Schlagwort: Kempten

Das Boleite-Treppchen

Boleite ist einer der merkwürdigen Straßennamen, die an der Tierzuchtsraße und der Alpenrosenstraße vorbei durchs Boleitestäffele ins Freudental hinunterführt. Manche erkundigen sich bei ihrem Arzt nach ihrem körperlichen Befinden, hier aber befragt man das Boleite-Treppchen, das zum täglichen Hinaufeilen wie geschaffen ist. Jede Stunde, die man zu wenig geschlafen hat, wird dort vermerkt. Im Grunde ist das ein Privatweg, und ich fühle mich dann stets so privat wie irgend möglich, geschäftlich laufe ich dort nie auf und ab. Kempten ist die Stadt der kurzen Wege, es gibt in ganz Deutschland keine Stadt wie diese; als Spaziergänger hat man eine völlig eigenständige Infrastruktur. Anderswo müsste man, um ähnliches zu erreichen, durch die Kanalisation tappen, hier kann man Treppen, Passagen, Gassen, Pfade und sonderbare Wege nutzen. Der Begriff „Boleite“ leitet sich ab von Buchleite, und dieser Begriff wiederum hat nichts mit einem Buch, sondern mit Bildern zu tun, die hier einst an einer Tafel angebracht waren und die Wallfahrer davon abhielten, ins Dickicht zu purzeln, bevor sie auch nur eine einzige Kuh haben sehen dürfen. Wallfahrer also, die ins Gesäß des Tieres einstiegen, waren’s, denn es war nicht selten Nacht. Und eine Kuh so duldsam, eine Kuh, so nächtlich euteral. Ihr juckts am Arsche, während die Wallfahrer einfahren. Und ihr Euter milcht und milcht, gibt aber noch nichts her; das dann am Morgen; aber wie soll man von innen?

Kaffee bei Birnstiels

Kaffee gibt es in den unterschiedlichsten Höhenlagen, deshalb natürlich auch in Kempten. Wer es gerne hat, dass sein Kaffee nach alten Zeitungsrollen und Druckerschwärze schmeckt, der beehre den Herrn Birnstiel, seines Zeichens freilich kein Kaffeeausschenker wienerischer Couleur, sondern hoheitlicher Marketender für Druckartikel aller Art – und einer der letzten einer aussterbenden Zunft. Heute empfing er den Meister ganz im Blüschen, mit Schlips und ordentlicher Bommelei, festlich und fesch, gekämmt und adrett. Ein stattlicher Zeitungswaren-Vorzeiger (der sich auch mit Tabak, Haschischpfeifen und … nur so zum Spaß … einem Kaffeeautomaten brüsten kann. Man kann sich hier im Laden schlicht über alles unterhalten : Knötchen in der Brust, wo bekommt man ein bezahlbares Hirschgeweih, war die Fußpflegerin heute wieder schick?; bei Presse Birnstiel tobt der Figaro-Gedanke wie sonst nirgends mehr. Hätte Kempten eine Mutter, dann hieße sie Herr Birnstiel. Weiland kaufe ich meine wie auch immer gearteten Heftchen dort, die dann, Opfer jeder Sammlung, irgendwo im Keller lagern. Aber nicht diesmal. Diesmal bin ich auf der richtigen Spur, die da lautet : Hochphilosophie. Im Zeitungsschlabberladen? Oh ja, denn ich habe es auf die Buchrücken der LTBs abgesehen, Kater Karlo als intergalaktischer Schurke. Ist das nicht very well by the way? Tröstet euch : auch wenn der Kaffee für umme war, er schmeckte nicht besser als ein angebohrtes Leitungsloch und ich habe ihn dennoch getrunken. Wird das Auswirkungen auf meine Gesundheit haben? Ich glaube nicht, denn selbst die schlimmste Kloake verwandelt sich in Kempten in ein übersinnliches Tröpfchen aus dem Acheron.

Das Schuhwerk seiner Frau

Ein Männlein sitzt im Bauern fast still und stumm,
es hat auf seinem Bänklein zwei Tüten um.
Was mag in den Tüten sein,
das der Mann putzt ganz allein
auf dem Kempt’ner Bä-hä-hä-hä-hänkelein …?

In unserem ersten Beitrag wollen wir uns der fiktiven (und mächtigen) Klodhilde zuwenden, deren wirklicher (und fleißiger) Mann auf ein Bänkel auf dem Rathausplatz, kurz vor der Bäckerei Wipper) ausweicht, um sich seinen ehelichten Pflichten, die mancher gar nicht auf dem Schirm hat, zu widmen. Stellen wir uns die (fiktive) Klodhilde barbefußt und schwach bestrumpft vor, wie sie auf dem Balkon (der Herbst ziept schon an ihren Gliedern) nach ihrem Männe Ausschau hält, der ihr gesammeltes Schuhwerk in einer Plastiktüte gen Stadtzentrum führt, um es in Ruhe von Ihrem Wanderstaub und Auf-und Abs zu reinigen. Folgendes (ebenfalls fiktives) Gespräch wäre im Vorfeld des Kümmernisses denkbar:

“Es ist kalt, Klodde (er nennt sie halt so), darf ich heute nicht, nur einmal …” “Nixnix, Ferdl (sie nennt ihn halt so), den Gestank und die Unbilden der Wildnis wirst du schön brav in aller Öffentlichkeit von meinen gespenstischen Tretern wienern! So alle Welt soll sehen, was du mir bist und ich dir bin! Sapperlot!”

Und so trottet er heiteren (weil liebenden) Gesichtes gen Rathausplatz zu Kempten, um sein Tüchlein zu lüften und die Bürsten sprechen zu lassen. Doch: was ist das? Kommt da nicht der Dichter Putte ums Eck, um ihn dabei zu beobachten? Freilich, jaja, er ist’s. Schon richtet sich sein menschenferner Blick auf den einzigen Menschen, den er jetzt gerade sehen kann: einen Gebuckelten! einen Gebeugten! einen Unterfuchtelten!

Fleischsoße am Haken

Kempten

Gäbe es eine Disziplin der Unmöglichkeiten, wäre Fleischsoße am Haken ein Dauerbrenner. Kempten hat noch sehr viele echte Fleischer, Haudegen am Hackebeil, am Viehschußgerät und am Rippenzieher. Die Auswahl fällt schwer, ein Qualitätsproblem gibt es hier nicht, die umgebundenen Schürzen der Metzger sehen besser aus als die im Klinikum, hygienischer auch, schließlich ist es beim Tier nicht egal, wie es verreckt. Natürlich gibt es auch hier Veganer, Modeerscheinungen machen auch vor den Toren des Südens nicht Halt. Aber diese eßgestörten Yuppies sind eher die Ausnahme, hüpfen in ihrer Lichtgestalt durch den Äther, schweben fast (zum Laufen sind sie zu schwach), die Mädels führen sich Mohrrüben ein, die Buben schauen neidisch zu;  wobei nicht gesagt werden soll, daß ein wenig Salat dem Tellerrand nicht ein angenehmes Flair verleiht und einem rosaroten Steak nicht erst zur vollen Blüte verhilft. In der Innenstadt gibt es einen Vinzenz Murr, den ich häufig konsultiere, allein, um den Treiben beizuwohnen, das die Angestellten dort veranstalten, oder die Veranstalter anstellen. Ich bin dort in aller Regelmäßigkeit, beobachte als kundiger Kunden, wie sie ihr Geschäft abschließen – und wenn es erst um die Wurst geht, hat jeder seine Eigenheiten. Der eine will den Zipfel abgeschnitten, bei andern erinnert sich die Fleischfachverkäuferin daran, selbst den Zipfel abzuschneiden (oder hätte es beim ersten auch schon getan, hätte dieser nicht, weil er vermutlich schon einmal über den Zipfel, oder um den Zipfel herum, betrogen wurde, darauf hingewiesen : Zipfel ab). In der Küche schmort bereits das Hirschgollasch, dem ich probeweise schon einmal beipflichten konnte, während ich vermischt Putenschnetzel und Schweineschnetzel auf dem Teller habe – die Entscheidungskraft wurde mir gestern von einer Friseuse aus den Haaren geschnettert.

Die Geschwister Grimm in Kempten

“Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. DAS ist doch merkwürdig!” (Zitat von “Die-mit-dem-Dichter-spricht”)

Das Allgäu ist übervoll mit Menschen, an denen der Nonsense der heutigen Zeit zwar nicht abprallt, aber hier und da dann doch für das genommen wird, was er ist: eine vorübergehende Erscheinung. Gerade in den Bergen und in den Randbezirken gibt es noch eine Menge Zauber.

“Ich würde Sie niemals als Hexe bezeichnen!”
“Ich mich aber schon”

Naturheilkundige finden hier ihr Mekka. 1775 wurde die letzte Hexe in Kempten zum Tode verurteilt, aber nicht verbrannt. Sie starb eines natürlichen Todes. Vielleicht geht es Kempten deshalb so gut. Wer im schöpferischen Element tätig ist, der weiß, dass diese Kraft weiblich ist, auch wenn es Männer gibt, die das leugnen. Ich selbst wäre ohne die weibliche Urkraft seelisch wie körperlich bankrott. Deshalb die Große Mutter, deshalb Hexen. Aber mir geht es hier nicht um Elementarkräfte und deren Herkunft. Es ist ziemlich erstaunlich, dass sich Kräuterfrauen und solche, die sich selbst “Hexen” nennen nicht nur in den Allgäuer Dörfern finden, sondern mitten in der Mall, die gesichtslosen Konsum über ihre Jünger schüttet, die jeden Tag erneut anbranden, um dem Abfall der Industrie anheischig zu werden.

Der Weg, der unvermeidlich zu einem Ziel führt heißt: Offenbarung; und dass es nicht nötig ist, seine Schönheiten zu deklarieren, versteht sich von selbst. Nur jener, der im heimlichen Licht seine Warzen sehen lässt, seine Schuppen, seine Hexenhaare (die sich unter die Makellosigkeit mischen und die, trotz der Folterbank, auf der sie ausgerissen werden, mit Hohngelächter immer wieder kehren), kann eines Tages von sich behaupten: Ich wurde geliebt. (M. Perkampus / Die Laubfrau)

Bilder: Albera Anders

Dass wir beide zufällig aussehen wie die Geschwister Grimm (nehmen wir einmal an, es wären keine Brüder gewesen), muss für viele Kemptener eine witzige Erscheinung gewesen sein. Zwar kann man nicht davon sprechen, daß wir etwas mit Schwefel veranstaltet hätten oder sonstwie mit der Welt ins Gericht gegangen, aber so eine geballte Ladung Kosmos sieht man auch nicht alle Tage. “Ich lese trotzdem ab und zu in der Bibel”,sagte sie und kicherte dabei. “Im Johannesevangelium. Vor allem den Anfang finde ich interessant.” Sie mustert mich aufmerksam, fragt dann: “Haben Sie’s vor sich?” Ich nicke. Das hören wir Dichter gern: Im Anfang war das Wort. Die kleine Dame fand das merkwürdig. Ich nicht. Alles, was existiert, habe ich durch mein Wort geschaffen.