Scream Queens: Eins, zwei, Schrei!

Kreischende Frauen sind zweckgebundene Stimmwunder. Ohne sie wären die meisten Horrorfilme deutlich leiser. Optisch auch unschöner, das nebenbei. Schreiende Frauen sind oft überirdisch attraktiv. Denen steht es gut zu Gesicht, wenn sie die Augen (visuell wichtig) und dann den Mund aufreißen, um akustisch loszulegen. Im Alltag ist das nicht so, aber wir begeben uns auch nicht zuerst in Garderobe und Maske, bevor wir uns genötigt sehen, laut, sehr laut zu werden. Schreien ist ausgesprochen effektiv. Immer. Weil man es HÖREN kann.

Das ist jetzt keine besondere Erkenntnis, zählt aber für Theater, Kino und TV durchaus als Hauptargument. Vera Miles als Lila Crane in Psycho schreit einwandfrei. Eben exakt so, wie man wohl beim Anblick des Leibhaftigen schreien würde. Als Entdeckerin der präparierten Mutterleiche im Keller sieht sie sich mutmaßlich ähnlich konfrontiert. Derart Furchtbares zu erblicken, dann fürchterlich loszukreischen… alles nachvollziehbar. Wie auch der Entsetzensschrei ihrer Schwester Marion (Janet Leigh) unter der weltberühmten Bates-Dusche. Das Bild haben wir im Visier? Gut. Ganz fett und blutrot unterstrichen ist der Leinwandschrei für uns spätestens seit Halloween. Und für Halloween gilt erstmal als Nonplusultra:

Milliarden Fliegen können sich nicht irren.

Millionen Zuschauer auch nicht. Da wären einerseits ein Riesenhaufen Pferdemist, im speziellen Fall, – Protest sei akzeptiert -, ist HalloweenDie Nacht des Grauens gemeint, und andererseits ein weltweiter Kinokassenknüller und Sofa-TV-Knaller. Und wenn auch der Genre-Klassiker von 1978 inhaltlich hier und da und dort sowieso schwächelt und Tiefgang geschickt vermeidet, um hübsch garstig auf erfolgreichen Fliegenfang (Zitat oben: Lexikon des Horrorfilms, 1989) zu gehen, so zählt das herzlich wenig, wenn die Krone erst mal auf dem Kopf sitzt. Halloween, eine Low-Budget-Regie-Arbeit von John Carpenter, ist absolut Kult und gilt als Vorreiter zahlreicher Klischees, die immer wieder gern in den typischen Slasher-Filmen der 1980er und 90er mal nackt übernommen, leicht umgeändert und noch etwas fieser ausgebaut wurden.

Das unbedingte MUSS dabei: Der SCHREI! In Halloween wurde geschrien. Danach und bis heute und übermorgen immer wieder. Laut. Lang. Hoch. Schrill. Kreischend. Grell. Gellend. Gut. Genial. Man schrie. Sie schrie. Den Anfang machte Jamie Lee Curtis. Sie schrie sich ganz nach oben. Sie war, – und blieb -, die Scream-Queen.

Frauen schreien einfach besser

Diese königliche Gattung Mensch/Frau im Horrorfilm-Genre behauptete sich in der Folgezeit als superbes Schockmittel, um verschreckte Zuschauer noch tiefer in ihre Kinostühle und Sofakissen zu drücken. Die Courage sinkt, dafür steigt der Blutdruck. Schlimmste Schreie sind einfach nur phantastisch, weil sie fürchterlich gut schlimm sind. Männer schaffen das durchaus auch, aber Frauen schreien zweifellos einfach besser, die schreien, wie Schreie klingen müssen, um sich direkt ins Hirn zu bohren und die Nerven zu zerbeissen. Stimmt? Stimmt.

Bewiesen haben das eindrucksvoll und nachhaltig nachhallend Neve Campbell (Scream), Adrienne King (Freitag, der 13.), Heather Langenkamp (Freddy Krueger – A Nightmare on Elm Street), Jennifer Love Hewitt und Sarah Michelle Gellar (Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast), Patricia Tallmann (Armee der Finsternis), Adrienne Barbeau (Das Ding aus dem Sumpf), Nancy Allan (Blow Out), Naomi Watts (King Kong, The Ring) und Jamie Lee Curtis (Halloween, TheFog). Eben.

Janet Leigh, Vera Farmiga, Shelley Duvall, Jamie Lee Curtis

Der Scream-Queen Curtis, Tochter von Janet Leigh und Tony Curtis, zwischenzeitlich aufgrund Beauty-Stählung auch „The Body“ genannt, bescherte der Sensations-Erfolg von Halloween – Die Nacht des Grauens nach dem Kinostart 1978 eine Flut an Angeboten für ähnlich angelegte Rollen. Er gab ihr zugleich die Bühne frei für eine Weltkarriere, sie spielte bis dato in überwiegend anders gelagert starken Filmen, übernahm aber auch weiterhin den Part der Laurie Strode in den (zu) vielen Fortsetzungen um den psychopatischen Killer Michael Myers.

Die erste Frau, die Augen und Mund derart weit aufriss, dass das Knochenmark bis ins nächste Jahrhundert hinein kochte, war Jamie Lee Curtis freilich nicht. Schon im Stummfilm schrie die von Furcht, Abscheu und Angst gepeinigte Heldin. Das hörte man (natürlich) nicht, das sah man, und das war fürwahr im Regelfall dramatisch. Die Bedrängte, Gejagte, Bedrohte, blass geschminkt mit dunklen Lippen und großen Puppenaugen, die Frisur künstlerisch zerzaust, das Kleid dezent zerrissen, war eine Meisterin der Pantomime.

Stumme Schreie im Panoptikum

Licht aus, Spot an, wir befinden uns im Wald, Keller, in Gasse, Gosse, Schmutz oder Luxus, egal. Eine begehrenswerte Frau. Hilflos. Logisch. Daneben, davor, dahinter, ein Mann oder Monster, auch relativ egal. Sie fuchtelt tänzelnd mit den Händen, zieht an ihren Haaren, öffnet den Mund. Leicht. Der Pianomann neben der Leinwand schlägt gefährlich flüsternde Töne an. Sie wirft den Kopf zurück, in den Nacken, zur Seite, der Körper bebt, zittert, sie öffnet mehr. Vom Mund. Der Pianomann bearbeitet die düsteren Tasten. Sie schwankt hin und her und lässt in Augen blicken, von denen man glaubt, noch runder, erstaunter, entsetzter können die nicht werden. Der Pianomann im schwarzen Anzug gibt alles. Die Musik lebt. Sie ist Angst. Die Akteurin öffnet die Lippen ganz weit. Schrecklich gut weit. Voilá. Der Schrei, die Schreie. Das Publikum im Panoptikum zuckt zusammen, ballt verkrampft die Fäuste, wischt sich den Schweiß von der Stirn, atmet nicht mehr, kaum, dann tief durch, nickt sich gequält und doch so verwirrend begeistert zu: Oh Gott und Teufel auch noch, da schreit eine Frau. Eine schreiende Frau in fürchterlicher Not. Welch großartige Tragödie. Welch großartiger Film.

So war das, so geht das eben auch. Trotzdem erfreulicherweise erfand man für das Kino den Ton. Und der bereitete einigen Schauspielerinnen, bis dato echte Stars ohne für die damalige Zeit nennenswerte Darstellungs-Probleme, ernstzunehmende Kopfschmerzen: Sie konnten nicht so schreien, wie es erwartet und verlangt wurde. Das war Pech. Kurzfristig aber nur bedingt. Pfiffig erfand man in Hollywood den Beruf der „Schreierinnen“. Diese hielten ihre Stimme für die kläglich an eben dieser gescheiterten Schauspielerinnen her. Das geschah meist live im Studio, in späteren Jahren synchronisierten sie unterstützend auch die betreffenden Szenen. Die Schreie wurden bereits in den 1930er Jahren aufgepeppt durch sich weiter entwickelnde Technik. Dazu passende Geräusche dienten zur Untermalung der Flucht vor dem Bösen, die zumindest für die Hauptdarstellerin im Regelfall nicht in einer Blutlache endete. So richtig Paroli bot sie ihrem Verfolger nicht: Sie wurde gehetzt, gejagt, fast geschnappt, schrie sich durch die Kulissen und hoffte auf ihren Retter. Der kam. Gutaussehend. Stark. Schlau. Ein Mann. Der Mann. Er war in den ersten Jahrzehnten des Films bis in die 1990er üblicherweise zur Stelle und machte das schon, weil die Frau schreiend floh und fliehend schrie und ergo nicht groß Zeit zum Nachdenken und wirklich clever reagieren hatte. Wenn die Situation denn so war. Blieb sie ja nicht. Apropos: Weglaufen klappte auch nicht immer. Wer erst mal auf einer Affenhand sitzt…

Hollywood-Job: Professionelle Schreierin

Der US-amerikanischen Film-Schönheit Fay Wray bescherte ihr mordmäßiger Ton in King Kong einen Auftritt, wie er sich für die erste wahre Scream-Queen gehörte: Sie stieß 1933 als „weiße Frau“ bei ihrer Begegnung mit dem legendären Urwald-Riesen wirklich markerschütternd schreckliche Schreie aus, typisch weiblich hoch, höchst vernehmlich und höchst gekonnt. Das gilt als legendär. In den Folgejahren wurde startklar für Stimmstärke, möglichst perfekt und nach bestem Wissen und Gewissen passioniert geschrien. Das ist wohl tatsächlich eine Kunst für sich, in Fachkreisen schwört man: Das kann nicht jede(r). So nennt Lloyd Kaufmann, Mitgründer der „Troma Entertainment“, die Rollen von Schauspielerinnen, die laut Drehbuch so richtig schreien müssen, sollen, dürfen, „vielfältig und anspruchsvoll“ sein. Wie die von Bette Davis in Wiegelied für eine Leiche. Hammerfilm! Als Charlotte schrie die Davis sich einmal um den Globus.

Die wunderbar wunderschöne Naomi Watts zum Thema: „In The Ring und Mulholland Drive musste ich auch schon exzessiv schreien. Ich bin anscheinend ein Naturtalent. Als ich in Australien auf einem Junket (Interviewtag) für The Ring war, hat mich ein Filmteam gebeten, für deren TV-Show zu schreien. Also habe ich meinen Schrei auf dem Hotelbalkon demonstriert, und die Glastür ist geborsten. (…) Schreien kann furchtbar anstrengend sein, ich habe beim Dreh einige Male meine Stimme verloren.“ ( TV-Spielfilm, 2005)

In der US-amerikanischen Serie Scream Queens (2015) schreien Emma Roberts, Skyler Samuels, Lea Michele und Abigail Breslin. Stilecht schrill, schön und herrlich laut von Ryan Murphy, Brad Falchuk, Dante di Loreto und Ian Brennan in Szene gesetzt. Für die Macher von American Horror Story war / ist die Serie Scream Queens eine mit üblich phantastisch trainiertem Perfektionismus ausgeführte Auftragsarbeit des großen Amerikaners 20th Century Fox, der etwas Schräges, Abgefahrenes mit hübschen Ladies, bösen Jungs (und umgekehrt), Blut, Witz, Schauder, Witz und Wahnsinn haben wollte. Als Horror-Aushängeschild und überhaupt gewichtig mit dabei: „Schreikönigin“ Jamie Lee Curtis.

Männer können das übrigens auch: Den (inoffiziellen) Titel einer ersten männlichen „Scream Queen“ erhielt der Schauspieler Marc Patton 2010 für seine Rolle als Jesse Walsh in Nightmare II – Die Rache. Ehrlich verdient hat sich den aber vor allem Bruce Campbell: In Tanz der Teufel und Armee der Finsternis durfte er derart ungeniert und ungehemmt kreischen und schreien, dass die große Katze nur wohlwollend nicken kann: Gut gebrüllt, Löwe…aber eben doch nichts gegen mich!

Lovecraft und der Cthulhu-Mythos

Mit dem Begriff Weird Fiction verhält es sich ähnlich wie mit dem der amerikanischen Short Story. Beide lassen sich nicht verlustfrei ins Deutsche übersetzen, denn weder ist die Weird Tale identisch mit unserem Verständnis einer unheimlichen Erzählung, noch ist die Short Story einfach eine Kurzgeschichte. Das führt zu Komplikationen im Übersetzungswirrwarr. Noch verwirrender wird es, wenn man die Weird Tale einfach mit einer Horrorgeschichte gleichsetzt. Lovecraft zum Beispiel benutzte das unheimliche Element, um sein eigenes Werk zu beschreiben, wurde aber präziser, wenn er es als „Literatur des kosmischen Grauens“ oder „Literatur der Angst“ bezeichnete. Diese Aussagen deuten darauf hin, dass Lovecraft sich selbst im Horrorgenre verortete.

Dennoch sind viele seiner Konzepte und Metaphern der Science Fiction zuzuordnen. In dieser Kombination ist es nicht verwunderlich, dass Lovecraft als Schöpfer des kosmischen Horrors bezeichnet wird, was nicht ganz den Tatsachen entspricht. Elemente des kosmischen Horrors tauchen bereits in der Gothic Novel des frühen 19. Jahrhunderts auf. Namentlich in Bulwer-Lyttons „Zanoni“ – und dann in den 1890er Jahren bei Arthur Machen und Robert Chambers, wenn auch mit ganz anderen existenztheoretischen Ansätzen als bei Lovecraft. In seinem Essay „Supernatural Horror in Literature“ schreibt er, dass er gerade diese Autoren bewundere und in ihrer Tradition schreibe.

Lovecraft hat den kosmischen Horror nicht erfunden, er hat ihn neu interpretiert, indem er die Theorien der modernen Wissenschaft in den Mittelpunkt stellte und gleichzeitig das Element der viktorianischen Moral entfernte. Was Lovecraft schuf, war die Idee des 20. Jahrhunderts – und darin war er Kafka ähnlicher als seinen Vorgängern. Beide Autoren präsentieren ein Universum, in dem traditionelle Sinnstrukturen kollabiert sind: Bei Kafka manifestiert sich das Absurde in undurchdringlichen Bürokratien und unverständlichen Autoritäten, bei Lovecraft in der kosmischen Gleichgültigkeit außerirdischer Wesenheiten. Während Kafka die Entfremdung im sozialen Raum erforscht, verortet Lovecraft sie im kosmischen. Das Universum ist ein leerer, gleichgültiger Ort, in dem es keine spirituelle Bedeutung gibt, keine sinnvolle Handlung, in dem die menschliche Existenz völlig bedeutungslos ist. Beide Autoren formulieren damit – jeder auf seine Weise – das fundamentale Unbehagen der Moderne.

Wie aber konnte Lovecraft den Status erlangen, den er heute genießt? Er war keineswegs der beste Genre-Schriftsteller seiner Zeit. Clark Ashton Smith war der weitaus bessere Stilist, Algernon Blackwood schrieb den besseren Horror, Olaf Stapledon die bessere Science Fiction. Und doch ist es Lovecraft, dem Prachtausgaben gewidmet werden, der Quelle zahlreicher akademischer Studien ist und der von der westlichen kapitalistischen Kultur so absorbiert wurde und wird, dass es an Comics, Spielen und Stofftieren nicht mangelt.

Lovecrafts Cthulhu-Mythos und all die exorbitante Beschäftigung damit verstellen heute den Blick darauf, dass Lovecraft am Ende seines Lebens etwas Neues schaffen wollte, das nichts mit diesem Mythos zu tun haben sollte, dessen er zu diesem Zeitpunkt überdrüssig war, das sich aber dennoch um den kosmischen Schrecken drehen sollte. Aber Lovecraft war nicht anders als die Figuren, die er hauptsächlich benutzte. Lovecrafts typischer Protagonist ist mit zu viel Wissen über die reale Welt belastet. Je mehr er über die Realität des Verlagswesens wusste, desto verzweifelter wurde er. In den letzten fünf Jahren seines Lebens schrieb er noch acht eigenständige Geschichten, darunter Meisterwerke wie „At the Mountains of Madness“ und „The Shadow over Innsmouth“, bevor seine kreative Produktivität nach 1935 fast vollständig zum Erliegen kam. Seine letzte eigenständige Geschichte, „The Haunter of the Dark“, schrieb er im November 1935 – sechzehn Monate vor seinem Tod. Der Verlust seines Freundes Robert E. Howard im Juni 1936 und seine zunehmende Krankheit ließen ihn verstummen.

Sein groteskes Pantheon ist ebenso Teil der Populärkultur wie die Stadt Arkham und die Miskatonic University. Das hätte sich Lovecraft bei seinem Tod 1937 sicher nicht träumen lassen. Zwar hatte er in gewissen Kreisen durch die damals kursierenden Pulp-Magazine einen kleinen Erfolg, aber er blieb bis zu seinem Tod arm und kränklich, bis ihn schließlich der Magenkrebs dahinraffte. Der Literaturtheoretiker Roger Luckhurst nannte ihn einen „unbekannten und erfolglosen Schund-Autor“. Auch in Deutschland galt Pulp-Literatur wie die seine lange als minderwertiger „Schund“ – eine Abwertung, die der deutschen Tradition des kulturpessimistischen Kampfes gegen „Schmutz und Schund“ seit dem späten 19. Jahrhundert entsprach. Und doch ist es nicht Smith, Blackwood, Fritz Leiber oder einer der vielen anderen, denen heute gehuldigt wird. Woran liegt das?

Einerseits war Lovecraft einer der fleißigsten Briefeschreiber der Literaturgeschichte, was nicht zu unterschätzen ist, da er damit bei seinen Lesern und bei anderen Schriftstellern den Grundstein für ein Bewusstsein legte, das in seinem Nachleben Früchte trug. Darüber hinaus war Lovecraft der erste Schriftsteller, der eine fiktive Welt mit anderen teilte und diese sogar ermutigte, sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Auf diese Weise erreichten die von Lovecraft geschaffenen Konzepte, Wesen und Welten eine Langlebigkeit, die den Fiktionen anderer Schriftsteller nicht vergönnt war. (Howards Conan ist ein kleiner, aber weniger definierter Ableger dieses Ansatzes). Ein dritter Punkt ist, dass Lovecraft schlichtweg DIE Figur dessen ist, was wir als Weird Fiction akzeptieren, als seltsame oder beunruhigende Geschichten – mit oder ohne übernatürliche Ereignisse -, die sich in einem Zwischenstadium befinden, immer an der Grenze zu etwas anderem, aber nirgendwo eindeutig durchbrechen. Das Spektrum der Weird Fiction, die als Subgenre um 1880 entstand, reicht von Coleridge bis China Miéville. Der Vorteil, Lovecraft hier zu verorten, liegt auf der Hand. So wird er zum einen durch seine Erzählungen, zum anderen durch seinen kanonbildenden Aufsatz „Supernatural Horror in Literature“ zum Mitbegründer und Repräsentanten des Subgenres.

Aber das allein würde wohl nicht ausreichen, um Lovecrafts außerordentliche Bedeutung zu begründen. Tatsächlich sind es die Intelligenz, die Phantasie und die Qualität der besten Geschichten Lovecrafts. Es gab einfach niemanden, der so schrieb wie er. Lovecraft war etwas völlig Neues. Und das ist auch heute noch so, trotz des inzwischen etablierten Subgenres „Lovecraftian Horror“, in dem sich viele versuchen. Das ist das Offensichtliche. Weniger offensichtlich, aber ebenso prägnant ist der perverse Reiz des Lovecraftschen Nihilismus, der zur Marke geworden ist. Seine Fähigkeit, Ekel, Angst und andere kathartische negative Emotionen zu vermitteln und hervorzurufen. Lovecrafts offenes Spiel mit einem Universum, seinem Sinn und seiner Existenz – mit uns darin -, das nicht nur andere Schriftsteller, sondern auch das akademische Ghetto zum Nachdenken herausfordert, was seit Jahren geschieht, all das macht Lovecraft zu einem der interessantesten Fiktionalisten überhaupt.

Der Aufstieg zu einer Art Pop-Ikone vollzog sich jedoch rätselhaft plötzlich und nicht kontinuierlich. Um 1969 setzte ein Run auf die Taschenbuchausgaben von Beagle / Ballantine ein, der dazu führte, dass das Time Magazine auf den überraschenden Erfolg aufmerksam wurde und am 11. Juni 1973 eine scherzhafte, aber respektvolle Besprechung veröffentlichte. Diese Entwicklung war keineswegs zufällig, sondern Teil einer breiteren kulturellen Strömung: Die späten 1960er Jahre erlebten ein Wiederaufleben des Okkulten in der Gegenkultur, begleitet von einem wachsenden Interesse an Hexerei, Satanismus und Paganismus. Der kommerzielle Erfolg von Tolkiens „The Lord of the Rings“ ab 1965 hatte einen Markt für Fantasy-Literatur etabliert, und Verlage wie Ballantine begannen, ältere amerikanische Weird Fiction neu aufzulegen – oft mit luriden Covergestaltungen, die perfekt zum psychedelischen Zeitgeist passten. Lovecrafts kosmischer Nihilismus und seine Vision eines gleichgültigen, sinnlosen Universums trafen den Nerv einer Generation, die traditionelle Werte und Autoritäten in Frage stellte.

Sicherlich hatte August Derleth, der selbsternannte Sprecher in Sachen Lovecraft, einen großen Anteil daran, allein schon dadurch, dass er immer wieder zeigte, dass Lovecraft ein kühner Denker war und keineswegs nur der exzentrische Weggefährte, für den man ihn lange hielt. Und nicht zuletzt war es Derleth, der den „Cthulhu-Mythos“ als Marke erfand. Derleths Verdienst, diese Pseudomythologie (beginnend mit „The Call of Cthulhu“, 1926) fachmännisch geordnet, ergänzt und chronologisch geordnet zu haben, ist selbst so komplex und noch nicht erschlossen. Sein Beitrag zu diesem Phänomen ist jedoch außergewöhnlich.

Sein eigener Beitrag zum Cthulhu-Mythos ist jedoch völlig uninspiriert, vor allem weil er die grundlegende philosophische Bedeutung von Lovecrafts Texten missversteht. Als gläubiger Katholik überlagerte Derleth Lovecrafts kosmischen Horror mit einer manichäischen Gut-gegen-Böse-Struktur, die dem lovecraftschen Universum fundamental widerspricht. Er erfand „Elder Gods“ – wohlwollende kosmische Gottheiten, die die Menschheit vor den „bösen“ Old Ones beschützen – und schuf damit eine christliche Allegorie, wo Lovecraft kosmische Gleichgültigkeit gemeint hatte. Zusätzlich ordnete Derleth die außerirdischen Wesenheiten den vier klassischen Elementen (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zu, wodurch er ihnen genau jene Fremdartigkeit und Unbegreiflichkeit nahm, die Lovecrafts Horror ausmacht. Lovecrafts Schrecken speist sich gerade daraus, dass das Universum nicht in menschliche Kategorien passt, dass es keine moralische Ordnung gibt, keine Rettung – nur Indifferenz. Derleths gut gemeinte Systematisierung verwandelte diese nihilistische Vision in ein konventionelles Fantasy-Abenteuer.

Den endgültigen Beweis, dass Lovecraft auch die akademische Welt infiltriert hatte, lieferte die große H.P. Lovecraft-Konferenz der Brown University (August 1990), auf der Wissenschaftler aus aller Welt drei Tage lang in Podiumsdiskussionen über Lovecrafts reiches Werk, Leben und Denken debattierten. In dieser Zeit erschienen unzählige wichtige Bücher über Lovecraft, und die renommierte Literaturzeitschrift American Literature stellte fest: „Jeder, der Lovecraft jetzt noch ignorieren will, sieht sich eindeutig in die Defensive gedrängt“.

Das Haus als Wunde: Gewalt, Verdrängung und architektonischer Horror in Barbarian

Zach Creggers Barbarian ist auf den ersten Blick ein effektiver Schockfilm mit plötzlichen Brüchen, grotesken Übertreibungen und einer monströsen Figur, die direkt aus den Kellerräumen des Genres stammt. Doch unter der Oberfläche des Exploitation-Horrors vollzieht sich eine bemerkenswert präzise Reflexion über Raum, Erinnerung und Gewalt – über das, was sich nicht zeigt, aber strukturell anwesend bleibt. Der Horror dieses Films ist architektonisch aufgebaut, historisch und psychologisch gleichermaßen. Das Haus, in dem fast der gesamte Film verortet ist, wird nicht bloß zum Schauplatz, sondern zur Metapher einer Kultur des Wegschiebens – und zu einer Wunde, die nicht heilen darf, weil man sich lieber einredet, sie existiere nicht.

© Boulder Light Pictures

Schon in der ersten Begegnung zwischen Tess und Keith inszeniert Cregger das Motiv der Ungewissheit als grundlegende Realitätserfahrung. Das doppelt vermietete Airbnb fungiert einerseits als triviale Ausgangskonstellation, aber wichtiger noch als Störung des Vertrauens in das, was als „geordnet“ gilt. Die Angst vor dem Fremden ist zunächst vollkommen rational: Tess begegnet einem Mann in einem leeren Viertel Detroits, im strömenden Regen, in einem Haus, das zu groß, zu dunkel, zu unübersichtlich ist. Der Film folgt zunächst den eingeübten Regeln des Thrillers: Ist Keith eine Gefahr? Ist er ein Trick? Ist er ein Spiel der Erwartung? Doch Cregger unterläuft diese Spannung radikal, indem er sie auflöst – und zerstört. Keith ist harmlos, freundlich, kultiviert. Die eigentliche Gewalt lauert nicht im Offensichtlichen, sondern im Fundament des Hauses selbst.

Damit verschiebt der Film sein Zentrum vom zwischenmenschlichen Misstrauen zur strukturellen Bedrohung. Der eigentliche Horror beginnt nicht mit dem Unbekannten, sondern mit dem Verdrängten. Der Kellerraum wirkt, als sei er aus einem anderen Film – trocken, sauber, ritualisiert, mit der Videokamera, dem Bett, dem Eimer. Hier offenbart Barbarian sein eigentliches Thema: Es geht nicht um das Monster, sondern um das System, das es hervorgebracht hat. Um den Raum, in dem Gewalt organisiert, archiviert und zur Gewohnheit gemacht wird. Die unterirdischen Gänge, die sich in absurdem Maße ausdehnen, sind nicht etwa Logikfehler der Dramaturgie, sondern ihr Schlüssel: Sie visualisieren das Ausmaß einer Vergangenheit, die man nicht sehen wollte. Detroit wird als Nekropole ausgestellt, als eine Stadt mit Gräbern, die niemand öffnet, obwohl man auf ihnen lebt.

Der große erzählerische Bruch, der mit dem Auftritt Justin Longs erfolgt, nimmt eine strategische Entlarvungsperspektive ein. Plötzlich wird der Raum neu kodiert. Was zuvor als Gefahrenzone erschien, ist nun Anlageobjekt. Quadratmeter zählen ihm mehr als die Schreie, die er hört. Longs Figur verkörpert den systemischen Pragmatismus einer Kultur, die alles in Besitz transformiert – selbst Orte des Grauens. Der Horror gewinnt an Schärfe: Das Haus wird zur Allegorie des Kapitalismus, der selbst Verbrechen „umwidmet“, solange der Marktwert steigt. Die Kamera begleitet ihn also nicht durch seine erwartbare Angst, sondern durch Kalkulation. Wo Tess zögert, misst er aus. Wo sie flieht, rechnet er mit Gewinn.

Und dann tritt „die Mutter“ auf – die groteske, monströse Figur, die leicht zur Karikatur hätte verkommen können. Doch gerade in ihrer Überzeichnung liegt ihre Bedeutung. Sie ist kein übersinnliches Monster aus dem Jenseits, sondern eines aus der Vergangenheit – eine pathologische Konsequenz jahrzehntelanger Gewalt, Einsperrung, Zucht. Cregger unterläuft hier das Prinzip der Dämonisierung, indem er Empathie erzeugt, ohne zu sentimental zu werden. Diese Figur ist nicht böse. Sie ist deformierte Fürsorge. Verzerrte Mutterschaft. Eine Kreatur, die nicht vernichten will, sondern festhalten. Das ist vielleicht das Bitterste am Film: Das Grauen wurzelt nicht in Hass, sondern in Liebe, die unter unmenschlichen Bedingungen pervertiert wurde.

Formal arbeitet Barbarian konsequent gegen das Kontrollbedürfnis des Zuschauers. Die plötzlichen Tonwechsel, die absurden Gewaltspitzen, die beinahe slapstickhafte Brutalität einzelner Szenen irritieren, weil sie das Gefühl verweigern, „verstanden“ zu haben, was diese Geschichte eigentlich ist. Der Film dümpelt nicht in einer wie auch immer gearteten Genre-Sicherheit. Er sabotiert den Wunsch nach Einordnung. Wie das Haus selbst hat er keine klare Architektur – und genau das ist seine Wahrheit. Er ist fragmentiert, wie Erinnerung fragmentiert ist.

Am Ende ist Barbarian weniger ein Film über Überleben als über das Unmögliche des Verlassens. Niemand kann diesem Ort „einfach entkommen“, weil man Gewalt nicht verlässt wie einen Raum. Sie haftet. Sie prägt. Sie vererbt sich. Detroit ist dabei ein Symbol: ein Landstrich kultureller Amnesie, in dem Häuser stehen, die voll sind mit Gespenstern, aber niemand hört sie schreien, solange der Marktwert stimmt.

Barbarian ist roh, laut, überzogen – aber er ist ehrlich in seiner Überforderung. Er zeigt nicht „das Böse“, sondern die Räume, in denen es gedeiht. Und er zeigt, dass die eigentliche Perversion nicht im Monströsen liegt, sondern im Geschäftssinn, der sagt: Man kann alles renovieren. Auch die Hölle.