Hellboy – Ein echtes Höllenkind

Wenn man Mike Mignolas Hellboy nur aus den Spielfilmen kennt, kennt man nur einen Aspekt der Figur, die hier mit einem anderen Auge gesehen wird. Während der erste Film von  2004 noch Teile aus Saat der Zerstörung, Der Teufel erwacht und verschiedenen anderen Passagen der Storylines der Comics enthielt, ist die Fortsetzung Hellboy II: Die goldene Armee aus dem Jahr 2008 fast völlig unabhängig davon.

Der Anfang von Hellboy war nur ein Witz

Hellboy, Ersentwurf

Erschaffen hat die Figur der Autor und Künstler Mike Mignola. Sie erschien zum ersten Mal in der Ausgabe 2 der San Diego Comic-Con Comics (August 1993), veröffentlicht von Dark Horse Comics.

Tatsächlich aber hatte die erste Skizze, die für die Great Salt Lake Comic Con 1991 vorgestellt wurde, kaum etwas mit der heute berühmten Figur zu tun. Sie zeigt einen behaarten, fast höhlenmenschenartigen Dämon mit vier Hörnern, Flügeln und einer Krabbe und einem Fisch an seinen Gürtel. Auf dem Gürtel stehen die Worte „Hell Boy“. Mignola hielt nicht viel von dieser Skizze und tatsächlich war der Name für ihn nur ein Witz. In einem Interview sagte Mignola:

„Ich hatte nie wirklich ernsthaft darüber nachgedacht, meinen eigenen Comic zu machen und schon gar nicht, ihn zu schreiben. Ich hatte diese Zeichnung für eine Convention gemacht und „Hellboy“ als letztes drauf geschrieben, weil da noch Platz an seinem Gürtel war. Ich fand es lustig, wollte damit aber nicht wirklich etwas bezwecken.“

Mignola wusste nicht, dass dieser Witz zu einer der berühmtesten Comicserien führen würde.

Die Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen (B.U.A.P.)

Hellboy ist ein großer, muskulöser, rothäutiger Dämon mit einer gigantischen, unzerstörbaren rechten Hand. Als Kind wurde Hellboy im Dezember 1944 von dem auferstandenen Grigori Rasputin und einer Gruppe Nazi-Mystiker zur Erde gerufen. Die Beschwörungszeremonie wurde von alliierten Truppen unterbrochen, und Hellboy wurde vom britischen Parapsychologen Trevor Bruttenholm gefunden und aufgenommen, der fortan auch eine Vaterfigur für ihn darstellte. Bruttenholm setzte alles daran, Hellboy zu einem Kämpfer für das Gute zu erziehen, aber sein ständiger Kampf gegen seine dämonische Natur wurde zu einem Hauptmerkmal der Serie.

Hellboys Abenteuer fanden in erster Linie im Rahmen seiner Tätigkeit als Agent der Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen (B.U.A.P.) statt, einer von Bruttenholm gegründeten Gruppe zur Erforschung und Bekämpfung des Übernatürlichen. Im Laufe der Comics wurden die Details von Hellboys Vergangenheit enthüllt: Er wurde in der Hölle als Sohn einer menschlichen Mutter geboren, sein wahrer Name ist Anung Un Rama, und es ist seine Bestimmung, als Vorbote der Apokalypse zu dienen.

Die merkwürdigsten Gestalten

Die erste Geschichte, die später im Comic „Saat der Zerstörung“ (1997) erschien, gab mit ihrer Ansammlung von Monstern, Vampiren, Spukhäusern und jenseitigen Bedrohungen den Ton für die erfolgreiche Geschichten vor. Die verschiedenen Hellboy-Stories enthielten auch einige robuste und farbenfrohe Nebenfiguren, darunter Liz Sherman, eine junge Frau, die das Feuer kontrollieren kann; Roger der Homunculus, ein alchemistisch erschaffener Humanoid; Abe Sapien, ein okkulter Tüftler aus dem 19. Jahrhundert, der in ein amphibisches Wesen verwandelt worden war; Johann Kraus, ein körperloses Medium, das mit den Toten sprechen kann; Lobster Johnson, ein Verbrechensbekämpfer aus der Pulp-Ära; und Kate Corrigan, eine Volskundlerin, die als Außendienstmitarbeiterin bei B.U.A.P. arbeitet.

B.P.R.D. Bild: Dark Horse Comics

Zu den hartnäckigen Antagonisten gehören Rasputin, die russische Hexe Baba Yaga, die Göttin Hekate und die Diener einer Gruppe lovecraftianischer Wesen, die als die Ogdru Jahad bekannt sind. Seit seinem Debüt hat sich Mignolas „Hellboy-Universum“ zu einer Reihe von Miniserien, Sammlungen, Einzelgeschichten und Romanen erweitert. Zu den Spin-offs gehören mehrere B.U.A.P. (im Original B.P.R.D.)-Serien sowie Solo-Titel mit Abe SapienLobster Johnson und Sir Edward Grey, einem okkulten Ermittler des 19. Jahrhunderts, dessen Geist in der Gegenwart mit Hellboy interagiert.

Das Ende bei B.U.A.P.

Es mag einige überraschen, dass Hellboys Karriere bei der B.U.A.P. weniger als die Hälfte der Hauptcomicserie umfasst. In Band 6 mit dem Titel „Sieger Wurm” verlässt Hellboy die Organisation. Er hat zwei Gründe dafür. Erstens wegen der Behandlung seines Freundes Roger. Roger ist ein Homunkulus, der aus Blut und Kräutern besteht. Er wurde in einem alchemistischen Labor in den Ruinen der Burg Czef in „Hellboy Band 2: Der Teufel erwacht” entdeckt. Hellboy und Roger wurden Freunde, und Roger wurde bald als Agent der B.U.A.P. aufgenommen. Leider experimentierte die B.U.A.P. auch an ihm und füllte ihn während der Mission nach Hunte Castle mit Sprengstoff.

Ein weiterer Grund, warum Hellboy aufhörte, war, dass er sich selbst finden wollte. Nachdem er seine Herkunft und sein Schicksal erfahren hatte, gab er die Suche nach weiteren Antworten auf. Nach seinem Rücktritt machte er sich auf den Weg nach Afrika, wo seine Abenteuer weitergingen.

Mignolas Bildgestaltung in „Hellboy” zeichnet sich durch eine Fülle dicker Linien und schwerer Schatten aus. Die Figuren sind nahezu abstrakt dargestellt. Dieser Stil hat viele Künstler inspiriert. So beauftragte beispielsweise der Disney-Konzern Mignola damit, die Konzeptkunst zum Kinostart des Zeichentrickfilms „Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt” zu übernehmen.

Trotz des apokalyptischen Tons und der dunklen Bildsprache von Hellboy hatte die Serie auch ihren Anteil an komödiantischen Momenten, denn Mignolas Witz durchdrang die Comics mit einer Haltung, die die fantastischen Ereignisse um ihn herum konterkarrierte.

Das Vorbild des Vaters

Hellboy ist dafür bekannt, dass er etwas einstecken kann. Und er steckt jede Menge ein. Er ist stark und ausdauernd, aber er hat es mit ziemlich mächtigen Feinden zu tun, was schon zu einigen blutigen Kämpfen geführt hat. Er wurde erstochen, geschlagen, erschossen und so gut wie auf jede erdenkliche Weise verletzt. Trotzdem behält er einen kühlen Kopf und findet immer die Zeit für einen knackigen Spruch. Es mag überraschen, dass diese Persönlichkeit auf Mike Mignolas Vater zurückzuführen ist.

Mignolas Vater arbeitete als Tischler und kam oft mit Geschichten über Unfälle nach Hause, die von Bagatellen bis zu schrecklichen Vorfällen reichten. Mignola sagte über ihn, dass er jedes blutige Detail auf distanzierte Weise beschrieb. Diese unerschütterliche Haltung ist den Hellboy-Fans vertraut – so kennen sie ihren Helden. Mignolas Vater war außerdem Kriegsveteran des Koreakriegs und Weltreisender, der – wie Hellboy – eine Menge gesehen hatte und deshalb kaum aus der Ruhe zu bringen war.

Die Liebe zu „Pancakes“

Pancakes sind zwar mit unseren Pfannkuchen verwandt, aber doch ganz anders: Sie sind süß, fluffig und üppig. Im Film wird deutlich, dass Hellboy (Ron Perlman) große Mengen Pancakes serviert bekommt. Er liebt diese Dinger. Dies wurde erstmals in einer zweiseitigen Geschichte enthüllt, die ursprünglich in „Dark Horse Presents Annual 1999” veröffentlicht und später in „Hellboy Band 5: Die rechte Hand des Schicksals” abgedruckt wurde. Die deutschen Ausgaben von Cross Cult sind leider auch hier nur schwarz-weiß, weshalb sich ein Griff zum Original lohnt.

Der alles entscheidende Moment Bild: Dark Horse Comics

Der Comic zeigt einen jungen Hellboy, der zum Frühstück gerufen wird. Er will Nudeln, bekommt aber stattdessen einen Stapel Pfannkuchen. Wie es jedes kleine Kind tun würde, behauptet Hellboy, dass er „Pfandkuchen“ (im Original „Pamcakes“) nicht mag, obwohl er sie nie ausprobiert hat. Hellboy gibt nach und probiert sie. Es stellt sich heraus, dass er sie liebt! Diese neu entdeckte Liebe zu Pfannkuchen ist sehr auf die urkomische Bestürzung der Dämonenfürsten zurückzuführen, die in Pandemonium, der Hauptstadt der Hölle, leben. Die Dämonen behaupten, dass Hellboy nach dem Essen von Pfannkuchen nie wieder von der Seite der Sterblichen weichen wird, ein tragischer Verlust für ihr Vorhaben. Mignola sagte über diese Geschichte, dass sie ebenfalls als Witz begann, aber von den Fans geliebt wird.

Hellboy, der König von Britannien

Hellboys Mutter war eine Hexe namens Sarah Hughes. Abgesehen davon, dass Hughes der Katalysator für Hellboys Geburt war, gab sie ihrem Dämonen-Sohn noch etwas anderes mit auf den Weg: eine königliche Linie. Sarah Hughes war die Nachfahrin des unehelichen Kindes von König Artus und seiner Halbschwester Morgan Le Fey. So ist Hellboy nicht nur der zukünftige König der Hölle, er ist der aktuelle wahre König Großbritanniens.

Hellboy erfährt von diesem Aspekt seiner Linie in Band 10: Wilde Jagd. Es ist Morgan Le Fey selbst, die Hellboy offenbart, dass er König von Großbritannien ist, und ihm Arthurs Schwert, Excalibur, präsentiert. Wie immer, wenn es um seine seltsamen und katastrophalen Ursprünge geht, lehnt Hellboy diese Tatsache zunächst ab, bzw. will nichts damit zu tun haben. Schließlich aber zieht Hellboy Excalibur aus seiner Ruhestätte und beansprucht sein Geburtsrecht.

Charlie Brown (Der ewige Melancholiker)

Charlie Brown gilt als die Hauptfigur der Peanuts. Kein Name der anderen Protagonisten kommt schneller aus der Pistole geschossen, bis auf der seines härtesten Konkurrenten: Snoopy. Er ist das Kind eines Friseurs und einer Hausfrau. Er ist der große Bruder von Sally. Und obwohl er noch zur Schule geht, trägt er bereits, bis auf ein gelocktes Haar, dicht über seinen Augenbrauen und drei Härchen am Hinterkopf, eine Glatze. Er ist ein großer Fan des fiktiven Baseballspielers Joe Shlabotnik und Chef seiner eigenen Baseballmannschaft, die nur ein einziges Mal gewonnen hat. Ein Sieg, den sein Hund Snoopy verbucht und der deshalb anstelle von Charlie auch vom Team gefeiert wurde. Snoopy, sein Hund mit eigener Hütte, der sich wie alles verhält aber nicht wie ein Hund. Auf den wir noch gesondert eingehen werden, denn nicht umsonst gilt er als der Star der kultig amerikanischen Bande, die uns beim Lachen zu Tränen rührt.

Schulz 1969

Charlie Brown ist verliebt in ein Mädchen mit rotem Haar. Ein Mädchen, von dem wir nicht wissen, wie es heißt und das wir niemals zu Gesicht bekommen, zumindest nicht in den Comics (in einer Zeichentrickserie und der Kinoanimation erhält sie Körper und Antlitz und heißt Heather Wold). Sie steht für die unerfüllte, ersehnte Liebe eines Jungen, der es alles andere als leicht hat in der Welt, dessen Freunde und Schulkameraden (vor allem die Mädchen) sich nicht immer als die loyalsten und zugewandtesten herausstellen, prokeln sie doch mit ihren eigenen Dämonen herum. Lucy, die Schwester von Charlies bestem Freund Linus, lässt ihn dies am meisten spüren. Am ergiebigsten gelingt es ihr in der Rolle als Psychiaterin (die in einem selbstgebauten Stand, ähnlich einem Limonadenstand, für ihre diagnostisch-therapeutischen Dienste sogar Geld verlangt) Charlie vor den Kopf zu stoßen und ihn mit seinen Unzulänglichkeiten auf schonungslose bis gar derbst traumatische Weise zu konfrontieren. Aber auch dann, wenn sie versucht, ihm in verschiedenen Situationen zur Hilfe zu eilen, z.B. wenn sie ihm den Football, den er gerade schießen will, unter dem Fuß wegzieht. Doch es gibt auch ihm zugewandte weibliche Wesen, wie die Narkoleptikerin Peppermint Patty (Chefin des gegnerischen Baseballteams) und Marcie, ihre zurückhaltend beflissene Freundin („Dienerin“), die sich gar ordentlich in ihn verguckt hat und ihre Freundin in den Comics mit „Chef“ anspricht (in den Cartoons nennt sie sie „Sir“ und siezt sie). Das Problem von Charlie Brown ist: Er nimmt Zuneigungen nicht in gleicher Weise wahr, wie ihm seine Enttäuschungen und Sehnsüchte bewusst sind.

Sein auf Snoopy folgender bester Freund Linus, ein Daumenlutscher, dessen Credo „Niemals ohne meine Schmusedecke (im Englischen: Sicherheitsdecke)“ lautet, die er auch als Waffe einsetzen kann, ist ihm hierbei ein Gefährte, Zuhörer und manchmal auch ein Leidensgenosse, steht er doch unter der Schreckensherrschaft seiner Schwester Lucy. Mit ihm steht er oft an einer kleinen Mauer, beide haben ihre Arme aufgelehnt, schauen in die Ferne und erzählen sich von ihren Sehnsüchten als zitierten sie bereits in die Jahre gekommene Männer, die über ihre längst vergangene Jugend sinnieren und philosophieren. Man kann den Jazz im Hintergrund förmlich hören. Und so soll er, der große Kürbiserwarter, der Hals über Kopf in seine Lehrerin verliebt ist, zu Charlie einmal gesagt haben:

Von allen Charlie Browns der Welt bist du der charlie-brownste.

In den Comics tauchen niemals handelnde Erwachsene auf, dennoch ist die Kindheit kein Zuckerschlecken für die Heranreifenden. Jeder trägt bereits sein eigenes gewichtiges Päckchen mit sich herum, ist auf seine Weise verschroben und bis unter die Haarspitzen voll mit Wünschen und Sehnsüchten beladen. Charlie Brown selbst könnte hierbei auch als teilweise depressive Figur wahrgenommen werden.

Der herausragendste Running-Gag unter vielen ist sicher der Immer-wieder-Versuch von Charlie Brown seinen Drachen steigen zu lassen. Ein Unterfangen, das ihm immer wieder misslingt, entweder weil er sich heillos in der Schnur verheddert oder weil der drachenfressende Baum nun einmal seine Opfer fordert. Eine Metapher für das Leben von Charlie Brown, das Glück, das ihm nicht hold ist, eine Metapher für den nicht vorhandenen bis geringen Schlag bei den „Frauen“.

Charles M. Schulz

Ersonnen wurde Charlie Brown von Charles Monroe Schulz (1922–2000), einem US-amerikanischen Autor und Zeichner, der die Peanuts in täglichen Strips über Jahrzehnte hinweg zum Leben erweckte. Erstmals wurden die Strips 1947 unter dem Namen Li’l Folks (Kleine Leute) veröffentlicht. Schulz, der zu der Zeit noch mit dem Pseudonym Sparky unterzeichnete, erfand Figur um Figur und musste mit Charlie Brown doch nicht lange fabulieren, welcher Couleur sein Wesen, seine Seele sein sollte, war er doch selbst ein Melancholiker, der mit Selbstzweifeln und Depressionen zu kämpfen hatte. Denn wie für Charlie Brown das Mädchen mit dem roten Haar unerreichbar bleibt, blieb auch für Schulz eine Frau unerreichbar, in die er sich als junger Mann verliebt hatte. Doch er steckt in vielen der Peanut-Figuren, wie ein jeder, der sie kennt und liebt, sie versteht, mit ihnen lacht und leidet. Charlie Brown und die Peanuts haben viele Fans. Selbtst Umberto Eco hat sich in Apokalyptiker und Integrierte – Zur kritischen Kritik der Massenkultur: Die Welt von Charlie Brown seine Gedanken zu dieser Figur / diesen Figuren gemacht:

Ihre Poesie entsteht daraus, dass wir in dem Verhalten der Kindergestalten die Nöte und Sorgen der Erwachsenen wiederfinden, die hinter der Kulisse bleiben.

Und so schreibt er zum Comic ganz allgemein:

Der Comic spiegelt in den meisten Fällen die implizite, innere Logik der Gesellschaftsordnung (wieder) und fungiert als Verstärker der herrschenden Mythen und Werte.

Die Probleme des Charlie Brown und die der anderen Figuren werden aufgeworfen ohne diskutiert oder gar gelöst zu werden, sie werden dem Leser und Betrachter durch kindliche Augen und Gemüter präsentiert. Es sind Figuren, die sich ebenso machtlos wiederfinden wie wir es teils tun, angesichts einer Welt, die der Mensch nicht zum Besten für sich eingerichtet hat. Es ist das große Warten jedes Einzelnen auf bessere Tage, die doch nicht, so spüren sie, kommen werden. Fiese und gemein ist das. Und so lässt es jeder auf seine Art heraus, pflegt Ängste oder gar Neurosen, regressiert, verwahrlost, schreit, dominiert, stichelt, philosophiert, spielt auf dem Klavier Stücke von Beethoven, … oder bläst einfach nur Trübsal.

Vielleicht ist es das konsequente Ausgeliefertsein des Charlie Brown was ihn uns so großartig macht, sein Immer-wieder-Aufstehen, seine nie sterbende Hoffnung, endlich doch noch einen Brief zu erhalten, seinen Drachen irgendwann steigen lassen zu können, darauf hoffend, jemanden am anderen Ende der Leitung zu vernehmen. Nicht zuletzt ist es aber auch der unvergleichlich einfache und einprägsame Zeichenstil, der an der Oberfläche zwar Karikaturen entwirft, sie aber in ihren Details, ihrem Tun und Handeln, ihren Geschichten, zu tief (vom Leben) gezeichneten Persönlichkeiten werden lässt.

The Spirit – Den Tod und die Zeit besiegt

The Spirit #18 (Nov. 1949), Quality Comics. Cover von Will Eisner.

Im Jahre 1940 fanden die Leser in den Zeitungen mehrerer US-Städte etwas Ungewöhnliches: eine neue farbige Comicbeilage, die nicht auf den üblichen Witzseiten der Sonntagsausgabe zu finden war, sondern ein eigenes Comicbuch darstellte. Ein schicker Herr im blauen Anzug lächelte vom ersten Panel der Geschichte auf die Leser herab, sein Gesicht schwebte über einem Friedhof, der sich vor einem fernen Stadtbild abzeichnete.

Die folgende Geschichte war kurz; sie handelte von dem Polizisten Denny Colt, der anscheinend von Dr. Cobra – dem Schurken der Geschichte – getötet wird, aber den Tod überlistet, weil er mit einer mysteriösen Flüssigkeit übergossen wird. Und so gelingt es ihm, den Übeltäter als der geheimnisvoller „Spirit“ zur Verantwortung zu ziehen.

Ein zukunftsweisendes Comic

Der Rest der Broschüre, dessen Herausgeber, Autor und Künstler Will Eisner war, enthielt eine Mischung aus anderen Artikeln, aber The Spirit war eindeutig dazu bestimmt, der Star zu werden. Eine Woche später hob Eisner seine Figur richtig aus der Taufe. In dieser Geschichte ging es darum, die Illusion, Denny Colt sei tot, aufrecht zu erhalten. Hier wurde zum ersten Mal die blaue Dominomaske zum Kostüm hinzugefügt. Die Zeichnungen sowie die Handlung waren zwar noch immer nicht spektakulär, aber es war bereits ein sichtbarer Fortschritt gegenüber der Vorwoche zu erkennen. Das Eröffnungspanel erschien mit dem bekannten Logo und gab einen Einblick in das, was folgen sollte.

Was als eine nicht besonders aufsehenerregende, kleine Detektivgeschichte begann, entwickelte sich zu einem der bahnbrechendsten und zukunftsweisendsten Comics aller Zeiten.

Denny Colt war ein Jedermann und nur minimal kostümiert, ein netter Kerl, der gegen die bösen Jungs kämpfte. Und im Gegensatz zu seinen heldenhaften Artgenossen war er keineswegs unverwundbar. Er litt bei jedem Schlag, den er einzustecken hatte.

Will Eisner auf seinem Höhepunkt

In den folgenden Monaten schwang sich Eisners Kunst und Erzählgeschick zu phänomenalen Höhen auf. Fast jede Woche verwandelte er die jeweilige Geschichte in ein Mini-Meisterwerk aus Stimmung und Grafik, wobei er seine kreative Kontrolle für viele Experimente und alle möglichen Techniken nutzte. Unterschiedliche Perspektiven und Winkel, seltsame Motive und Tempi, neuartiges Lettering, interessanter Einsatz von Licht und Schatten, verschachtelte Handlungsstränge und unzählige andere Tricks wurden eingesetzt. Das ging weit über die bis dahin bekannten Heldencomics hinaus und führte tief in die Welt der filmischen Perspektive hinein.

Als er 1942 zum Dienst in der US-Army eingezogen wurde, hinterließ er seine Schöpfung einem Team von Assistenten, kehrte dann aus dem Krieg zurück und machte dort weiter, wo er aufgehört hatte.

The Spirit mit Ebony White. The Spirit #10 (Herbst 1947), Quality Comics. Cover von Reed Crandall.

Ende der 1940er Jahre befand sich Eisner auf dem Höhepunkt seines Könnens und entwickelte Geschichten, in denen Denny Colt selbst immer weniger eine Rolle spielte und mehr als Katalysator denn als zentrale Figur agierte. Jede Folge brachte eine neue Überraschung mit sich und erinnerten an die Arbeiten großer amerikanischer Schriftsteller.

Eine Geschichte folgte Kleinkünstlern durch die Straßen der Stadt und vermischte solide Charakterzeichnungen mit Elementen des Absurden, eine andere präsentierte ein weltumspannendes Abenteuer. Der Titelheld agierte immer mehr am Rand jener Domäne, dessen Namen er trug: Spirit.

Nachdem das goldene Zeitalter der Comics vorbei war, sank die Auflage. Eisner beschäftigte sich mit anderen Dingen. Nach zwölf Jahren lief die Serie um den Spirit aus. Die letzte Strecke ist Zeuge des Versuchs, das Konzept neu auszuloten. Man beauftragte den Schriftsteller Jules Feiffer und den Künstler Wally Wood damit, Danny Colt aus seiner urbanen Gegend herauszunehmen und ihn direkt ins Weltall zu schießen. Die letzten Kapitel wurden im Oktober 1952 veröffentlicht.

Das Nachleben von „The Spirit“

Allerdings war das noch nicht das Ende. In Jules Feiffers bahnbrechendem Buch „The Great Comic Book Heroes“ von 1965 wurde eine klassische Eisner-Geschichte nachgedruckt, und auch Harvey Comics brachte 1966 und 1967 einige Geschichten im Überformat neu heraus. In den 1970er Jahren hauchten Warren Publishing und Kitchen Sink Press „The Spirit“ komplett neues Leben ein, brachten Eisners klassische Geschichten einem neuen Publikum näher und verpflichteten gelegentlich sogar den Maestro selbst dazu, neue Geschichten beizutragen. Und in den folgenden Jahren veröffentlichte DC eine umfangreiche Reihe von Hardcover-Archivausgaben, die die komplette Serie enthielten. In Deutschland wurden 22 Archivbände plus zwei Sonderbände von Salleck Publications veröffentlicht.

Will Eisners Geschichten dienen weiterhin als Anregung für Comicschaffende und Wissenschaftler und werden von jeder Generation wiederentdeckt, aber die Figur selbst hat sich als weniger gut gealtert erwiesen. Heute erscheint sie eher liebenswert als dauerhaft. Verschiedene Verlage haben versucht, mit verschiedenen Kreativteams einen Neustart zu wagen. Allerdings gelang es ihnen zu keiner Zeit, die gleiche Magie zu erreichen wie Eisner und sein Team in ihren Anfängen. Versuche, die Figur in andere Medien zu übertragen (einschließlich einer TV-Adaption von 1987 und Frank Millers Spirit-Film von 2008), scheiterten als lauwarme Lüftchen.

Harvey Comics‘ The Spirit #1 (Oct. 1966). Cover von Will Eisner.

Der Grund ist simpel: trotz der Sympathie, die man der Figur Danny Colt gegenüber empfindet, ist sie eigentlich nicht der Grund, warum sich die Menschen noch immer für The Spirit interessieren. Das wesentliches Element war Will Eisner selbst, vor allem die Art, wie er mit Charakteren jonglierte, Handlungsstränge und Bildstilmittel einsetzte und dadurch Geschichten erzählte, die jede Woche aufs Neue an die Grenzen des Mediums Comic stießen und neue Richtungen vorgaben.

Und Eisners eigenwillige Auseinandersetzung mit der Form, seine visuellen und narrativen Innovationen und seine Gabe, leicht schräge Kurzgeschichten zu schreiben … das sind keine Elemente, die man wiederholt einfangen kann. Wer das Erbe der Serie aufgreift, kann dem Kernkonzept seine eigenen Vorstellungen hinzufügen, möglicherweise kann er sogar die Groschenheft-Stimmung und die wilden Charaktere darstellen, aber Eisners Vision kann er eben nicht wieder heraufbeschwören.

Heute feiern wir also genau das. Nicht den gut gekleideten, maskierten, Detektiv Denny Colt, sondern die Geschichten, in denen er auftrat, und die künstlerische Stimme ihres Schöpfers Will Eisner. Das ist der Geist von „The Spirit“, eine einzigartige Vision, die diese Figur den Test der Zeit bestehen hat lassen.