• Flash Fiction
    Texte

    ritu

    Ich musste, in jener Nacht, in der der Mond meinem Haus sehr nahe stand, wohl etwas von ihr mitgenommen haben, als ich schlafend in meinem Bette lag und zum ersten Mal, mittels eines Stuhls, durch ihre vielen verborgenen Räume geflogen war. Denn seither stand sie jedes Mal, wenn ich in den Spiegel blickte, hinter mir. Tat sie einen Schritt zurück, verschwand sie in tiefer Schwärze. Tat sie einen vor, war mein Gesicht für mich im Spiegel nicht mehr erkennbar. Ich war rastlos seitdem. Blies Nacht für Nacht die fast heruntergebrannte Kerze auf meinem Fensterbrett aus, öffnete das Fenster und hob mit meinem Atem davon.

  • Flash Fiction
    Texte

    Das Kriegspferd

    In den ersten Jahren lebte ich mit einem Kriegspferd in der weiten Ödnis, das sich von fauligen Äpfeln ernährte, die aus allen Richtungen gekullert kamen, so die Zeit es für gut befand, von Insekten auf ihren Tanzbällen belagert und dem Conqueror Worm befallen. Außerdem verstand sich das Pferd ausgezeichnet auf Leichenfledderei, biss die Knöpfe der strengen Uniformen ab und gestattete mir so den Zugriff auf gelbstichige Fotografien und Briefe mit bereits verblassenden Handschriften. Ich verzeichnete alle Örtlichkeiten, aus denen die Briefe stammten und steckte auch die Bilder in meinen Ranzen. Es konnte durchaus sein, dass sich überhaupt kein Muster ergab, wenn aber doch, wollte ich vorbereitet sein und über die…

  • Flash Fiction
    Texte

    Hagazussa

    Wir hatten nie wirklich zueinander gefunden. Ich konnte weder mit ihr, noch ohne sie leben. Ihrer jedoch mir mittlerweile schmerzhaften Abwesenheit wegen, hatte ich versucht, sie mir lebendig zu erhalten: Ich schnitt aus den Bildern ihrer Ahnen, die ich längst auf den Dachboden gebracht hatte, um sie dort zu lagern, Teile ihrer rosigen Gesichter, die, sobald ich sie befeuchtet hatte, sich wie feine Hauttücher Schicht für Schicht auf den von mir zu diesem Zwecke geschnitzten und geschliffenen Puppenkopf aus Holz modellieren ließen. Für ihre Wimpern verwendete ich die Beine der unzähligen toten Fliegen, die sich im Laufe der Jahre auf meinem Fensterbrettern gesammelt hatten und die ich in leeren Streichholzschachteln…

  • Flash Fiction
    Texte

    Montsegur (en prose)

    In dieser Nacht wird sie das Leben verlassen, es wird ihnen aus den Höhlen gerissen, die unter ihren Gärten lagen.Der Teer des Harzbaumes, die Pechtröge der Hölle entsprangen hier. Aufgrund der wenigen Zeit, die den Verteidigern zur Verfügung stand, war es noch stark terpentinhaltig und somit dünnflüssig, auch ging das Brennholz zur Neige. Man schaffte bereits die Linnenkleidung heran, zunächst das, was man nicht am Leibe trug. Als aller Brennstoff verbraucht war, legte man schließlich Hand an sich und rieb, da man nun nackt zu kämpfen bereit war, die Muskeln aber in der Kälte nicht starr werden durften, den Körper mit dem nicht mehr wehrfähigen, bereits in den Gießpfannen angetrockneten…

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