Dorothy Gale und der Zauberer von Oz

Ob man nun durch das originale Kinderbuch von L. Frank Baum aus dem Jahr 1900 oder durch die Verfilmung mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 zur Geschichte kam, Der Zauberer von Oz ist Teil eines gemeinsamen emotionalen Eigentums geworden, das sich tief in der kollektiven persönlichen und kulturellen Psyche verankert hat. Jüngst haben Filmwissenschaftler aus einer groß angelegten Studie die Erkenntnis gewonnen, dass besagter Film der einflussreichste aller Zeiten ist. Das mag das deutsche Publikum etwas staunen lassen, denn hierzulande kennt man Dorothy Gale zwar auch, hält das Phänomen aber wohl für ein rein amerikanisches. Und das stimmt eben nicht. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben unvergessliche Verbindungen zu dieser Erzählung voller Wunder, Gefahren, Freundschaft und Gegenspieler. Natürlich sind das Erfahrungen, die oft durch die nostalgische Linse der Kindheit verstärkt werden, aber nur wenige Geschichten wurden mythologisiert wie Oz. Nein, selbst Mittelerde nicht.

Dorothy Gale
Dorothy Gale

Natürlich konnte Baum nicht vorhersehen, wie die Massenmedien eines Tages den Einfluss von „The Wonderful Wizard of Oz“, so der Originaltitel, vervielfachen würden. Und wie auch? Als das Buch erschien, steckten bewegte Bilder noch in den Kinderschuhen. Aber unabhängig davon, welches Phänomen daraus noch entstehen sollte, war Baums unmittelbarer Einfluss auf die amerikanische Imagination bereits damals von Bedeutung.

Von Anfang an schien Baum zu spüren, dass er hier etwas Besonderes in den Händen hielt.

Er ging so weit, den Bleistiftstummel einzurahmen, mit dem er das Manuskript geschrieben hatte, da war das Buch noch gar nicht veröffentlicht. Dies war ein mutiger Akt der Hybris, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele gescheiterte Wirtschaftsunternehmen Baum im Laufe der Jahre gegründet hatte: Seine Amtszeit als Zeitungsverleger, Porzellanverkäufer, Theaterdirektor und Hühnerzüchter wurde jeweils mit einem düsteren Kapitel beendet.

Aber als Vater von vier kleinen Söhnen war Baum ein geschickter und geübter Geschichtenerzähler und wurde von seiner Schwiegermutter dazu aufgefordert, sich mit dem Schreiben von Kinderbüchern zu beschäftigen. Sie schlug sogar ein Thema vor: einen Zyklon, der über North Dakota hereinbricht.

Selbst diejenigen, die im Hinterhof aufgezogen werden, kennen die Ausgangssituation: Ein junges Mädchen namens Dorothy Gale befindet sich in einem verzauberten Land, nachdem ein Wirbelsturm sie und ihren kleinen Hund Toto von ihrer Farm in Kansas mitnahm. Während sie die gelbe Ziegelsteinstraße hinuntergeht, um den großen und mächtigen Zauberer von Oz zu bitten, ihr bei der Rückkehr nach Hause zu helfen, erwirbt sie drei ungewöhnliche Reisegefährten, von denen jeder aufbrach, um den Zauberer um etwas zu bitten, das ihm fehlt: die Vogelscheuche, die gerne ein Gehirn hätte, der Blechmann, dem das Herz fehlt, und der feige Löwe, der gerne Mut besäße.

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Das Buch war ein sofortiger Erfolg bei Kritikern und Lesern. Die Erstauflage war mit 10.000 Exemplaren schnell vergriffen und die Nachfrage so groß, dass Baum dreizehn weitere Bücher für seine Oz-Reihe schrieb, darunter nicht nur über Dorothy, die mehrmals nach Oz zurückkehrt, sondern auch über die Vogelscheuche, den Blechmann und Glinda, die gute Hexe des Nordens. Baum erfand auch noch mehr dieser unvergesslichen Charaktere. Bei all dem darf man allerdings nicht vergessen, dass bis heute keine adäquate deutsche Übersetzung existiert.

Bewundernswert ist allerdings Baums Einführung in das Thema. Er schrieb, dass ein neues Zeitalter des Märchens angebrochen sei, und das all die furchterregende Moral, die früher in den Märchen herrschte, beseitigt werden sollte. Er begründete das damit, dass die Vermittlung von Moral die Aufgabe der modernen Bildung sei. Die Literatur sollte von diesen Zwängen frei sein.

Mit diesen Worten und auf den dann folgenden Seiten schuf Baum das im Grunde genommen erste amerikanische Märchen, nicht nur von einem amerikanischen Autor geschrieben, sondern fest auf amerikanischem Boden verwurzelt. Und keine Erzählung behauptetet sich stärker als Oz.

Aber dafür sorgte eben auch der Film.

Es ist kein Geheimnis, wie oft die Filmstudios, insbesondere Walt Disney Pictures, seit der Veröffentlichung von “The Wizard of Oz” im Jahr 1939 versucht haben, diesen Erfolg zu wiederholen.

Es ist auch kein Geheimnis, dass MGMs Musical-Film überhaupt nur existiert, weil Disneys Schneewitchen zwei Jahre zuvor so ein bahnbrechender Erfolg war.

Aber bei aller Schönheit und ikonischer Statur fehlt der Persönlichkeit von Schneewittchen die Substanz und Wirkung, die Dorothy Gale aus Kansas in der Popkultur zu besitzen scheint. Und das alles dank des Auftritts eines sehr talentierten 16-jährigen Mädchens: Judy Garland, die ihre Heldin jung, aber nicht kindisch spielt.

Selbst heute reichen die Echos von Oz immer noch in alle Ecken des Filmschaffens hinein, von den legendären “Star Wars”-Charakteren Chewbacca und C3PO bis hin zu häufigen Referenzen in der Serie “Lost”, von Bearbeitungen für Graphic Novels bis hin zu einer etwas skurrilen Verbindungen mit Pink Floyd. Die Legende besagt, dass, wenn man ihre Platte „The Dark Side of the Moon“ beim “dritten Gebrüll des MGM Löwen” zu startet, die Musik perfekt zur Handlung passt.

Unter den Bewunderern von Oz ist David Lynch einer der größten. Bekannt für seine surrealistischen Filme, die oft die Grenzen zwischen Realität und Traumwirklichkeit sprengen. Lynch hat oft Themen und Motive aus Oz benutzt, am offensichtlichsten in „Wild at Heart“. Der Film enthält nicht nur Verweise auf die gelbe Ziegelsteinstraße und die rubinroten Pantoffeln (die Laura Dern trägt), sondern auch auf Glinda, die gute Hexe, die Nicholas Cage in der Rolle des Sailor erscheint.

Dies sind nur einige von vielen Beispielen dafür, wie Oz und Dorothy Gale in den Köpfen der heutigen Welt lebendig bleibt. Der Gesamteinfluss ist vielleicht unberechenbar, weil neben Filmemachern, Comicschaffenden und Musikern auch unüberschaubar viele Autoren auf das Werk referieren – an prominenter Stelle Stephen King genannt. Und deshalb steht Dorothy Gale stellvertretend auf unserer Liste der Ikonen.

Phileas Fogg – In 80 Tagen um die Welt

Phileas Fogg ist die Hauptfigur des 1873 erschienenen Romans „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne, ein reicher britischer Gentleman, der sich kaum in der Öffentlichkeit zeigt. Trotz seines Reichtums führt Fogg ein bescheidenes Leben mit Gewohnheiten, die er mit mathematischer Präzision ausführt. Über sein gesellschaftliches Leben lässt sich nur wenig sagen, außer dass er Mitglied des Reformclubs ist. Nachdem er seinen früheren Kammerdiener James Forster entlassen hat, weil er ihm Rasierwasser mit einer Temperatur von 29 °C (84 °F) statt 30 °C (86 °F) gebracht hat, stellt Fogg den Franzosen Jean Passepartout als Ersatz ein.

Phileas Fogg
Frontispiz: Phileas Fogg. „Around the World in Eighty Days“ von Jules Verne (Osgood, 1873).

Im Reformclub wird Fogg in einen Streit über einen Artikel im Daily Telegraph verwickelt, in dem es heißt, dass man durch die Eröffnung einer neuen Eisenbahnstrecke in Indien nun in 80 Tagen um die Welt reisen könne. Während sich die Clubmitglieder einig sind, dass dies unmöglich ist, wettet Fogg 20.000 Pfund, dass er das durchaus schaffen würde. Heute entspräche dieser Wetteinsatz in etwa zwei Millionen. Aber damals wie heute handelt es sich dabei um die Hälfe von Foggs Gesamtvermögen. Er scheint sich seiner Sache also ziemlich sicher zu sein.

In Begleitung von Passepartout verlässt Fogg London am 2. Oktober 1872 exakt um 20:45 Uhr mit dem Zug; um die Wette zu gewinnen, muss er am 21. Dezember, also 80 Tage später, zur gleichen Zeit zum Club zurückkehren. Die Reisenden nehmen die restlichen 20.000 Pfund von Foggs Vermögen mit, um damit die Reisekosten decken zu können.

Das an sich wäre nur eine Anekdote und keine große Geschichte, aber Verne weiß natürlich ein weiteres Hindernis einzubauen. Phileas Fogg wird nämlich tatsächlich verdächtigt, die Bank von England ausgeraubt zu haben. Aus diesem Grund wird er von einem Detektiv namens Fix verfolgt. Davon ahnt Fogg nichts, auch als die beiden in der zweiten Hälfte des Buches zusammenarbeiten. Fix hat ein natürliches Interesse daran, Fogg ins Vereinte Königreich zurückzubringen, vorher kann er ihn nämlich gar nicht verhaften.

In Indien rettet er die verwitwete Prinzessin Aouda während der Beerdigung ihres Mannes vor Suttee, und sie begleitet Fogg für den Rest seiner Reise. Sie und Fogg verlieben sich schließlich ineinander und heiraten am Ende des Buches. Fogg, der sorgfältig jeden Tag in seinem Tagebuch festgehalten hat, glaubt mittlerweile, dass er am Sonntag zu Hause ankommt und seine Wette somit verloren hat. Fast zu spät entdeckt er seinen Denkfehler. Er hat nämlich vergessen, seine Zeitrechnungen mit dem Überschreiten der Datumsgrenze abzugleichen. Er gewinnt seine Wette also doch.

Als eine viktorianische Abenteuergeschichte könnte man das alles einfach so stehen lassen. Tatsächlich kennen die meisten die Geschichte so, und so ist sie auch in der Popkultur verankert.

Der amerikanische Science Fiction- und Fantasy-Autor Philip José Farmer tat das nicht und veröffentlichte 1973 „The Other Log of Phileas Fog“, das 1976 unter dem Titel „Das echte Logbuch des Phileas Fog“ auch auf deutsch erschien. In diesem Roman erzählt Farmer die angeblich wahre Geschichte hinter einigen Rätseln, die der Originalroman von Jules Verne mit sich brachte. Im Vorwort stellt Farmer gezielte Fragen über den Helden. Er fragt sich: „Warum ist Foggs Herkunft so geheimnisumwittert?, Warum führte er sein Leben so, als wäre er ein programmierter Roboter?“

Farmer weist darauf hin, dass in Jules Vernes Roman viele seltsame Dinge vorkommen, die entweder gar nicht oder zumindest nicht gut erklärt wurden. Allerdings sei jetzt das geheime Tagebuch von Fogg aufgetaucht und die ganze Geschichte käme endlich ans Tageslicht.

Das ursprüngliche unkomplizierte Abenteuer aus dem viktorianischen Zeitalter wird zur Tarnung für einen Teil einer komplizierten Verschwörung, die von einem geheimen Krieg zwischen außerirdischen Fraktionen angetrieben wird, die sich gegenseitig vernichten wollen. Neben dem Krieg gegen Außerirdische gibt es auch Verbindungen zu anderen berühmten literarischen Figuren, darunter Kapitän Nemo aus Jules Vernes berühmter Geschichte um das U-Boot Nautilus. Mit einer Kombination aus Abenteuern aus der viktorianischen Ära und Science-Fiction-Elementen ist dieser Roman einer der Vorläufer des heutigen Steampunk, den ich allerdings nicht in meine Liste der 8 Romane aufgenommen habe, die das Genre definieren.

Ungeachtet dessen gelingt es Farmer in hervorragender Weise, Ungereimtheiten im Originalroman von Verne aufzuspüren und dann ausgeklügelte Erklärungen und Abenteuer zu entwickeln, um zu erklären, was wirklich passiert ist. Er schildert große Teile der Weltreise im Detail und fügt neue Abenteuer hinzu.

Zum ersten Mal verfilmt wurde der Stoff 1913 in einem deutschen Stummfilm, ist aber eher als Parodie zu verstehen. 2019 folgte eine weitere deutsche Adaption, ebenfalls eine Komödie. Aber die wohl beste und berühmteste Verfilmung ist die von 1956 mit David Niven in der Rolles des Phileas Fogg. Pierce Brosnan spielte ihn in der Fernsehadaption von 1989 und Steve Coogan in der Disney-Version von 2004. Natürlich gibt es auch zahlreiche Animationsserien, Hörspiele und Zeichentrickfilme, Querverweise und Reiseberichte, unter anderem von Michael Palin, einem Mitglied von Monthy Python, der diesbezüglich eine Dokumentation für die BBC moderierte, die Foggs Reise und Verkehrsmittel so genau wie möglich nachstellte und das Kunststück vollbrachte, auf diese Weise die Welt in 79 Tagen und 7 Stunden zu umrunden.

Die okkulte und symbolische Dimension von James Bond

Laut Adam Howard von der National Broadcasting Company ist jeder Bond ein interessanter Spiegel seiner Zeit. So spiegelte Sean Connery zum Beispiel die sanfte Kraft wider, die die Kultur während des Kalten Krieges benötigte. Wer hat schon Angst vor Kommunisten, wenn es so elegante Operateure wie Bond gibt? Nach Watergate war jedoch Roger Moores pingeliger Bond ein großer Gegenpol zur Ernüchterung der damaligen Zeit.

Was Timothy Dalton betrifft, so tauchte sein weniger sexualisierter 007 auf der Leinwand etwa zur gleichen Zeit auf, als Amerika anfing, sich mit der zunehmenden AIDS-Krise auseinanderzusetzen. Und mit seinem Schwerpunkt auf Gadgets und extravaganten Stunts repräsentierte Pierce Brosnan den Tech-Boom der 90er Jahre. Heutzutage hat Daniel Craig uns eine Post-9/11-Version gegeben.

Wenn man Ian Flemings James Bond betrachtet – diesen scheinbar makellosen Gentleman-Agenten, der mit kalter Präzision tötet, trinkt, liebt und überlebt –, scheint man zunächst einer reinen Pop-Ikone gegenüberzustehen, einem Archetypus des modernen Abenteurers. Die Romane haben sich über 100 Millionen Mal verkauft, und das Film-Franchise ist das zweiterfolgreichste der Geschichte, nachdem es durch die Harry Potter-Reihe abgelöst wurde. In den Romanen und Filmen gibt es jedoch tiefere Unterströmungen, Themen, Symbole und Botschaften, die in eingehenden Analysen bestätigt wurden und die vor allem der Semiologe und Autor Umberto Eco akribisch untersuchte. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde Bond zum Gegenstand des akademischen Interesses und der literarischen Seriosität. Und unter der glänzenden Oberfläche seiner Maßanzüge und Aston Martins verbirgt sich noch ein weiteres, dunkles Narrativ: Bond als Werkzeug einer verborgenen Ordnung, als Symbolfigur einer metaphysischen Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis. Der Mythos des 007 ist weniger eine Spionagegeschichte als vielmehr ein modernes Mysterium – und Ian Fleming war sich dessen sehr bewusst.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Die meisten kennen Bond nicht gerade als Feinschmecker. Aber in den Büchern ist der Superspion ein regelrechter Gourmet. Luxuriöse Mahlzeiten, die bis ins kleinste Detail beschrieben wurden, gehörten für die britische Öffentlichkeit ebenso zu Bond wie Sex und Spionage.

Fleming wusste, dass merkwürdige Speisen die Leser an die exotischen Orte brachte, die er in den Romanen beschrieb. Er gab Bond einen extravaganten Geschmack und ließ den Doppelagenten Steinkrebse und ein Fleischgericht namens “Brazzola” schlemmen (das es nicht wirklich gibt). Dennoch wird schnell klar, warum man Bonds gastronomische Zwänge in den Filmen weg ließ. Zu hören, dass Bond von Schalentieren besessen ist, ist nicht ganz so cool wie zu sehen, wie er seine Martinis auf die allen bekannte Weise bestellt.

Die 14 Bond-Bücher, die von Ian Fleming geschrieben wurden, waren eine Art Fantasy-Version von Flemings realen Erfahrungen als Mitglied des britischen Marinegeheimdienstes. Der Autor war jedoch völlig unbekannt, als “Casino Royale” Veröffentlicht wurde, aber er war entschlossen, das Buch zu einem Erfolg werden zu lassen. Das will im Grunde zwar jeder, aber Fleming hatte die nötige Durchsetzungskraft. Zunächst schrieb er Briefe an Zeitungsredakteure und legte jedem Schreiben ein signiertes Buch bei. Er wandte sich sogar an den angesehenen Autor Somerset Maughan, der ihm mitteilte, dass ihm das Buch sehr gefallen habe. Als Fleming fragte, ob er seine freundlichen Worte verwenden dürfte, antwortete Maugham mit einem schlichten Nein.

Dennoch war Fleming kein Mann, der aufgab, und als das Buch einen Verlagsvertrag in Amerika bekam, erhöhte Fleming den Druck. Er schrieb an jeden Freund, den er kannte und versuchte, in die Vogue oder Time zu kommen, kurz: er meldete sich bei allem und jedem, der ihn in irgendeiner Weise bekannt machen könnte. Trotzdem verkauften sich seine Bücher weiterhin schlecht. Das änderte sich aber, als Fleming den gesundheitlich bereits sehr angeschlagenen Raymond Chandler traf. Natürlich bat Fleming den Todkranken, seinen Roman zu promoten.

Und Fleming ging noch weiter. Als Anthony Eden, der britische Premierminister von der Belastung der Suez-Krise krank wurde, bot Fleming dem Politiker eifrig einen Ort zum entspannen an: ein abgelegenes Haus in Jamaika, das ihm gehörte und das Fleming “Goldeneye” nannte. Der Ort verfügte jedoch weder über ein Telefon, heißes Wasser oder ein Badezimmer. Schlimmer noch, es liefen Ratten auf dem Dach herum. Es war nicht gerade ein großartiger Ort für einen kranken Mann, aber Fleming war begeistert von dem Besuch, in der Hoffnung, dass Edens Aufenthalt in Goldeneye seinen “amerikanischen Umsatz” steigern würde. Und ob man es glaubt oder nicht, das verrückte PR-Wagnis funktionierte und Fleming wurde erstmals in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Doch der eigentliche Bond-Kult begann 1963, als der amerikanische Präsident John F. Kennedy erklärte, dass Flemings Bücher seine Bettlektüre seien. Kennedy hatte Fleming 1960 auf einer Dinnerparty kennengelernt und ihn gefragt, wie man Fidel Castro stürzen könnte. Fleming erfand für Kennedy eine bizarre Handlung, in der es darum ging, dass man Castro davon überzeugen müsse, dass sein Bart Strahlung auf sich zog, damit er sich den Bart abrasiere, was dazu führen würde, dass Castro sein Glück völlig verlies.

Das Geheimnis von James Bond

Fleming, selbst Veteran des britischen Geheimdienstes, war kein Feldspion, sondern ein Architekt im Schatten. Er entwarf Operationen, deren wahre Natur oft verschleiert blieb, und bewegte sich in einer Welt aus Desinformation, Doppelidentitäten und ritualisierter Täuschung. In dieser Atmosphäre entwickelte sich auch sein literarisches Denken: Die Spionage wurde für ihn zu einer Metapher für die metaphysische Grenzüberschreitung, für das beständige Spiel zwischen Erkenntnis und Verblendung. Dass er Bond nach einem Ornithologen benannte – „James Bond“ aus Birds of the West Indies –, war kein Zufall. Der reale Bond war ein stiller Naturforscher, ein Mann der Beobachtung. Fleming überführte diesen Namen in eine andere Sphäre: Aus dem Beobachter der Vögel wurde der Beobachter des Menschlichen, der Spuren des Bösen.

Schon die Chiffre „007“ trägt eine okkulte Signatur. Die Doppelnull gewährt die „Lizenz zum Töten“ – das heißt, zur Überschreitung der moralischen Ordnung im Namen einer höheren Autorität. Die Sieben, traditionell die Zahl der Vollendung und des göttlichen Geistes, verbindet sich hier mit der Macht des Todes. Bond ist damit kein gewöhnlicher Agent, sondern ein geweihter Vollstrecker, ein Werkzeug des Schicksals. Er tötet nicht aus Lust, sondern im Vollzug einer kosmischen Ordnung, die er selbst kaum begreift. Die Romane und Filme wiederholen dieses Motiv beständig: Bond tritt stets in die Welt des Bösen ein, infiltriert sie, zerstört sie und kehrt zurück – gereinigt, aber nie erlöst. Es ist ein ritueller Zyklus, ein modernes Mysterium.

Die Gegner, auf die Bond trifft – von Le Chiffre über Blofeld bis Silva –, sind keine bloßen Verbrecher, sondern Symbolfiguren der Entropie, des Chaos, der Auflösung. Sie repräsentieren die Kräfte, die die Ordnung zersetzen: Gier, Hybris, Technokratie, Nihilismus. Bond begegnet ihnen als eine Art Templer moderner Zeit: diszipliniert, allein, in seinem Glauben an eine übergeordnete Mission verankert. Der Martini wird zum Sakrament, die Walther PPK zum Schwert. Die geheime Organisation MI6 – mit ihrem allsehenden „M“ an der Spitze – wirkt wie ein säkularer Orden, eine Hierarchie des Wissens, in der nur Eingeweihte Zutritt haben. Fleming, der in seiner Jugend mit esoterischen Ideen und dem Hermetismus flirtete, übersetzte alte Rituale der Initiation in den Code des Kalten Kriegs.

Diese esoterische Lesart setzt sich in der filmischen Ikonographie fort. Der berühmte Gun Barrel-Vorspann, der seit 1962 jeden Bond-Film eröffnet, ist selbst ein Initiationssymbol: Der Zuschauer blickt durch das Auge des Todes – das Laufinnere einer Waffe – auf den Helden, der dieses Auge besiegt, indem er zurückblickt und tötet. Das Bild ist eine moderne Umkehrung des mythologischen Prinzips des Drachentöters: Der Blick des Vernichters wird auf ihn selbst gerichtet, und der Held siegt, indem er das Auge der Bedrohung übernimmt. Bond tötet den Blick selbst – und tritt damit in das Reich der Kontrolle und des Bewusstseins. Es ist, als ob jede Mission ihn tiefer in das Zentrum eines hermetischen Labyrinths führt, das von der Weltpolitik nur den Vorwand liefert.

In dieser Hinsicht ist James Bond nicht bloß ein britischer Agent, sondern ein Archetyp der Moderne – ein Erbe des alchemistischen Suchers. Während der klassische Held in mythischen Zeiten den Drachen erschlägt, um das Reich zu retten, tötet Bond die Verkörperung des Bösen, um das fragile Gleichgewicht einer Welt zu wahren, die längst keine metaphysische Ordnung mehr kennt. Seine Missionen gleichen Prüfungen: Versuchung, Initiation, Sieg, Rückkehr. Doch das Ergebnis ist nie Erlösung – nur Wiederholung. Deshalb bleibt Bond innerlich leer, ein „blunt instrument“, wie Fleming selbst ihn nannte. Er ist das Werkzeug, nicht der Schöpfer. In dieser Leere liegt die Essenz seines Geheimnisses.

Auch in Flemings Biographie spiegelt sich diese Dualität. Der Autor war von einer tiefen Ambivalenz zwischen Hedonismus und Moral durchdrungen. Seine Villen, seine Frauen, sein Hang zu Exzess und Selbstzerstörung – all das verweist auf eine Persönlichkeit, die in Bond eine Art magischen Spiegel schuf. Bond lebt Flemings Wunschtraum und Selbstverachtung zugleich. Manche Biographen sehen in ihm den „gefallenen Engel“ des Empire, einen Luzifer, der das Böse bekämpft, während er ihm in Stil und Geist gleicht. Der Feind ist immer ein Spiegelbild; jede Konfrontation eine Selbstprüfung.

Die filmische Bond-Tradition hat diese Dimension bewusst beibehalten, auch wenn sie sie nie explizit benennt. Skyfall etwa führt Bond an den Ort seiner Kindheit zurück – ein ritueller Rückzug in die Unterwelt, wo er sich der eigenen Herkunft und dem Tod seines Vaters stellt. Das Haus „Skyfall“ wird zum archetypischen Haus des Schattens, ein Ort, an dem der Agent sich selbst als mythische Figur erkennt. Spätestens hier tritt Bond offen als Symbolfigur auf: nicht mehr bloß Spion, sondern Stellvertreter einer zerrissenen Moderne, die nach Sinn sucht, aber nur noch Stil kennt.

Vielleicht liegt genau darin das letzte Geheimnis von James Bond: Er ist der moderne Mystiker ohne Gott. Seine Religion ist der Auftrag, sein Gebet das Handeln, sein Glaube die Präzision. In einer Welt, die an metaphysischem Sinn verarmt ist, verkörpert er die Sehnsucht nach dem Absoluten – verkleidet in Zynismus, Maßanzug und Coolness. Der Martini, das Casino, das Bett – sie sind keine banalen Vergnügungen, sondern Riten einer Initiation, deren Ziel nicht das Heil, sondern das Überleben ist. Bond ist der Ritter einer entzauberten Welt, und sein Sieg besteht darin, das Geheimnis zu bewahren, das ihn selbst ausmacht.

Spider-Man – Die Spinne

Auch nach über fünfzig Jahren macht sich Spider-Man als Außenseiter immer noch recht gut. Man versucht immer wieder, ihn zu verfilmen, und er schafft es irgendwie, sowohl bei Kindern als auch bei seinen langjährigen Fans authentisch zu bleiben. Spider-Mans anhaltender Erfolg hat allerdings wenig mit seiner Fähigkeit zu tun, Wände hochzukrabbeln, seinen übermenschlichen Kräften oder seinem coolen Kostüm. Die Fans lieben Spider-Man, weil er Probleme damit hat, seine Miete zu bezahlen. Er war nicht gerade der beliebteste Kerl in der Schule und hatte auch nicht immer Erfolg bei Mädchen. Comicleser – oder „die wahren Gläubigen“, wie Spider-Mans Miterfinder Stan Lee sie nennt – folgten dem Netzschwinger wegen seines menschlichen Alter Egos Peter Parker, der mit den gleichen täglichen Herausforderungen zu kämpfen hat wie sie selbst.

Spider-Man

Bevor Spider-Man 1962 debütierte, waren Batman und Superman die beiden populärsten Comic-Helden. Diese beiden und viele andere in ihrem Dunstkreis wurden als gottgleich gezeichnet: Sie schienen omnipräsent zu sein und hatten die körperlichen Eigenschaften eines Adonis. Da gab es eine ganz klare Linie zwischen den Helden und den Menschen, die sie beschützten. Lee und Spider-Man-Mitgestalter Steve Ditko verwischten diese Grenze, als ihr Wandkrabbler in der 15. Ausgabe von Marvel Comics’ „Amazing Fantasy” seinen ersten Auftritt hatte.

Lee, der 1961 mit der Einführung der „Fantastischen Vier” einen Erfolg verbuchen konnte, wollte einen einzigartigen Helden erschaffen, der nicht in die Superman-/Batman-Ecke des Comic-Universums passte, aber in der jungen „Amazing Fantasy”-Serie funktionieren könnte. Trotzdem war sein Verleger Martin Goodman sehr skeptisch.

„Martin sagte mir drei Dinge, die ich niemals vergessen sollte“, sagt Lee. „Er sagte, die Leute hassen Spinnen, deshalb könne man einen Helden nicht ‚Spider-Man‘ nennen. Als ich ihm dann sagte, dass der Held am Anfang ein Jugendlicher sein sollte, meinte Martin, dass ein Jugendlicher unmöglich ein Held sein könne, höchstens ein Gefährte. Als ich ihm dann noch sagte, dass ich ihn nicht gerade erfolgreich bei den Mädchen sein lassen wollte, sondern eher an einen pickligen Schüler dachte, fragte Martin mich, ob ich überhaupt eine Vorstellung davon hätte, was ein Held sei.“

Den Lesern wird Peter Parker als ein schüchterner, hochintelligenter Außenseiter vorgestellt, der bei seiner Tante May und seinem Onkel Ben lebt. Er ist das Opfer vieler Späße der angesagten Jungs und ein Objekt der Verachtung der Mädchen. Peter, ein einsames Waisenkind, hat nur zwei Freunde: seine Tante und seinen Onkel.

Sein Leben ändert sich, als er auf einer Schulfahrt von einer radioaktiven Spinne gebissen wird. Plötzlich verfügt er über außergewöhnliche körperliche Kräfte und die Sinne einer Spinne. Zunächst führt er heimlich eine Nebenbeschäftigung als „The Spider-Man“ aus, bei der er nach der Schule in zirkusähnlichen Shows auftritt.

Bei einer dieser Shows weigert sich „The Spider-Man“, einen Räuber aufzuhalten, der vor einem Polizisten flieht. Dieser Räuber wird später Peters Onkel Ben bei einem Einbruch töten und den gequälten Teenager so dazu bringen, sein Leben und seine Kraft dem Kampf für Gerechtigkeit zu widmen. Spider-Man hat die Lektion gelernt, die sein Onkel ihm kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab: „Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“

Von Anfang an wurden den Lesern Spider-Mans Menschlichkeit und Schwächen vor Augen geführt. Selbst mit seinen Fähigkeiten konnte er seine Lieben nicht vor Schaden schützen und war den täglichen Härten des Lebens ausgeliefert. Das sind die zwei grundlegenden Themen, die in den Comics immer wieder auftauchen. Damit konnten sich die Leser identifizieren.

Batman und Superman haben sich bewusst dazu entschlossen, ihre Kräfte für das Gute einzusetzen“, sagt Thomas Inge, Professor für englische Literatur und Geisteswissenschaften am Randolph-Macon-College in Virginia. „Superman kam mit dieser Gabe auf die Welt, während Batman sein Leben der Rache widmete, weil seine Eltern ermordet wurden. Peter Parker wurde hingegen zufällig zum Superhelden. Er ist 16 Jahre alt, unbeliebt in der Highschool, hat Akne und eine Menge Probleme. Gewissermaßen hat er keine andere Wahl, weil seine Kräfte ihm auferlegt wurden. Wir könnten alle Peter Parker sein.“ Inge fügt hinzu:

“Es gehört zu unseren typischen Fantasien, uns selbst zu entkommen. Manchmal wollen wir einfach jemand anders sein.”

Nach Spider-Man eroberten immer mehr Superhelden, die mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hatten, die Comics. Während sich „Die Unsichtbare“ der Fantastischen Vier über Dr. Doom (und wie die Welt zu retten ist) Gedanken macht, plagt sich ihre Alter Ego Susan Richards damit, für ihren Ehemann Reed Richards (Mr. Fantastic), den Workaholic der Gruppe, vielleicht wirklich unsichtbar zu sein.

Iron Mans Alter Ego, Tony Stark, kämpfte in den 70ern mit seiner Alkoholsucht. Bruce Banner war nicht nur das Opfer einer Gammastrahlenexplosion, sondern verwandelt sich auch immer dann in den Hulk, wenn er verärgert ist. In den Geschichten der 90er Jahre wurde aufgedeckt, dass er als Kind missbraucht wurde, was eine Menge Wut in ihm zum Gären bringt.

Dadurch wurden selbst langjährige Charaktere menschlicher. In den DC-Comics tauchten immer mehr Geschichten auf, in denen sich Clark Kent fragt, ob Lois Lane ihn als den sanften Reporter des Daily Planet oder als seine geheime Identität Superman liebt.

„Nach Spider-Man hatte jeder die Formel verstanden, die Stan Lee entwickelt hatte, um die kostümierten Helden greifbarer zu machen. Man muss die private Seite zeigen, um sie interessant zu machen“, sagt Joe Quesada, Chefredakteur bei Marvel Comics. „Wenn die Helden stets nur den Sieg davontragen, ist das Thema nach einiger Zeit ausgelutscht.“

Spider-Man hat gezeigt, dass Comicleser ihre Helden übermenschlich, aber mit einigen Schwächen wollen. Sie nutzen die Helden für ihren Eskapismus, wünschen sich aber auch einen Schuss Realität. Spider-Man spiegelt die jahrzehntelange Anziehungskraft fehlerbehafteter Helden wider. Samsons Haar war seine Stärke – und ein leichtes Ziel für Delilah. Achilles hatte seine Ferse.

„All unsere Helden haben eine Schwachstelle, die sie liebenswert macht“, sagt Inge. Sie haben eine ambivalente Moral. Huck Finn war zum Beispiel kein idealer Charakter. Er tat einige fragwürdige Dinge, um das zu bekommen, was er wollte, und stand vor einem moralischen Dilemma, als es um Jim, den Sklaven, ging, bevor er das Richtige tat.“

Ein Großteil des Realismus von Spider-Man gründet auf seiner Umgebung. Superman und Batman beschützen hingegen die fiktiven Städte Metropolis bzw. Gotham. Peter Parker ist in New York zu Hause, als Jugendlicher lebte er in Queens. Später zieht er nach Hell’s Kitchen, um dort als freiberuflicher Fotograf zu arbeiten.

Das ist auch der Grund, warum Spider-Man der erste Charakter war, der auf die Terroranschläge des 11. Septembers innerhalb einer Storyline reagierte. Diese Ausgabe, „Amazing Spider-Man” Nr. 36, war eine der meistverkauften Comics überhaupt.

Amazing Spider-Man #36; Marvel 2001

Es ist unklar, aber äußerst unwahrscheinlich, ob die Superheldenfilme den Comics mehr Leser beschert haben oder ob jüngere Leute dadurch wieder zu Comics greifen. Tatsächlich sind in Comicläden weltweit hauptsächlich Geschäftsleute mit Aktentaschen, aufstrebende Künstler oder Schriftsteller zu sehen – aber keine Kinder oder Jugendlichen.