Dead Zone“ und „Firestarter“ verfügt das Kind (oder der kindliche Erwachsene) über Kräfte, die zum Guten oder zum Bösen eingesetzt werden können. Mears ist der phantasievolle, nostalgische Erwachsene, der von der Vergangenheit heimgesucht wird. Das Kind und der Mann teilen Naivität, gotische Ikonographie und den Glauben an das Böse. Der zwölfjährige Mark betet ein schreinartiges Tableau mit Aurora-Monstern an, die „im Dunkeln grün leuchten, genau wie der Plastik-Jesus“, den er in der Sonntagsschule zum Psalm 119 bekommen hat. Mears ist in die Stadt seiner Kindheit zurückgekehrt, um das Bild von Marsten House, das vor seinem mythischen geistigen Auge lauert, wieder zum Leben zu erwecken. Als spiritueller Vater und Sohn erschaffen sie aus den „populären“ Überbleibseln der amerikanischen Kultur eine Gemeinschaft zu zweit.

Wie in den Märchen und Romanen von Dickens sind Kings Protagonisten Waisenkinder auf der Suche nach ihren wahren Eltern, nach Gemeinschaft. Seine Fiktion kann die Suche nach dem verschwundenen Vater nachspielen, der eine Kiste mit Weird Tales-Heften zurückgelassen hat. Die ersehnte Verbindung zwischen Eltern und Kind, eine Beziehung, die eine Einheit des Seins bedeutet, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Dementsprechend ist die Schwäche oder der Verrat eines vertrauten Elternteils die ultimative Angst. So ist der Vampir Barlow der verschlingende Vater, der sich hier eine ganze Stadt einverleibt.

Den größten Teil des Manuskripts von Brennen muss Salem schrieb King, bevor er Carrie verkaufte, als er sich im Wäscheschrank seines Wohnmobils über einen Schultisch krümmte, am Ende, verzweifelt und hoffnungslos und als Lehrer an der High School unterrichtete. Teilweise inspiriert von Büchern, die auf seinem Lehrplan standen, wie „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder und „Dracula“ von Bram Stoker, nannte er sein Buch „eine seltsame Mischung aus Peyton Place und Dracula“ oder „Vampire in unserer kleinen Stadt“.

Nachdem er „Carrie“ verkauft hatte, überbrückte er die Zeit bis zur Veröffentlichung mit der Arbeit an „Brennen muss Salem“. Er polierte das Manuskript etwas auf und schickte es zusammen mit Roadwork (das später unter seinem Pseudonym Richard Bachmann als „Sprengstoff“ erscheinen sollte) an seinen Verleger Bill Thompson, der zwischen den beiden entscheiden sollte. Thompson war der Meinung, dass „Sprengstoff“ zwar das literarisch bessere Manuskript sei, dass aber „Salem’s Lot“ nach einigen Änderungen größere Chancen auf einen kommerziellen Erfolg haben würde.

Die beiden wichtigsten Änderungen, die Thompson verlangte: King sollte die grausame Schilderung eines Todes durch Ratten streichen („Ich ließ sie über das Opfer herfallen wie einen wütenden pelzigen Teppich, beißend und kauend. Und als der so Überfallene seinen Gefährten im oberen Stockwerk eine Warnung zurufen will, schlüpft eine von ihnen in seinen offenen Mund und windet sich in Ekstase, während sie ihm die Zunge abbeißt“, schrieb King später). Und King sollte den Anfang der Geschichte ausdehnen, um die Plage, die diese kleine Stadt heimsuchte, zweideutiger zu machen. King protestierte mit dem Argument, jeder Leser wisse von Anfang an, dass es sich um Vampire handele, und würde diese Zurückhaltung als literarische Anbiederung missverstehen. Thompson entgegnete, dass King mit „jedem Leser“ nur eine sehr kleine Leserschaft gemeint haben könne. Nun aber schreibe er für ein Mainstream-Publikum, und das Letzte, was dieses erwarte, seien Vampire.

Und er hatte Recht. Damals rechnete niemand mit Vampiren in einem edel aufgemachten Hardcover-Bestseller. Heute jedoch ist Salem’s Lot aufgrund seines Erfolges geradezu ein Synonym für Vampire.

Brennen muss Salem entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, wirft eine Angel aus, an der man unweigerlich hängen bleibt. Das Buch steckt voller grandioser Action-Momente. Die „Bösen“ sind so arrogant, dass es eine wahre Freude ist, wenn ihnen jemand das Grinsen aus dem Gesicht wischt, und seine „Guten“ lässt King nicht ohne eine gewisse Vehemenz sterben.

Stark beeinflusst von Bram Stokers Dracula, Grace Metalious‘ erfolgreichem Kleinstadtskandalroman Die Leute von Peyton Place und Shirley Jacksons großem Horrorroman Spuk in Hill House kann sich Brennen muss Salem diesen Einflüssen nicht entziehen. Der Roman versetzt Dracula in ein modernes Amerika.

Der Roman ist von der ersten Seite an ein Höllenloch. Hier hat jeder ein schreckliches Geheimnis, und die Stadt ist voller bösartiger Klatschbasen, heimlicher Trinker, kinderhassender Schulbusfahrer, chauvinistischer Stadträte, Frauenkleider tragender Ladenbesitzer, unentdeckter Mörder, pädophiler Priester. Jeder ist entweder ein Idiot, ein Quälgeist oder ein Penner, und alle sind verbittert oder hasserfüllt. Selbst der Milchmann hasst es, jeden Tag seine Milch auszuliefern.

Kings Herzlosigkeit gegenüber seinen Figuren erlaubt es ihm, sie mit größtem Vergnügen um die Ecke zu bringen (tatsächlich sind die Todesarten von exklusiver Qualität).

Einer der unvergesslichsten Protagonisten ist Mark Petrie, ein übergewichtiger Horror-Nerd, dessen lebenslanger Hang zur Popkultur ein Trainingslager für die Vampir-Apokalypse ist. Vorbereitet wurde er durch seinen extremen Konsum von Horrorfilmen, Comics und Gruselgeschichten. Mark ist der Prototyp des heutigen Nerds. Ihr Interesse macht sie nicht zu Außenseitern, sondern zu Überlebenskünstlern.

Aber es ist Kings Verehrung für Shirley Jackson, die ihn hierher treibt. Jackson war eine begnadete Stilistin, und selbst nach heutigen Maßstäben ist Spuk in Hill House eine außergewöhnliche Leistung. In seinem Sachbuch Danse Macabre bezeichnet King Jacksons Buch als „Ur-Roman“ über den „bösen Ort“ und widmet ihm ein ganzes Kapitel.

In Brennen muss Salem ist es das Haus Marsten, über das King auch in Danse Macabre schreibt:

Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Nach dem kurzen, bösen und schnell abgehandelten Carrie war Brennen muss Salem voll von endlosen Passagen in violetter Prosa (gespickt mit unzähligen idiomatischen Extravaganzen).

1974 hatte der Horror noch keine Ambitionen, aber Salem’s Lot war bereits ein literarischer Roman, der zufällig auch Vampire enthielt. Das Buch ist wichtig als Bestandsaufnahme, als Manifest.

Carrie – Ein universelles Märchen

Der Archetyp

Man mag sich fragen, was an Stephen Kings Carrie so besonders ist, dass es überhaupt sein Erstlingswerk werden konnte. Ein großer Teil der Legende beruht auf der Tatsache, dass dies bereits Kings vierter Roman war, den er an Verlage schickte. (Die ersten drei waren AmokTodesmarsch und Qual, die alle später unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht wurden.) Gerne wird auch die Geschichte erzählt, dass King den einzigen Entwurf in den Papierkorb geworfen habe, bis seine Frau ihn überreden konnte, ihn wieder herauszuholen und zu beenden. Tatsächlich hatte er nicht nur das Manuskript in den Papierkorb geworfen, er wollte das Schreiben überhaupt aufgeben. King konnte einfach nicht glauben, dass eine Geschichte über ein dünnes, blasses Mädchen mit Menstruationsproblemen die Leute interessieren würde. Das wäre sicher die richtige Einschätzung gewesen, aber Carrie entsprach voll und ganz dem damaligen Zeitgeist.

Carrie

Der Roman erschien etwa zur gleichen Zeit wie Rosemaries Baby und Der Exorzist. Es war die Zeit, in der die Menschen begannen, sich mehr für das Unheimliche und Paranormale der menschlichen Existenz zu interessieren und sich nicht mehr mit Gespenstern und Geistern abzufinden.

Was sie wahrscheinlich nicht wussten, ist, dass es sich um ein archetypisches Motiv handelt, das uns durch Märchen vermittelt wird. Unsere Romane sind voll davon, ob sie nun als Horror empfunden werden oder nicht. Carrie erinnert an Elemente von Aschenputtel und Rapunzel. Der Professor für Orientalistik und Altertumswissenschaften Alex E. Alexander wies 1979 in seinem Essay “Stephen King’s Carrie – A Universal Fairy Tale” erstmals darauf hin. Er zitiert darin Schiller mit den Worten

Das Stephen King Phänomen

Was wäre aus dem arbeitslosen Englischlehrer geworden, der nachts in einer Industriewäscherei arbeitete und mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in einem Wohnwagen lebte, wenn nicht so etwas wie ein Wunder geschehen wäre? Diese Frage wird er uns in Shining beantworten, aber so weit war es noch nicht. Niemand konnte damals ahnen, dass King quasi im Alleingang ein völlig neues Marktsegment erschaffen würde, das zu jener Zeit mit Bloch, Matheson und Bradbury vor sich hin dümpelte. Es klingt auch heute noch absurd.

Aber manchmal fügen sich die Dinge so, dass man von Zufall spricht. Dem jungen Bill Thompson, Redakteur bei Doubleday, gefiel, was er las, und er setzte sich massiv für die Veröffentlichung des Buches ein. Zuvor lag bereits Amok auf seinem Schreibtisch, den er mit sanften Worten ablehnte. Aber auch für Menschenjagd und Sprengstoff sah Thompson zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit der Veröffentlichung bei Doubleday. Aber für Carrie kämpfte er innerhalb des Verlags, der von einem Debütanten nicht mehr als 5000 verkaufte Exemplare erwartete.

Carrie erschien am 5. April 1974 mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren. Davon wurden 13.000 verkauft, was ein beachtlicher Erfolg war. Das Buch landete schnell auf der Liste der verbotenen Bücher in den USA. Vor allem in den Schulen war man wegen der Gewalt, der Flüche, des Sex unter Minderjährigen und der negativen Sicht auf die Religion in eine Art Schockstarre verfallen. Doubleday machte nicht viel Werbung, man schämte sich wohl insgeheim für das, was man angerichtet hatte, aber die Mund-zu-Mund-Propaganda machte den Mangel an Werbung mehr als wett. So wurde die New American Library aufmerksam und sicherte sich die Taschenbuchrechte für 400.000 Dollar, belächelt von Doubleday, die Stephen King nie ernst genommen hatten. Das war damals ein Rekord und wird auch heute kaum erreicht. Irgendetwas muss den Lektoren von NAL gesagt haben, dass sie auf einer Goldmine saßen, und so kam es dann auch. Das Buch verkaufte sich in den USA in mehreren Auflagen rund zweieinhalb Millionen Mal, und die Chicago Tribune berichtete zum ersten Mal über das Phänomen King. King bekam die Hälfte des Geldes und war von da an tatsächlich aus seinen finanziellen Schwierigkeiten heraus.

Carrie White

Das Buch erzählt die Geschichte von Carietta White aus der Carlin Street in der fiktiven Stadt Chamberlain, Maine. King hatte zu Beginn noch nicht sein ikonisches Derry oder Castle Rock gefunden. Das Buch spielt in der fiktiven Zukunft des Jahres 1979. Die Veröffentlichung des Buches “Ich heiße Susan Snell” von Susan Snell, das in Auszügen in den Roman eingewoben wurde, ist sogar auf 1986 datiert.

Wie in den meisten Volkskulturen ist die Initiation durch den Erwerb besonderer Weisheit oder Kräfte gekennzeichnet. King setzt Carries sexuelle Entfaltung mit der Reifung ihrer telekinetischen Fähigkeiten gleich. Verflucht und mit gerechtem Zorn ausgestattet, wird sie gleichzeitig Opfer und Monster, Hexe und weißer Engel der Zerstörung. Wie King erklärte, ist Carrie “eine Frau, die zum ersten Mal ihre Kräfte spürt und wie Samson am Ende des Buches die Trümmer des Tempels auf alle in Sichtweite herabregnen lässt”.

Carrie ist eine Parabel über das Erwachsenwerden. Die siebzehnjährige Carrie White ist ein einsames, hässliches Entlein, das zu Hause misshandelt und in der Schule gedemütigt wird. Ihre Mutter, eine religiöse Fanatikerin, bringt Carrie mit ihrer eigenen “Sünde” in Verbindung; Carries Altersgenossen hassen sie geistlos und machen sie zur Zielscheibe ihres Spotts. In Carrie geht es um die Schrecken der Highschool, einem Ort “bodenlosen Konservatismus und Bigotterie”, so King, wo es den Schülern “nicht mehr erlaubt ist, sich über ihren Stand zu erheben als ein Hindu über seine Kaste”. Der Roman handelt auch von den Schrecken des Übergangs zur Weiblichkeit. In der Eröffnungsszene erlebt Carrie in der Schuldusche ihre erste Menstruation; ihre Mitschülerinnen reagieren mit Abscheu und Spott, werfen mit Binden nach ihr und rufen: “Stopft es zu!” Carrie wird zum Sündenbock für die Angst vor weiblicher Sexualität, die sich im Geruch und Anblick von Blut manifestiert. (Das Blutbad und die Opfersymbolik kehren auf dem Höhepunkt des Romans wieder). Als Sühne für ihre Beteiligung an Carries Demütigung in der Dusche überredet Susan Snell ihren beliebten Freund Tommy Ross, Carrie zum Abschlussball einzuladen. Carries Konflikt mit ihrer Mutter, die ihre aufkeimende Weiblichkeit mit Abscheu betrachtet, wird begleitet von einer neuen Verschwörung der Mädchen gegen sie, angeführt von der reichen und verwöhnten Chris Hargenson. Ihre Clique arrangiert, dass Tommy und Carrie zum Ballkönigspaar gewählt werden, nur um sie dann mit Eimern voller Schweineblut zu übergießen. Carrie rächt sich telekinetisch, zerstört die Schule und die Stadt und lässt Susan Snell als eine der wenigen Überlebenden zurück.

Bei der Lektüre von Kings Romanen ist es ratsam, nach gemeinsamen stilistischen Details und wiederkehrenden Bildern zu suchen. Carrie ist natürlich interessant, weil es Kings erste Veröffentlichung war und einige Techniken enthält, die er im Laufe seiner Karriere weiterentwickeln sollte. Da ist zum Beispiel der innere Monolog. King hat die Angewohnheit, die Gedanken seiner Figuren in den Haupttext einzuflechten, indem er sie in Klammern oder Kursivschrift setzt („Sehen Sie, was ich getan habe?“). Dies ist eine effektive und elegante Methode, um das platte “Sie dachte” zu vermeiden. Bis zum Ende des Romans dominiert das Stilmittel des inneren Monologs sogar den Erzähltext, auch wenn King diese Technik erst in seinen späteren Werken verfeinern und eleganter präsentieren sollte.

Carrie enthält bereits deutlich die für King typischen Themen, die er später noch einmal überdenken und mit noch größerer Wirkung einsetzen wird. Zum Beispiel Carries Gespräche mit ihrer Mutter – es sind die gleichen Stimmen, die in späteren Romanen wie SieDolores oder Der dunkle Turm wieder auftauchen.

Die Inspiration

Während die meisten von uns mit der Geschichte vertraut sind, wissen nur wenige, welche Inspiration dahinter steckt. King, der das Manuskript 1973 (an einem provisorischen Schreibtisch in der Wäscherei) schrieb, modellierte Carrie White nach zwei Mädchen, an die er sich aus seiner Grundschulzeit erinnerte.

Jahre später sagte Stephen King:

“Eines der Mädchen war besonders auffällig, weil sie jeden Tag die gleichen Sachen in der Schule trug und von ihren Klassenkameraden gehänselt wurde. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem sie unerwartet mit einem neuen Outfit in die Schule kam, das sie sich selbst gekauft hatte… Sie hatte ihren schwarzen Rock und ihre weiße Bluse – alles, womit sie je gesehen worden war – gegen eine bunt karierte Bluse mit Puffärmeln und einen Rock getauscht, der damals in Mode war. Und alle haben sie noch mehr gehänselt, weil sie niemanden sehen wollten, der sein Aussehen verändert hat”.

Das andere Mädchen, eine introvertierte Epileptikerin, hatte eine fundamentalistische Mutter, die ein riesiges Kruzifix an der Wohnzimmerwand hängen hatte, ein Bild, das direkt in den Roman einfloss.

Der Rest der Handlung ergab sich, als King sich an einen Artikel erinnerte, den er in der Zeitschrift Life gelesen hatte und in dem angedeutet wurde, dass einige junge Menschen, insbesondere heranwachsende Mädchen, telekinetische Kräfte besitzen könnten.

Links:

„Mein Name ist Susan Snell“

Pennywise – Das gestaltlose Böse

ES ist ein uraltes böses Wesen, das vielleicht Milliarden von Jahre alt ist, so alt wie das Universum selbst. ES kommt aus der Leere, die unser gesamtes Universum enthält, das als Makroversum bezeichnet wird (in den Romanen um den dunklen Turm wird es auch als „Flitzerdunkel“ bezeichnet (orig. Todash Darkness). Die Heimdimension dieses Wesens sind die „Totenlichter“ (Deadlights). Im Roman sah Billy für einen Moment die wahre Form des Wesens in den Totenlichtern und beschrieb sie als endloses, kriechendes, haariges Wesen aus orangefarbenem Licht. Obwohl sich ES gerne als männlicher Clown namens Pennywise manifestiert, nimmt es auch die Form einer riesigen Spinne an. Sein natürlicher Feind ist ein Wesen, das als Schildkröte bezeichnet und in der dunklen Turm-Serie Maturin genannt wird. Dort ist er einer der Wächter der Balken.

ES kam vor Millionen von Jahren während eines verheerenden Ereignisses auf die Erde und landete in dem Abschnitt Nordamerikas, wo schließlich 1715 die Stadt Derry, Maine erbaut werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt erwachte das bis dahin schlummernde Wesen und begann den Kreislauf, sich von den Ängsten der Menschen zu ernähren, um dann wieder in einen Winterschlaf zu fallen, der 27 bis 30 Jahre dauert. Dabei hält sich ES vor allem an die Kinder Derrys, weil deren Ängste leichter zu manipulieren und dann in physische Form zu bringen sind. Stephen King glaubt zurecht, dass Clowns Kinder mehr als alles andere auf der Welt erschrecken. Pennywise ist zu einem Symbol geworden. Im Roman heißt der Clown allerdings Bob Gray, dem es gelingt, die Erwachsenen von Derry so zu beeinflussen, dass sie seine Angriffe auf die Kinder nicht stören.

Ben Hanscom recherchiert in der Bibliothek von Derry nach der Stadtgeschichte und findet heraus, dass ES bereits seit Jahrhunderten für einen großen Teil der Katastrophen und unnatürlichen Todesfälle der Stadt verantwortlich ist, so zum Beispiel für die Explosion der Kitchener Eisenhütte, bei der 108 Menschen ums Leben kamen, darunter 88 Kinder. Das Wesen kann auch durch einen Gewaltakt aus seinem Schlaf geweckt werden. Der Roman beginnt mit einem Jungen namens Dorcey Corcoran, der 1957 von seinem Stiefvater Richard Macklin zu Tode geprügelt wird, was ES aus dem Schlaf weckt. Da das Wesen die Köpfe der Menschen von Derry manipuliert, denken sie nicht lange über diese Tragödien nach. Die Erwachsenen „vergessen“ die hohe Anzahl verschwundener Kinder und machen weiter, als ob das alles ganz normal wäre.

In erster Linie ist ES ein Gestaltwandler, der die Form annimmt, vor der sich seine Opfer am meisten fürchten. Pennywise, der Clown, der Ballons verteilt, ist allerdings seine bevorzugte physische Form. Im Roman nimmt ES neben einem obdachlosen Leprakranken, einer bereits genannten Riesenspinne oder einer Frau aus einem Gemälde noch die Formen berühmter Monster wie Dracula, den Wolfmann, die Kreatur aus der schwarzen Lagune, oder Frankensteins Monster an.

Pennywise als psychologisches Symbol

Wenn man sich fragt, warum Pennywise als Symbol so gut funktioniert, dann ist die Antwort in der psychologischen Wucht des Romans zu finden, der sicher einer der besten Horrorgeschichten aller Zeiten bereithält. Es ist zwar verständlich, dass man das gerne verfilmt gesehen hat, aber genauso verständlich, dass kaum eine King-Verfilmung je funktionieren wird und für Fans deshalb keine Option ist. In ES geht es um Traumata und deren Bewältigung, um die Überwindung unterdrückender Kräfte, die versuchen, uns zu schwächen, zu zerstören und zu verschlingen. Das Buch ist übersät mit Metaphern über die zyklische und kathartische Natur unseres Lebens – der junge Eddie zum Beispiel lebt mit einer adipösen, alleinerziehenden Mutter, die darauf besteht, dass er krank ist. Der geheime Wunsch dahinter ist, ihr Kind für immer von ihr abhängig zu machen, damit sie selbst nie allein sein muss.

Als Erwachsener nimmt Eddie immer noch sein Asthmamedizin, obwohl er weiß, dass es sich um ein Placebo handelt. Er heiratet eine fettleibige Frau, die seiner Mutter ähnlich ist und ihn manipuliert.

Beverly wurde von einem Vater aufgezogen, der sie missbrauchte, und als Erwachsene heiratet sie einen gewalttätigen, kontrollsüchtigen Mann – einen Mann, der ebenfalls körperlichen Missbrauch durch seine eigene Mutter erlitten hat. Zyklen wiederholen sich, aber sie sind in gewisser Weise therapeutisch. Diese Kinder sehnen sich nach dem Komfort des Vertrauten, auch wenn das Vertraute fast zu schmerzhaft ist, um es zu ertragen. Die Sache mit dem Missbrauch, sei es von einer überheblichen Mutter wie der von Eddie oder von einem gewalttätigen Vater wie bei Beverly, ist, dass er eine Umgebung schafft, die das einzige Leben ist, das sie kennen. Es mag sich nicht gut anfühlen, aber Wiederholung erzeugt Vertrautheit; der Missbrauch wird so zu einer Form des Trostes, besonders wenn der Täter ein Elternteil ist.

Jedes dieser sieben Kinder hat seinen eigenen Kampf geführt – angefangen bei Stans Besessenheit von Sauberkeit und der Art und Weise, wie er verspottet wird, weil er Jude ist, bis hin zu Bills Stottern und Richies allgemeiner Nerdigkeit. Mike ist schwarz in einer kleinen Stadt der 1950er Jahre voller weißer Menschen, Ben ist übergewichtig. Und vielleicht sind sie deshalb in der Lage, mit diesem unersättlichen Monster umzugehen, das sich von Kindern ernährt.

Stephen King – Der amerikanische Meister

Die Kontroverse um den literarischen Wert von Stephen King muss hier nicht wiederholt werden (obwohl wir dies im Laufe der Besprechungen seiner Werke tun müssen), der Autor hat sich von Anfang an selbst in die Falle manövriert: Wer sein eigenes Werk als das literarische Äquivalent eines Burgers mit Pommes bezeichnet, wird von einem leichtgläubigen Publikum schließlich auch so wahrgenommen. Das Problem an der Sache: Es stimmt nicht. Zwar ist es nicht falsch, King nicht zu mögen oder nicht lesen zu wollen (man pflegt seine Abneigungen, ob begründet oder nicht), aber eine echte Kritik kann nur entstehen, wenn man eine Ahnung hat, wovon man spricht.

Stephen King an seinem Arbeitsplatz

Natürlich habe ich immer auch King gelesen, einen Meister der Erzählkunst und in der Tat einen der begabtesten Autoren, die Amerika je hervorgebracht hat. Denis Scheck, einer der wenigen deutschen Kritiker, die nicht von der Ignoranz geblendet werden, hat King einmal den Charles Dickens unserer Zeit genannt. Nun muss man natürlich wissen, dass auch Dickens wegen seiner Popularität angeklagt wurde, was heute niemanden mehr interessiert. Und wie Dickens wird auch King in ein paar hundert Jahren gelesen werden (falls unsere substanzlose Rasse so weit kommt), was auf manche Lieblinge der Gralshüter sicher nicht zutreffen wird, weil sie tatsächlich nichts Ewiges zu verkünden haben.

Stephen King hat oft genug die Geschichte erzählt, wie ein Fan ihn erkannte und sagte: „Du bist Stephen King! Ich liebe all deine Filme!“ Anfangs musste King den Leuten noch erklären, dass er Schriftsteller ist und die Filme auf seinen Büchern basieren. Diese kleine Anekdote mag übertrieben klingen, aber sie zeigt die Tendenz, Literatur nicht mehr als solche wahrzunehmen, sondern von vornherein zu entscheiden, ob ein Buch als Vorlage für einen Film geeignet ist oder nicht. Da King der am häufigsten verfilmte Autor überhaupt ist, ergibt sich hier das eigentliche Dilemma. Die überwältigende Mehrheit dieser Filme ist künstlerischer Schrott – und das verweist in der öffentlichen Wahrnehmung auf Stephen King. So schweben Kings Ideen frei im Raum, und weniger begabte Künstler stürzen sich auf seine Stoffe, adaptieren sie und zerstören damit eigentlich ein erstaunliches literarisches Erbe.

Von Anfang an haben Kings düstere Parabeln die Ängste des ausgehenden 20. Als stellvertretender Erzähler in „Der Nebel“ erklärt King seine Mission:

„Wenn die Technologien versagen, wenn… religiöse Systeme versagen, müssen die Menschen etwas haben. Selbst ein Zombie, der durch die Nacht taumelt“, ist ein „heiterer“ Gedanke im Angesicht einer „sich auflösenden Ozonschicht“.

Kings Fiktionen beginnen an Orten, die für Amerikaner der Fernsehgeneration akzeptabel sind, in amerikanischen Vorstädten oder Kleinstädten – in Derry, Maine, oder Libertyville, Pennsylvania – und haben die Vertrautheit des Nachbarhauses und des 24-Stunden-Ladens. Die Figuren haben die vertraute zweidimensionale Realität des Kitsches: Sie entstammen Klischees wie dem High-School-„Streber“ oder dem braven Kind. Von diesen Orten aus bewegen sie sich filmisch durch eine Atmosphäre, die von der populären Mythologie inspiriert ist. King wendet naturalistische Methoden auf eine von der Populärkultur geschaffene Umgebung an. Diese bereits vermittelte Realität lässt sich leicht in übernatürliche Begriffe übersetzen, die eine alptraumhafte Qualität annehmen. Kings Vorstellungskraft ist vor allem archetypisch: Seine „Pop“-Vertrautheit und sein jugendlicher Humor schöpfen aus dem kollektiven Unbewussten.

In „Danse Macabre“, einer Studie über das zeitgenössische Horrorgenre, die die gegenseitige Befruchtung von Fiktion und Film betont, unterteilt er sein Thema in vier „Monster-Archetypen“: den Geist, das „Ding“ (oder von Menschen geschaffene Monster), den Vampir und den Werwolf. Wie bei seiner Fiktion sind seine Quellen die klassischen Horrorfilme der 1930er Jahre, die von der Pulp- und Filmindustrie der 1950er Jahre aufgegriffen wurden. Er verweist auf ihre Ableitungen aus dem Schauerroman, dem klassischen Mythos, den Volksmärchen der Gebrüder Grimm und der mündlichen Überlieferung im Allgemeinen. In einem Zeitalter der Angst, in dem man dem Mythos skeptisch und zugleich hungrig gegenübersteht, ist das Grauen im Grunde beruhigend und kathartisch; der Geschichtenerzähler verbindet die Rollen des Arztes und des Priesters als Hexendoktor, als „Sündenesser“, der die Schuld und die Angst seiner Kultur auf sich nimmt. Im Neoprimitivismus des späten zwanzigsten Jahrhunderts haben diese alten Rollen und Monster eine neue Mystik angenommen.

In „Kinder brauchen Märchen“ (1976) behauptet der Psychologe Bruno Bettelheim, dass der Zauber und die Schrecken des Märchens existenzielle Probleme in Formen darstellen, die Kinder verstehen können. Die paranormalen Schrecken Kings haben eine ähnliche kathartische und erzieherische Funktion für Erwachsene; sie externalisieren die Traumata des Lebens, insbesondere die der Adoleszenz.

Die etwas ermüdende Meinung vieler ist, King als Autor von Horrorgeschichten abzutun, obwohl er längst als Chronist der amerikanischen Gegenwart bekannt ist (und darüber hinaus jedes literarische Genre beherrscht und schreibt). Dass er das Übernatürliche als Stilmittel einsetzt, ändert nichts daran, dass er einer der besten Figurenzeichner der Literaturgeschichte ist; und einer der besten Erzähler. Eigentlich gibt es nur zwei literarische Gattungen: den begrenzten bürgerlichen Realismus und die weite Welt der phantastischen Literatur. King verbindet beide auf nicht immer perfekte Weise, was ihm aber zugute zu halten ist.

Das Unvollkommene ist das Ehrliche, das jedem großen Schriftsteller innewohnt. In seinen Niederungen kann man also tatsächlich den Burger mit Pommes finden. Ich will beides. Die Filetstücke hervorheben und über das Fastfood schmunzeln.

Ich möchte die Arbeit von Michael Collins, Professor für englische Literatur, erwähnen, weil er einer der ersten war, der sich wissenschaftlich mit Kings Werk auseinandergesetzt hat. Anfang der 1980er Jahre galt King als ungeeignet für die Lektüre ernsthafter Literaturstudenten. Dieser Snobismus, den es also auch in einem literarisch aufgeschlossenen Land wie den USA gab, war für Collins inakzeptabel (für Deutschland gilt das wohl für alle Zeiten). Einer der Gründe, warum Collins mit Kings Werk arbeiten wollte, war der kolportierte Unterschied zwischen Literatur und Trivialliteratur. Seine Studien über das Schreiben im Mittelalter und in der Renaissance hatten ihm gezeigt, dass Leser und Gelehrte während des größten Teils der Geschichte des geschriebenen englischen Wortes keine solche Unterscheidung getroffen hatten. Der Glaube, dass ein kommerziell erfolgreicher Autor auch künstlerisch verdächtig sein müsse, war ein ziemlich neues Konstrukt. Wir haben es vorhin von Charles Dickens gehört, aber Collins behauptet in einem seiner Artikel sogar, Shakespeare sei der König seiner Zeit gewesen. Das war natürlich ein starkes Stück für die Fundamentalisten, die nicht verstehen, wie Literatur wirklich funktioniert und was sie wirklich ist.

Collins ist es zu verdanken, dass King zu einer Institution mit einem eigenen wissenschaftlichen Gerüst wurde. Heute kann jeder fortgeschrittene College-Abschlüsse in spekulativer Literatur erwerben, oft mit dem Schwerpunkt King.

Doch nicht nur Collins allein ist zu erwähnen, sondern auch eines der ersten Bücher, die Kings Werk mit frühen Meistern vergleicht: Tony Magistrales einflussreiches „Landscape of Fear“ aus dem Jahre 1988. Dieses Buch trug dazu bei, King in das Gespräch der Hochkultur mit einzubeziehen. Auch Verlage wie Cemetery Dance haben eine lange Tradition der King-Kritik und – in jüngerer Zeit – Pennywise Dreadful (eine professionell betriebene Online-Präsenz mit King-Exegesen) haben sich Magistrales Erbe zu eigen gemacht. Alle diese King-Chronisten haben bewiesen, dass King mehr Fleisch an den Knochen hat, als Ignoranten glauben. Mit Hilfe literarischer und linguistischer Theorien wollte Magistrale beweisen, dass Kings Werk einen Grad an sprachlicher Komplexität aufweist, der ihm oft nicht zugestanden wird.

King machte es sich selbst nicht immer leicht, vom bürgerlichen Establishment ernst genommen zu werden, etwa wenn er in einem albernen Werbespot für American Express als er selbst auftrat und in einer rauchverhangenen Jacke in einem Geisterhaus herumturnte. Bis zur Jahrhundertwende hatte King Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und einen beinahe tödlichen Unfall im Jahr 1999 überlebt, als er bei einem Spaziergang auf der State Route 5 in Maine von einem Lieferwagen angefahren wurde.

Im Jahr 2000 erschien mit „Das Leben und das Schreiben“ eine reifere und nüchternere Version des Mannes, der seine Bücher einmal mit Big Macs verglichen hatte. Diese Memoiren waren eine Beichte und eine Anleitung zum Schreiben, vielleicht eines der besten Werke über das Schreiben neben Mario Vargas Llosas „Briefe an einen jungen Schriftsteller“. Selbst der hartnäckigste Kritiker des Kings konnte nicht leugnen, dass es darin auch kluge Ratschläge gab. Es war auch unmöglich, so zu tun, als sei King nicht in der Lage, in mehr als einem Genre einen Beitrag zu leisten. King wurde von Präsident Obama mit der National Medal of the Arts 2014 ausgezeichnet, was gut zu seinem National Book Award 2003 passt (eine Seltenheit für einen „populären“ Schriftsteller), seinem O. Henry Award 1996 und einer langen Liste weiterer literarischer Auszeichnungen. „King hat das erreicht, was ich die Trilogie des Erfolgs als Schriftsteller in Amerika nenne“, sagt der langjährige King-Kritiker Stephen J. Spignesi, der Kings Karriere mit der von John Steinbeck vergleicht:

„Er ist erfolgreich im akademischen Bereich, im populären Bereich und begehrt bei den Sammlern“.