Alfred E. Neumann – Das geheimnisvolle Mondgesicht

Alfred E. Neumann ist eine der geheimnisvollsten Figuren der gesamten Popkultur. Über seine genau Herkunft ist wenig bekannt, allerdings tauchte er im Laufe der Geschichte schon lange an den ungewöhnlichsten Orten auf, bevor er zum Maskottchen der Satirezeitschrift MAD wurde.

Alfred E. Neumann
Die berühmte Postkarte, die Norman Mingo
als Vorlage zu seiner Version von Alfred E. Neumanns hernahm

Der Mitbegründer des MAD-Magazins Harvey Kurtzman behauptete, das erste Mal ein Abbild von Alfred auf einer Postkarte entdeckt zu haben, die in den 50er Jahren an das schwarze Brett im Büro eines Redakteurs von Ballantine Books geheftet war.

Es sah aus wie das Porträt eines Bauerntrampels, teils anzüglicher Klugscheißer, teils jemand, der der Welt nichts zu sagen hatte, außer Unfug zu treiben. Die Bildunterschrift lautete „Was soll ich mir Sorgen machen?“.

Diese Unterschrift – im Original „What, me worry?“ – wurde als „Na und?“ in die deutsche Fassung übertragen.

Der Name Alfred Neumann wurde einfach vom gleichnamigen amerikanischen Filmkomponisten abgeschaut und von dem MAD-Zeichner Al Jaffee mit einem zusätzlichen E versehen.

Sein offizielles Debüt gab der schelmische Rotschopf im Dezember 1956, als er auf dem Cover von MAD Nr. 30 als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen erschien. Seitdem war er auf fast jedem MAD-Titelbild zu sehen: Er verulkte und verunglimpfte kulturelle Ikonen mit nichts weiter als einem schläfrigen Gesichtsausdruck. Obwohl MAD ihm einen Zweck und ein dauerhaftes Zuhause gab, bleibt seine Entstehungsgeschichte bis heute schwer zu fassen.

Sie handelt unter anderem von einer Pflaumenpudding-Werbung, einem dubiosen Rechtsstreit und einem Wanderzirkus aus dem neunzehnten Jahrhundert. Neumann ist für immer ein Synonym für das Magazin und seine unendliche Respektlosigkeit, aber das Rätsel um sein wahres Alter setzt dem Ganzen vielleicht die Krone auf.

Im November 1954 debütierte Neumann mit MAD auf dem Cover einer Taschenbuchsammlung mit Nachdrucken aus den ersten beiden Jahren der Satirezeitschrift. Alfred erschien erstmals in Comics auf dem Cover der Ausgabe 21 im März 1955, aber nur als winziges Bild in einer Scherzanzeige. Es handelte sich um eine Gummimaske mit der Aufschrift „Idiot“, die für 1,29 Dollar angeboten wurde.

Von Heft 30 an erschien er mit wenigen Ausnahmen auf dem Cover jeder Ausgabe. Maskottchen waren inzwischen zu einem Prestigepunkt geworden: Der Playboy hatte sein Häschen, Esquire hatte den großäugigen Mr. Esky, und MAD hatte nun seinen Alfred.

Allerdings war Alfred eine kurze Zeit auch als Mel Haney bekannt. Und eine Frau mit einem ähnlichen Gesicht, das nur eine Mutter lieben konnte, namens Moxie Cowznofski erschien ebenfalls kurz in den späten 1950er Jahren. Im redaktionellen Text wurde sie als Alfreds „Freundin“ ausgegeben, aber es gab einige Spekulationen darüber, dass es sich um ihn in weiblicher Gestalt handelte. Um solche Vermutungen zu zerstreuen, wurden Alfred und Moxie dann zusammen abgebildet.

Der Name leitete sich von Moxie ab, einem damals bekannten Erfrischungsgetränk, das in den 1950er Jahren in Portland, Maine, hergestellt wurde. Natürlich ist es kein Zufall, dass es in vielen Ausgaben auch beworben wurde.

Das erste Titelbild wurde von Norman Mingo gezeichnet. Bis dahin war Mingo auf Pin-ups im Vargas-Stil spezialisiert. Er befand sich kurz vor dem Ruhestand, als er auf die Anzeige der New York Times reagierte, die ILLUSTRATOR WANTED lautet. Zunächst schreckte er zurück, als er zum ersten Mal den Hauptsitz des Magazins in 485 “MADison Avenue” besuchte, aber sein üppiger Stil passte perfekt zu der aufkeimenden Publikation, und – um es kurz zu machen – er brauchte das Geld. Beginnend mit dem Neumann-Auftrag malte er in den nächsten zwanzig Jahren tatsächlich die meisten Cover von MAD.

Die Klage

Im Jahr 1965, als das Gesicht zu einer vertrauten Posse in der nationalen Kultur geworden war, verklagte die Witwe eines Karikaturisten namens Harry Spencer Stuff das Magazin. Neumann, so die Klägerin, sei eine Kopie von Stuffs Karikatur „The Original Optimist“, auch bekannt als „Me-worry?“, die er 1914 urheberrechtlich schützen hat lassen.

Antikama
Antikama-Kalender von 1908

Um sich gegen die Klage zu wehren, wendete sich MAD an seine Leser und bat sie um Beweise für die Existenz des Jungen vor 1914. Das Bild, das Kurtzman zuerst auf einer Postkarte entdeckte, entpuppte sich dann tatsächlich als immer wieder auftauchendes Motiv der Billigwerbung, das bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert zurückreicht. So war er zum Beispiel 1942 auf einer Streichholzschachtel für ein Autoteilegeschäft in Longhorn, Texas, zu sehen, auf dem Etikett von Happy Jack, einer 1939 verbreiteten Limonade, auf der Speisekarte eines Coffeeshops in Ashland, Nebraska, auf einem Kalender von 1908 für Antikamnia, ein mit Heroin versetztes Schmerzmittel, in einer Anzeige von 1905 für „schmerzfreie Zahnbehandlung“ mit dem Hinweis: Es tut kein bisschen weh!, und in einem Programmheft von 1902 für Maloney’s Wedding Day, einer Musical-Komödie. Im Mittelpunkt jeder Grafik stand das Porträt eines Jungen mit zerzaustem rotem Haar, Untertassenohren und dem typischen Grinsen einer Kackfresse, dem ein Zahn fehlt. Stuff mag das Bild geschützt haben, indem er dem Jungen das verschlafene Grinsen und die schiefe Haltung gab, aber frühere Versionen legen nahe, dass seine Karikatur selbst eine modifizierte Kopie war. Das Gericht entschied zu Gunsten von MAD: Neumann war also ein vaterloser Mutant und damit gemeinfrei.

Ein Archetyp noch nicht in Sicht

Die Schriftstellerin und Forscherin Maria Reidelbach berichtete 1992 von einer Anzeige für Hackfleisch von Atmores und echtem englischen Pflaumenpudding von 1895, die sie gefunden hatte. Die Anzeige erschien in der New Yorker Ausgabe der Illustrated London News und im McClures Magazine.

Pflaumenpudding-Werbung, ca. 1895

“Die Gesichtszüge des Kindes sind voll entwickelt und unverkennbar”, schrieb Reidelbach, “und das Bild wurde sehr wahrscheinlich von einem noch älteren Vorbild entnommen, das noch nicht gefunden wurde.”

Es ist möglich, dass Alfred E. Neumanns Gesicht auf alte Medizin-Shows zurückgeht, die damals sehr populär waren.

Der König der kanadischen Medizinmänner war Thomas Patrick Kelley, der ab 1886 durch Kanada und die USA reiste und Patentmedizin wie ostindisches Tigerfett und Passionsblumentabletten verkaufte. Er war so bekannt, dass Drogisten in Toronto und Winnipeg seine Produkte in ihren Drogerien anboten. Seine bevorzugten Reiseziele waren Illinois, Michigan und Ohio. Andere Medizin-Shows, darunter die Kickapoo Company, reisten ebenfalls durch die Gegend, aber sie schienen es nie über die Grenzen von Toronto geschafft zu haben.

Jock McCulla

Neben den Banjospielern, Ringkämpfer-Bären usw. war das populärste Mitglied von Kelleys Truppe der in Schottland geborene Komiker Jock McCulla, der mit seinen oft sehr schmerzhaft anmutenden Possen und Slapstick zu einem der beliebtesten Komiker Nordamerikas wurde, noch vor Film und Vaudeville. Es ist durchaus denkbar, dass er nach einem besonders schlimmen Sturz sagte: „Es hat gar nicht wehgetan“, woraufhin in den Drogerien entlang der Strecke Flaschen mit irgendeinem Schmerzmittel für Jungen verkauft wurden, denen ein Hockey-Puck oder ein Baseball die Zähne ausgeschlagen hatte.

Jock McCulla hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Alfred E., er hatte karottenrote Haaren und ein zahnloses Grinsen. Möglicherweise ist er der Vorläufer des geheimnisvollen Mondgesichts irgendwann zwischen 1890 und 1896.

In der Zeit vor der schmerzfreien Zahnmedizin gehörte das Ziehen von Zähnen mit einer Zange und die Verabreichung von Schmerzmitteln zu den Hauptbestandteilen der umher reisenden Medizinshows. Das Schmerzmittel war recht wirksam, da es oft mit Opium oder Kokain gemischt wurde. Violet McNeal schrieb 1947 ein anschauliches Buch über die Zeit der Medizin-Shows: Four White Horses and a Brass Band (Vier weiße Pferde und eine Blaskapelle), in dem das Leben, die Betrügereien und Verbrechen der reisenden Künstler und Quacksalber detailliert beschrieben werden. Viele der an den Medizinshows beteiligten Männer und Frauen lieferten illegale Drogen wie Kokain und Opium an den ganzen Kontinent, von Manitoba über das Inland Empire, den amerikanischen Süden, den Mittleren Westen und die Ostküste. Medizinshows gehörten zu den ersten Werbeträgern in Zeitungen, Almanachen, auf Flaschenetiketten, illustrierten Karten, Zäunen, Bauernhäusern und sogar Felswänden.

Alfred E. Neumann könnte allerdings auch gar keinen wirklichen Ursprung haben und sehr wohl ein Teil des kollektiven Unbewussten der Welt sein, ein Trickster oder Schamane. Es könnte durchaus sein, dass sein idiotisches Gesicht und sein zahnloses Grinsen von den Wänden einer vergessenen Höhle herabstrahlen, die seit Anbeginn der Menschheit vor den Augen aller verborgen ist.

Micky Maus – Die Ikone der Popkultur

Micky Maus gehört sicherlich zu den bekanntesten popkulturellen Persönlichkeiten der Geschichte. Seit seiner Einführung im Jahre 1928 ist Disneys legendäres Wahrzeichen in ausschließlich allen Medien und Variationen zu haben. Künstler von Saul Steinberg bis Andy Warhol haben ihn gefeiert und kritisiert. Für manche ist die Micky Maus sogar der Comic-Charakter schlechthin. Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten der Stern etwas zu verblassen scheint, wäre es noch untertrieben, hier einfach nur von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen.

Vielmehr ist Micky Maus ein Symbol, das über sich hinausragt, der Grundstein für eine einzigartige amerikanische Kunst, die Innovationen in Film, Musik und Malerei vereint (und sogar geschaffen) hat. Micky ist von einer Cartoon-Figur zu einer beeindruckenden Kulturmaschine geworden, die sich auch heute noch mit nichts vergleichen lässt. Diego Rivera bezeichnete Micky als echten Helden der amerikanischen Kunst und Walter Benjamin schrieb, dass sich die Öffentlichkeit bei Micky in seinen Handlungen wiedererkennt.

Die erste Maus war ein Kaninchen

Walt Disney
Walt Disney in Paris

Wären die Dinge in den 1920ern jedoch ein wenig anders gelaufen, wäre die große Ikone der Popkultur vielleicht ein Kaninchen gewesen. Disney war ein noch junger Animator, der eine Serie namens Alice Comedies produzierte, Kurzfilme, die echte Darsteller mit animierten Bildern kombinierten. Aber er war der Serie überdrüssig geworden und wollte komplett zum animierten Film übergehen. 1927 ging dieser Wunsch in Erfüllung und er durfte für Universal eine Cartoon-Serie produzieren. Disney wählte ein Kaninchen, dessen Name bei Universal tatsächlich aus einem Hut gezogen wurde.

Inspiriert war Oswald, wie viele andere Figuren zu dieser Zeit, von Felix – der erfolgreichen Cartoon-Katze, deren schwarzer Körper sich gut vom schlicht gezeichneten Hintergrund absetzte. Die Rechte an Oswald hatte allerdings, wie damals üblich, das Filmstudio. In diesem Falle Universal. Und so kam es, dass Disney um die Rechte an seiner Figur betrogen wurde.

Anstelle den Kopf in den Sand zu stecken, arbeitete er und sein Chefanimator Ub Iworks an einer weiteren Figur, auf die sie merkwürdigerweise nicht sofort kamen, obwohl animierte Mäuse bei Disney bereits zu dieser Zeit Gang und Gäbe waren. Als sie im Wesentlichen einfach nur Oswalds Ohren zu runden Mäuseohren gestutzt hatten, hatten sie ihre Figur, die zunächst Mortimer genannt wurde, bis Disneys Frau darauf beharrte, die Maus Micky zu nennen.

Micky und Oswald

Die drei Anläufe der Micky Maus

Der erste Cartoon, in dem Micky auftrat, war Plane Crazy. Inspiriert von Charles Lindberghs heldenhaftem ersten Alleinflug über den Atlantik, führte die Handlung dazu, dass Micky und einige Tierfreunde versuchten, ihr eigenes Flugzeug zu bauen. Der Cartoon wurde am 15. Mai 1928 in Hollywood in Form einer Testsichtung uraufgeführt. Es gelang ihm jedoch nicht, einen Verleih zu finden. Der zweiten Cartoon, The Gallopin‘ Gaucho, erlitt das gleiche Schicksal. Man erklärte Walt Disney sogar:

„Niemand kennt dich und niemand kennt deine Maus.“

Der dritte Anlauf brachte für Micky dann den Durchbruch, als Steamboat Willie am 18. November 1928 im New Yorker Colony Theatre Premiere feierte. Es war einer der ersten Cartoons, die jemals erfolgreich synchronisierten Sound einsetzte, und er war so beliebt, dass Walt Disney die höchste Summe bekam, die jemals für einen Cartoon am Broadway gezahlt wurde. Die Geschichte ist im wesentlichen eine Parodie auf Buster Keatons Kassenschlager Steamboat Bill Jr aus dem selben Jahr.

Steamboat Willi

Die Walt Disney Studios mit ihren kleinen, aber treuen Mitarbeitern wurden durch diesen Erfolg gerettet und ein Star war geboren.

Aber wann wurde er geboren?

Seltsamerweise änderte sich Mickys „offizieller“ Geburtstag nach 1928 jedes Jahr. 1933 verkündete Walt Disney:

Doch dieses Datum hielt sich nicht lange. Der Geburtstag wurde oft geändert, um ihn an bestimmte Aktivitäten anzupassen. Erst 1978 entschied Dave Smith, der Gründer des Disney-Archivs, dass die Premiere von Steamboat Willie wirklich der erste öffentliche Auftritt von Micky Maus war, also sein Geburtsdatum. Und an diesem Tag feiert natürlich auch Minnie Maus ihren Ehrentag, denn sie eilt in diesem Cartoon am Ufer entlang und versucht Kater Karlos Dampfschiff zu erwischen. Micky fand einen Weg, sie an Bord zu bringen, obwohl der Dampfer schon abgefahren war. Sofort hatten beide füreinander Feuer gefangen. Der Rest ist Geschichte, die aber gerne ausklammert, dass Micky und Minnie verheiratet sind. Zumindest sagte das Walt Disney 1933 in einem Interview, erwähnte aber auch, dass sie ihre Ehe nicht in die Öffentlichkeit tragen.

Walt Disney lieh seiner Maus über Jahrzehnte auch seine Stimme. Das erste Mal sprach Micky Maus in The Karnival Kid von 1929. Der perfekte Umgang mit den verschiedenen Sounds ist der wesentliche Grund, warum Micky Maus so erfolgreich wurde und in kürzester Zeit seinen Hauptkonkurrenten, die Stummfilmanimation Felix the Cat hinter sich ließ.

In kurzer Folge wurde die Charakterisierung vorangetrieben und das Aussehen der Figur verbessert. Kater Karlo wurde als Mickys Erzfeind eingeführt, er bekam weiße Handschuhe, damit sich die Hände besser vom Körper unterschieden, seine berühmten kurzen roten Hosen wurden ihm verpasst, und der Schwanz verschwand.

Die Ära Gottfredson

Anfang 1930 verließ Ub Iworks Disney und somit auch die Arbeit an dem seit dem 13. Januar des selben Jahres lizensierten Comic-Strips, und Walt machte sich auf die Suche nach einem Ersatz. Er entschied sich für Floyd Gottfredson, einen kürzlich eingestellten Mitarbeiter. Damals war Floyd Berichten zufolge begierig darauf, in der Animation zu arbeiten und zögerte etwas, seinen neuen Auftrag anzunehmen. Walt musste Floyd versichern, dass der Auftrag nur vorübergehend war und er schließlich zur Animation zurückkehren würde. Floyd akzeptierte und behielt diese „temporäre“ Aufgabe vom 5. Mai 1930 bis zum 15. November 1975.

Mickys Auftreten in den Comics unterschied sich von Anfang an erheblich von den Cartoons. Während sich nämlich die Cartoons weiterhin auf die Komödie konzentrierten, kombinierten die Comics auf sehr effektive Weise die Komödie mit der Abenteuergeschichte. Und diese Version der Micky Maus hielt sich bis in die heutige Zeit.

Der nächste Künstler, der die Figur prägte, war Paul Murry für die Dell-Comics. In der gleichen Zeit begann Romano Scarpa in Italien für die Zeitschrift Topolino, Micky in seinen Geschichten weiterzuentwickeln.

In Deutschland kam das Erscheinen des ersten Micky-Maus-Magazins 1951 einem Erweckungserlebnis gleich. Allerdings wurde die Beliebtheit der Maus hierzulande schnell von Donald Duck eingeholt, die in ganz Europa die eigentlich gefeierte Disney-Figur ist. Das zeigt an, wie sehr Micky Maus mehr als Symbol, denn als Comic-Charakter Anerkennung findet.