• Ikonographie
    Helden, Versager und andere Ikonen

    Don Quijote (Der Kampf gegen Windmühlen)

    Don Quijote ist eines jener Bücher, dessen Einfluss so weitreichend wie die Odyssee oder die Bibel ist. Und wie die anderen beiden Bücher wird mehr darüber geredet als dass man sie gelesen hat. Doch was Cervantes’ Roman von diesen anderen Werken unterscheidet, ist die Tatsache, dass es sich um eine ausgesprochen burleske Geschichte handelt. Der Held tappt im Dunkeln, die Figuren des Autors fallen von Pferden, betrinken sich in Tavernen und versuchen, ihre Fürze in Schach zu halten – im Quijote sind heilige Angelegenheiten gewöhnlich auf die Wahnvorstellungen des Helden beschränkt. Der berühmte Eröffnungssatz informiert uns: “Irgendwo in der Mancha, an einem Ort, an dessen Namen ich mich nicht erinnern…

  • Angela Carter - Schwarze Venus
    Die unendliche Bibliothek,  Phantastik und Fantasy

    Als sie ihn rief, kam der fahle Reiter. Angela Carter: Schwarze Venus

    Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verlässt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken lässt, als müsste das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt,…

  • Texte

    Allerlei zu versuchen

    achja asfaltschleim, eine bitumiebergteer, satanspech gegen allerlei gebrechen (sie gingen die endlose allee entlang unter denschwarzen platanen) musik álazingarese betäubte die ohren inihrem halfter, zum schumann’schenrotationstachistoskop, mit demder umfang der aufmerksamkeitgemessen werden soll ist nicht so / dass wir kühlen könntenist nicht so / dass wir ober=räubernabrammen, umtafeln, um tafelnherum : waffeln / dass wirohnsägliches gespür, entrinnenmimenzwecke im spiegelfleischhören wir bitteren fuchsjagten zu

  • Texte

    Der 30. Februar des Jahres

    Es regnet brossierte Hüte;wer etwas dafür kann,sollte jetzt nicht zögern,die Hand zu heben. Während die Hände sich erheben,die Hüte zu fangen,den eigenen ins Dickicht zu verlagern,schreibt man Schuldscheine aus. Es war eine dunkle Hut-Nacht,die Schreibmaschinen griffeltenvon Richtung der Nordwest-Allee. Wer konnte, aß etwas auf,sei es eine Vermisstenanzeige,ein parfümierter Liebesbrief,der Griff einer Pandora-Büchse,ein geliehenes Ohr. Dann setzte man sich unter einentapferen Zweig, maß den Umfangseines Schädels anhand gelesenerBücher, und probte den letztenReim eines verwandten Geistes,nicht länger als zweihundert Jahre tot. Die Gasthäuser rollten ihreFässer aus den Kellern: “Bring out the dead!” Manche nutzten die Zeit biszum Aufprall mit demNachspielen eines Horoskops. Ältere Herrschaften wurden mitZöpfen schick gemacht, denTöchtern abgeschnitten,auf dass niemand…

  • Texte

    Der Schrecken der Reise

    Die Schnecke erfährt ihr Tempo hinter vorgehaltener Hand.Heimlich bekommt sie dafür ein Haus, das wie ein TrichterZum Kleinsten und zum Größten hin führt, aber langsam.Langsamer als die Farben aus Gesichtern rutschen,Die auf der gleichen Strecke unterwegs sind,In einem Raum, der abstrakt scheint, mehrteilig,Wie es die optische Täuschung oft vormacht,Wenn die Perspektive, von der nun alle reden,Nicht mehr vorhanden ist, wenn sie dem UltraschallDes Gehörten, dem Infrarot der Nacht, durch ihre Wärmepausen weicht. Dann bleiben gesprochene Worte auf der Strecke liegen,Keiner kümmert sich um das Gepäck des anderen. ImForst sitzen die Tafeln mit den Umsteigemöglichkeiten fest,Behaupten sich nicht gegen Bäume oder Gräser, habenEs aufgegeben, die richtige Stelle mit einem X zuMarkieren.…

  • Texte

    Der Horcher

    Die neuen Tage beginnen nicht so wie die alten enden.Jemand hat das Interieur verändert, die Kabelage istDurch fremde Mauern gezogen, die Venuslampe scheint.Über unzählige Stufen gepoltert trifft derjenige ein,Den sie den Horcher nennen. Er steigt aus der Fassade,Die ihn wie mit einem Fahrstuhl nach oben brachte. Geweihe zeigen nach Norden, was die natürliche Ansicht unterstreicht.Pläne werden aufmerksam studiert, kein Wort fälltZu Boden, sondern in ein dafür installiertes Sicherungsgitter.Geflohen sind wir längst, nur scheint uns jetztZusätzlich die Sonne ins Gesicht, was die Arbeit sichtlich erschwert. Die Sätze sind abhängig von den großen Laternen, pausenlosAusgespuckte Routine wäre ein Wort dafür, das der Horcher verwendet        hätte.Ohne Gefühl der Zweckbindung an den Türen vorbeigehen,Die atmosphärischen…

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt!