Schlagwort: Gothic Fiction

Der dunkle Turm 1: Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste. Stephen King: Schwarz

“Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.”

Stephen King; Schwarz (The Gunslinger)
Heyne

So beginnt Stephen Kings Hauptwerk und das erste Buch der Dunklen-Turm-Serie, inspirierte von der epischen Tragweite von Tolkiens Herr der Ringe, der filmischen Gewaltigkeit von Sergio Leones Dollar-Trilogie und der Poesie von Robert Brownings Gedicht “Childe Roland To The Dark Tower Came.” Im ersten Buch befinden wir uns in einer postapokalyptischen Landschaft mit einer Kultur, die Christentum, Artussage und westliches Ethos miteinander verbindet.

Der große Protagonist hier ist Roland Deschain von Gilead, ein Revolverheld im Stil des alten Westens und letzter Spross eines verschwundenen Königreichs. Seine Mission, um nicht zu sagen, seine Besessenheit ist es, den zentralen Fixpunkt im Herzen aller Existenz zu erreichen, den dunklen Turm, den die Legionen des Chaos zu zerstören suchen und damit die Welt – alle Welten – zu vernichten suchen.

Die Saga ruht auf einer komplexen metaphysischen Architektur, die Fragen des freien Willens, des Determinismus und der göttlichen Vorsehung untersucht. Die treibende Kraft im Universum von Kings Dunklem Turm ist Ka, eine geheimnisvolle Kraft, die Ideen der griechischen Hamartia und der calvinistischen Prädestination vermischt. Ka bringt Roland und seine Gefährten zusammen und treibt sie ihrem jeweiligen Schicksal entgegen, aber gleichzeitig ist dieses Ka tief mit den Entscheidungen verbunden, die in Rolands Vergangenheit getroffen wurden. King fängt wie immer besser als jeder andere Genreautor das komplexe Auf und Ab von Entscheidungen und Unvermeidbarkeiten ein, und im Grunde ist es unmöglich, auf einen einzelnen Band gesondert einzugehen, ohne zumindest die Gesamtstruktur anzusprechen. Das ist heute viel weniger ein Problem als 1982, als der erste Band The Gunslinger (Der Revolvermann; leider vom Verlag wie so oft bei King aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf “Schwarz” umtituliert) erschien, und niemand ahnen konnte, wohin die Reise geht, oder besser gesagt, was sie am Ende tatsächlich beinhaltet.

(mehr …)

W. F. Harvey – Die Bestie mit den fünf Fingern

W. F. Harvey wurde hineingeboren in das faszinierende Zeitalter der Psychoanalyse. Als Arzt dürften ihm die Unternehmungen Freuds um 1900 nicht entgangen sein, wie ja kaum jemanden der akademischen Welt. Die Surrealisten zogen ihren eigenen Spuk daraus, andere lehnten die Psychoanalyse rigoros ab. In der Kunstwelt fand Freud – wenig erstaunlich – den größten Anklang, aber Harvey ist einer jener Schriftsteller, die aus der Psychoanalyse Gespenstergeschichten ableiteten.

Hier haben wir also die Sammlung psychologischer Gespenstergeschichten von W. F. Harvey vorliegen, die sich etwas anders ausmachen als die klassische Variante. Zwar könnte man behaupten, eine Gespenstergeschichte sei immer auch psychologisch konnotiert und würde damit nichts falsches behaupten, aber uns interessiert die Frage nach der Einbildung. Wenn wir davon überzeugt sind, dass es in einer Geschichte um das Übernatürliche geht, nehmen wir  als Leser eine andere Haltung ein, als wenn wir berechtigte Zweifel haben, die sich aber nie aufdecken lassen, weil der Autor uns in ein Grenzland schickt: Zufall? Einbildung? Grauen? Alles zusammen? Schauen wir uns die Geschichten im Einzelnen an:

(mehr …)

Diane Setterfield: Was der Fluss erzählt

Diane Setterfield - Was der Fluss erzählt
Blessing

Was wäre die Welt des Geschichtenerzählens ohne die einleitende Formel “Es war einmal…”, mit der eine Erzählung vergangener Ereignisse eingeleitet wird und die man seit mindestens dem 14. Jahrhundert kennt? So hat diese Formel allein schon etwas Magisches und verbindet uns mit einer vagen Vergangenheit und einen weit entfernten Ort, ohne dass wir genaueres wissen müssen. Etwas trug sich zu, vor langer Zeit, und es ist erhaltenswert. Davon soll berichtet werden. Diane Setterfield tut das, sie leitet ihre Geschichte mit diesem Zauberspruch ein.

Zwei Jahre hat es gedauert, bis wir den dritten Roman von Diane Setterfiled nun auch in Übersetzung vorliegen haben, immerhin eine Autorin, die 2006 mit “Die dreizehnte Geschichte” einen Orkan in der Verlagswelt verursachte. Wie man hört, ist jetzt leider sogar eine TV-Serie zu “Was der Fluss erzählt” geplant; wer die Verfilmung der dreizehnten Geschichte gesehen hat, wird das “leider” leicht verstehen können. Aber so ist das Geschäft. Auf der anderen Seite beweist das aber auch einmal mehr, dass Diane Setterfield ein herausragendes erzählerisches Talent besitzt und hier einen kraftvollen Roman darüber vorgelegt hat, wie wir uns selbst und anderen die Welt erklären, über den Sinn des Lebens in einem Universum, das undurchdringlich geheimnisvoll bleibt.

(mehr …)

Henry James: Die Drehung der Schraube (auch: Das Durchdrehen der Schraube)

Henry James - Das Durchdrehen der Schraube
dtv

Die Drehung der Schraube ist wahrscheinlich das umfassendste analysierte Stück Literatur aus den 1890ern. Die Handlung ist nicht etwa spektakulär und einzigartig, soweit es Geistergeschichten betrifft; und trotzdem ist das hier James’ meistgelesene Erzählung, ist Die Drehung der Schraube die genialste Konstruktion einer Geistergeschichte in englischer Sprache. Die große Kraft der Novelle speist sich aus der Untersuchung eines komplexen Netzes aus Zweifeln, die im Hintergrund des Denkens der Hauptcharaktere lauern, und die in vielerlei Hinsicht die Vorbehalte spiegeln, die im Kopf eines Lesers von Geistergeschichten auftreten.

Diese merkwürdige Umkehrung der Beziehung zwischen dem Leser und dem Autor bildet die Bühne für eine Geschichte, die wie eine Matroschka-Puppe funktioniert, die sich Schicht für Schicht auf wenigen hundert Seiten entblättert.

Die Drehung der Schraube ist beinahe ein Konzentrat aller archetypischen Motive, die es in der englischen Geistergeschichte gibt, wobei ihr Geltungsbereich mehr ein amerikanischer ist. Henry James, der mehrere andere Geistergeschichten abseits seiner Mainstream-Erzählungen geschrieben hat, gelingt diese Art von Erzählung hier so souverän durch ihre fast schon besessen zu nennende Implementierung von Mehrdeutigkeiten. Oscar Wild nannte sie „eine wunderbare, grelle, giftige kleine Geschichte“, und das ist eine passende Einschätzung. Die Drehung der Schraube hüllt uns in einen Nebel des Zweifels und des Misstrauens, versetzt uns in den Kopf des Erzählers, und zwingt uns, rätselhafte Ereignisse durch ihre Augen zu sehen: es gibt hier keine Dritte-Person-Erzählform, um unseren unvermeidlichen Unglauben herauszufordern, stattdessen müssen wir uns auf die Fakten stützen, wie sie der Erzähler präsentiert; das sind jene einer – wahrscheinlich wahnhaften – sie, also einer Erzählerin. Aber ist sie denn tatsächlich wahnhaft?

(mehr …)

Die Anfänge der Schauerliteratur

Gleich zu Beginn müssen wir zunächst über eine übersetzungstechnische Definition sprechen. Schauerliteratur meint hier Gothic Fiction. Das ist – wie so oft – kein adäquater Ersatz, soll uns aber hier vorerst genügen.

Was genau ist Schauerliteratur?  Und auch hier stellen wir fest, dass es keine konkrete Definition gibt, ob wir das Genre nun Gothic nennen oder nicht. Aber es gibt einige Elemente, die Schauergeschichten tendenziell gemeinsam haben. Aber nicht alle Schauermären, ob nun als Literatur oder als Film, enthalten all diese Elemente.

Es verhält sich etwa so wie mit dem Wort “postmodern”. Es ist ein unglaublich schwer fassbarer Begriff, der sich einer strengen Definition und Kategorisierung entzieht und oft mehrere Dinge auf einmal bedeuten kann.

(mehr …)