Das Unendlichkeitsprinzip

Mallarmé hat das Lesen immer wieder in ganz prägnanter Weise zum Thema gemacht. Er hat für die Poesie demonstrativ ein Geheimnis reklamiert und ihre Rezeption einer Extensivierung und Beschleunigung der Lektüre gegenübergestellt. Mallarmé kämpfte als Dichter auf verlorenem Posten um Resonanz bei einem bürgerlichen Publikum, das er bereits zu einem großen Teil an die Massenpresse und die wohlfeile Feuilletonliteratur verloren hatte. Er wies darauf hin, dass die Zweckorientiertheit eine ganz spezifische Lesehaltung einübe: die Sprache wird nur mehr als Instrument wahrgenommen und die Texte auf ihren Informationsgehalt reduziert. Dadurch würden Lesetechniken und Lesehaltungen verdrängt, die poetische Texte eigentlich fordern: ein Lesen, das den Zeitaufwand der Lektüre und ihren Nutzwert nicht gegeneinander aufrechnet, das das Geschriebene nicht auf einen konkreten Sinn hin festzunageln sucht und das einen gewissen Respekt der Sprache und dem eigenwilligen oder abseitigen sprachlichen Ausdruck gegenüber voraussetzt. Wer

Octavio Paz: Das fünfarmige Delta

Meine Schritte in dieser Straße Hallen wider In einer anderen Straße Wo Ich meine Schritte Durch diese Straße gehen höre Wo Nur der Nebel wirklich ist. – Octavio Paz Octavio Paz führte eine von Walt Whitman über Ezra Pound und Pablo Neruda bearbeitete Tradition der Moderne produktiv fort: die des hymnischen Gedichts, Anrufung des Lebens, Evokation des erfüllten Augenblicks. Das Gedicht wird zu einer „Folge intensiver Momente, die nicht so sehr durch das Erzählte verbunden werden als vielmehr durch das Schweigen, die Auslassungen.” In “Das fünfarmige Delta”, das als sein lyrisches Vermächtnis betrachtet werden kann, finden sich die fünf langen Poeme, die durch ihre schiere Schönheit den Atem stocken lassen. Octavio Paz hat nicht wenig Einfluss auf mein eigenes lyrisches Schaffen gehabt, mehr noch als der große Mallarmé. Selbstverständlich: auch er atmete das große Paris und fand den Geist des

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