Vom True Crime zur Fiktion: Die Geschichte des Kriminalromans

Genrebeschreibungen sind selten eine klare Sache, aber nur deshalb kann man darüber diskutieren. Wäre immer alles klar und für jeden ersichtlich, würde ein Lexikoneintrag genügen und die Sache wäre erledigt. Heute widmen wir uns dem wohl beliebtesten literarischen Genre überhaupt. Dem Kriminalroman.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass es niemals eine erschöpfende Aussage über ein Genre geben kann, und so ist auch dies nur ein kleiner Überblick.

Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten „Queens of Crime“, Dorothy L. Sayers, darüber klagte:

„Es ist unmöglich, den Überblick über all die Krimis zu behalten, die heute produziert werden. Buch um Buch, Zeitschrift um Zeitschrift strömt aus der Presse, vollgestopft mit Morden, Diebstählen, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, Problemen, Rätseln, Geheimnissen, Nervenkitzel, Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen, Geheimdienstlern, Detektiven, bis es scheint, als müsse die halbe Welt damit beschäftigt sein, Rätsel zu erfinden, damit die andere Hälfte sie lösen kann.“

Beginnen wir unseren kleinen Rundgang jedoch mit einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman, bevor wir uns einigen historischen Daten zuwenden.

Dorothy Sayers

Wenn man sich nicht ausschließlich auf die deutsche Terminologie beschränkt, ist es von vornherein angebracht, die hierzulande gebräuchlichen Gattungsbezeichnungen fast ausnahmslos zu verwerfen. Englisch ist die literarische Leitsprache der Populärliteratur, daran ändern auch länderspezifische Besonderheiten nichts. Ein Beispiel von vielen ist die „Mystery Fiction“, also die „Rätselgeschichte“, die hierzulande kaum als Begriff verwendet wird. Stattdessen wird der englische Begriff “Mystery” beibehalten und für eine Form der phantastischen Erzählung verwendet, die eigentlich der Weird Fiction nahe steht, während “Mystery Fiction” zur Kriminalliteratur wird. Diese wäre eigentlich Crime Fiction, die sich wiederum von der Mystery Fiction unterscheidet.

Rätselgeschichte vs Kriminalgeschichte

In der Rätselgeschichte wird ein Verbrechen begangen. Oft ist es ein Mord, aber nicht immer. Die Handlung schreitet voran und zeigt, wie das Verbrechen aufgeklärt wird: Wer hat es getan und warum? (Fairerweise muss gesagt werden, dass sich daraus wiederum zwei Subgenres ableiten lassen: Whodunit und Whydunit). Die besten Detektivgeschichten erforschen oft die einzigartige Fähigkeit des Menschen zur Täuschung – insbesondere zur Selbsttäuschung – und zeigen die Grenzen der menschlichen Vernunft auf. Tatsächlich gilt dieses Genre als das intelligenteste der Spannungsliteratur. Gewalt ist hier nicht die treibende Kraft, sondern das Spiel des Intellekts. Wie können wir überhaupt so etwas wie Wahrheit erkennen? Ein Mysterium ist per definitionem etwas, das sich dem gewöhnlichen Verständnis entzieht, und vielleicht ist das der Grund, warum “Mystery” im deutschen Sprachgebrauch eine abgeschwächte Form der Horrorliteratur bezeichnet.

In der eigentlichen Detektivgeschichte liegt der Schwerpunkt auf dem Willenskonflikt zwischen dem Helden des Gesetzes und dem Gesetzlosen, auf ihren unterschiedlichen Auffassungen von Moral und den Aspekten der Gesellschaft, die sie repräsentieren.

Die besten Kriminalgeschichten sind eine moralische Abrechnung des Helden mit seinem ganzen Leben oder bieten eine neue Perspektive auf das Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum. Was ist eine gerechte Gesellschaft? Die Erzählwelt des Romans ist aus dem Gleichgewicht geraten, irgendwo zwischen einem Naturzustand (in dem Chaos herrscht und diejenigen mit Geld und/oder Waffen die Macht ausüben) und einem Polizeistaat (in dem Paranoia herrscht und der Staat die Macht monopolisiert). Der Held hofft, dieses Ungleichgewicht irgendwie zu korrigieren.

Andere moralische Themen können die Herausforderung von Anstand, Ehre und Integrität in einer korrupten Welt, individuelle Freiheit versus Recht und Ordnung und die Spannung zwischen Ehrgeiz und Verpflichtungen gegenüber anderen sein.

Werfen wir nun einen Blick auf die historische Entwicklung des Genres.

Die Geschichte des Kriminalromans

G2F867 Cain Slaying Abel by Peter Paul Rubens, Oil on panel, c.1608-09. Cain and Abel were the two eldest sons of Adam and Eve and this painting shows Cain slaying his brother.

Es ist zwar leicht, den einen oder anderen zu finden, der behauptet, zu wissen, was wirklich der erste Krimi der Weltgeschichte war, aber es ist fast unmöglich, ein solches Werk wirklich zu benennen. Manchmal wird sogar die Geschichte von Kain und Abel genannt, und in diesem Fall wäre Gott wohl der Detektiv. Aber da er allwissend ist, ist das nun keine große Sache. Auch die “drei goldenen Äpfel” aus Tausendundeiner Nacht werden manchmal zitiert, aber ob es sich dabei auch nur im Entferntesten um einen Krimi handelt, ist fraglich, da der Protagonist keine Anstalten macht, das Verbrechen aufzuklären und den Mörder der Frau zu finden. Aus diesem Grund argumentieren andere, dass die Trophäe an ein anderes Märchen mit dem Titel “Die drei Prinzen von Serendip” gehen sollte, ein mittelalterliches persisches Märchen, das auf Sri Lanka spielt (Serendip ist der persische Name für diese Insel). Die Prinzen sind hier die Detektive und finden das verschwundene Kamel durch Zufall (oder durch “Serendipity”, ein Wort, das von Horace Walpole, dem Autor der ersten Gothic Novel, geprägt wurde und seitdem in Gebrauch ist). Es bezeichnet wertvolle Dinge, nach denen man nicht gesucht hat, die einem aber zufällig in den Schoß fallen).

Sayers und die Antike

Wo finden wir die Anfänge des Kriminalromans in der Literatur und wer hat den ersten Whodunit geschrieben? Die Antwort liegt weiter zurück als bei Arthur Conan Doyle, Wilkie Collins oder gar Edgar Allan Poe, der oft als Vater des Genres bezeichnet wird. Viel weiter zurück.

Eine der ersten Autorinnen, die sich mit der Frage nach Vorläufern beschäftigte, war Dorothy Sayers. In der Einleitung zu ihrer bahnbrechenden Anthologie „The Omnibus of Crime“ (1929) stellte Sayers eine kurze Liste der sogenannten „Vorfahren“ des Genres auf.

Antonio del Pollaiolo: Herkules

Aus der antiken römischen Literatur zitierte Sayers die Geschichte von Herkules und Kakus. Als Herkules sein Vieh den Tiber entlang trieb, hielt er an, um ein Nickerchen zu machen. Während er schlief, tauchte das Ungeheuer Kakus aus seiner Höhle auf dem Palatin-Hügel auf und raubte einen Teil der Herde. Als Herkules erwachte, zählte er die Rinder und stellte fest, dass einige fehlten. Er folgte den Spuren der fehlenden Tiere, kam an eine Stelle, an der die Hufspuren abrupt aufhörten, und war verblüfft. Tatsächlich hatte der schlaue Kakus die Rinder in diese Richtung gelenkt und sie dann an den Schwänzen zurück in seine Höhle gezogen. Herkules – offensichtlich kein großer Detektiv – war ratlos, bis er das Muhen des fehlenden Viehs hörte, die Höhle fand und den Dieb erschlug.

Sayers zitierte diese Geschichte, weil der Plan des Bösewichts auf dem beruhte, was sie „die Schaffung falscher Spuren“ nannte – Hufspuren, die ins Leere führten. Wir haben es hier nicht mit einem vollwertigen Krimi zu tun, sondern mit einem rudimentären Element der Kriminalliteratur, das hier vielleicht zum ersten Mal als literarisches Mittel eingesetzt wird. Wie alt ist die Geschichte? Obwohl sie in einer prähistorischen, mythischen Vergangenheit angesiedelt ist, stammen unsere frühesten Beispiele dieser Geschichte (wie die in Vergils Aeneis) aus dem ersten Jahrhundert vor Christus; der große römische Religionshistoriker Georges Dumézil stellt fest, dass „die Legende von der eher unfreundlichen Begegnung zwischen Herkules und Kakus sicherlich noch nicht sehr alt war, als Vergil sie durch seine Dichtkunst aufwertete“.

Aus der jüdischen Literatur zitiert Sayers zwei Geschichten über den biblischen Helden Daniel. Die eine ist die oft gemalte Geschichte von Susanna im Bade. Zwei geile Richter, die zu den Ältesten gehören, spionieren Susanna aus, während sie nackt in einem Teich badet; erregt sprechen die alten Säcke sie an und verlangen Sex von ihr. Sonst würden sie das Gerücht verbreiten, sie treffe sich heimlich mit einem Liebhaber. Susanna weigert sich, woraufhin die Alten sie des Ehebruchs bezichtigen. Es sieht schlecht aus für die Badeschönheit, bis Daniel ihr zu Hilfe kommt. Er besteht darauf, dass die Ältesten getrennt verhört werden, und tatsächlich passen ihre unterschiedlichen Versionen nicht zusammen. Als Lügner und falsche Ankläger entlarvt, werden die Ältesten hingerichtet und Susanna rehabilitiert. Sayers nennt dies die erste Anwendung der „Zeugenanalyse“.

Die Sphinx und Daniel.

Daniel nutzte seine detektivischen Fähigkeiten auch, um einige Götzenpriester zu entlarven. Jede Nacht wurde ein großes Festmahl für den Götzen Bel in seinen Tempel gebracht, das Heiligtum wurde versiegelt und am Morgen waren alle Speisen verschwunden, offenbar von Bel gegessen. Eines Tages, kurz bevor der Raum für die Nacht verschlossen wurde, blieb Daniel zurück und streute heimlich Asche auf den Boden. Am nächsten Morgen waren die Schritte der Scharlatane, die sich als Priester ausgaben, deutlich zu sehen; sie waren in der Nacht durch eine Geheimtür eingedrungen und hatten das Festmahl selbst verzehrt. Sayers nannte dies die erste Anwendung der „Analyse materieller Beweise“. Offensichtlich war dieser Daniel ein cleverer Bursche, man könnte ihn sogar als Detektiv bezeichnen (wenn nicht als Mordermittler) und in der Geschichte von Bel einen Vorläufer des Mysteriums des verschlossenen Raumes sehen.

1951 veröffentlichte Ellery Queen in Queen’s Quorum „A History of the Detective-Crime Short Story“ dieselben Beispiele aus der antiken Literatur und nannte sie die „Inkunabeln“ der Kriminalliteratur. (Inkunabeln: die frühesten Stadien oder ersten Spuren von etwas; von einem alten lateinischen Wort für die Riemen, die ein Baby in einer Wiege halten).

Was die Behauptung betrifft, Daniel sei der erste Detektiv der Literatur gewesen, so haben sowohl Ellery Queen als auch Dorothy Sayers einen anderen Kandidaten völlig übersehen: Ödipus, König von Theben.

Das berühmte Theaterstück von Sophokles über die Tragödie des Ödipus wurde um 429 v. Chr. in Athen uraufgeführt – Jahrhunderte bevor die „Inkunabeln“ über Daniel oder Herkules geschrieben wurden. Schriftliche Fragmente der Ödipus-Geschichte reichen sogar noch weiter zurück, bis in die Anfänge der antiken Literatur.

Es ist nicht nur wahrscheinlich, dass Sophokles‘ Ödipus der älteste der hier zitierten „Vorfahren“ oder „Inkunabeln“ ist, sondern die Tragödie ist auch ein vollwertiger Kriminalroman mit allen Elementen, die dem modernen Leser vertraut sind – ein Mörder, ein Opfer, ein Augenzeuge und ein Detektiv, der nach der Wahrheit sucht, bis er die Büchse der Pandora mit den schändlichen Geheimnissen aller Menschen geöffnet hat.

Zu Beginn des Stücks wird die Stadt Theben von einer verheerenden Seuche heimgesucht. Die Seuche kann nur gestoppt werden, wenn der Mörder des vorherigen Königs gefunden wird. Es ist die Aufgabe des amtierenden Königs Ödipus, das Verbrechen aufzuklären.

Und wie wurde Ödipus König? Er kam als einsamer Wanderer nach Theben und beendete eine frühere Pestepidemie, indem er das berühmte Rätsel der Sphinx löste (womit er bereits seine Fähigkeiten als Rätsellöser unter Beweis stellte); die dankbaren Thebaner machten ihn zum König, um den Platz einzunehmen, den der kürzlich ermordete König Laios hinterlassen hatte.

Spoiler

Die alten Griechen wussten, dass Sophokles etwas Besonderes gelungen war. Aristoteles schrieb in seiner Poetik über Ödipus: „Von allen Erkenntnissen ist die beste diejenige, die sich aus den Ereignissen selbst ergibt, wo die erstaunliche Entdeckung mit natürlichen Mitteln gemacht wird. So ist es im Ödipus des Sophokles. … . . Diese Entdeckungen allein kommen ohne die künstliche Hilfe von Zeichen oder Amuletten aus“. Mit anderen Worten, die Enthüllungen im Ödipus kommen nicht durch das Ziehen eines Kaninchens aus dem Hut, sondern durch schrittweise detektivische Arbeit, und sie sind um so wirkungsvoller, als sie durch einen unvermeidlichen Deduktionsprozess zustande kommen.

Hätte Sophokles die Geschichte linear erzählt, hätten wir zuerst den Mord und dann die Folgen gesehen und wüssten von Anfang an, wer der Mörder ist. Stattdessen begann er mit dem Ende der Geschichte und konstruierte eine vollständig realisierte Mordgeschichte, die, soweit wir wissen, von keiner vorherigen Vorlage ausging. Sophokles hat nicht nur den Kriminalroman erfunden, er war auch der erste, der das Genre selbst unterlief, indem er Detektiv und Mörder zur selben Person machte. (Als König ist Ödipus auch Richter und Geschworener, der die Strafe für das Verbrechen verhängt.)

Der erste Kriminalroman

Die erste moderne Kriminalgeschichte wird Edgar Allan Poe und seinen “Morden in der Rue Morgue” (1841) zugeschrieben, tatsächlich ist E.T.A. Hoffmanns “Das Fräulein von Scuderi” über zwanzig Jahre älter. Es gibt auch eine Erzählung mit dem Titel “The Secret Cell” (1837), die von Poes eigenem Verleger William Evans Burton verfasst wurde, einige Jahre älter als “Die Morde in der Rue Morgue” ist und ein frühes Beispiel für eine Detektivgeschichte darstellt. In dieser Erzählung muss ein Polizist das Rätsel um ein entführtes Mädchen lösen.

Als erster Kriminalroman wird oft “Der Monddiamant” (1868) von Wilkie Collins genannt, aber “Das Rätsel von Notting Hill” (1862) von Charles Warren Adams ist ihm um fünf Jahre voraus und damit tatsächlich der erste Kriminalroman, zumindest wenn man den Literaturwissenschaftlern glauben darf. Denn Voltaires “Zadig” (1748), mehr als ein Jahrhundert zuvor erschienen, hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Poe und seinen C. Auguste Dupin. Andere nennen Dickens’ Roman “Bleak House” (1853) als wichtigen Meilenstein in der Entstehung des modernen Kriminalromans, da er mit Inspektor Bucket einen Detektiv einführt, der den Mord an dem Anwalt Tulkinghorn aufklären soll, wobei die detektivische Handlung nur den letzten Teil des Buches ausmacht.

Der berühmteste Detektiv ist Sherlock Holmes

Sherlock Holmes ist zweifellos der berühmteste fiktive Detektiv, der je geschaffen wurde, und neben Hamlet, Peter Pan, Ödipus (dessen Geschichte tatsächlich als die erste Detektivgeschichte der gesamten Literatur betrachtet werden kann), Heathcliff, Dracula, Frankenstein und anderen eine der berühmtesten fiktiven Figuren der Welt.

Holmes wurde natürlich von Sir Arthur Conan Doyle erschaffen und ist weitgehend eine Mischung aus Poes Dupin (einige von Dupins Ticks tauchen kaum verhüllt in den Sherlock-Holmes-Geschichten auf) und Dr. Joseph Bell, einem Arzt, der Doyle während seines Medizinstudiums an der Universität Edinburgh unterrichtete.

Holmes & Watson

Sherlock Holmes hingegen zieht entgegen landläufiger Meinung keine wirklichen Schlüsse, deduziert also nicht: Streng genommen nimmt seine Analyse die Form einer Induktion an, die etwas ganz anderes ist. In der Logik bedeutet Deduktion, Schlussfolgerungen aus allgemeinen Aussagen zu ziehen, während die Induktion konkrete Beispiele voraussetzt (die Zigarettenasche auf der Kleidung des Klienten, der Lehm an seinen Stiefeln usw.). Alternativ haben einige Logiker behauptet, dass Holmes’ Argumentationsketten eher als Abduktion denn als Deduktion oder Induktion bezeichnet werden können. Abduktives Denken ist das Aufstellen einer Hypothese auf der Grundlage von Beweisen, was eine ziemlich gute Zusammenfassung dessen ist, was Holmes tut.

Die okkulten Detektive

Nach dem Erfolg der Sherlock-Holmes-Geschichten und der wachsenden Popularität von Geistergeschichten und Schauerromanen Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Subgenre: der okkulte Detektiv, der Verbrechen (möglicherweise) übernatürlichen Ursprungs aufklärt, oft im Sherlock-Stil. Dr. Hesselius von Sheridan Le Fanu wird oft als erste Figur dieses Genres genannt, obwohl er selbst nicht viel aufklärt. Meistens sitzt er nur auf einem Stuhl und hört zu. Die populärste Figur dieses Subgenres ist der von Algernon Blackwood geschaffene “Psycho-Arzt” John Silence. Blackwoods John Silence: Physician Extraordinary (1908) war das erste belletristische Werk, das auf Reklametafeln am Straßenrand beworben wurde, und entwickelte sich zu einem Bestseller.

Das 20te Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert war Endeavour Morse nur einer in einer langen Reihe von Detektiven aus dem Oxford-Milieu. Zu seinen bemerkenswerten Vorgängern zählen Lord Peter Wimsey (geschaffen von Dorothy L. Sayers) und der Oxford-Professor Gervase Fen aus der Feder von Edmund Crispin (eigentlich Bruce Montgomery). Crispin gilt als einer der letzten großen Vertreter des klassischen Kriminalromans.

Die populärste Krimiautorin aller Zeiten ist jedoch Agatha Christie – und es gibt so viele faszinierende Fakten über Agatha Christie, dass wir sie in einem eigenen Artikel behandeln müssen.

Der Detektivroman vor der viktorianischen Ära

Es ist kein großes Geheimnis, dass der Kriminalroman und die Detektivgeschichte ihre Wurzeln im Viktorianischen Zeitalter haben, obwohl es Geschichten über Verbrechen schon viel früher gab. Zwischen 1800 und 1900 wurden etwa 6000 Titel in englischer Sprache veröffentlicht. Auch das ist nicht verwunderlich: Die englischsprachigen Länder strotzten damals nur so vor kulturellen Innovationen, und das ist bis heute, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so geblieben.

Charles Dickens, Portrait
von Jeremiah Gurney

Offensichtlich hatte das englische Lesepublikum des viktorianischen Zeitalters einen großen und lang anhaltenden Appetit auf Kriminalromane. Woher kam dieser Appetit?

Der berühmte Newgate-Kalender versorgte ab 1773 die englische Öffentlichkeit erstmals regelmäßig mit Informationen über kriminelle Aktivitäten, indem er Geschichten veröffentlichte, die auf wahren Taten von Gefangenen des Newgate-Gefängnisses basierten. Zusammen mit den biographischen Hintergründen der einzelnen Angeklagten ergaben sich Geschichten, die den persönlichen moralischen Verfall in den Mittelpunkt stellten und, obwohl als lehrreiche Warnung gedacht, auch den Appetit auf mehr solcher Geschichten weckten. So verbreiteten sich die Geschichten und beeinflussten bald auch die Belletristik. Volkstümliche Autoren sahen sich plötzlich veranlasst, über Verbrechen zu schreiben, um die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für solche Geschichten auszunutzen. Die so entstandenen Romane nannte man Newgate-Romane. In ihnen wurde oft Sympathie für die Verbrecher geäußert und die Umstände, die sie zum Verbrechen trieben, dargestellt.

Charles Dickens (Oliver Twist und Barnaby Rudge), Edward Bulwer-Lytton (Paul Clifford und Eugene Aram) und Harrison Ainsworth (Jack Sheppard) erfreuten sich mit ihren spannenden Geschichten über das Leben realer oder erfundener Verbrecher großer Beliebtheit.

Tageszeitungen berichteten über Gerichtsverhandlungen, darunter die Illustradet Times, die 1856 eine Sonderausgabe über den Prozess gegen Dr. William Palmer herausbrachte, der unter anderem seine Frau und mehrere seiner Kinder vergiftet hatte. Die Auflage der Zeitung verdoppelte sich daraufhin.

Einige Verbrechen schafften es sogar bis ins Theater. Es schien, dass die englische Öffentlichkeit nicht nur von Verbrechen fasziniert war, sondern auch alle möglichen Formen der Darstellung schätzte, von Prozessberichten über Nachrichten bis hin zu Romanen und Theaterstücken.

Die Gründung von Scotland Yard

Mit der Gründung des London Metropolitan Police Service (Scotland Yard) im Jahr 1829 und der City of London Police im Jahr 1839 kam ein zweiter Aspekt in die Betrachtung der Kriminalität: Wie wurden Verbrecher identifiziert, gefasst und vor Gericht gestellt? Hier boten sich dramatische Möglichkeiten, den Kampf zwischen Polizei und Kriminellen, zwischen Gut und Böse zu erforschen. Die Einführung von Männern, die sich der Aufklärung von Verbrechen widmeten, bot ein Modell für den persönlichen Kampf zwischen Detektiv und Schurken, der als eines der grundlegenden Merkmale des Kriminalromans angesehen werden muss.

Old Scotland Yard

Innerhalb dieser morbiden Faszination für das Verbrechen gab es ein besonderes Interesse an Frauen, die zu Mörderinnen wurden. Dies mag vor allem daran gelegen haben, dass Frauen seltener vor Gericht gestellt wurden als Männer, und dass dies eine Kuriosität in der damaligen Vorstellung von der Frau als einer weniger gewalttätigen und eher nährenden und liebenden Beschützerin von Heim und Kindern darstellte. Diese Ansicht war auch der Grund dafür, dass Frauen weit weniger streng oder eher medizinisch behandelt wurden.

Gerichtsfälle wie der von Constance Kent, die 1865 ihren dreijährigen Halbbruder ermordete, indem sie ihm die Kehle durchschnitt, oder der von Madeleine Smith, die 1857 ihren Liebhaber mit Arsen ermordete, veranschaulichten und verstärkten die Vorstellung, dass Frauen die schlimmsten Verbrechen sowohl gegen die Zivilisation als auch gegen ihre eigene weibliche Natur begehen konnten. In einem Bericht der Times (28.07.1865) wird ein Mangel an Emotionen bei Kent festgestellt, der dazu führte, dass ihr Todesurteil in Zwangsarbeit umgewandelt wurde.

Madeleine Smith, die angeklagt war, einen lästigen Liebhaber vergiftet zu haben, stand genau auf der anderen Seite, nämlich der des ungezügelten sexuellen Appetits,

Trotz einer Staatsanwaltschaft, die entschlossen war, Smiths moralische Verwerflichkeit aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten vor Gericht zu bringen, gelang es ihr, einer Verurteilung zu entgehen. Rechtshistoriker vermuten, dass es zwar wenig Beweise gab, die sie mit dem Mord in Verbindung brachten, dass sie aber ebenso wahrscheinlich einem Schuldspruch entging, weil sie die Aussage verweigerte und sich so einer direkten Befragung entzog, und weil sie während des neuntägigen Prozesses die Ruhe bewahrte.

Madeline Smith war als Giftmörderin alles andere als einzigartig. Ein Drittel aller Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts, in denen Vergiftungen nachgewiesen wurden, betrafen Arsen. Es war leicht in Apotheken erhältlich, um Schädlinge im Haushalt zu töten, und billig. Die Symptome einer Arsenvergiftung waren für einen Gerichtsmediziner nicht von anderen Magenerkrankungen zu unterscheiden, so dass ein Giftmörder gute Chancen hatte, der Strafverfolgung zu entgehen. Zumindest bis 1836, als Arsen im Körper nachgewiesen werden konnte und Arsenvergiftungen tatsächlich seltener wurden. Zudem boten neue Scheidungsgesetze Frauen die Möglichkeit, einer unglücklichen Ehe zu entfliehen. Das Klischee, dass Gift eine Waffe der Frauen sei, entstand in dieser Zeit durch Mörderinnen wie Madeleine Smith.

Als Königin Victoria 1837 den Thron bestieg und damit das Viktorianische Zeitalter einläutete, war die Popularität von Kriminalgeschichten in allen Medien bereits 60 Jahre alt. Der Grundstein für die erste Blütezeit des Kriminalromans war gelegt, unter anderem mit den Geschichten von Arthur Conan Doyle und seinem Detektiv Sherlock Holmes.

Die Geschichte der Vampire

Wir wissen, dass 1732 das Annus Mirabilis des Vampirs war. In diesem Jahr wurden 12 Bücher und 4 Dissertationen zu diesem Thema veröffentlicht. Laut dem Gothic-Experten Roger Luckhurst taucht der Begriff „Vampir“ in diesem Jahr zum ersten Mal auf. Archäologische Funde ungewöhnlicher Bestattungen in Europa in den letzten Jahren legen jedoch nahe, dass der Glaube an Vampirismus und Wiedergänger die Menschen schon vor 1500 beschäftigte.

So wird auf einem alten Friedhof in Kamien Pomorski in Polen die Leiche eines 500 Jahre alten „Vampirs“ ausgestellt. Die 2015 entdeckte Vampirleiche wurde in der Weltpresse ausführlich beschrieben. Archäologen bestätigten, dass sie einen Pfahl im Bein hatte (vermutlich um zu verhindern, dass sie ihren Sarg verließ) und einen Stein im Mund (um zu verhindern, dass sie Blut saugte). Noch ältere Bestattungen dieser Art wurden in bulgarischen Dörfern gefunden.

Vampire verkörpern seit jeher die menschliche Angst vor dem Tod. Die Spuren, die diese mythische Gestalt in unserer kollektiven Vorstellungswelt hinterlassen hat, lassen sich über Jahrhunderte bis in den Nahen Osten und nach Südasien zurückverfolgen. Im babylonischen Epos Gilgamesch, genauer gesagt auf der sechsten Tafel, die der Göttin Ischtar gewidmet ist, wird ein Wesen beschrieben, das „fähig ist, anderen das Leben zu nehmen, um sein eigenes zu retten“. Es gibt auch alte griechische Bauernlegenden über Männer und Frauen, die Blut trinken, um jung zu bleiben, und über umherirrende Geister, die große Mengen Blut von den Lebenden trinken, um ihre menschliche Gestalt wiederzuerlangen.

Aber all diese Beispiele sind nur Schatten, die sich im Laufe der Jahrhunderte ansammeln mussten, um dem Vampir eine Gestalt und eine Mythologie zu geben. Es ist offensichtlich, dass schon lange vor dem Mittelalter in weiten Teilen Europas an eine Form des Vampirs geglaubt wurde. Doch erst 1819, als der erste fiktive Vampir, der satanische Lord Ruthven, in einer Erzählung von John Polidori auftaucht, hinterlässt der verführerische romantische Vampir seine Visitenkarte in der feinen Londoner Gesellschaft. Wie hat sich unsere Vorstellung vom Vampir vom ungepflegten Bauern zum verführerischen byronischen Aristokraten gewandelt? Um die Geschichte des Vampirs vollständig zu verstehen, müssen wir ihn bis zu seinen Anfängen im frühen Volksglauben zurückverfolgen.

In den ersten schriftlichen Berichten über europäische Vampire werden diese Wesen als Wiedergänger oder Heimkehrer dargestellt, oft in Form eines kranken Familienmitglieds, das in der unglücklichen Gestalt eines Vampirs zurückkehrt. In solchen Erzählungen dominiert eine „unerledigte Aufgabe“, auch wenn diese nicht weniger trivial erscheint als das Fehlen von Kleidung oder Schuhen als Grund für die Rückkehr ins Leben.

Das Oxford English Dictionary verwendet beispielsweise sieben Seiten, um einen Vampir zu definieren, aber der älteste Eintrag aus dem Jahr 1734 ist hier am interessantesten: Diese Vampire sollen die Körper von Toten sein, belebt von bösen Geistern, die nachts aus den Gräbern steigen, den Lebenden das Blut aussaugen und sie dabei vernichten.

Diese frühen Wiedergängerfiguren haben offensichtlich wenig Anziehungskraft. Im Gegensatz zu Lord Byrons aristokratischen englischen Vampiren sind diese frühen folkloristischen Vampire Bauern und wirken eher wie moderne Zombies. Agnes Murgoci hat diesen Volksglauben weiter erforscht. Sie erklärte 1926, dass die Reise ins Jenseits gefährlich sei – nach rumänischem Glauben dauert es 40 Tage, bis die Seele des Verstorbenen das Paradies betritt. In einigen Fällen wird angenommen, dass sie jahrelang dort verweilt, und in dieser Zeit gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie verstorbene Familienmitglieder dem Vampirismus verfallen können.

Es wurde vermutet, dass der Tod als Junggeselle, durch Selbstmord oder Ermordung dazu führen könnte, dass eine Person als Vampir zurückkehrt. Bestimmte Ereignisse nach dem Tod könnten eine ähnliche Wirkung haben – eine frische Brise, die über den Leichnam weht, bevor er begraben wird, Hunde oder Katzen, die über Särge laufen, oder Spiegel, die in dieser prekären Zeit nicht gegen die Wand gedreht wurden.

Der literarische Bereich

Es war eine Abhandlung des französischen Mönchs Antoine Augustin Calmet aus dem Jahr 1746, die Schriftstellern den Zugang zu einer Reihe von Begegnungen mit Vampiren ermöglichte. Calmet ließ sich von Joseph Pitton de Tournefort inspirieren, einem Botaniker und Forschungsreisenden, der 1702 auf Mykonos einer Plage blutsaugender Vampire begegnet sein wollte. Sein Bericht wurde noch 1741 viel gelesen.

Drei Jahrzehnte nach Tourneforts Begegnung berichtete das London Journal 1732 von einigen Untersuchungen über „Vampire“ in Madreyga in Ungarn (eine Geschichte, die später von John Polidori erzählt wurde). Griechenland und Ungarn stehen in diesen frühen Berichten im Vordergrund – und das spiegelt sich in der romantischen Literatur wider: Lord Byron zum Beispiel macht Griechenland zum Schauplatz seiner unvollendeten Vampirgeschichte „A Fragment“ (1819).

Polidori war es jedoch, der den Stammbaum des Vampirs und seine soziale Stellung schuf. Vor dem aristokratischen Vampir Lord Ruthven von 1819 scheint es noch keinen urbanen oder bildungsbürgerlichen Blutsauger gegeben zu haben. Auch eine räuberische Sexualität wird vom Autor eingeführt. Zum ersten Mal sehen wir den Vampir als Wüstling oder Libertin, als echten „Lady Killer“ – eine Tendenz, die sich bis in unsere Zeit verfeinert hat. Später folgten James Malcolm Rymers „Varney the Vampyre“ (1849) und Ende des 19. Jahrhunderts „Dracula“ (1897). Zwar gab es schon vorher Vampire in der Literatur – zum Beispiel das Gedicht „Der Vampir“ von Heinrich August Ossenfelder aus dem Jahr 1748 und Christabel von Samuel Taylor Coleridge aus dem Jahr 1816 -, aber keiner von ihnen hat so viel Aufmerksamkeit erregt wie Polidoris Werk und sicherlich hat keiner so viel zu seinem Image beigetragen.

Varney hat die zweifelhafte Ehre, in dieser Aufzählung der Sonderling zu sein, denn erstens hat er durch seine Veröffentlichung in den „Penny Dreadful“-Heften weniger literarischen Ruhm erlangt als die anderen, und zweitens sind Varneys Heldentaten, anstatt sich als ein charmanten Vampir zu präsentieren, der mit der viktorianischen Vision der Schauerliteratur verbunden ist, erschreckend genug, um gut zum „Horror“ der Groschenhefte zu passen. Da sich die Darstellung der Vampire jedoch eher in Richtung Gothic als in Richtung Groteske entwickelte, waren unsere Vampirfreunde anfangs vornehme Leute, oft sogar Aristokraten. Vampire sind edel, das ist eine allgemein akzeptierte Vorstellung. Es gibt Ausnahmen (es gibt immer Ausnahmen!), aber es ist eine nachvollziehbare Faustregel. Die Erhebung des Vampirs in den Quasi-Adelsstand begann mit dem Erscheinen von Polidoris „Der Vampyr“, das ursprünglich mit dem irreführenden Untertitel „Eine Erzählung von Lord Byron“ veröffentlicht wurde. „Der Vampyr“ verdankt einen großen Teil seiner Popularität der Berühmtheit Byrons, und man kann sagen, dass die beiden Figuren untrennbar miteinander verbunden wurden. Diese Vorstellung hat bis heute überlebt, was sich unter anderem in Romanen über Byrons Leben als Vampir und in Geschichten über die Entwicklung des Vampirs zeigt, in denen der Dichter immer wieder auftaucht.

Die Anziehungskraft des Vampirs (den Ruthven damals als aristokratische Figur darstellte, der Charme und Verführung ausstrahlte) wurde erst durch den Skandal um die Veröffentlichung von „The Vampyre“ auf ein allgemein anerkanntes Niveau gehoben. Wäre Ruthven nicht zum Synonym für Byron geworden und hätte nicht jede Frau den Dichter kennen lernen wollen, der – wie es schien – die lebende Verkörperung seines eigenen todgeweihten Helden war, so wäre das öffentliche Interesse an Polidoris Roman wahrscheinlich nur von kurzer Dauer gewesen, denn sowohl „Der Vampyr“ als auch Polidori galten bald als „vulgäre Angelegenheit“. Zu vulgär für die spießige viktorianische Mittel- und Oberschicht. Vulgär, weil er „unchristlich“ war; vulgär, weil er zu „sexy“ war: Der Vampir war zu lieblich und reizvoll für seine Zeit, weshalb er gänzlich in die Gothic (und Erotik(!)-Literatur verbannt wurde. Das erklärt natürlich auch, warum der Vampir in der Gothic- und Urban-Fantasy zu Hause ist.

Der vermenschlichte Vampir

In der Tat ist das Vermächtnis von „The Vampyre“ eher ein Zeugnis von Byrons prominenten Wechselfällen und gleicht eher einer literarischen Verunglimpfung des Dichters als einem gotischen Vampirmärchen. Dies zeigt, dass der Vampir regelmäßig eher als Metapher für menschliche Entsprechungen und Beziehungen denn als übernatürliche Schreckensgestalt verwendet wurde. Der Vampir wurde also zu einer Person, und in Bezug auf seine literarische Stellung sollte er nie wieder derselbe sein – zumindest nicht innerhalb des Genres und der davon abgeleiteten Gattungen, in denen seine Identität wirklich ausgearbeitet wurde. Einmal „vermenschlicht“ – weit entfernt vom mondgesichtigen, leichenblassen Vampir, der beim Anblick einer ungeschützten Jungfrau zu triefen beginnt, wie es im reinen Horrorgenre üblich war -, ließ sich der Vampir nicht mehr von seinem Thron stoßen, und obwohl es immer wieder Darstellungen des Vampirs in einem weniger schmeichelhaften Licht geben wird, bleibt das Bild, das uns die englische Romantik so großzügig hinterlassen hat, ein fester Bestandteil unserer Kultur.

Tatsächlich eröffnete sich eine ganze Welt von Möglichkeiten, als der Vampir aufhörte, ein Abbild des Bösen zu sein, und sich in einen echten Menschen mit einem echten Leben verwandelte. Vampire können lieben, hassen, töten, zaubern, mit Schwertern oder Pistolen kämpfen, Werwölfe sind ihre Feinde, Königreiche verteidigen, Verbrechen aufklären und die Straßen der dunklen, gesichtslosen Metropolen bewachen. Vampire sind allgegenwärtig, nicht nur in der Urban Fantasy, in der das Paranormale und Übernatürliche allgegenwärtig ist. Von Malum in Mark Charan Newtons „Stadt der Verlorenen“ bis hin zu Anne Rice‘ Lestat scheint der Vampir eine Figur zu sein, die wie ein Rädchen in die Umgebung passt, in der sie sich befindet. Ob es nun an der Popularität der Twilight-Saga (Meyer, 2005-2008) liegt, am Mainstream-Appeal der verfilmten Serie „True Blood“ oder einfach daran, dass der Vampir wieder en vogue ist, eine Art Vampir-Revival hat in allen literarischen Genres stattgefunden.

Das ist nicht unbedingt neu, aber da es sich um ein langlebiges Phänomen handelt, verdient es Aufmerksamkeit. Dasselbe gilt für Zombies und Werwölfe, aber ihre Geschichte ist anders und bei weitem nicht so bipolar wie die des Vampirs. In gewissem Sinne erleben diese „Charaktere“ kein Wiederaufleben ihrer Popularität, sondern werden lediglich als nützliche Figuren anerkannt, mit denen sich interessante und abwechslungsreiche Handlungen aufbauen lassen, die zwar ein bestimmtes Genre verkörpern, aber auch kurze Anspielungen auf andere Genres enthalten. Ein Vampir ist per Definition ein Element der Fantasy, da er entweder mythisch, übernatürlich oder einfach nicht existent ist. Das bedeutet nicht, dass jede Geschichte, in der ein Vampir vorkommt, automatisch Fantasy ist, aber es bedeutet zumindest, dass sie für Fantasy-Fans interessant sein könnte.

Elizabeth Kostovas „Der Historiker“ (2005) und John Ajvide Lindqvists „So finster die Nacht“ (2004) sind gute Beispiele dafür, wie der Vampir nahtlos in die „erwachsene“ Fiktion übergehen kann, während verschiedene Manga- und Anime-Neuerzählungen des Vampirs uns daran erinnern, dass der Vampir für so ziemlich jeden attraktiv ist, der ihn haben will. Obwohl diejenigen, die nach einem historischen „echten“ Dracula suchen, oft auf den rumänischen Prinzen Vlad Tepes (1431-1476) verweisen, von dem Stoker einige Aspekte seines Dracula-Charakters übernommen haben soll, ist die Charakterisierung von Tepes als Vampir ausgesprochen westlich; in Rumänien gilt er nicht als bluttrinkender Sadist, sondern als Nationalheld, der sein Reich gegen die osmanischen Türken verteidigt hat.

All dies zeigt, dass die Geschichte der Vampire umstritten und unsicher ist, unabhängig davon, ob man sie aus wissenschaftlicher oder literarischer Perspektive betrachtet. Die in jüngster Zeit von Archäologen entdeckten „Vampir-Bestattungen“ stimmen jedoch mit Praktiken überein, von denen bekannt ist, dass sie auf den Glauben an den Vampirismus hindeuten (wie das Durchbohren des Körpers, das Nageln der Zunge, das Durchbohren des Herzens und das Einfügen von kleinen Steinen und Weihrauch in den Mund und unter die Fingernägel, um das Saugen und Stechen nach Blut zu verhindern). Diese „Vampirleichen“ tragen also dazu bei, herauszufinden, wie alt unser Glaube an Vampire wirklich ist. Matthew Beresford, Autor des Buches „From Demons to Dracula: The Creation of the Modern Vampire Myth“, stellt fest: „Es gibt klare Grundlagen für den Vampir in der Antike, und es ist unmöglich zu beweisen, wann der Mythos zum ersten Mal auftauchte. Es gibt Hinweise darauf, dass der Vampir aus der Magie des alten Ägypten hervorgegangen ist, ein Dämon, der von einem anderen in diese Welt gerufen wurde“.

Vampire gibt es in vielen Variationen auf der ganzen Welt. Es gibt asiatische Vampire, wie die chinesischen jiangshi (ausgesprochen chong-shee), böse Geister, die Menschen angreifen und ihnen die Lebensenergie entziehen; die bluttrinkenden bösen Gottheiten, die im „Tibetischen Totenbuch“ erscheinen, und viele andere. Die Geschichte der Vampire ist also noch nicht mit Sicherheit zu fassen, und bei der Suche nach dem Ursprung des Unholds sollten wir uns wohl an die Aussage des britischen Vampirologen Montague Summers (1880-1948) halten.

Thomas Ligotti: Der Prinz der Dark Fantasy

Als 1992 mit Die Sekte des Idioten der letzte der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont erschien, war es wie Stille im Universum. Es war ein völlig neuartiges, bis dahin unbekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Kennern unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem „neuen Poe“, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Wenn man Ligottis Geschichten liest, kann man leicht erkennen, warum man das sagt und wie oberflächlich diese Aussage doch ist. Ligotti selbst sagt von sich, dass er gerne den Ton von Bruno Schulz oder Thomas Bernhard anschlägt.

Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Thomas Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.


Ligotti wurde einmal gefragt, ob er einen Unterschied zwischen Weird Fiction und Horrorliteratur mache. Er antwortete, dass ohne Lovecrafts „The Supernatural Horror in Literature“ niemand von „Weird Fiction“ sprechen würde. Das sagt uns vor allem eines: Kategorien sind das, was sie immer waren: ein begrenztes Blickfeld. Ich bin mir sicher, dass Kritiker, die etwas auf ihre Bildung geben, verärgert reagieren würden, wenn jemand käme und behauptete, Kafka sei ein Horrorautor gewesen. Für mich ist er das, und für viele andere auch, nur fällt es schwer, den Begriff des Schreckens auf ihn zu übertragen.

Diese Aussage wird schlüssiger, wenn man Ligottis eigene Vorlieben kennt. Er sieht das Grauen nämlich im Leben, in der gesamten Existenz, und nicht nur als literarisches Sujet. Sein früher geistiger Zusammenbruch im Alter von 17 Jahren mag daran nicht ganz unschuldig gewesen sein, aber ob er Ligottis komplexen Nihilismus und seine Hinwendung zum Werk Ciorans erklärt, sei dahingestellt.

Es scheint Ligottis Schicksal zu sein, als unterschätzter Autor ins Grab zu gehen. Der Thron, so scheint es, bleibt denen vorbehalten, die nicht annähernd so gut oder so besonders sind wie er. Liest man seine Erzählungen, spürt man sofort, dass sich hier einer keinen Deut um den kommerziellen Erfolg schert. Ligotti schreibt gerade so, als wehre er sich gegen den Zugriff der „Uneingeweihten“, als wolle er dort gefunden werden, wo er seine Geschichten oft genug ansiedelt, wo der Schrecken sein Maximum erreicht. Thomas Ligotti wird nur von wenigen gelesen, aber wer ihn nicht gelesen hat, hat keine Ahnung, was an Innovation in einem Genre möglich ist, das man (hilflos genug) dunkle Phantastik genannt hat.

Wer mit Ligottis Werk noch nicht vertraut ist, dem sei der Zugang über Das Alptraum-Netzwerk empfohlen. Dafür gibt es mehrere Gründe, vor allem aber diesen: In allen anderen Sammlungen ist der Effekt immer derselbe, ein völliges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft ohne den geringsten Hoffnungsschimmer. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet auf die Kräfte, die an den Rändern der Realität und des Bewusstseins lauern.

In vielen Erzählungen Ligottis geht es um das Zerbrechen der Wirklichkeit, sei es durch übernatürliche Einflüsse, sei es durch den bröckelnden Verstand des Erzählers oder durch beides. Mehr als einmal haben wir es hier mit einem Hauptprodukt von Ligottis Schreibkunst zu tun: dem unzuverlässigen Erzähler.

Besonders deutlich wird dies in Der rote Turm, der Kurzgeschichte, mit der Thomas Ligotti den Bram Stoker Award gewann. (Ich habe sie schließlich mit freundlicher Genehmigung von Frank Festa in die Anthologie „Miskatonic Avenue“ aufgenommen). Bemerkenswert an dieser Erzählung ist das völlige Fehlen menschlicher Figuren. Es gibt einen Ich-Erzähler, der sich im Verlauf der Erzählung nicht zu erkennen gibt und auch sonst keine Rolle spielt. Der Protagonist der ganzen Geschichte ist ausschließlich der rote Turm, eine kaputte Fabrik. Aber es gibt auch einen Antagonisten: die Landschaft, die den Turm umgibt. Der Eröffnungssatz führt beide ein: „Die Fabrikruine erhob sich dreigeschossig in einer sonst gesichtslosen Landschaft.“

Kreativität, Produktion und Innovation stehen in dieser Geschichte für das Kranke, Bizarre. Es folgen detaillierte Beschreibungen dieser surrealen, oft schrecklichen Produkte, die der Rote Turm herstellt. Diese Produktneuheiten sind noch nie da gewesen, verfolgen keinen Zweck, für ihre Produktion scheint nur der Turm als Ganzes verantwortlich zu sein, und ihre Perversion dient nur dazu, die graue Einsamkeit der Nichtexistenz zu stören, die den Turm umgibt. Die Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit ist völlig irrelevant, die Artefakte verändern und erweitern sich ohne Grund und spontan, selbst die Maschinen scheinen mehr gewachsen als gemacht zu sein. Und so schrecklich diese schrecklichen Produkte auch sein mögen, die graue Landschaft, diese weite, seelenlose Ödnis, die den Turm umgibt, ist noch viel schlimmer.

Der Rote Turm ist eines jener Werke, um die sich keine Gattungsgrenzen ziehen lassen, weil es nur sich selbst zum Vorbild hat, und das auf unvergessliche Weise.

„Aus den frühesten Tagen der Menschheit hat die Überzeugung überdauert, dass es eine Seinsordnung gibt, die uns völlig fremd ist. Es scheint in der Tat so zu sein, dass die strikte Ordnung der sichtbaren Welt nur ein Schein ist, der gewisse grobe Materialien bereitstellt, die zur Basis für subtile ‚Improvisationen‘ unsichtbarer Kräfte werden. Aus diesem Grund mag es einem so erscheinen, als sei ein blattloser Baum nicht ein Baum, sondern ein Wegweiser zu einem anderen Bereich; als sei ein altes Haus nicht ein Haus, sondern ein Ding, das einen eigenen Willen besitzt! als würfen die Toten jenes schwere Laken aus Erde ab, damit sie umherwandeln können in ihrem Schlaf – und in unserem. Und dies sind nur wenige der unendlichen Variationen über die Themen der natürlichen Ordnung, wie sie üblicherweise begriffen wird. Aber gibt es ‚wirklich‘ eine fremde Welt? Natürlich. Gibt es also zwei Welten? Keineswegs. Es existiert nur unsere Welt, und sie allein ist uns fremd: eigentlich bloß wegen ihres Mangels an Geheimnissen.“(TG, S. 28; Das Tagebuch des J.P. Drapneau, Übers.: Michael Siefener)

Diese Aussage bringt Ligottis eigenes Anliegen auf den Punkt: Am Ende ist das Unwirkliche nicht der Ersatz für das Wirkliche, sondern die Umkehrung des Wirklichen von innen nach außen, um zu zeigen, dass die wirkliche Welt von Anfang an unwirklich war. Das Instrument dieser Verwandlung ist die Sprache.

Thomas Ligotti hat scheinbar mühelos einen sehr markanten und eigenwilligen Stil entwickelt, um die Existenz in einen Alptraum zu verwandeln.

Viele von Ligottis Werken könnten so bezeichnet werden: stilistisch verschlungene, mataphernreiche Prosagedichte, die zugleich eine alptraumhafte oder halluzinatorische Atmosphäre voller Unheimlichkeiten erzeugen. Die Handlung ist allenfalls zweitrangig, alles ordnet sich der Stimmung unter. Bei Ligotti findet sich auch viel von Algernon Blackwoods Erforschung der genauen psychologischen Wirkung des Unheimlichen auf das menschliche Bewusstsein.

Ligotti spricht viel über Stil und Sprache, in Essays, Interviews und in den Erzählungen selbst, und jedes seiner Werke ist mit makelloser Akribie geschrieben.