Teichbestandteile

Es ist warm. Schwalben tauchen in die verspiegelten Fenster des großen schweren Hauses hinter mir. Während ich Nachtblätter mit leuchtend grünen Adern sammele, löst sich das Tuch, das ich mir um mein Haar geschlungen, auf meinem Kopf zu einem Dutt gebunden hatte. An meinem Hals, über meine Brust lassen sich Nattern in alle Himmelsrichtungen in meinen Garten herab. Ich werde schwarz und werde warten, bis die Schwalben das schwere Haus wieder verlassen. Als sie dann irgendwann aus den offenen Augen schwärmen, dringen die Nattern, nunmehr verjüngt, aus den umstehenden Büschen hervor. Sie lachen mit Stimmen noch sehr junger Kinder, die, während sie an meinem Körper hochschlängeln, meinen Körper tasten. Eine von ihnen hält an meinem Rücken auf Höhe meiner rechten Niere und sagt: »Teichbestandteile«. Die anderen unterdessen zischeln: »Es sind Kinder, die einen Lotos zerpflücken!«

Die Boten

Immer dann, wenn die Luft einen Hauch von Johannisbeermarmelade über dem Dorf verströmte, ahnten wir, dass sich die Schatten bald wieder zeigen würden. Sie tauchten hinter den Stämmen starker Bäume auf, an den Fenstern leerstehender Häuser stehend, an denen der Farn und der Efeu emporrankten. Sogar unter den Arkaden mancher Hauseingänge standen sie, unentdeckt, weil ja die Sonne ohnehin allerlei dunkle Gespinste produzierte, die jedermann kannte und für alltäglich erachtete. Diese Schatten aber, von denen hier die Rede ist, waren in strengem Sinne gar keine. Sie besaßen kein Objekt, zu dem sie einen unmissverständlichen Teil beitragen hätten können, wenn sie das Licht streifte. Wir nannten sie bald ›Die Boten‹, obwohl sie keine Nachricht überbrachten und auch nicht anzeigten, was sie eigentlich wollten. Das mussten wir selbst herausfinden. Allein deshalb nannten wir sie so. Sie boten uns die Möglichkeit, die merkwürdigsten

Die falsche Glocke

Der alte DeLorean, der ihr hügelauf hügelab folgte, als sie sich in den vor ihr liegenden Ort, der wie ein erst kürzlich von Archäologen verworfener wirkte, flüchten wollte, bestand, bis auf sein metallenes Grundgerüst, das bereits rostete, aus nassen braunen Blättern. Der schmale blasse Mann, der ihn fuhr, ließ sie nicht aus seinen schwarzen Augen. Das wusste sie. Und obwohl sie zu Fuß unterwegs war, blieb der Abstand zu ihrem seltsamen Verfolger immer der gleiche. Immer stand sie kurz vor dem kleinen menschenleeren Weiler, dessen halb verfallene Häuser sie nur widerwillig zu erreichen versuchte. Es hatte geregnet, die Wiesen der weiten hügeligen Landschaft schwammen vor Nässe. Von jeder Stelle aus, an der sie hielt, um Ausschau zu halten, konnte sie den fahlen Glockenturm der Kirche der Ortschaft sehen. Die Glocke erschien ihr wie eine falsche Glocke, ganz glanzlos war sie,

Mummenschanz: Stück für Stück: Antic Soccer

Eine von drei sogenannten Flash Fiction-Momenten in der Sammlung. Sie gehört zu einem Projekt, bestehend aus 21 „Fazetien“, die ich GuckKasten genannt und allesamt für den Verlag taberna kritika vertont habe. Ursprünglich war der Text erheblich länger und handelte von einem blutrünstigen Spiel, in dem ein Dorf das Spielfeld war. Manchmal interessiert mich aber nicht die Geschichte, sondern die Essenz.

Mummenschanz: Stück für Stück: Vampyradonna

Was man gemeinhin eine Kürzesterzählung oder „Flash Fiction“ nennt, ist eines meiner Hauptaufgabenfelder. Leider gibt es auf diesem Sektor kaum etwas, das meinen Ansprüchen als Leser genügt. Um es genau zu nehmen, habe ich Hunderte solcher Kleinode geschrieben, die genaue Zahl ist mir unbekannt. Ich glaube, man neigt dazu, viel zu schnell über das, was man da liest, hinwegzusehen, und so bleibt all das, was offen da liegt, verborgen. Nun ist Vampyradonna sprachlich keine meiner schwierigen Kürzestgeschichten (anders wie „Spintisera“), aber vielleicht denkt der ein oder andere doch darüber nach, was sie bedeuten könnte. Es gibt stets mehr zu finden als man auf Anhieb sehen kann.

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