Etrigan – Der reimende Dämon aus Camelot

Ein König, ein Zauberer und eine Strafe für die Ewigkeit

Etrigan

Es gibt Momente in der Comicgeschichte, die sich im Nachhinein wie Naturgewalten lesen – Schöpfungsakte, bei denen ein einzelner Autor eine so vollständige und fremde Idee in die Welt setzte, dass das Medium danach ein kleines Stückchen anders aussah. Jack Kirbys Erschaffung von Etrigan im Jahr 1972 ist einer dieser Momente. Merkwürdig ist, dass er heute zu den am wenigsten gefeierten zählt.

Die Prämisse ist so schlicht wie sie gewagt ist: In der letzten Nacht von Camelot, als Artus‘ Reich in Flammen und Verrat versank, band der Zauberer Merlin einen Höllendämon namens Etrigan an einen menschlichen Ritter namens Jason Blood. Es handelte sich um eine Strafe, war aber auch Schutz, Fluch, und Gabe. Die Quellen sind sich da uneins, und das ist mit Bedacht so gewählt. Seitdem streift Jason Blood unsterblich durch die Jahrhunderte, trägt das Wissen um die Vergänglichkeit aller Dinge in sich und die Fähigkeit, sich in ein gelbes, feuerspuckendes Höllengeschöpf zu verwandeln, das in Reimen spricht und das Böse mit einer Begeisterung bekämpft, die gelegentlich beunruhigender wirkt als das Böse selbst.

Ursprung

Jack Kirby — der vierte Weltengott des Comics

Jack Kirby autor, zeichner, visionär

Co-Erfinder von Captain America, Fantastic Four, X-Men, New Gods, Darkseid, Thor und Hunderten weiterer Figuren. Kirby war 1972, als er Etrigan erschuf, bereits eine lebende Legende, und gleichzeitig ein Mann, der sich von Marvel tief ungerecht behandelt fühlte und zu DC gewechselt war, um dort völlige kreative Freiheit zu erproben.

Die DC-Phase kontext

Kirbys DC-Jahre (1970–1975) sind das seltsamste und ambitionierteste Kapitel seiner Karriere. Neben Etrigan entstanden die Fourth World-Saga, OMAC, Kamandi und The Demon; allesamt Serien, die kommerziell mäßig liefen und die das Medium konzeptuell weit überforderten.

Um Etrigan zu verstehen, muss man zunächst Kirby verstehen, und das ist keine einfache Aufgabe. Jacob Kurtzberg, der sich Jack Kirby nannte, war der Sohn jüdischer Einwanderer aus der Lower East Side. Er betrachtete Comics als Vehikel für das Erschaffen von Mythen und nicht als Unterhaltungsprodukt. In den 1940er Jahren hatte er gemeinsam mit Joe Simon Captain America erfunden und damit buchstäblich ein kulturelles Symbol geschaffen, das Amerika bis heute begleitet. In den 1960ern hatte er zusammen mit Stan Lee das Marvel-Universum aus dem Boden gestampft. Und dabei hatte er weder die Rechte an seinen Figuren noch die angemessene Anerkennung erhalten.

Als Kirby 1970 zu DC wechselte, kam er mit einem Hunger, der schwer zu beschreiben ist. Er wollte etwas erschaffen, das zumindest kreativ ihm gehörte. Die Fourth World-Saga mit Darkseid, Orion und New Genesis bildet das Zentrum dieses Hungers, ein kosmisches Epos über den ewigen Krieg zwischen Freiheit und totaler Kontrolle. Etrigan ist das dunklere, kleinere Geschwisterkind dieser Ideen: weniger kosmisch, dafür tiefer im Schlamm der menschlichen Seele verwurzelt.

Kirby erschuf Etrigan in einem Moment, in dem er beides gleichzeitig war: der mächtigste Comicautor seiner Generation und ein Mann, der das Gefühl kannte, eine Bestie in sich zu tragen, die kein angemessenes Gefäß fand.

Warum spricht der Dämon in Versen?

Es ist die auffälligste und meistdiskutierte Eigenheit der Figur, und sie war bei Kirbys Konzeption keineswegs von Anfang an vorgesehen: Der originale Etrigan aus dem Jahr 1972 reimte nicht. Er sprach wie ein Comicschurke: erhaben, bedrohlich, gelegentlich pompös, aber in Prosa. Die Idee, Etrigan in Jamben und Reimen sprechen zu lassen, stammt von Alan Moore. Er griff die Figur 1984 in seinem Swamp Thing auf und gab ihr diese sprachliche Eigenheit.

Moore erkannte, dass die mittelalterliche Herkunft der Figur ein ästhetisches Versprechen in sich trug, das die Originalserie nicht eingelöst hatte. In der Tradition der englischen mittelalterlichen Dichtung, von Beowulf bis zu den Mysterienspielern des 14. Jahrhunderts, sprachen Dämonen und übernatürliche Wesen oft in metrisch gebundener Sprache, teils als Zeichen ihrer Andersartigkeit, teils weil Vers und Magie konzeptuell verwandt gedacht wurden. Moore, der Comicautor als Literaturforscher, griff diese Tradition auf und pflanzte sie in Etrigans Mund.

Sprachstil · Etrigan

Diese zwei Zeilen gehören zum Beschwörungsruf, mit dem Jason Blood die Transformation auslöst. Sie sind zu einem der bekanntesten Zweizeiler der Comicgeschichte geworden und haben eine Qualität, die wenige Catchphrases erreichen: Sie klingen wie Liturgie. Wie ein Gebet, das in die falsche Richtung betet. Matt Wagner, der die Figur in den späten 1980ern in seiner preisgekrönten Miniserie Demon: A Tragedy weiterentwickelte, verfeinerte Etrigans Verssprache zu einem veritablen literarischen Instrument: Wenn der Dämon spricht, weiß man es, bevor man noch das erste Wort liest.

Nachtrag des Autors: Was mich bei Etrigan am meisten fasziniert, ist dieser Produktionshintergrund: Kirby erschuf die Figur in einem Moment tiefer persönlicher Frustration, als jemand, der das Gefühl kannte, eine Kraft in sich zu tragen, die das System, in dem er arbeitete, nie angemessen würdigen würde. Dass daraus ausgerechnet eine Figur wurde, die buchstäblich eine Bestie in sich eingesperrt trägt — das ist kein Zufall, das ist unbewusste Autobiografie in Vierfarben-Druck.

Und Alan Moores Entscheidung, den Dämon reimen zu lassen, ist eines der elegantesten Autorenmanöver der Comicgeschichte: Er machte aus einer interessanten, aber unvollendeten Idee etwas Unvergessliches, indem er ihr einfach eine Sprache gab.

Wonder Woman

Sensation Comics #1

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, beinah kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.

Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.

Marstons ungewöhnliches Privatleben


Marston war alles andere als ein gewöhnlicher Comicschreiber. Er hatte eine dezidierte pädagogische und fast messianische Überzeugung. Seiner Meinung nach würde die Welt in etwa tausend Jahren von Frauen regiert werden, was das Beste wäre, was ihr passieren könnte. Frauen verbänden laut seiner Theorie Stärke mit Liebe und Mitgefühl auf eine Art, die Männern schlicht nicht möglich sei. Wonder Woman war der literarische Beweis für diese These, die sich heute immer mehr zu verdichten scheint.

Die seltsamste Ursprungsgeschichte des Goldenen Zeitalters

Die Figur hat eine selbst für Comic-Verhältnisse ungewöhnlich reichhaltige Herkunft. Diana ist die Prinzessin der Amazonen auf Paradise Island, einer geheimen Insel, die von Frauen bewohnt wird. Sie haben sich aus der von Männern dominierten Welt zurückgezogen, um in Frieden und Selbständigkeit zu leben. Ihre Mutter Hippolyta formte sie aus Ton, und die Götter hauchten ihr Leben ein. Zumindest in der Ursprungsversion. Spätere Revisionen, darunter die weitgehend kanonisch gewordene aus den 1980er Jahren von George Pérez, machten Zeus zu ihrem Vater, was dramatisch zwar konsequenter, aber weitaus weniger subversiv ist.

Als der amerikanische Pilot Steve Trevor auf Paradise Island notlandet und gerettet werden muss, verlässt Diana die Insel, um ihn in die Welt der Menschen zurückzubegleiten und im Zweiten Weltkrieg für die Alliierten zu kämpfen. Sie nimmt die Identität von Diana Prince an, einer Krankenschwester. Dieses Kostüm wirkt in seiner Banalität komisch neben dem funkelnden Sternenbanner-Outfit.

Was Marston in den frühen Comics dann entfaltete, war ein seltsames, freudianisch überladenes Universum voller Fesselungen, Unterwerfungen und psychologischer Machtspiele. Kaum eine Ausgabe kam ohne Szenen aus, in denen jemand – oft Wonder Woman selbst – gefesselt, angekettet oder auf andere Weise in seiner/ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde. Der Zeichner H. G. Peter setzte diese Szenen mit einer Akribie um, bei der modernen Lesern schwindelig wird. Der DC-Herausgeber Sheldon Mayer und der Ethikausschuss der Branche waren regelmäßig besorgt. Marston erklärte ihnen geduldig, dass all dies symbolisch gemeint sei, eine Metapher für die psychologische Befreiung von emotionalen Fesseln.

Ob man ihm glaubt oder nicht, ist eine andere Frage. Die Forscherin Jill Lepore, die 2014 die maßgebliche Biografie The Secret History of Wonder Woman veröffentlichte, kommt zu dem Schluss, dass Marstons Fetische und seine feministische Überzeugung untrennbar miteinander verwoben waren, und dass man das eine nicht ohne das andere verstehen kann.

Das Lasso der Wahrheit

Nach Marston: Die Jahrzehnte des Vergessens und Wiederfinders

Als Marston 1947 an Krebs starb, verlor die Figur ihre wichtigste Stimme, und ihre schärfsten Kanten. Robert Kanigher übernahm das Schreiben und machte aus Wonder Woman eine sehnsuchtsvolle Romanheldin, die Steve Trevor heiraten wollte und sich mit alltäglicheren Abenteuern begnügte. Das Feuer des Goldenen Zeitalters war erloschen.

Wonder Woman auf der Titelseite

Die 1960er Jahre brachten eine Krise eigener Art mit sich. Im Zuge der Neuausrichtung vieler DC-Charaktere verlor Wonder Woman ihre Kräfte vollständig und wurde – man reibe sich die Augen – zur Besitzerin einer Modeboutique. Das war als Modernisierung gedacht, als Emma-Peel-Moment für das Silberne Zeitalter. Herausgekommen ist jedoch einer der größten Fehlgriffe der Comicgeschichte. Die Frauenrechtlerin Gloria Steinem war so entsetzt, dass sie 1972 Wonder Woman im Originalkostüm auf das Titelblatt der ersten Ausgabe des Ms. Magazine setzte, als eine Art öffentliche Rehabilitation, die signalisierte: Diese Figur gehört dem Feminismus, nicht der Boutique.

Die eigentliche Rettung kam 1987 mit George Pérez und seiner bahnbrechenden Neuinterpretation nach Crisis on Infinite Earths. Pérez verankerte Wonder Woman tief in der griechischen Mythologie, gab ihr mit Themyscira (dem neuen Paradise Island) eine komplexe politische Heimat und zeichnete sie mit einer Würde und Komplexität, die zuvor selten erreicht worden waren. Es war das erste Mal seit Marston, dass sich eine echte künstlerische Vision durchsetzte, die sich nicht entschuldigen musste.

Phil Jimenezes elegante Linien in den frühen 2000ern, Greg Ruckas dichte politische Prosa und Gail Simones emotionale Schärfe – all das sind Meilensteine in der Geschichte einer Figur, die immer dann am stärksten ist, wenn ihre Autoren verstehen, dass Wonder Woman nicht Stärke statt Mitgefühl verkörpert, sondern Stärke als Mitgefühl. Das ist Marstons Vermächtnis, ob man seine persönlichen Eigenheiten mag oder nicht.

Was die Figur wirklich besonders macht

Man könnte meinen, Wonder Woman sei lediglich das weibliche Pendant zu Superman oder Batman. Das ist ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält. Superman ist der Immigrant, der Amerika liebt. Batman ist der traumatisierte Milliardär, der die Dunkelheit bekämpft. Wonder Woman ist etwas Anderes: eine Figur, die aus einer fremden Kultur stammt und diese für überlegen hält, aber dennoch beschließt, der menschlichen Welt zu helfen, aufgrund einer aktiven, freiwilligen Entscheidung für das Gute.

Das macht sie aus philosophischer Sicht interessanter als die meisten ihrer Kollegen. Sie ist keine gebrochene Figur, die durch Heroismus Heilung sucht. Sie handelt aus einer Position der Stärke und Unversehrtheit heraus. Ihre Waffe ist das Lasso der Wahrheit und nicht die Faust des Zorns. Sie tötet nur im äußersten Notfall, und wenn sie es tut, trägt sie die Last dieser Entscheidung sichtbar mit sich.

Die Armbänder, die sie trägt – im Original „Bracelets of Submission“ – sind eines der merkwürdigsten Symbole der Comicgeschichte. Von den Göttern auferlegt, dienen sie den Amazonen als Erinnerung an ihre frühere Versklavung und sind zugleich unzerstörbare Schutzwaffe und Mahnmal. Sobald Wonder Woman die Armbänder ablegt, verliert sie in manchen Versionen die Kontrolle über ihre Kraft und wird gefährlich. Freiheit ohne Begrenzung ist keine Befreiung, sondern eine andere Form der Gefangenschaft. Marston, der Psychologe, steckt also in jedem Detail.

Nachtrag des Autors: Einige Dinge, die mich beim Schreiben besonders fasziniert haben: Marstons Lügendetektor und das „Lasso of Truth” sind kein Zufall. Es ist dieselbe Obsession, einmal als Wissenschaft, einmal als Mythos. Und: Jill Lepores Biografie „The Secret History of Wonder Woman” (2014) ist wirklich eine Pflichtlektüre, wenn jemanden das Thema tiefer interessiert. Lepore legt offen, wie sehr Elizabeth Holloway und Olive Byrne die Figur prägten, während Marston allein den Ruhm kassierte.

Doctor Strange – Hüter der Realität

Ein Sturz in die Tiefe — als Geburtsstunde

Strange Tales #110
Strange Tales #110

Es gibt eine sehr kleine Kategorie von Comicfiguren, bei denen man sagen kann: Ohne eine bestimmte Persönlichkeit hinter dem Zeichentisch wäre die Figur buchstäblich undenkbar. Doctor Strange gehört eindeutig in diese Kategorie, und die Persönlichkeit ist Steve Ditko. Als Stan Lee und Ditko die Figur im Juli 1963 in Strange Tales #110 debütieren ließen, war das Marvel-Universum gerade dabei, sich mit einer Geschwindigkeit zu erfinden, die selbst Beteiligte später kaum fassen konnten. Innerhalb von drei Jahren hatte Jack Kirby die Fantastic FourThor und die New Gods mitgebaut, Lee und Ditko den Spider-Man erschaffen. Doctor Strange war, verglichen mit diesen lautstarken Kraftakten, eine eher stille Unternehmung, wie ein Kammermusikstück in einer Bigband-Ära.

Die Ursprungsgeschichte ist so archetypisch, dass sie sich selbst überlebt hat: Stephen Strange, brillanter, narzisstischer Neurochirurg, verliert durch einen Autounfall die Feinmotorik in seinen Händen. Das Werkzeug seiner Identität, seiner Überlegenheit, seines Selbstverständnisses, alles war zerstört. Was folgt, ist eine Reise durch Verzweiflung, Entzug, zerschlagene Hoffnungen und schließlich der Weg nach Kamar-Taj, wo der Uralte (Ancient One) ihn sozusagen ummodelliert. Doctor Strange ist damit eine der wenigen Superheldengeschichten, in der der eigentliche Transformationsprozess kein Unfall von außen ist, sondern eine innere Kapitulation: das Aufgeben von Ego, Kontrolle und dem Glauben, die Welt durch technische Brillanz beherrschbar machen zu können.

Hintergrund

Lee, Ditko — und die Stille des Meisters

Stan Lee autor & konzept

Der Architekt des Marvel-Universums. Lee lieferte die erzählerische Rahmung, den Tonfall und die humanistischen Konfliktlinien. Sein Beitrag zu Strange war das Wissen, dass eine Überwindungsgeschichte mehr trägt als ein reiner Herkunftsmythos.

Steve Ditko zeichner & seele

Der eigentliche Vater der Ästhetik. Ditkos psychedelische Dimensionen, seine geometrischen Traumlandschaften und sein Sinn für das kosmisch Befremdliche definierten Doctor Strange visuell in einer Weise, die bis heute unübertroffen ist. Ein zurückgezogener Einzelgänger, dessen Ayn-Rand-Philosophie sich merkwürdigerweise mit der östlichen Spiritualität seiner Figur verband.

Was Ditkos Arbeit an Doctor Strange zu einem Sonderfall der Comicgeschichte macht, ist die visuelle Sprache, die er für das Mystische erfand. Während andere Zeichner Magie mit Blitzen, Funken und großen Gesten illustrierten, schuf Ditko Architekturen des Unmöglichen: Räume, die sich in sich selbst falteten, Dimensionen ohne klares Oben und Unten, Farbfelder, die an Rothko erinnern und gleichzeitig an Alpträume. Man hat diese Ästhetik oft als „Vorwegnahme der Psychedelik“ gelesen, tatsächlich war sie das buchstäblich auch. Als die LSD-Kultur in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre explodierte, hatten Ditko und Lee für das visuelle Vokabular des erweiterten Bewusstseins bereits mehrere Jahre Vorarbeit geleistet.

Ditko verließ Marvel 1966, inmitten ungeklärter Differenzen mit Lee über kreative Kontrolle und Bildrechte. Was er hinterließ, war ein visuelles Erbe, das alle nachfolgenden Zeichner beschäftigte, mal als Vorbild, mal als Last. Die Besten, darunter Frank Brunner in den 1970ern und Chris Bachalo in neuerer Zeit, fanden ihren eigenen Ton innerhalb dieser Tradition. Die schlechteren Zeichner kopierten bloß die Mandalas und hofften, der Geist würde sich von selbst einstellen.

Ego, Kontrolle und die Kunst des Loslassens

Doctor Strange ist in der Superhelden-Comicwelt eine seltene Figur: ein Held, dessen Transformation kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Die meisten Ursprungsgeschichten funktionieren als Schalter; vorher Zivilist, nachher Held, Kapitel abgeschlossen. Stranges Entwicklung hingegen ist eine spiralförmige: Er kehrt immer wieder zu denselben Fragen zurück. Wie viel Kontrolle darf man ausüben? Welchen Preis zahlt man für Macht? Wann ist Eingreifen Hybris, wann Pflicht?

Strange ist der einzige Marvel-Held, dessen zentraler innerer Konflikt in jeder Ära der Comics neu verhandelt wird, weil er nicht gelöst, sondern nur gelebt werden kann.

Das macht ihn zu einer Figur, die philosophisch ernsthafter ist als ihr Genre sie zwingt zu sein. In den besten Strange-Geschichten, etwa Roger Sterns Master of the Mystic Arts-Saga oder Jason Aarons neuerer Interpretation, ist der äußere Kampf gegen Dormammu oder Mordo immer auch ein innerer Kampf gegen die Versuchung, die eigene Überlegenheit zur einzigen gültigen Moral zu erklären. Strange hat die Fähigkeit, die Realität umzuschreiben. Die Frage, die ihn interessant hält, ist: warum tut er es meistens nicht?

Östliche Philosophie im westlichen Vierfarben-Druck

Was an Doctor Strange im historischen Kontext so bemerkenswert ist: Die Figur erschien 1963 in einem Amerika, das von östlicher Spiritualität, Zen-Buddhismus und den ersten Wellen der Gegenkultur gerade erst berührt wurde. Die Beatles reisten noch nicht nach Indien, Alan Watts war für die Mehrheit ein Randfigur, Meditation galt als exotisch. Ditko und Lee warfen ohne große theoretische Rahmung eine Figur in den Markt, die in Kamar-Taj im Himalaya lernte, deren Lehrer ein unsterblicher tibetischer Zauberer war, und dessen Weltanschauung auf radikaler Selbstaufgabe und Demut basierte.

Das war eine kulturelle Provokation, auch wenn sie so nicht gemeint war. Doctor Strange funktionierte als Gegenbild zum amerikanischen Selbstoptimierungs-Helden: Wo Spider-Man lernte, mit seiner Verantwortung zu leben, und Iron Man sich durch Technologie zu überwinden suchte, lernte Strange, dass das Selbst das Problem ist. Das klingt nach Zen, weil es Zen ist, oder zumindest eine amerikanischen Comic-Destillation davon.

Hinzu kommt die visuelle Dimension, die Strange von allen anderen Marvel-Figuren unterscheidet. Während Iron Man Technologie verkörpert und Captain America Geschichte, ist es bei Strange das Undarstellbare, quasi die Erfahrung jenseits der euklidischen Geometrie, jenseits der linearen Zeit, jenseits des Greifbaren. Ditkos Erbe ist ein permanenter Auftrag an jeden Zeichner, das Visuelle zu dehnen. Das beste Strange-Artwork der letzten Jahrzehnte ist entsprechend das, welches sich traut, das Bild selbst zu befragen.

Anekdote

Ein Kosmos aus Beziehungen

Kein Held existiert ohne sein Unterstützungsnetzwerk, und Doctor Strange hat eines der interessantesten in der Geschichte der Marvel-Comics. Clea ist eine Schülerin Stranges und später seine Frau. Sie ist eine der wenigen Beziehungen in Superhelden-Comics, die tatsächlich auf Augenhöhe geführt wurde. Clea übernimmt zeitweise den Titel des Sorcerer Supreme, kämpft ihren eigenen Krieg in der Dark Dimension und ist nicht einfach ein romantischer Sidekick, sondern eine vollwertige Figur mit eigenem Handlungsbogen. Die Dynamik zwischen ihr und Strange – Schülerin, Verbündete, Liebende, Entfremdete – war über Jahrzehnte hinweg der emotionale Anker der Serie.

Wong, Stranges Wächter und engster Vertrauter, hat eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht: Von dem kolonialen Stereotyp des stummen asiatischen Dieners in den frühen Ausgaben hin zu einer vollwertigen Persönlichkeit mit eigenem Humor, eigenen Wertvorstellungen und, besonders in den MCU-Adaptionen, eigenem Gewicht in der Geschichte. Dies ist weniger ein Verdienst der frühen Strange-Comics, vielmehr ist es ein Beweis für die Fähigkeit des Mediums, Figuren über Generationen hinweg zu rehabilitieren.

Dormammu als Hauptgegner verdient eine eigene Betrachtung. Er ist kein Schurke mit nachvollziehbaren Motiven, sondern Ausdruck einer anderen Ontologie, einer Existenz jenseits menschlicher Kategorien von Gut und Böse. Das macht ihn beunruhigender als die meisten Comic-Antagonisten: Dormammu will Strange nicht vernichten, weil er böse ist. Er will ihn vernichten, weil Strange für Ordnung steht und Dormammu Ordnung als vorübergehende Schwäche betrachtet.

Cumberbatch, Raimi — und Ditkos Rückkehr

Scott Derricksons Doctor Strange (2016) war ein solider und recht mutiger Einstieg ins filmische Universum der Figur mit einer Architektur-Sequenz, die erstmals ernsthaft versuchte, Ditkos visuelle Ideen in Bewegtbild umzusetzen. Benedict Cumberbatch verstand die Figur instinktiv: Strange als jemanden zu spielen, dessen Arroganz eine Schutzschicht ist und dessen Lernprozess schmerzhaft bleibt. Was der erste Film weniger gut beherrschte, war das kosmisch Befremdliche. Er tendierte zum Blockbuster-Spektakel, während Ditko Stille bevorzugt hätte.

Sam Raimis Doctor Strange in the Multiverse of Madness (2022) war dann etwas ganz anderes: eine Horrorfilm-Regie, die sich in einen Superheldenfilm verirrt hatte und dadurch zufällig ins Schwarze traf. Raimis expressionistischer Stil, seine Bereitschaft zu echter Bedrohung und körperlichem Grauen sowie seine Freude am Surrealismus sind näher an Ditkos Geist als alles andere, was das MCU bisher produziert hat. Es war kein perfekter Film (das sind Superheldenfime nie). Aber er war authentisch.

Der unfertige Magier

Doctor Strange ist auch nach sechzig Jahren noch eine Figur im Werden. Das ist sein eigentliches Kennzeichen, und sein Versprechen. Helden, die fertig sind, die ihren Abschluss erreicht haben, werden langweilig. Strange bleibt interessant, weil seine Frage unbeantwortet bleibt: Wie viel Opfer darf man verlangen, von sich selbst, von anderen – für die Rettung einer Realität, die die meisten ihrer Bewohner gar nicht als schützenswert wahrnehmen?

Das ist eine Frage, die weit über das Superhelden-Genre hinausgeht. Es ist die Frage des Spezialisten, des Experten, des Menschen, der Dinge sieht, die andere nicht sehen können, und der damit umgehen muss. Ditko hat diese Frage 1963 in vier Farben gedruckt. Sie ist bis heute offen.

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Die eigentliche Geschichte liegt zwischen gefalteten Dimensionen; es ist die Geschichte einer Seele, die lernte, Stärke in der Kapitulation zu finden

Nachtrag des Autors: Stranges Geschichte ist die eines philosophischen Paradoxons — ein Mann, den ein Objektivist (Ditko) erschuf, dessen zentrale Lektion aber die Überwindung eben jenes Egos ist, das Ayn Rand zum höchsten Gut erklärte. Dieser Widerspruch gehört für mich zum Faszinierenden an der Figur.

Besonders am Herzen liegt mir das Kapitel über Ditkos visuelle Sprache, das Mandalas-zeichnende Erbe, das jeden nachfolgenden Strange-Zeichner entweder befreit oder lähmt, je nachdem, ob man Ditko kopiert oder wirklich befragt, was er versuchte zu zeichnen.