Matt Cardin: Interview mit Thomas Ligotti

Interview geführt von Matt Cardin, Juli 2006, Erschienen in The Teeming Brain und in The New York Review of Science Fiction, Issue 218, Vol. 19, No. 2 (October 2006). Gedruckt erschienen in Matt Cardin: Born to Fear (Interviews mit Thomas Ligotti)

Übersetzt von Michael Perkampus, mit freundlicher Genehmigung von Matt Cardin

Anmerkung: Dieses Interview übersetzte ich im Dezember 2014, als ich begann, unter einer ähnlichen Problematik zu leiden wie Thomas Ligotti. Im Grunde war es für mich eine Art Trostpflaster. Daraus resultierte dann das PHANTASTIKON, das fünf Jahre lang Bestand hatte. Es ist natürlich wahr: Die Internet-Adresse ist nach der Schließung dieselbe, aber auf den Magazin-Charakter verzichte ich, was aber nicht heißt, dass es keinen Bezug zu den alten Artikeln mehr gibt. Was für mich persönlich Relevanz besitzt, wird in überarbeiteter Form erneut veröffentlicht werden. Matt Cardin: Interview mit Thomas Ligotti weiterlesen

Der Tramp (Ein mittelloser Jedermann)

Charlie Chaplin war auf eine Art und Weise berühmt, wie es noch niemand zuvor war; wahrscheinlich war seitdem niemand wieder jemals so berühmt. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität galt seine schnurrbärtige Interpretation des „Tramp“ als das bekannteste Bild der Welt.

Sein Name stand an erster Stelle in den Diskussionen über das gerade aufkommende neue Medium „Film“ als populäre Unterhaltung und in seiner Verteidigung als eigenständige Kunstform – eine kulturelle Position, die danach nur noch von den Beatles eingenommen wurde, deren eigene, die Popkultur bestimmende Ära, der Chaplins allerdings nie entsprach. Er kommt dem, was man unter dem universellen kulturellen Maßstab des 20. Jahrhunderts versteht, am nächsten.

Filmhistoriker werden nicht müde zu betonen, dass Chaplins Massenpopularität der Art und Weise geschuldet war, wie der Tramp einen mittellosen Jedermann darstellte. Seine Filme verwandelten Hunger, Faulheit und das Gefühl, unerwünscht zu sein, in eine Komödie. Er war ein Einzelkünstler, ein Darsteller mit einer unheimlichen Beziehung zur Kamera, der den frühen Teil seiner Karriere damit verbrachte, seine Bildschirmpersönlichkeit zu verfeinern und den übrigen Teil davon zu dekonstruieren.

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Diese Welt erdulden oder eine andere illuminieren? Über die Bedeutung und den Nutzen des Horrors

In seiner interessanten Abhandlung in Buchform, Danse Macabre (1981), stellte Stephen King die folgende Theorie über die grundlegende und beständige Anziehungskraft des Horrors auf:

Warum soll man sich schreckliche Dinge ausdenken, wenn es doch so viel wirklichen Schrecken in der Welt gibt?

Die Antwort scheint zu sein, dass wir uns Horror ausdenken, um mit dem wirklichen Übel fertig zu werden.

Ganz passend für jemanden mit einem so königlichen Namen gab uns der King in dieser Passage praktisch die Eine Theorie, um sie alle zu knechten, die eine Idee, die zur einfachen Antwort auf die Fragen nach dem inneren und beständigen Reiz des Grauens werden sollte. Unzählige Schöpfer und Konsumenten solcher Unterhaltung haben in den letzten drei Jahrzehnten die Logik des Kings so weit wiederbelebt, dass sie zu einem praktischen Bezugspunkt geworden ist, den jeder Horror-Fan auspacken kann, wenn seine oder ihre krankhaften Vorlieben in Frage gestellt werden. Warum Horror? Weil unsere Seelen ein Überlebenstraining brauchen, um sich für den Ernstfall zu wappnen, sobald der Ernstfall auf uns zukommt, versteht sich! Diese Welt erdulden oder eine andere illuminieren? Über die Bedeutung und den Nutzen des Horrors weiterlesen

Thomas Ligotti

„Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.“
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Kennern unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem „neuen Poe“, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.

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Nachtrag zum Magischen Realismus

Der Magische Realismus, über den ich in der Vergangenheit immer einmal wieder gesprochen habe, ist mehr ein literarischer Stil als ein eigenständiges Genre, der sich in seiner Herangehensweise durch zwei unterschiedliche Perspektiven auszeichnet. Die eine basiert auf einer sogenannten rationalen Sicht der Realität und die andere auf der Akzeptanz des Übernatürlichen als prosaische Realität. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass der Magische Realismus eine Weltanschauung bietet, die weder auf natürlichen oder physikalischen Gesetzen, noch auf objektiver Realität fußt, denn auch die fiktive Welt ist nicht von der Realität getrennt. Er zielt vielmehr darauf ab, das Paradoxon der Vereinigung von Gegensätzen zu erfassen; so stellt er beispielsweise in der lateinamerikanischen Literatur binäre Gegensätze wie Leben und Tod und die vorkoloniale Vergangenheit gegenüber der postindustriellen Gegenwart in Frage. Hier ist die Präsenz des Übernatürlichen oft mit der urzeitlichen oder magischen „einheimischen“ Mentalität verbunden, die im Gegensatz zur europäischen Rationalität steht.

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