Schlagwort: Gothic Fiction

Elizabeth Kostova: Der Historiker

Elizabeth Kostova bietet in ihrem Debüt eine kultivierte und denkwürdige Suche nach dem Grab Draculas. Längst schon ein moderner Klassiker, der moderne Schauerliteratur definiert.

Dracula

Bloomsbury

Der in Schäßburg (wo man heute noch sein Geburtshaus besichtigen kann) geborene Vlad Tepes war bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende. Über seine Grausamkeiten kursieren im Westen die unterschiedlichsten Geschichten (während im Osten ganz andere Variationen kursieren), und nicht zuletzt lieferte er einen Teil der Blaupause zu Bram Stokers “Dracula”. Aufzeichnungen vermuten sein erstes Grab in der Kirche des Klosters einer Insel im Snagov-See. Als man es öffnete, fand man es allerdings leer. Das passt als Grundlage für den Vampirmythos recht gut ins Bild, denn wenn er nicht in seinem Grab liegt, könnte das durchaus bedeuten, dass er noch lebt. In Elizabeth Kostovas vielgerühmten Roman tut er das tatsächlich.

Wenn jemand in der heutigen Zeit zehn Jahre an einem Roman über Dracula schreibt, kann das nur bedeuten, dass sich da jemand in etwas verliert, dem man kaum mehr etwas Neues abgewinnen kann. Zumindest muss das von außen so aussehen. Wir reden hier nicht über einen fast schon alltäglich gewordenen Fantasy-Zyklus über Vampire, sondern über ein ambitioniertes Werk, das seinen Namen “Der Historiker” nicht umsonst trägt. Genau aus diesem Grund musste Kostova so lange recherchieren und schreiben. Das Ergebnis ist erstaunlich und weit entfernt von Teenager-Romanzen und bissigen Horror-Tropen. Wenn auf dem Umschlag zu lesen ist: Der Roman gibt einen vielschichtigen Einblick in 500 Jahre südosteuropäische Geschichte, dann ist das keineswegs gelogen. Kostova geht als Romanautorin exakt so vor, wie ein Historiker das tun würde. Natürlich schlüpft sie dabei in die Rolle ihrer 16-Jährigen Protagonistin, die namenlos bleibt (bis auf einen einzigen Hinweis, der leicht zu überlesen ist), und selbst Historikerin, aber auch Tochter eines Historikers und einer Anthropologin ist.

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Das Spukhaus

Seit der Antike bereichern Geisterhäuser unsere Vorstellungskraft: knarrende Treppen, zuschlagende Türen, flüsternde Stimmen, raschelnde Geräusche, zerbrechende Vasen, gurgelndes Pfeifen, klopfende Zweige am Fenster, huschende schwarze Katzen, klagende Hunde sausen schon ziemlich lange durch die Gänge unserer kollektiv erträumten Behausungen. In jedem Kulturkreis erzählt man sich Geschichten darüber, denn selbst, wenn wir uns zuhause und in Sicherheit wähnen, erkennen wir tief in uns an, dass es dort Dinge geben könnte, die nach uns greifen.

Eindringliche Erlebnisse

Spukhäuser stellen einen faszinierenden psychologischen Raum dar und erschrecken uns aus sehr ursprünglichen und tief verwurzelten Gründen. Auf einer Ebene verkörpern sie Freuds Konzept des “Unheimlichen”, in dem ein solcher Raum “seinen Terror nicht von etwas Fremdem oder Unbekanntem ableitet, sondern – im Gegenteil – von etwas Fremdem, das unsere Bemühungen, sich von ihm zu trennen, vereitelt”.

Nichts ist vertrauter als Herd und Heim, und nichts erschreckender als die Vorstellung, dass man dort gefangen sein könnten, entweder als jemand, der vor Phantomen flieht, oder als jemand, der nach dem Tod dazu verdammt ist, die eigenen Räume für alle Ewigkeit zu durchstreifen.

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Edgar Allan Poe: Die Maske des roten Todes

Die Maske des roten Todes

Der rote Tod wandert durch das Land. Prinz Prospero hat sich mit seinem adligen Gefolgsleuten in eine Abtei zurückgezogen, und während die Pest draußen wütet, denken sie, sie wären sicher. Sie sind sogar derart überzeugt davon, dass ihnen nichts geschehen wird, dass sie einen großen Maskenball veranstalten. Es gibt sieben Räume, die nach Farben codiert sind, angeordnet von Ost nach West. Der letzte Raum ist in Schwarz und Scharlach gehalten. In diesem Raum gibt es außerdem eine große Uhr, deren Stundenschlag die Gäste stets in Angst versetzt.

Allerdings währt der Schrecken nur bis zum letzten Schlag, bevor die Ausschweifung wieder Fahrt aufnimmt. Plötzlich taucht eine geheimnisvolle Figur auf, was die Anwesenden verwundert, weil doch die Türen der Abtei fest verschlossen sind, um alle infizierten Personen auszusperren. Die Gestalt ist in eine blutrote Robe gekleidet, und ihre Maske ist jenem Gesichtsausdruck nachempfunden, der den Roten Tod begleitet.

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Sherlock Holmes (Das erste Fandom der Geschichte)

Statue des Sherlock Holmes
Statue des Sherlock Holmes in der Marylebone Road, London; von Oxfordian Kissuth fotografiert

Sherlock Holmes ist neben Dracula jene fiktive Figur, die in der Popkultur am meisten adaptiert und inszeniert wurde. Dass der Detektiv auf der ganzen Welt bekannt ist, liegt aber nicht an den kongenialen Originalgeschichten, sondern an den unzähligen Filmen, Theaterstücken, Musicals und Comics. Fast alle Symbole und Sätze, die aus den vielen Fernseh-, Film-, Theater- und anderen grafischen Reproduktionen stammen und die heute scheinbar zum Kanon gehören – wie etwa der Deerstalker-Hut – kommen in den Texten überhaupt nicht vor. Aber während diese dazu neigen, mit der Mode zu wechseln, scheinen die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle, die immer wieder bearbeitet werden, sich in unserem kollektiven Bewusstsein festzuhalten wie nichts vor oder nach ihnen.

Der Reichenbach-Schock

1893 stieß der Autor Sir Arthur Conan Doyle den Detektiv Sherlock Holmes von einer Klippe. Die Klippe befand sich in der Schweiz. Es sind die berühmten Reichenbachfälle, die unter ihr dahinbrausen. Aber Conan Doyle war gar nicht vor Ort, er erledigte die Drecksarbeit von seinem Haus in London aus, in dem er schrieb.

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Der dunkle Turm 2: Die Türen am Strand. Stephen King: Drei

Stephen King - Drei
Heyne

Während das erste Buch als Vorbereitung auf das, was folgen sollte, gelesen werden kann, beginnt Roland in “Drei” seine Reisegefährten zusammenzusuchen, quasi sein zweites Ka-tet (zum ersten werden wir in Band 4 alles erfahren). Das tut er nicht ganz aus freien Stücken, denn das allmächtige Ka, diese seltsame Schicksalsmacht, hat einen erheblichen Anteil daran. Ka schließt Zufälle zwar nicht aus, aber das eine vom anderen zu trennen ist fast unmöglich. Die Verbindung zwischen unserer und anderen Welten wird zwar schon in “Schwarz” angedeutet, beginnt aber erst hier wirklich imposant zu werden (und bekommt in Band 4 seinen endgültigen philosophischen Unterbau).

War ich mit dem deutschen Titel des ersten Bandes nicht einverstanden, geht für mich der hier gewählte in Ordnung. Im Original heißt das Buch “The Drawing of the Three”, wörtlich übersetzt also: Das Ziehen der Drei, und das ist kein schöner Titel. Doch das dürfte eher Zufall sein, denn bereits der nächste Band “tot.” ist so idiotisch überschrieben wie eh und je.

War der erste Band noch eine Odyssee durch ein dystopisches und sterbendes Land, das irgendwie an unseres erinnert, es aber definitiv nicht ist, kommen jetzt die Portale in Form von Türen ins Spiel. Solche Portale, die unsere Welt mit einer anderen verbinden, werden in der Literatur nicht selten thematisiert, ob nun C. S. Lewis das Portal nach Narnia öffnet oder Philip Pullman in seinem Goldenen Kompass Türen in jede x-Beliebige Welt bereit hält. Selbst der Kaninchenbau bei Alice ist so ein Portal. Es funktioniert nicht selten nach dem Muster: Was wir denken können, das gibt es auch. Bei King hat ein Portal allerdings keinen märchenhaften Charakter. Dass alle Welten miteinander in Verbindung stehen, ist ein höchst philosophischer Gedanke, der weniger mit Träumen zu tun hat. Obwohl der Begriff des Multiversums erst 1963 im Kontext auf Michael Moorcocks “Eternal Champion” zum ersten Mal Anwendung fand, gab es bereits im altgriechischen Atomismus entsprechende Denkkonzepte, die die Wirklichkeit betrafen.

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