Komische Clowns

Wir kennen King’s Clown Pennywise. Sein verschlagenes Grinsen, die bösen Augen, die spitzen Zähne. Wir wissen vom Joker, Gegenspieler des großen Batman. Permanent grotesk belustigt. Ein ewig grinsender Oberschurke, genial, verrückt und de facto ein übler Kerl, faszinierend durchaus und gerade deswegen so herrlich böse abgefahren.

Wir haben vom Serienkiller John Wayne Gacy gehört, der als Clown Pogo in seiner Heimatstadt den allseits beliebten Spaßmacher spielte und Jungs für seine Lust ermordete, wenn die Maske fiel.

Irgendwann, irgendwo mal haben wir auch von den Hofnarren aus längst vergangener Zeit erfahren, die als Urväter des modernen Clowns gelten dürften: Die waren prinzipiell von Natur aus mit physischen und psychischen Defiziten belastet, Randfiguren der Gesellschaft, Prügelknaben und Entertainer der Herrschaften, Zielscheiben oft kleingeistiger Spötter, zugleich selbst Verspottende, da sie sich in Wort, Sinn und Tat so einiges an Frechheiten und Dreistigkeiten herausnehmen durften.

Hofnarren waren die offiziellen Narren, auffällig gekleidet und geschminkt, spezifisch anders mit dieser gewissen Freiheit versehen. Aber eben einer Freiheit, die auch und manchmal extrem von den Launen des Publikums abhing. War dem das alles zu viel der Verulkung, ging der Daumen hinunter. Das Leben der Hofnarren stand stets auf der Kippe. Und außerhalb ihrer Bühne mussten sie damit klar kommen, die ewigen Außenseiter zu sein, skurrile Subjekte, mit denen etwas nicht stimmte. Die weder vertrauenswürdig noch irgendwie sympathisch wirkten. Die Scheu verursachten. Unwohlsein. Und eben auch Angst.

Obacht, wenn die Maske fällt

Geändert hat sich das in all den Jahrhunderten nicht. Sind es auch wirklich anständige Leute mit großen Namen, die den typischen Zirkusclown geprägt haben, – da war der Pantomime Jean-Gaspard Deburau, der 1816 mit schwarzer Kappe, weißem Kittel mit schwarzen Bommeln und schneeweißem Gesicht den französischen Pierrot schuf, Joseph Grimaldi (1799 – 1837), der erste zeitlos moderne Clown, Tom Belling (1843 – 1900), der als „Dummer August“ Vorbildcharakter für drollige Tollpatschigkeit hatte – , so bleibt immer eine Scheu, dieser Argwohn vor ihnen bestehen, sobald sie sicheres Terrain verlassen.

Ein klar zu definierender Clown im Zirkuszelt ist die eine Sache, ein weniger durchschaubarer Vertreter seines Genres nachts auf menschenleerer Straße eine gänzlich andere.

Ha ha, said the Clown, has the king lost his crown.

Ha! Ha! said the clown, is it bringing you down…

Ein leicht verstaubtes Lied mit recht beschwingter Melodie. Mighty Garvey hat’s gesungen, 1968 war das. Man könnte es glatt mitsummen. Aber dann fällt einem (wieder) Pennywise ein. Und vielleicht auch Eli Roth’s Clown. Da friert die Stimme ein. Der Film Clown aus dem Jahr 2014 stampft jegliche Art von Humor, die einem trotz ernster Sachlage, – die liegt hier vor! – , in den Sinn kommen könnte, in Grund und Boden. Der „Normalo“ Kent McCoy (Andy Powers) mutiert vom fleißigen, liebenden Familienvater in ein abartiges Wesen, das Kinder frisst.

Vom Spaßvogel zum Alptraum

Die grandios-schauerliche Verwandlung vom Menschen über den Clown zum absoluten Alptraum erinnert ein gutes Stück an die Fliege, der große Rest ist eigene Geschichte: Um seinem Sohn auf dessen Geburtstagsparty eine Freude zu bereiten, schlüpft Immobilienmakler McCoy, der in einem leerstehenden Haus zufällig ein altes Clownskostüm gefunden hat, in eben dieses, tritt als der gute Dumbo auf…und kann sich am Abend weder ausziehen noch gescheit abschminken noch Perücke und Nase absetzen. Alles ist mit ihm verwachsen. McCoy ist verzweifelt. Panisch. Sucht Hilfe. Und verändert sich nach und nach. Tatsächlich ist das Kostüm Dämonenhaut. Es wird schrecklich. Gruselig schlimm. Und die Idee phänomenal.

Ha! Ha! Said the clown, hear the jokes, have a smoke, and a laugh at the clown …

Darüber lachen! Klappt manchmal so gar nicht. Das Lied gehört hier und jetzt in die Schublade, passt nicht. Wobei im Kontext festzuhalten bleibt: So wirklich geeignet furchtbare Lieder über Furcht einflößende Clowns im Herkömmlichen gibt es auch gar nicht. Es gibt das grammatikalisch liebevoll verformte Oh mein Papa sein eine wunderbare Clown… und den wehmütigen Blick Where are the clowns? Send in the clowns… , das sind Hymnen für Gutmenschen und Glückselig-Macher ohne finstere Hintergedanken.

Ennio Morricone hat für den Clown in der Arena, der gar keiner ist, komponiert. Freilich ist Il Mercenario nichts direkt zum Gruseln. Die deliziöse Pasta des Italos wurde mit Blei, selbstredend auch mit Blut, aber nicht mit abgeschälter Gänsehaut gekocht. Horror findet nicht in der Arena statt. Und ist grundsätzlich nicht das Ur-Zuhause eines bunt bemalten und gewandeten Spaßtreibers.

Charlie Rivel tollpatschte weltweit in Manegen und in den 1960ern, -70ern über die Bildschirme, lautstark sein unverkennbares „Akrobat schööön!“ verkündend. Da war der berühmte spanische Clown mit der poppigen Vierkantnase und dem roten Haarkranz um die Glatze schon gut betagt. Und hatte so warmherzige Weisheiten erkannt wie:

Glück ist, wenn man die Persönlichkeit hat, ein Clown zu sein.“

Keine Panik: Akrobat schööön!

(S)eine warmherzige Weisheit. Warum auch nicht, so betrachtet? Ohne Skepsis, ohne graue Wolke am Himmel. Der Clown war lieb. Lustig. Lebensfroh. Manchmal bekümmert, wenn seine Seifenblasen platzten. Das großes Kind mit den riesigen Schuhen und den ganz kleinen Sorgen, das staunt und „Nit möööglich!“ ruft, wenn seine Geige singt. Sein Name war Grock. Fratellino. Popov. Nicht Pennywise, der etwas anderes möglich machte: Vor ihm so richtig Panik zu kriegen. Vor dem Clown.

Charlie Rivel

Der ist als Angstmacher, – Coulrophobie (Furcht vor Clowns) kennen erstaunlich viele umsichtig fröstelnde Zeitgenossen – , nicht King’s Erfindung. Aber dieses entsetzliche Grauen, das tatsächlich greifen und zubeißen kann, wenn das Vertrauen eines Kindes oder eines naiven Erwachsenen in ein vermeintlich gutes, freundliches Gesicht ausgenutzt wird, um Böses in die Tat umzusetzen, ist allein sein genialer Schachzug. Der Clown als Nur-fast-Mensch mit puppenhafter Lächel-Maske bleibt, sei er noch so kumpelhaft.

Dichte, künstliche Fassade: Wer oder was sich hinter der gezielt fröhlichen Kostümierung verbirgt, bietet viel Raum für Ahnungen. Misstrauen. Und selbstredend Phantasie. Die vermag es, dass hübsche rosa Wattenwolken fette hässliche blutige Tropfen regnen lassen. Dann wird’s ungemütlich und böse. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Für Kinder ist die erste Konfrontation mit einem Clown natürlich ein Sprung ins kalte Wasser: Spaß? Oder Angst, die bleibt? Laut Sheffield-Studie von 2008 empfinden viele Kinder Clowns nicht als lieb und lustig, sondern einschüchternd und bedrohlich, was jedem Elternteil, das bis dahin zum Kindergeburtstag als Überraschungsbonbon einen kunterbunten Spaßmacher besorgte, noch nachträglich schwer zu schaffen machen dürfte. Freilich muss angemerkt werden, dass den Kindern für diese Studie teils auch wahrlich groteske Fotos vorgelegt wurden, prinzipiell ungeeignet, um spontane Sympathie und Freude erwecken zu können.

Ein klarer Fall bleibt es eh für die berechtigt Vorsichtigen: Der Clown schürt die Ur-Angst vor der Maske, die irgendwas verbirgt. Im Film Zombieland (2009) ist es ein hungriger Untoter, der im verseuchten Vergnügungspark im Kostüm steckt. In (Eli Roth’s) Clown ist es der nette Nachbar. In King’s Es ist es Es. Bei den Simpsons das oberfrech personifizierte Laster. Die nackte, nimmersatte Unmoral. Präsentiert von Krusty, dem Clown. Und im Alltag waren es vor einigen Jahren die als Horror-Clowns verkleideten Mitläufer auf populärer Schiene, die weltweit Aufmerksamkeit suchten, indem sie wüst harmlose Leute erschreckten. Originell ist anders.

Selbstredend gilt: Wenn ein Clowns Menschen lächeln, vielleicht sogar herzlich lachen lassen können, dann ist da nichts Falsches. Ganz im Gegenteil. Aber mich persönlich bringen sie wohl nie dazu. Mag sein, dass ich dafür einfach zu viel weiß. Oder zu wenig.

Die Fliege

Die Geschichte von dem Mann, der eine Fliege übersah und starb, wurde bereits erzählt. Wäre das nicht der Fall, müsste man sie erfinden. Die Idee ist so brillant, dass jeder gute Autor von ihr träumen sollte. Aber selbst in seinen kühnsten Flügen wird er es nicht hinkriegen, eine Geschichte von einem Mann erzählen zu können, der eine Fliege übersah und starb, die der von George Langelaan gleich kommt. Nahe, etwas näher kommt. Vielleicht? Geht nicht. Die Fliege hat bereits Tinte geschluckt. Ganz edle. Die beste. Dort, wo es die gibt, würden wir gern denken. Und schreiben.

Die Fliege
© 20th Century Fox

Die Fliege (The Fly) ist eine Novelle des britisch-französischen Schriftstellers und Journalisten George Langelaan (1908 – 1972), die 1957 im Playboy erschien und zweimal in zeitlichem Abstand von achtundzwanzig Jahren verfilmt wurde. Die Story von dem Wissenschaftler, der Bahnbrechendes (eine Teleportationsmaschine) erfindet und bei seinem Selbstversuch an einem kleinen Insekt in der „Beam“-Kabine scheitert, dessen DNS mit seiner verschmilzt, ist großartig gedacht und gemacht. Da schwächelt nichts, das liest sich elegant runter und seilt sich atemlos an den Nerven wieder hoch, um den Nachschub zu erwischen: Gang zurück, Die andere Hand, Sturz ins Vergessen …gesammelt erschienen in Die Fliege und andere (seiner) Erzählungen. Da werden böse Gedanken wahr. Auf bissig-trockene, beinahe kühle und atmosphärisch erschreckend-schöne Art. Wer so was kann, ist einfach nur gut.

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Das Monster

Es war das Jahr 1896. Der kleine William Henry Pratt spielte im Schultheater den Dämonenkönig in Cinderella. Und sagte lange Zeit später: „Das war der Beginn eines langen und glücklichen Lebens als Monster.“

Aus William wurde der Schauspieler Boris Karloff, den Hollywood als „Boris the Uncanny“ auf das Podest der Einzigartigen, der Unvergesslichen stellte. Es war und blieb die Rolle seines Lebens: Frankensteins Monster, 1931 auf die Leinwand gebracht, erschaffen 1818 von der blutjungen Schriftstellerin Mary Shelley.

Die Geburt einer Legende! Wir dürfen uns vorstellen, vielleicht auch auf recht geheimnisvolle Weise nur zu gut wissen, wie sie war:

1818, irgendwann, irgendwie zu später Stunde: Regen peitscht, Blitze zucken, es grummelt, grollt, prasselt, kracht die schaurige Nacht. Die Luft ist dick und schwarz und riecht nach Feuer, die Erde spuckt blutigen Morast. Oder ist es nur Spuk und Trug in der Dunkelheit, die wir genießen wollen, solange sie unsere Ideen küsst? Egal auch.

Es bewegt sich – es lebt!

Die schöne junge Lady, – wir betrachten Mary Shelley wohlwollend: gutbürgerlich fein gekleidet in pastellfarbenem Musselin, die seidene Schärpe gebunden unter der Brust, das dunkle Haar gescheitelt und gelockt – , sitzt am Sekretär, taucht mit eleganter Eilfertigkeit wieder und wieder die Feder in das Tintenfass. Ihr Blick ist stolz, die Stirn klug. Ihre Idee ist kühn, das Monster macht Angst. Aber es ist schön. Und das Papier ist für die Ewigkeit.

Es bewegt sich – es lebt – es lebt! ES LEBT …
(Victor Frankenstein)

Frankenstein oder der moderne Prometheus : Die Entstehung des Romans ist beneidenswert originell. So was wünscht man sich schon mal… gemeinsam mit geschätzten Grusel-Phantasie-Verbundenen abends beieinander zu sitzen, Geister-Stories zu erzählen und dabei auf den Einfall zu kommen, jeder der Anwesenden solle selbst eine Geschichte schreiben. So soll es gewesen sein, als Mary Shelley es sich 1816 in der Schweiz mit ihrem Mann Percy, Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori am Kamin für intellektuelle Plaudereien über Schauriges gemütlich gemacht hatte.

Mary Shelley sagte später, dass Berichte, mag sein, Gerüchte über galvanische Experimente Charles Darwins mit toten Würmern sie angeregt hätten, einen Wissenschaftler Herr über Leben und Tod spielen zu lassen. Mit gar fürchterlichem Ende…

Victor Frankenstein, völlig überfordert von dem, was er geschaffen hat, panisch entsetzt über sein eigenes, von ihm selbst als teuflisch definiertes Handeln, erhält letztendlich die grausame Quittung: Sein Monster, das er im Stich gelassen, dessen einzige Hoffnung auf Flucht vor der Einsamkeit (eine Frau) er vernichtet hat, tötet seine Braut. Und zeigt seinem „Vater“ damit, was er unter Gerechtigkeit versteht. Als wütendes Monster. Verzweifelt. Ohne Rat und Trost. Menschlich.

Frankensteins Monster ist weltberühmt, gilt als das Monster schlechthin. Und mal angenommen, man kennt das Buch gar nicht geschweige denn weiß man, wer es wann und warum bloß geschrieben hat, so weiß man trotzdem irgendwie von dieser seltsamen,düsteren, alten Geschichte. Und hat das Monster genau vor Augen. Freilich das aus Hollywood. Mary Shelley wäre vermutlich von seiner Furcht einflößenden, unschönen Optik etwas enttäuscht gewesen, sie beschrieb es deutlich attraktiver. Aber es war eben kein unheimlicher Adonis, sondern der Engländer Karloff in seiner Maske und Unverwechselbarkeit, der Shelley weit über hundert Jahre später rund um den Globus auf der Kinoleinwand huldigte und ihr eine neuere, modernere Art von Größe und Genialität verlieh. Und auch hier dürfen wir uns nur allzu gern, vorstellen, wie es war.

Ist der nicht das Monster?

Hollywood 1931, Premierenfeier. Taft raschelt, Gläser klirren, die Luft trägt Tabak und schweres Parfum. Jemand raunt. „Ist das nicht der?“ Irgendwer zögert, nickt. „Das Monster.“ Irgendwo auf dem Film-Olymp, nur zwei, drei Wimpernschläge später, eine weitere lange Nacht. Jemand sagt: „Da. Endlich.“ Alle heben die Köpfe. Einige flüstern. „Karloff the Uncanny.“ Andere rufen. „Er ist es. The Master of Horror.“ Und er lächelt, verneigt sich, der Mann, den Mary Shelley ungefragt, unbeteiligt und doch da zur Ikone der Populär-Kultur gemacht hat, zu einem der Heroen des Finster-Genres. Boris Karloff. Frankensteins Monster.

Ursprünglich vorgesehen für die Rolle war übrigens Ur-Dracula Bela Lugosi, damals als Erfolgsgarant für eine Schauerverfilmung im Visier. Lugosi lehnte kompromisslos ab, er wollte kein sprachloses Gruselsubjekt spielen, das Gesicht unkenntlich geschminkt, Mimik und Gestik beleidigend für einen berühmten Mimen wie ihn. Er unterschätzte das Monster und verhalf Kollege Karloff zu einer Karriere, die seine eigene weit übertreffen sollte. Karloffs Verkörperung der von genial-wahnsinniger Menschenhand erschaffenen Kreatur war perfekt. Die Maske war perfekt.

Dafür sorgten mit ganzer Raffinesse kreative Köpfe am Set. Für den Dreh von Frankenstein – The Man who Made a Monster (1931, Regie: James Whale) wurde genau festgelegt, wie der von Dr. Victor Frankenstein aus Leichenteilen gebastelte künstliche Mensch, bei Weltuntergangs-Gewitter durch Elektrizität zum Leben erweckt und für das Endzeit-Leid bestimmt, auszusehen hatte. Die Stahlbolzen im Hals erinnern an den, – wieder verworfenen – , Gedanken, das Monster als eine Art Roboter darzustellen.

Die Monstermaske mit dem traurig-hilflosen Blick aus dem Film erkor man bereits 1938 zum Symbol der Surrealismus-Ausstellung in Paris aus. Filmplakate wurde zu gigantischen Summen versteigert, Briefmarken mit seinem Konterfei wurden gedruckt, Künstler porträtierten ihn als Pratt (ohne Maske), der Nr.-1-Hit Monster Mash (1962) wurde ihm gewidmet, und bis Anfang 1980 zierte er als Zeichnung die Comicbuch-Reihe Boris Karloff’s Tales of Mystery (Gold Key Comics).

Boris Karloff in seiner Ur-Maske, mit diesem deformierten, traurigen, hilflosen, enttäuschten, zornigen Gesicht, hat dem Monster eine Identität geschenkt, die zumindest in der Pop-Kultur als nicht mehr austauschbar gilt: In Trickfilmen, Comics und in der Werbung ist es Karloff, den wir sehen. Zwar ist auch Christopher „Dracula“ Lee 1957 inThe Curse of Frankenstein (Regie: Terence Fisher)in die Haut der Kreatur geschlüpft, aber die Rechte für das typische, klassische Make-Up befanden sich im Besitz der Universal Studios. Hammer musste neu kreieren. Im globalen Kopf blieb/bleibt freilich Karloff.

Mit Karloff the Uncannyerhielt das Monster, dem erstmalig 1910 in einem sechzehnminütigen Stummfilm, in England produziert von Thomas Alva Edison, dem Erfinder des Telefons, auf der Leinwand schreck- und ehrfurchtsvoll gehuldigt worden war, – Untertitel: A liberal adaption of Mrs. Shelley’s Tale, ein unzerstörbares Spiegelbild.

Träume, Furcht und Liebe

Hat sie geträumt, was sie bewirken würde mit ihrer Geschichte, die 18jährige Mary Godwins, spätere Mrs. Shelley, eine für die damalige Etikette und Moral recht progressiv denkende und agierende Frau, Tochter eines Sozialphilosophen und einer Schriftstellerin, die von Percy Shelley, mit dem sie durch Europa reiste, schwanger wurde, als der noch ein verheirateter Mann war?

Nach dem Selbstmord seiner von Gram und Schmach besudelten Frau Harriet im Londoner Hyde Park heiratete er Shelley zwar, die feine Gesellschaft freilich blieb verschnupft. Nach Percy’s Tod unterstützte der Schwiegervater Mary finanziell. Vom Schreiben allein konnte sie nie leben. Kaum vorstellbar… genügt uns heutzutage ein einziger literarischer Knaller, und wir gelten als hoch gehandelte Bestseller-Autoren forever. Andere Zeiten eben.

Wen’s belangt: Die Schreibmaschine wurde erst 1829 erfunden, zwei Jahre nach der Photographie. Mary wurde (noch) ganz üblich porträtiert. Und gehörte grundsätzlich zu den im positiven Fall liebreizenden Mädchen jener Tage, die Klavier spielen, etwas zeichnen, tanzen, bescheiden französisch parlieren konnten und etwas von Mythologie, wenig von Geographie, nichts von den großen Wissenschaften verstanden. Grundsätzlich, wohlgemerkt. Mary war besonders.

Ahnte die Besondere das Phantastische, als sie während eines längeren Aufenthaltes am Genfer See, – es waren trübe, regnerische Tage, wie geschaffen für die von genialster Finsternis umarmte Muse – , zu schreiben begann und nicht mehr aufhörte, bis er stand, einer der berühmtesten Horror-Romane aller Zeiten? Mit einem Helden, der über einhundert Jahre später als hässliches Monster weltweit Film-Karriere machte, obgleich er von seiner Schöpferin definitiv nicht als unansehliche, abstoßende Kreatur gedacht und beschrieben war? Mit einer Identifikationsfigur für Outsider, die hoch geachtet wird? Wie beispielsweise in Brasilien: Da fuhr vor sechs Jahren zum 200. Geburtstag des Monsters beim Karneval in Rio ein prunkvoller Jubiläums-Mottowagen durch die Straßen. Die Menschen jubelten ihrem Monster zu, dem Andersartigen, dem Ausgestoßenen, wegen seines so fremden, gleichwohl erschreckenden Erscheinungsbildes Gefürchteten und Verfolgten. Den sie lieben, weil er für sie authentisch, ehrlich, echt ist.

Zu schön für Hollywood

Mary, zum Zeitpunkt der (vorerst) anonymen Veröffentlichung ihres Buches frisch verheiratet mit dem älteren Percey Shelley, der trotz seiner Affären und seines frühen Todes, – er ertrank 1922 während einer Bootstour im Golf von La Spezia – , immer ihre große Liebe blieb, malte mit ihren beschreibenden Sätzen einen überdurchschnittlich großen, athletisch gebauten Mann mit schwarzem Haar und weißen Zähnen. Das klingt fast zum Dahinschmelzen. Einwandfrei zu schön für Hollywoods Gruselkabinett.

Den Mann, den Mary Shelley beschrieben hat, kennen wir, wenn überhaupt, nur aus der Vorstellung heraus: Das Monster hätte schön sein können. Durfte, sollte, musste es aber nicht, um sich einen Platz im Horror-Olymp, gleichsam in der Gunst des Publikums zu sichern. Das wollte und will das Tragische an der wenn auch scheußlichen Figur, das Mitleiderregende, Bedauernswerte.

Und somit war klar: Es mussten die grotesk hohe Stirn, der platte Kopf, die tief hängenden Augenlider, der wuchtige, ungelenke Körper sein.

So sah, sieht es aus, so kommt das Monster alias Karloff zurück in The Bride of Frankenstein (1935, Regie erneut James Whale). Da wird das Herz warm bei seiner Begegnung mit dem blinden Einsiedler, da fröstelt es einen, wenn das bitterlich traurige Ende naht: Victor Frankenstein vernichtet die Braut, dem Heulen des Verfluchten gilt die Rache…und mächtig Eindruck schindet zweifellos die Frisur von Elsa Lanchester: Einen halben Meter hoch senkrecht stehendes Haar mit einem hineingefärbten Blitz.

„Wie Gott zu fühlen!“

Die Szene aus Frankenstein – The Man who Made a Monster , in der das Monster versehentlich ein kleines Mädchen ertränkt, weil es möchte, dass es wie die Seerosen schwimmt, wurde nach der Uraufführung gekürzt: So poetisch sie ist, umso grausamer wirkte sie auf die Zuschauer. Die aber sollten die Kreatur nicht hassen, sondern begreifen. Und sich gleichwohl auch nicht über die Blasphemie des Monstermachers erzürnen sollen. Der von Victor Frankenstein mit gellend lauter Stimme in die Nacht gebrüllte Satz…

Jetzt weiß ich, was es heißt, sich wie Gott zu fühlen!“

…fällt in seinem Original-Ton der Schere zum Opfer. Zu anmassend. Zu ungehörig.

Shelley’s Monster erfuhr 1994 in Frankenstein (Regie: Kenneth Branagh) mit Robert de Niro in der Hauptrolle ein aufwühlendes, bewegendes Bekenntnis zur Quelle der Geschichte. Das vermenschlichte Geschöpf demonstriert die ganze Schwere, Traurigkeit, Verletzbarkeit und Wut seiner ungewöhnlichen Persönlichkeit, die sich so wesentlich gar nicht vom wahrhaftig Menschlichen unterscheidet. Auch De Niro beweist Mut zu einer generell als hässlich eingestuften Optik. Gleichwohl wirkt diese zwar fremd und furchterregend auf den ersten Blick, wird aber vertraut und damit fast sympathisch. Allemal, dieses Monster geht an die Substanz.

Ein Tragik-Revival anderer Machart erfolgt auch in der US-amerikanisch-britischen Horror-Serie Penny Dreadful (2014 – 2016, John Logan); Rory Kinear spielt das Monster. Er ist genial. Es ist (fast) schön. Und so darf es bitte auch sein. In bester böser Erinnerung, Mary!