Karloff the Uncanny

Traumfabrik Hollywood, wir blicken weit zurück: 1931, der Tonfilm steckte (fast) noch in den Kinderschuhen, vielen populären Stummfilmstars hatte er aber bereits das Genick gebrochen. Der große „Rest“ träumte von großen Rollen. Einer von den Träumern, die Ehrgeiz hatten und hofften, war Boris Karloff, gebürtig William Henry Pratt (1887 – 1969), ein noch recht unbekannter britischer Theater- und Filmschauspieler. Ihm wurde eine Rolle angeboten, die sein Leben verändern sollte. Die ihn zur Legende machte.

Karloff war Frankensteins Monster in der ersten Ton-Verfilmung des weltbekannten Romans von Mary Shelley. Er wurde über Nacht in der Monstermaske mit dem traurig-sehnsuchtsvollen Blick, die prägend war für das Bild, das wir immer noch kennen und kompromisslos als das richtige definieren, zum Leinwandstar. Man nannte ihn „Karloff the Uncanny.“ Master of Horror.

Über Nacht der Master of Horror

Da war er nun berühmt, der mittlerweile 44jährige Pratt, der bis dahin eher als Typ-Darsteller, – oft ungenannter Indianer, Araber, Inder, Leibwächter, Taschendieb oder Bösewicht und Schurke allgemein -, freilich auch als ernstzunehmender Charakter durch Hollywood lief, verweilte, weiter lief und suchte. Gute Rollen. DieRolle. Gefragt war er schon. Den schwierigen Übergang vom Stumm- zum Tonfilm schaffte Karloff problemlos. Er spielte nicht überzogen künstlich, seine Stimme war geschult, sein leichtes Lispeln empfand man als ungewöhnlich, ergo positiv, und seinem Oxford-Englisch trainierte er ein tiefes, dunkles Knarren an. Seine Optik trug Übriges dazu bei: Er klang exotisch, er sah auch so aus.

Gescheit überleben konnte Karloff vor Frankensteins Monster von den Gagen allein in der Filmmetropole freilich nicht. Er fuhr nebenher LKW (ohne Führerschein), heiratete allerdings auch bis Ende der 1920er dreimal und ließ sich gleichsam dreimal scheiden, was grundsätzlich unklug ist und den Geldbeutel zusätzlich derb lädierte. Der füllte sich nicht nur ganz beträchtlich mit Frankensteins Monster (Regie: James Whale, Originaltitel: nur Frankenstein), er war jetzt auch ein Mann, den alle kannten, schätzten und haben wollten.

Die 1930er Jahre stehen für eine besonders wirkungsvolle Zeit. Die Maske des Fu-Manchu, Das Haus des Grauens, Scarface, Die Mumie, Der Rabe, Die schwarze Katze…es war das ganz große Kino. Mit Frankensteins Braut (Bride of Frankenstein, 1935), ebenfalls unter der Regie von James Whale, mit der phantastischen Elsa Lanchester in der Titelrolle, gelang dann der absolute Clou. Der Film gilt nicht nur als einer der besten des Schwarz-Weiß-Horrors, des Genres überhaupt, er wird auch zu den Meisterwerken des Hollywood-Kinos gezählt.

Meisterwerk des Schwarz-Weiß-Horrors

Ursprünglich sollte The Uncanny höchstpersönlich in der genial-köstlichen Verfilmung des Theaterstücks Arsen und Spitzenhäubchen (1944, Regie: Frank Capra) mit dem göttlichen Cary Grant (Mortimer Brewster) den aus dem Knast entflohenen Massenmörder Jonathan Brewster spielen, der nach einer missglückten Gesichts-OP wie Karloff in seiner Frankenstein-Maske aussieht. Der Gag wäre phänomenal gewesen, zumal die Rolle eigens für Karloff geschrieben worden war; allein, es war nicht machbar, er stand zeitgleich zu den Dreharbeiten als Jonathan auf der Bühne am New Yorker Broadway. Die Theaterproduktion war überaus erfolgreich und brachte es auf über 1.400 Vorstellungen; da Karloff selbst sie finanziert hatte, verdiente er damit viel Geld.

Natürlich konnte der Alt-Meister Karloff nicht ewig auf dem Thron bleiben. Sein persönliches Zepter nahm er mit, wer sollte ihm nachfolgen? Andere Zeiten, Techniken, Ideen, Möglichkeiten, Stars kamen. Und die Farbe. Immerhin drehte man mit Karloff noch bis Ende der 1950er Jahre in Schwarz-Weiß, um die düstere Atmosphäre, die morbide Stimmung, sein unvergleichliches Finster-Schauspiel zu verstärken. Er blieb auch später immer noch ordentlich im Geschäft, engagierte sich weiterhin gewerkschaftlich (SAG: Screen Actors Guild), arbeitete für das Fernsehen, als Synchronsprecher, Vorleser und Erzähler, – seine markante Stimme konnte wunderbar sanft sein, sagt man -, im Radio und auf Schallplatten. 1962 drehte Roger Corman mit Karloff noch einmal Leinwand-Finsternis mit ironischer Prise: Der Rabe – Duell der Zauberer und The Terror – Schloß des Schreckens, zwei B-Movies, gelten als Kult-Muss in Genre-Kreisen.

Als das Grauen anonymer wurde

Für typische Einzel-Heroen wie Karloff ging Ende der 1960er so langsam endgültig das Licht aus. Realer Schrecken beeinflusste den Horror-Film, das Grauen wurde anonymer und allumfassender: Gesichts- und namenlose Zombies (Night of the Living Dead, 1968, George A. Romero) kämpften und bissen sich durch die Kinosäle. Der Vorhang für The Uncanny fiel. Er starb 1969 in West Sussex, England. Seit 1946 bis zu seinem Tod an seiner Seite: die sechszehn Jahre jüngere Evelyn Helmore, seine fünfte Ehefrau.

Boris Karloff
Boris Karloff

Was allemal bleibt: Frankensteins Monster als Riesenwurf. 1938 wurde die Monstermaske aus dem Film zum Symbol der Surrealismus-Ausstellung in Paris. Filmplakate wurden zu gigantischen Summen versteigert, und bis Anfang 1980 zierte er als Zeichnung die Comicbuch-Reihe Boris Karloff’s Tales of Mystery (Gold Key Comics).

Frankensteins Monster: Für Boris Karloff durchaus ein Segen. Auch sein Fluch? Sagt man ja so. Segen ist klar, zum (bedingten) Fluch wird es, wenn man nicht mehr schätzt, auf ewig auf etwas reduziert zu werden, das einem unweigerlich ein Stück von der eigenen Persönlichkeit gestohlen hat, obgleich es einem so viel schenkte. Karloff war zufrieden, das erzählt man sich, das glauben wir. Gesagt haben soll er, sein „Leben als Monster“ sei lang und glücklich gewesen. Karloff war ein zufriedener Mann, das erzählt man sich, das glauben wir.

Sympathisch war er wohl auch. Eine kleine Anekdote: Zum Set von Frankensteins Monster fuhr die siebenjährige Marilyn Harris, ein damaliger Kinderstar,- sie war die „Little Mary“ im Film, das kleine Mädchen am See, das vom Monster (versehentlich) getötet wird -, gemeinsam mit Karloff, der in voller Montur neben ihr saß und vergnügt mit ihr plauderte. Die Crew hatte zuvor gedacht, sie hätte vermutlich furchtbare Angst vor ihm, aber Marilyn nahm seine Hand und fragte ihn ganz unbekümmert, ob sie mit ihm in seiner Limousine sitzen dürfe. Karloff, ganz Gentleman, lächelte: „Es wäre mir ein Vergnügen, Kleines.“

So war es. Das war es. Das war er.

Vincent Price: Ikone der Nacht

Ob es Poe gefallen hätte, dieses Diabolische, Irrsinnige, das Vincent Price auf der Leinwand so genial verkörperte? Gute Frage wohl. Auf jeden Fall hat der Ausnahmeschauspieler dem weltbekannten Ausnahmeschriftsteller eine spannende Extraportion an Popularität geschenkt, die dem literarischen Vermächtnis auf spezielle Art Respekt und Bewunderung zollt.

Sieben Filme nach literarischen Vorlagen von Edgar Allan Poe drehte Vincent Price (1911-1993) in den 1960er Jahren, und seine unverwechselbare Art, mit seiner Darstellungskunst, seiner Sprechweise, seiner Mimik auf dem schmalen Grat zwischen (fast) idealem Genie und schleichendem, packendem, bezwingendem Wahnsinn balancieren zu können, machte ihn zu einem Idol der Horrorszene, zum Kultstar des Genres, zu einer der wenigen echten Ikonen der Nacht.

In all diesen Filmen, – House of Usher (Die Verfluchten), Pit and the Pendulum (Das Pendel des Todes), The Haunted Palace (Die Folterkammer des Hexenjägers), Tales of Terror (Der grauenvolle Mr. X), The Raven (Der Rabe – Duell der Zauberer), Masque of the Red Death (Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie), Prematural Burial (Lebendig begraben) -, war B-Film-König Roger Corman Regisseur; er setzte auf den perfekten, wie für ihn persönlich geschaffenen Poe-/Price-Charakter, und er gewann mit ihm haushoch.

Fürchten lehren: Eine Passion

Das galt und gilt vom ersten Moment an, in dem Price 1960 als Roderick Usher, letzter Nachfahre der alten, zum Untergang verdammten Familie Usher, sein Publikum das Fürchten lehrt. Seine große, wahre Passion? Vor der Filmkamera gestanden, um fröstelnd erschauern zu lassen, hat Price schon 1939. Ihm zu Ehren sei genießerisch verwegen spekuliert:

Blauschwarzer Nebel schlief über der Themse, Herbstregen raunte geheimnisvoll, und der Big Ben weckte die Mitternacht. So ungefähr war das bestimmt, vielleicht auch etwas anders, als die erste Horrorfilmrolle eines der berühmtesten Genre-Darsteller überhaupt im Kasten war. Die Zeichen waren ergo gesetzt. Mit seinem bescheidenen Kurzauftritt in Tower of London (Der Henker von London) als ein im Weinfass ertrinkender Graf an der Seite von Boris Karloff und Basil Rathbone war der erste, freilich gemütliche Schritt in die große, geniale, gute Finsternis getan. Ein sehr gemütlicher.

Damit hatte es sich dann erst einmal. Neue Schauer-Stories, zumal mit mehr Raum und Zeit, gab es vorerst keine für den 1,93-Meter-Mann mit dem gewissen optischen Etwas, – attraktiv, arrogant (war er aber nicht) und undurchschaubar. Price, wohl blitzgescheit zudem, der in Yale Kunstgeschichte und Anglistik studiert hatte und für seine Doktorarbeit über Albrecht Dürer ein Jahr in Frankfurt und Nürnberg lebte, war in New York zwar fleißig auf der Kinoleinwand und auf der Theaterbühne vertreten, seine famose dunkle Stunde schlug aber später.

»And whosoever shall be found, without the soul for getting down, must stand and face the houl of hell, and rot inside a corpse’s shell…«

Sie schlug 1953 mit House of Wax (Das Kabinett des Professor Bondi). Es vergingen ergo stolze vierzehn Jahre, bis Vincent Leonard Price jun. , Sohn eines Süßwarenfabrikanten aus St. Louis, den Riesentreffer landete, der ihn berühmt machte und später in Edgar Allan Poe (1809 – 1849) einen Meister finden ließ, dessen Name jeder passionierte Filmfan untrennbar von seinem im Kopf hat. Auch wer Poe gar nie gelesen hat, – und von der Sorte, so munkelt man gar entrüstet und betrübt, soll es einige Viele geben -, kennt Poe. Dagegen mag sich jeder noch so Detailverliebte sträuben.
Sensationserfolg mit Wachsleichen

Price spielt in House of Wax, im brandneuen, ergo spektakulären 3-D-Verfahren gedreht, den begnadeten, freilich wahnsinnigen Henry Jarrod, Schöpfer von großartig gemachten Wachsfiguren. Es bleibt nicht dabei, Jarrod benutzt Leichen für seine Kunst, wird entlarvt und findet seinen Tod in einem Kessel mit heißem Wachs. Unschön, aber fair. Der Film wurde ein Sensationserfolg, man zeigte ihn bis Ende der 1980er immer wieder in den Kinos. Bei der Hollywood-Uraufführung, in Bildern der damaligen Wochenschau festgehalten, unter den beeindruckenden (und beeindruckten) Gästen: Bela Lugosi in seinem Dracula-Kostüm und Leinwand-Cowboy Ronald Reagan, der spätere US-Präsident.
Der Weg steil nach oben war mit House of Wax für Price frei gegeben. Es folgte The Mad Magician; hier verkörpert er einen irren Zauberkünstler, der einen Kollegen mit einer gewaltigen Kreissäge ermordet und in dessen Identität schlüpft. House on Haunted Hill (Das Haus auf dem Geisterhügel, 1958), – Price als exzentrischer Millionär Frederick Loren mit schaurig-netten Einfällen -, erlebte im Jahr 1999 ein Remake; Loren heißt in der Neuverfilmung Stephen Price, das galt als dicke Verneigung. In Erinnerung gebracht wird Price auch heute noch immer wieder mit The Fly ; hier gibt er zwar weder den finsteren Schurken noch den geistig verwirrten Bösen, aber es ist (mit) sein Film. Einwandfrei.

In The last man on earth verkörpert Price einen Wissenschaftler, der eine das Wesen verändernde, letztlich die Unmenschlichkeit und den Tod bringende Seuche überlebt hat. Die Gesamtbevölkerung ist infiziert. Der Film basiert auf dem Roman I am Legend von Richard Matheson und wurde 2007 unter dem Originaltitel mit Will Smith in der Hauptrolle gedreht. Den kennen wir.

Die Erstverfilmung mit Price freilich ist trotz seines großen Namens und trotz einer damals bereits stark und düster inszenierten Hammerstory fast völlig vergessen. Gilt allerdings in Fan- und Expertenwelt, selbst wenn die Mehrheit sie noch nie gesehen hat, als stilistischer Vorreiter und Vorbild auch für George A. Romero (The night of the Living Dead) und als wegweisend für die Entwicklung des modernen Horrorfilms.
Price als Legende: So bleibt’s!

Price wandte sich Mitte der 1970er Jahre, nachdem er noch erfolgreich in bewährter schräg-schön-schauriger Manier in The Abominable Dr. Phibes (Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes), der Fortsetzung davon und in Theatre of Blood gewirkt und gegruselt hatte, wieder mehr dem Theater zu, zeigte Glanzleistung in dem Ein-Personen-Stück Diversions and Delights von Oscar Wilde. Überhaupt: Der Mann bestach vielfältig, war Kunstkenner und -sammler, schrieb Kochbücher, – sein Großvater hatte sich einen Namen gemacht mit der Erfindung eines Backpulver, der Vater war Süßigkeiten-Experte, irgendwas gut Appetitliches blieb auch auf dem Sektor an ihm hängen -, und er war Radio-/Kurz- und Zeichentrick-Film-Sprecher.

Darkness falls across the land

Seine markante Stimme, sein Markenzeichen, (s)ein Thriller: Er ist der Mann, den Michael Jackson 1982 für einen Song haben wollte, der ein absoluter Mega-Hit wurde. Die musikalische Schauermär Thriller ist legendär, da kocht das Blut, da verneigen auch wir uns vor und präsentieren gleichsam als Ehrerweis die im Lied von Horror-Altmeister gesprochenen Textzeilen. Produzent Quincy Jones bezeichnete Price, der seine Aufnahme in nur zwei Takes fertig hatte, als „einfach nur großartig“. Richtig so.

»Darkness falls across the land, the midnite hour is close at hand. Creatures crawl in search of blood, to terrorize y’awl’s neighbourhood…«

In dem preisgekrönten, mehrfach ausgezeichneten Kino-Welterfolg Edward mit den Scherenhänden (Johnny Depp) aus dem Jahr 1990 spielte Price, der dreimal verheiratet war und seiner dritten Frau Coral Browne zuliebe 1987 zum Katholizismus konvertierte, seine letzte große bekannte Rolle. Er war der Schöpfer des künstlichen Jungen, dessen Vollendung ihm nicht mehr gelang, weil er starb, bevor er Edward richtige Hände schenken konnte. Eine recht traurige letzte Geschichte. Aber nicht seine eigene. Die war bunt. Lebendig. Facettenreich. Mit Sicherheit gut. Der Tag seiner Bestattung am 25. Oktober 1993 war so. Ein guter. Er wurde verbrannt, die Asche vor der kalifornischen Küste verstreut, und sein geliebter Strohhut wurde in den Pazifik geworfen. Mit dem spielten eine ganze vergnügte Weile die Seehunde, wie seine Tochter Victoria erzählte. Hätte ihm wohl gefallen. Price konnte eben so.

»And though you fight to stay alive, your body starts to shiver, for no mere mortal can resist, the evil of the thriller.
Can you dig it?!«

Und so.

Dracula Lee

So viele kamen nach ihm. Sie waren schön und grausam, hässlich und traurig, unerbittlich und zerstörend, sanft und voller Sehnsucht. Sie alle waren gierig darauf, uns in ihre Visionen, ihren Bann, ihre alptraumhafte Unwiderstehlichkeit zu ziehen. Manchen gelang es mit Bravour. Manche vergaßen wir, weil der Morgen die launige Nacht einfach verschluckte. Egal. Es folgten, folgen andere. Blutsauger im Roman, im Film…im Kopf…die Palette ist gewaltig. Und trotzdem: Der erste, wahre, große Vampir, Quell einer Furcht, die unsere Phantasie bis in die fantastischsten Sphären hinein nährte, war er: Christopher Dracula Lee.

Der große, der eine Vampir hat ihn Lee weltberühmt gemacht. Unvergesslich ist dieses erste Bild von ihm. Wir warteten auf ihn mit der Gewissheit, dass die Sonne vorerst nicht aufgehen würde. Dass er uns Furcht einjagen würde. Dass es vernünftiger wäre, ihn nicht in unsere Gedanken zu lassen. Aber wir warteten. Wir, die schreiben würden, ahnten noch nicht, dass er uns diktieren könnte, wie so viele Schatten der Angst es in all den Jahren taten.

Da trat er hervor aus der Finsternis, so eisig elegant, und er kam uns vor wie der Leibhaftige und gleichsam wie der Liebhaber, den wir nicht haben würden und nicht wirklich wollten und doch begehrten wie einen einzigartigen Traum. Und er stand dort in ewiger Nacht und blieb als sein eigenes Denkmal. So elegant, so bleich. So böse, so schön. So unheimlich und doch so verlockend. Dieses Bild steht. Wir kratzen nicht daran. Wie sollten wir? Lee selbst definierte es als professioneller Vampir-Versteher.

The blood is the life.“

So romantisch, so böse

Christopher Lee als Dracula ist der einsame Unsterbliche, eine verlorene Seele, getrieben von einer unheilvollen Macht, böse sein zu müssen, Furcht einflössend, wenn er erscheint, hypnotisierend in all seiner düsteren Pracht. Ein heroischer, ein gleichwohl romantischer Charakter. Und weiter sagt Lee:

And there’s, of course, the obvious association with the bite in a sexual sense, if you like. So I tried to put all those particular characteristics into the character. It appears that I succeeded.“

Zweifellos.

Nicht mehr wirklich jung ist, wer sich erinnert, wie wir uns erinnern. Auch nicht wirklich alt. Wer sich erinnern kann, darf ein Erzähler sein, der eine Zeit lebendig werden läßt, die Geschichte ist. Eine verdammt gute Geschichte. Christopher Lee ist Legende. Der ewige Dracula ist sein Vermächtnis.

Diese Plötzlichkeit, diese Furcht

Er war die lebendig gewordene Angst unserer Kindheit. Es war in den 1970ern, als wir, die Euch erzählen dürfen, ihn kennengelernt haben. Die Fernsehapparate waren meist bescheiden klein, wir Kinder hockten nebeneinander nah davor, die Blicke festgeklebt am Bildschirm, um ja nichts zu verpassen, stets in der Hoffnung, dass die Erwachsenen einen dort sitzen und gucken ließen, was so irgendwie verboten für uns klang und leider oft auch war: Horror. Und ganz speziell eben: Dracula!

Diese Augen, diese Ahnung. Diese Plötzlichkeit. Die Furcht. Der Schrei. Damals. Unser Schrei, hinein gebissen in ein Sofakissen. Er war die Neugier, Faszination unserer Jugend. Diese Bedrohung, diese Warnung. Verführung. Eleganz. Diese Erotik der Finsternis, die wir noch nicht verstanden. Die wir aber speicherten für das, was wir später vielleicht zu Papier bringen würden, um die Nacht geheimnisvoll knistern zu lassen.

Wegbegleiter war Lee für so manchen, der heute im Horror-Genre zuhause ist, schreibt, Filme macht, liest oder eben einfach nur zuschaut. Und hat ihn, sie in dem genialen Gefühl bestätigt, dass es gut ist, in der Dunkelheit nach Abenteuern zu jagen. Das Düstere, Unheimliche zu lieben, das ist großartig, dachten und denken wir, solange die Sonne immer noch im Blickfeld ist, solange die Grenzen nicht verwischen, solang der Horizont da vorn noch weit ist. Irgendwo. Aber eben präsent. Lee, einem klugen, sympathischen Kopf, war das klar. Uns ja nun oder wohl auch. Irgendwie.

Verdammt dazu zu sein, als Vampir und eben nur als solcher, – wenn auch als der Eine -, im Gedächtnis zu bleiben, wollte Christopher Frank Carandini alias Christopher Lee, geboren 1922, natürlich nicht unbedingt. Ursprünglich hatte der 1,96-Gentleman mit englisch-italienischen Wurzeln eh andere Pläne: Der musikalisch Versierte, der er auch blieb, wäre gern Opernsänger geworden. Ein guter. Er wurde Schauspieler. Er wurde Dracula. Der Beste. Ein Meistergriff des britischen Studios Hammer Film, das ihn 1957 unter Vertrag nahm und ihn zuerst das Monster in Frankensteins Fluchspielen ließ, bevor 1958 der erste von acht Filmen mit ihm in der Hauptrolle als „Kronprinz des Schreckens“ (so wurde er tituliert) in die Kinos kam und die Richtung wies: Sosollte es sein, so sollte ERsein.

Blutiges Zepter wurde weiter gereicht

Der Vampir-Ruhm des ungarische Filmschauspielers Bela Lugosi war da zwar längst verblichen. Aber immerhin ebnete Lugosi 1931 als Dracula den Weg für Großes, was folgen sollte. Christopher Lee war er gänzlich unbekannt, bevor die Hammer-Studios ihn als den weltberühmten Grafen unter Vertrag nahmen. Zu diesem Zeitpunkt war Lugosi bereits tot, und es hielt sich eine ganze Weile hartnäckig das Gerücht, der Ungar hätte Lee den Dracula-Ring vermacht, um ihn mit gruseligem Segen zum offiziellen Erben zu machen. Eine originell unheimliche Publicity-Idee war das, mehr nicht. Besagter Ring befand sich tatsächlich in einer Privatsammlung in Los Angeles. Das Publikum freilich fand die Vorstellung durchaus atemberaubend, vielleicht gar logisch: Das blutige Zepter wurde weiter gereicht an den neuen, ungleich fesselnderen König der Finsternis…und lang, länger, ewig lebte Dracula.

Der allein genügte Lee freilich nicht. Er war nicht nur Dracula. Er war viele. Auch ein James-Bond-Schurke (Der Mann mit dem goldenen Colt). Er war Scaramanga. Dooku. Später ein Tolkien-Zauberer. Saruma. Als Schauspieler mit den meisten Credits (genannte Rollen im Vor- oder Abspann), – über 280 Filme -, steht er im Guiness-Buch der Rekorde. Als Sir Christopher Lee. 1992, ein Jahr vor dem Tod seines berühmten „Horrorfilm-Kollegen“ Vincent Price, mit dem Lee über viele Jahre hinweg eng befreundet war, wurde der gebürtiger Londoner von der Queen geadelt.

„Schauspielurgesteinsbösewicht“ liest man über ihn, als „Meister des Makabren“ und „einen der größten britischen Schauspieler“ würdigt ihn Boris Johnson, Ex-Premierministier des Vereinigten Königreiches.

Genug Horror für ein ganzes Leben

Lee machte später in Interviews deutlich: „Ich mag keine Schubladen. Halbherzig, seufzend, vom Stempel, Image genervt…das soll hier gar nicht bewertet werden. Es ist ein nachvollziehbares, ehrliches Wort, durchaus. Er spielte viele unterschiedliche Charaktere. Was immer blieb, war Lee als Dracula. Vor diesem prägenden Hintergrund war er als ein trottelig verliebter Schreibtischhengst in einer Romantik-Komödie sehr, sehr schwer vorstellbar. Dass er allerdings die von ihm unbedingt gewünschte Rolle in dem aufwändig gedrehten US-amerikanische Kriegsfilm „Der längste Tag“ (1962) nicht bekam mit der merkwürdigen Begründung, „nicht soldatisch genug“ zu wirken, ärgerte ihn. Immerhin war er Royal-Air-Force-Veteran, und seine stattliche Größe, sein markantes Gesicht sprachen keineswegs dagegen, dass man ihm den Kriegshelden (oder Anti-Kriegshelden) abgenommen hätte. Zudem hatten ihn die eigenen Erfahrungen als junger Mann im Krieg sehr realistisch und authentisch werden lassen: Was er an grauenvollen Dingen gesehen hätte, wäre genug Horror für ein ganzes Leben. Realer Horror. Reales Blut.

That is real horror and blood. When the Second World War finished I was 23 and already I had seen enough horror to last me a lifetime. I’d seen dreadful, dreadful things, without saying a word. So seeing horror depicted on film doesn’t affect me much.“

Halloween mit Dracula

Verpatzte Chance: 1978 wurde Lee die Rolle des Dr. Sam Loomis in Halloween angeboten. Lee, dem es letztendlich wichtig war, einen gewissen Abstand zum Horror-Genre zu halten, um dort als Schauspieler nicht fixiert zu sein, lehnte zugunsten von Donand Pleasence ab. Halloween wurde ein Welterfolg, und Lee gab später zu, dass seine Absage „mein größter Fehler“ war. Wir bedauern das auch, ohne Pleasence auf die Füße treten zu wollen. Der war gut. Aber Lee an der Seite der Scream-Queen Jamie Lee Curtis: Was für ein Doppel!

Stephen King verneigte sich als einer der Ersten mit einem letzten Gruß vor dem Godfather, als der große Mann, der größte Vampir aller Zeiten ging. Christopher Lee starb am 7. Juni 2015 im gesegneten Alter von 93 Jahren in seiner Geburtsstadt London. Wir, die ihn als den Einzigen, den Unvergleichlichen zu erkennen glaubten, zollen ihm unseren Tribut. Und hören sein Bekenntnis:

Dracula habe ich das Meiste zu verdanken.

Wir auch. Thank you, Sir.