Larry Brent (Der erste Gruselkrimi)

Wissenschaftler standen Ende der 60er Jahre hoch im Kurs. Die Counter Culture, die aus Amerika herüberschwappte und ihre Spuren auch in Europa hinterließ, hatte außer Flower Power auch das Interesse am Okkulten mitgebracht. Die Manson-Family machte erste Schlagzeilen und bahnbrechende Horrorfilme wie „Rosemaries Baby“ und „Die Nacht der lebenden Toten“ eroberten die Kinos. Auch im Heftroman-Sektor war es Zeit für etwas Neues.

Silber-Krimi Nr. 747 vom 27.08.1968
Silber-Krimi Nr. 747 vom 27.08.1968

Das Grauen schleicht durch Bonnards Haus erschien als Silber–Krimi Nr. 747 im damaligen Zauberkreis-Verlag, der 1985 an Pabel verkauft und 1987 seine Pforten für immer schloss, und war in erster Instanz atmosphärisch und lag näher an der Gothic Novel – also am Schauerroman – als am Horror. Jürgen Grasmück alias Dan Shocker hat dann auch einen Begriff geprägt, der den “Horror” im Heftroman genau definiert und den es in keiner anderen Sprache gibt: Grusels; eine genuin deutsche Sprachleistung wie etwa das Wort “unheimlich”, das mit dem englischen “uncanny” zwar eine Annäherung an die Bedeutung des Begriffs erfährt, sie aber nicht präzise abdeckt. Natürlich steckt in der Pluralisierung Grusel – Grusels ein Fehler, der sozusagen bewusst die englische Pluralendung an ein deutsches Wort anhängt (ähnlich wie man das umgangssprachlich etwa bei “Dingens” macht). Eine Mehrzahl von Grusel gibt es nicht, nur der Genitiv (des Grusels) käme also in seiner korrekten Form mit einem “s” daher, ist hier aber natürlich nicht gemeint. Vergessen wir aber nicht, dass bis weit in die 70er Jahre hinein bereits eine merkliche Amerikanisierung der deutschen Sprache stattfand. Ein Mädchen hieß plötzlich “Girl”, das Wohnzimmer wurde “Living Room” genannt, man „steppte“ zur Seite und sprang nicht mehr, und so fort.

Grusel – Gruselkrimi – Grusels 

Das Stammwort gruseln bezeichnet einen Kälteschauer und gleichzeitig einen Schauer der Angst, eine eigentliche Faszination, die dem Phänomen des Horrors zugrunde liegt, das H. P. Lovecraft einmal als “das älteste Gefühl des Menschheit” bezeichnet hat. Der Begriff “German Grusel“, aus dem dann Anfang der 70er Jahre vom Zauberkreis-Verlag der “Gruselkrimi” abgeleitet wurde, ist eine Prägung der Edgar-Wallace-Filmreihe und bezeichnete bereits in seinen Anfängen die Genremixtur aus klassisch englischem Krimi-Ambiente (das seinerseits aus der Gothic Novel entstanden ist), und einer modifizierten Variante des Schauerromans selbst, die mit dem, was wir heute mit dem Begriff Urban Fantasy (Vampire, Werwölfe, Hexen treten auf, ganze Mythologien werden rudimentär verwendet oder auf den Kopf gestellt und sogar neu erfunden) grob umrissen werden kann. Andererseits ist der Gruselkrimi derart eigen, dass man damit auch nur eine ungefähre Annäherung zur Verfügung hat.

Er ist mittlerweile sogar in englischsprachigen Ländern geläufig, was einiges bedeutet. Als Vorläufer kann man durchaus die okkulten Krimigeschichten, die eine Mischung aus Pulp, Krimi und Abenteuergeschichte, gepaart mit einer Portion übernatürlichem Horror, sehen, mit der amerikanische und britische Autoren eine Art Pionierarbeit geleistet haben. Horrorautoren wie William Hope Hodgson (Carnacki), Algernon Blackwood (John Silence), Seabury Quinn (Jules de Grandin), Manley Wade Wellman (John Thunstone) und in jüngster Zeit Brian Lumley (Titus Crow) haben sich alle an die Ermittler des Unbekannten gewagt. Viele ihrer fiktionalen Kreationen wurden zuerst in Magazinen wie Weird Tales gedruckt, die von 1923 bis 1954 erschienen. Deutsche Gruselkrimi-Autoren begannen viel später als ihre britischen und amerikanischen Pulp-Kollegen und hörten im Gegensatz zu ihnen nie auf zu schreiben.

Frischer Wind im Silber-Krimi

Der erste Band der eigenen Serie erschien als Nachdruck am 21.4.1981
Der erste Band der eigenen Serie erschien als Nachdruck am 21.4.1981

Die Geschichte geht so: Auf der Frankfurter Buchmesse 1967 klagte der damalige Verlagsleiter des Zauberkreis-Verlages Jürgen Grasmück sein Leid mit der Krimi-Reihe “Silber-Krimi”. Die Verkaufszahlen sanken kontinuierlich. Man wollte sich Gedanken über etwas Neues machen. Jürgen Grasmück machte etwas Neues, er schrieb das Exposé für den ersten Larry Brent-Roman, das angenommen wurde und nach der Veröffentlichung am 28. August 1968 für einiges Aufsehen sorgte. Zum ersten entstand durch die Gruselkrimis eine Subkultur des etwas “schrägen”. Während ein Krimi im Laufe der Jahrzehnte in den Mainstream Einzug fand, lag über einer unbürgerlichen (oder unrealistischen) Thematik stets ein Hauch des Andersartigen, vergleichbar mit der Heavy-Metal-Subkultur der 70er und 80er Jahre. Eine Abgrenzung zu “Tarzan” oder einem Edgar-Wallace-Krimi war nicht mehr gegeben. Das zeigte schon die Reaktion von Eltern und Lehrern auf dieses Medium (in das sich ja sogar die Bildungspolitik einzumischen versuchte). Tatsächlich passierte hier das, was in Jugendkulturen stets zu beobachten ist. Allerdings ist ein Heftroman etwas anderes als ein Film oder eine populäre Band, und bleibt schon aus diesem Grund weit hinter deren Einflussbereich zurück.

Es bildet sich ein Stück regionaler und persönlicher Epoche in der Epoche heraus, die zwar durch das kulturelle Geschehen in der Welt grundsätzlich mit dem herrschenden Zeitgeist verbunden ist, aber eine eigene Dynamik entwickelt, die nur Ansatzweise mit Entwicklungen in anderen Ländern zu vergleichen ist. Auch wenn man es nicht glaubt, hat das muffige Deutschland gerade dafür gesorgt, dass so etwas wie der Gruselkrimi entstehen konnte. Das wirklich Interessante allerdings ist der lange Atem, denn auch wenn die große Zeit des Heftromans vorbei ist, finden wir sie noch immer vor. Es scheint sogar, als sei hier im kleinen ein Generationswechsel möglich gewesen, etwas, das der Entwicklung der Popkultur eigentlich widerspricht. Grasmück ließ den Übergang vom Krimi zum Gruselkrimi glaubhaft geschehen, indem er eine wissenschaftliche Erklärung für seine Version der Vampire bot, alles andere hätte die Leser zu dieser Zeit vermutlich so erschreckt, dass sie ihm nicht gefolgt wären.

Das tut der Atmosphäre keinen Abbruch, auch wenn es hier nur einen Hauch Übersinnliches gab (eine wiederbelebte Mumie). Phantastisch ist die Erzählung allemal und orientiert am Abenteuer und am Agentenmillieu, aus dem Larry Brent schließlich stammt. Und auch, wenn hier Larry Brent eingeführt wird, gibt es zunächst den klassischen Kommissar, der in den merkwürdigen Fällen ermittelt. Die Verwicklungen stehen sogar keinem amerikanischen Thriller aus den 30er, 40er und 50er Jahren nach – wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man etwa John Buchans “Die 39 Stufen” liest. Die Problematik bestand also eher im deutschsprachigen Kulturkreis und im Milieu des Heftromans selbst und garantiert nicht in der Ausführung, auch wenn es einiger sprachlicher Überarbeitungen bedurft hätte, um daraus einen internationalen Knüller zu machen. In der BRD galt zu dieser Zeit selbst der Kriminalroman als Schund. Und eine oberlehrerhafte Dummheit ist bis heute das Markenzeichen des Kulturbetriebs in diesem Land, weshalb auch kaum eine kreative Strömung eine größere Bedeutung erlangt im Vergleich zu anderen westlichen Ländern.

Das Abenteuer

In der Umgebung von Maurs ist es in den letzten sieben Monaten zu rätselhaften Vorfällen gekommen, bei denen Vampire gesichtet wurden und mehrere Menschen tatsächlich Bissspuren am Hals aufweisen. Als zum ersten Mal eine Leiche auftaucht, erinnert sich Kommissar Sarget an die Aufforderung des Innenministeriums, solche Sonderfälle sofort weiterzuleiten. Wir hören also zum ersten Mal von der PSA, der Psychoanalytischen Spezialabteilung unter der Leitung des geheimnisvollen David Gallun, der durch einen schweren Unfall vier Minuten lang klinisch tot war, dadurch aber die Fähigkeit besitzt, Stimmungen und Gefühle in Menschen zu erzeugen und wahrzunehmen. Er wurde zwar gerettet, aber ist seitdem blind. Als wir Larry Brent zum ersten Mal begegnen, ist er noch FBI-Agent, der sich während seines Urlaubs Europa ansehen will und unversehens in einen merkwürdigen Fall stolpert und am Ende vom FBI zur PSA wechselt.

“Dieser heiße Sommertag”, heißt es da, “sollte für den Mann aus New York eine Bedeutung gewinnen, die seine Zukunft schicksalhaft bestimmte.”

Tatsächlich hat ein Professor Bonnard bei seiner letzten Reise nach Ägypten aus einem bisher unbekannten Grab kostbare Grabbeilagen und eine Mumie entwendet, in der er noch Spuren von Leben nachweisen konnte. Er hat die Absicht, diese mithilfe von frischem Blut wieder zum Leben zu erwecken, um als Ägyptologe für eine Sensation zu sorgen. Nun ist das hier allerdings kein dröger Mumien-Klamauk. Ganz im Gegenteil dreht sich das erzählerische Ablenkungsmanöver um ein Gezücht riesiger Vampirfledermäuse, die das Blut beschaffen sollen. Geschickt führt uns Grasmück zunächst den Biologen Simon Canol vor, der damit beschäftig ist, die anfallenden Leichen verschwinden zu lassen, was ihm nicht gelingt, weil er ständig dabei gestört wird. Als aller Verdacht sich schließlich wieder auf Professor Bonnard richtet, merken wir, dass ein ganz anderer Herr seine Kreise zieht. Larry Brent gelingt schließlich das, was der Polizei um Kommissar Sagret nicht gelingt. Er stößt ins Innere vor. Die Geschichte ist verwickelt und ein Rad greift ins nächste, außerdem bekommen wir viele Informationen über die PSA und deren Aufbau. Besieht man sich heutige “Heftchen”, dann muss man doch zugeben, dass dieser erste Gruselkrimi ein Flair und einen Aufbruch markiert, den bis heute nicht viele Exemplare für sich in Anspruch nehmen können.

Harry Potter – Der Zauberlehrling

Auch wenn bei einer Abstimmung über die beliebtesten Charaktere in J. K. Rowlins berühmter Serie, die von dem Verlag Bloomsbury durchgeführt wurde, Serverus Snape vor Hermine Granger als eindeutiger Gewinner hervorging, darf das nicht darüber hinweg täuschen, dass Harry Potter selbst zu einer der größten fiktionalen Popikonen aller Zeiten gezählt werden kann. Die Abstimmung – bei der er nur den vierten Platz belegte – zeigt aber eines: Wenn man von dieser unglaublichen Erfolgsgeschichte in Buch und Film spricht, dann ist das bei Weitem nicht Harry allein zu verdanken. Dumbledore, Ron Weasley, Sirius Black, Dobby – all diese Figuren bilden den Brunnen, aus dem eine jener Figuren erwuchs, die wie wenige andere die Popkultur veränderte.

Am Montag, den 26. Juni 1997, veröffentlichte Bloomsbury Children’s Books das Buch einer unbekannten allein erziehenden Mutter aus Edinburgh – ein Manuskript, das zuvor von acht anderen Verlagen als zu lang abgelehnt worden war – das erste in der von der Autorin erhofften Serie von insgesamt sieben Büchern. Mit einer Zahlung von 2.500 Pfund und einem kleinen Ratschlag (kündigen Sie nicht Ihren regulären Job, Sie werden Ihren Lebensunterhalt nie mit Schreiben von Kinderbüchern verdienen) war der Grundstein dafür gelegt, dass Joanne K. Rowling reicher wurde als die Königin von England. Ihr Buch – Harry Potter und der Stein der Weisen – wurde eines der beliebtesten und einflussreichsten der letzten 100 Jahre. Dieses Buch und die sechs, die noch folgen sollten, haben eine Generation geprägt und unsere Kultur auf unzählige Weise verändert.

Sie lehrte die Verleger, dass, solange die Bücher gut sind, Kinder sie lesen werden, egal wie lang sie sind. Vor “Harry Potter und der Feuerkelch” galt es als undenkbar, ein Kinderbuch mit 700 Seiten auf den Markt zu bringen. Mittlerweile findet man fast keines mehr, das unter 300 Seiten hat und nicht mit mindestens 3 – 6 Fortsetzungen aufwartet.

Die Harry Potter-Serie war der Grund dafür, dass die New York Times eine eigene Bestsellerliste für Kinderbücher einführte. Zu dieser Entscheidung kam es, weil die ersten drei Potter-Bücher mehr als ein Jahr lang die ersten drei Plätze der eigentlichen Bestsellerliste der New York Times anführten. Kein Buch für Erwachsene konnte da auch nur ansatzweise mithalten.

Harry Potter machte die Buchkultur zur Popkultur. Seit Dickens “Der Raritätenladen” (1840) hatte kein Buch mehr ein solches kulturelles Ereignis ausgelöst, wie es im Jahre 2007, als der letzte Band erschien, zu beobachten war. In diesem Jahr bevölkerten ganze Scharen die Buchläden, die den “Mitternachtsbuchhandel” mitmachten. Überall gab es Harry Potter-Partys.

Phantastische Tierwesen

Monster und mythische Tiere spielen in J. K. Rowlings Werk eine große Rolle. Sie verleihen symbolische und psychologische Tiefe und erinnern uns daran, dass wir einen magischen Ort besuchen. Rowling ist sowohl Erfinderin als auch Archivarin fantastischer Tiere und bevölkert ihr Universum mit einer Mischung aus klassischen Monstern (Trolle, Zentauren, Wassergeschöpfe) und solchen aus der Folklore (Bowtruckle, Erklinge), neben ihren eigenen Erfindungen (Dementoren).

Einige dieser gesammelten Monster sind weitaus bekannter als andere: Der Grindeloh und der Irrwicht zum Beispiel haben ihren Ursprung in der keltischen und englischen Folklore, sind aber kaum bekannte Namen (im Original Grindylow und Boggart). Diese relativ kleinen Kreaturen haben oft eine wenig fantastische Hintergrundgeschichte: Grindylows leben im flachen Wasser und drohen, Kinder mit ihren grünen, schilfartigen Armen zu ergreifen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass diese Wesen viel mit Wasserpflanzen gemein haben, und in den Erzählungen eine Warnung mitschwingt, sich von dieser möglichen Gefahr fernzuhalten.

Aber die überwiegende Mehrheit von Rowlings Kreaturen hat sich von der Antike in ihre moderne, magische Welt geschlichen. Fawkes der Phönix ist nicht nur ein fantastisches Tier, das zur automatischen Regeneration fähig ist, er ist auch ein historisches Wesen. Seine Färbung – rot und gold – ist die gleiche wie die der Phönixe, die Herodot in seinen Geschichten aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. Herodot ist bekannt als “Vater der Geschichtsschreibung” und gab das wieder, was ihm von Menschen erzählt wurde, die er auf seinen Reisen traf. In diesem Fall erfuhr er, dass Phönixe in Ägypten leben, fügt allerdings hinzu, dass er die Wundervögel nicht selbst gesehen hat.

Ein weiteres Harry Potter-Tier, das die Zeiten überlebt hat, ist der mehrköpfige Hund. Cerberus, der im griechischen Mythos den Eingang zur Unterwelt bewacht, ist ein Hund mit vielen Talenten, aber keiner festen Anzahl von Köpfen. Der Dichter Hesiod hielt ihn für ein 50-köpfiges Tier, Pindar war sogar noch ehrgeiziger und schlug hundert Köpfe vor. Spätere griechische und römische Schriftsteller einigten sich dann auf drei. Fluffy, der dreiköpfige Hund im ersten Potter-Roman hat mit dem mythologischen Tier zumindest gemein, dass er durch Musik hypnotisiert werden kann. Allerdings gelingt das bei Cerberus nur, wenn kein geringerer als Orpheus die Leier spielt, während Fluffy bereits von einer verzauberten Harfe in den Schlaf getragen werden kann.

In Anlehnung an den Zerberusmythos setzt Rowling Fluffy als Wachhund ein, der auf der Falltür liegt, die Harry, Ron und Hermine auf der Suche nach dem Stein der Weisen passieren müssen. Stehen die Kinder hier vor den Toren der Hölle? Zumindest durchlaufen sie Prüfungen, die auch in die Unterwelt der griechischen Mythologie passen würden: quälende Rätsel, körperliche Gefahr, emotionales Trauma.

Universelle Mythen

Der Stein der Weisen selbst hat seine Wurzeln sowohl im Mythos als auch in der Geschichte: Dumbledores Freund und Hersteller des Steins, Nicolas Flamel, war ein historischer Schreiber, der im 14. Jahrhundert in Paris lebte. Viele Jahre nach Flamels Tod wurde gesagt, er habe das Geheimnis des ewigen Lebens entdeckt. Spätere Schriftsteller schrieben ihm alchemistische Fähigkeiten zu, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass er diese tatsächlich besaß. Dennoch wurde in Paris eine Straße nach ihm benannt, was gewissermaßen eine Art Unsterblichkeit ist.

Auch der Basilisk, der sich in der Kammer des Schreckens befindet, hat seinen Namen von den Griechen und geht auf eine Niedlichkeitsform zurück, die “kleiner König” bedeutet. Rowling behielt den Teil des Basiliskenmythos, der ihn in der Lage sieht, mit seiner giftigen Kraft alles auf seinem Weg zu zerstören. Glücklicherweise hat sie für ihre Leser jene Überlieferung von Plinius dem Älteren aufgegeben, die besagt, dass der Basilisk durch den bloßen Geruch eines Wiesels getötet werden kann.

Die vielleicht rätselhaftesten Kreaturen in Hogwarts sind die Zentauren, die im Verbotenen Wald leben. Sie scheinen direkte Nachkommen der Zentauren zu sein, die auf dem Berg Pilion in Thessalien (Zentralgriechenland) gelebt haben sollen. Rowlings Zentauren hingegen bevorzugten eine waldreiche Heimat. Der edle Firenze ist ganz ähnlich dem berühmten Zentauren Chiron mit seiner Leidenschaft für Astrologie und Erziehung nachgebildet, der Achilles, Theseus und anderen griechischen Helden als Lehrer zur Seite stand. Im archäologischen Museum in Neapel befindet sich ein wunderschönes Fresko aus Herkulaneum, das Chiron zeigt, wie er Achilles das Lyraspielen beibringt. Es ist eine schöne Erinnerung daran, dass Menschen sich schon sehr lange mit mythischen Tiere beschäftigen.

Magie und Metapher

In der Folklore kommt es häufig vor, dass Kreaturen aus zwei unterschiedlichen Spezies bestehen – Zentauren, Wassergeschöpfe – sind ein häufiger Bestandteil dieser Erzählungen. Manchmal aber kommt es zu noch komplexeren Vermischungen. Der Hippogreif ist eine Kreation, die auf ein italienisches Gedicht aus dem frühen 16. Jahrhundert zurückgeht. Quellen dieser Vermischung aus einem Greif (der selbst eine Kombination aus Adler und Löwe ist) mit einem Pferd lassen sich aber noch weiter zurückführen. In seinen “Eklogen” beschreibt Virgil eine Szene, in der die üblichen Regeln nicht mehr gelten: Greife paaren sich hier mit Stuten, und ängstliche Rehe trinken neben Hunden. Die bloße Existenz eines Hippogreifs wird als Unmöglichkeit dargestellt. Nicht wegen seiner fantastischen Natur, sondern wegen der – für Virgils Publikum – bekannten Feindschaft, die zwischen Pferden und Greifen bestand.

Ein interessanter Punkt ist die Betrachtung jener Monster und Bestien, die Rowling ausdrücklich nicht benutzt hat, vor allem sind das Satyren und Nymphen, die so prominent im griechischen Mythos auftauchen. Harrys Welt – und das ist eigentlich überraschend für eine mit Teenagern gefüllte Welt – ist weitgehend frei von Sex. Es gibt einige Küsse, aber das war es auch schon. Sogar das Mädchen Nymphadora Tonks teilt außer ihrer Fähigkeit, das Aussehen ändern zu können, wenig mit ihren Namensgeberinnen aus der griechischen Mythologie.

Auch andere Kreaturen dienen nur allegorischen Zwecken: Elfen etwa werden in anderen Werken viel mächtiger dargestellt (denken wir nur an die Überlegenheit der Elfen in Tolkiens Werk). Rowlings Hauselfen hingegen sind eine klarer Hinweis auf Sklaverei und Knechtschaft. Ebenso leiden Zentauren und Riesen unter Umbridges’ Herrschaft über Hogwarts.

Erwähnenswert ist, dass, obwohl Drachen und Basilisken Harry und seine Freunde in körperliche Gefahr bringen, die furchterregendsten Kreaturen im Potter-Universum die Dementoren sind – Kreaturen, die Rowling selbst erfunden hat. Diese können eine gewisse physische Ähnlichkeit mit den Nazgûl aus Der Herr der Ringe nicht verleugnen, aber der psychologische und emotionale Schaden, den sie verursachen, ist ein eigener. Rowling hat sie mit ihrer eigenen depressiven Erfahrung verknüpft und uns daran erinnert (wenn solche Erinnerungen notwendig sind), dass die dunkelsten Monster, denen die meisten von uns gegenüberstehen, diejenigen in unserem eigenen Kopf sind.

Excalibur – ein Schwert wie kein anderes

Die Geschichten über Artus und seine Ritter der Tafelrunde, ihre Abenteuer und Intrigen haben unzählige Bücher, Filme und Fernsehsendungen inspiriert. Doch inmitten all der fantastischen Elemente der Artussage bleibt eine Frage offen: Hat König Artus‘ Schwert Excalibur wirklich existiert?

König Artus und Excalibur

Bevor wir in das Geheimnis von Excalibur eintauchen, müssen wir zunächst klären, was es mit diesem legendären Schwert auf sich hat. Der mittelalterlichen walisischen und englischen Folklore zufolge war König Artus ein mythischer König, der im späten 5. und frühen 6. Er soll die Briten gegen die einfallenden Sachsen geeint und dem Land ein goldenes Zeitalter des Friedens und Wohlstands beschert haben. Arthurs Ritter der Tafelrunde waren berühmt für ihre Ritterlichkeit, Tapferkeit und Ehre und machten sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral, retteten Jungfrauen in Not und besiegten böse Feinde.

Eines der berühmtesten und mächtigsten Symbole der Artussage ist Excalibur, das Schwert, das Artus aus einem Stein zog, um seinen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron zu beweisen. Excalibur wurde angeblich von der Dame vom See geschmiedet, einer mystischen Gestalt, die in einem Wasserreich lebte und magische Kräfte besaß. Dem Schwert wurden übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben, wie die Fähigkeit, jedes Material zu durchdringen, jede Wunde zu heilen und seinen Träger im Kampf unbesiegbar zu machen. Excalibur wurde oft als glänzende Klinge mit goldenem Griff und komplizierten Gravuren dargestellt.

Die Legende von Excalibur

Die Geschichte von Excalibur wurde im Laufe der Jahrhunderte in unzähligen Versionen erzählt, jede mit ihren eigenen Variationen und Ausschmückungen. In einigen Versionen ist Excalibur dasselbe Schwert, das Artus von der Dame vom See erhält, in anderen ist es ein separates Schwert, das Artus später in seinem Leben erwirbt. In einigen Versionen geht Excalibur verloren oder wird gestohlen, und Artus muss sich auf die Suche nach ihm machen. In anderen Versionen ist Excalibur der Schlüssel zum Sieg über Artus‘ Feinde, wie die böse Zauberin Morgan le Fay oder den Riesenkönig Rion.

Die Legende von Excalibur hat im Laufe der Zeit viele Schriftsteller, Dichter und Künstler inspiriert. Eine der bekanntesten Versionen der Geschichte ist „Le Morte d’Arthur“ von Thomas Malory, ein Werk aus dem 15. Jahrhundert, in dem verschiedene Artusgeschichten zu einer umfassenden Erzählung zusammengefügt wurden. In Malorys Version ist Excalibur das Schwert, das Artus von der Dame vom See erhält und das später im Kampf gegen Sir Pellinore zerbricht. Daraufhin erhält Artus von Merlin ein neues Schwert, das Schwert im Stein, mit dem er seine Feinde besiegen kann.

Angebliche Grabstätte von König Artus und Königin Guinevere auf dem Gelände der ehemaligen Glastonbury Abbey, Somerset, Vereinigtes Königreich. Viele Historiker halten diese Entdeckung jedoch für einen ausgeklügelten Betrug, der von den Mönchen der Glastonbury-Abtei begangen wurde. © Foto von Tom Ordelman

Historische Beweise für König Artus

Trotz der anhaltenden Popularität der Artussage gibt es nur wenige historische Beweise für die Existenz von König Artus als reale Person. Die frühesten schriftlichen Berichte über Artus stammen aus dem 9. Jahrhundert, mehrere Jahrhunderte nach seiner angeblichen Lebenszeit. Diese Berichte, wie die walisischen „Annalen von Tigernach“ und die angelsächsische „Chronik“, erwähnen Artus als Krieger, der gegen die Sachsen kämpfte, enthalten aber nur wenige Einzelheiten über sein Leben oder seine Herrschaft.

Einige Historiker glauben, dass Artus eine zusammengesetzte Figur war, eine Mischung aus verschiedenen keltischen und angelsächsischen Mythen und Legenden. Andere meinen, dass er eine reale historische Figur gewesen sein könnte, die später von Geschichtenerzählern und Dichtern mythologisiert wurde. Wieder andere behaupten, Artus sei eine reine Erfindung der mittelalterlichen Phantasie gewesen.

Die Suche nach Excalibur

Angesichts des Mangels an historischen Beweisen für König Artus ist es nicht verwunderlich, dass auch die Suche nach Excalibur nicht von Erfolg gekrönt war. Im Laufe der Jahre gab es viele Behauptungen über den Fund von Excalibur, aber keine konnte bewiesen werden. Einige behaupteten, Excalibur sei zusammen mit Artus in der Abtei von Glastonbury begraben worden, wo sein angebliches Grab im 12. Jahrhundert lokalisiert wurde. Später stellte sich jedoch heraus, dass das Grab eine Fälschung war und kein Schwert gefunden wurde.

In den 1980er Jahren behauptete ein Archäologe namens Peter Field, Excalibur an einem Ort in Staffordshire, England, entdeckt zu haben. Er fand ein rostiges Schwert in einem Flussbett, von dem er glaubte, dass es das legendäre Schwert sein könnte. Später stellte sich jedoch heraus, dass es sich bei dem Schwert um eine Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert handelte.

Theorien über den Fundort von Excalibur

Trotz des Mangels an konkreten Beweisen gab es im Laufe der Jahre viele Theorien über den Verbleib von Excalibur. Einige vermuten, dass das Schwert in einen See oder Fluss geworfen wurde, wo es bis heute verborgen ist. Andere glauben, dass Excalibur von Generation zu Generation von Artus‘ Nachkommen weitergegeben wurde, die es vor der Welt verbargen.

Eine der faszinierendsten Theorien über den Verbleib von Excalibur besagt, dass es in einer geheimen Kammer unter dem Glastonbury Tor, einem Hügel in Somerset, versteckt sein könnte. Der Legende nach war das Tor der Ort des mystischen Avalon, wo die Dame vom See lebte und wohin Artus gebracht wurde, nachdem er in der Schlacht tödlich verwundet worden war. Manche glauben, dass eine geheime Kammer unter dem Tor das Schwert und andere Schätze und Artefakte der Artussage enthält.

Die möglichen Ursprünge der Legende von Excalibur

Wenn es Excalibur also nie gegeben hat, woher kommt dann die Legende? Wie viele Mythen und Legenden hat die Geschichte von Excalibur ihre Wurzeln wahrscheinlich in alter Folklore und Mythologie. Einige vermuten, dass das Schwert von der irischen Legende von Nuada inspiriert wurde, einem König, dem in der Schlacht die Hand abgehackt wurde und der von den Göttern einen magischen silbernen Arm erhielt. Andere verweisen auf die walisische Legende vom Schwert Dyrnwyn, das in Flammen aufgehen soll, wenn es von einer unwürdigen Hand geführt wird.

Eine weitere mögliche Quelle der Excalibur-Legende ist das historische Schwert Julius Caesars, das auf die gleiche mystische Weise wie Excalibur geschmiedet worden sein soll. Der Legende nach wurde das Schwert durch die königliche Linie Britanniens weitergegeben, bis es schließlich bei Artus landete.

Die Bedeutung von Excalibur in der Artussage

Unabhängig davon, ob Excalibur jemals existiert hat oder nicht, ist seine Bedeutung in der Artussage unbestritten. Das Schwert ist zu einem mächtigen Symbol für Artus‘ Stärke, Mut und Führungsqualitäten geworden und steht auch für die mystischen und übernatürlichen Elemente der Sage. Excalibur wurde in unzähligen Kunstwerken, in der Literatur und in den Medien dargestellt, von mittelalterlichen Wandteppichen bis hin zu modernen Filmen.

Neben seiner symbolischen Bedeutung spielte Excalibur auch eine Schlüsselrolle in vielen Geschichten und Abenteuern der Artussage. Mit dem Schwert wurden mächtige Feinde wie der Riese Rion und die Zauberin Morgan le Fay besiegt.

Wie Excalibur die Populärkultur beeinflusst hat

Die Sage von Excalibur hat die Populärkultur tief geprägt und unzählige Werke in Literatur, Kunst und Medien inspiriert. Von mittelalterlichen Liebesgeschichten bis hin zu modernen Blockbustern hat Excalibur die Fantasie von Generationen von Geschichtenerzählern und Zuschauern beflügelt.

Eine der bekanntesten Darstellungen von Excalibur in der Populärkultur ist der Film „Excalibur“ von 1981 unter der Regie von John Boorman. Der Film erzählt die Geschichte von Artus, seinen Rittern und der Suche nach dem Heiligen Gral mit atemberaubenden Bildern und einem mitreißenden Soundtrack. Eine weitere beliebte Darstellung von Excalibur ist die BBC-Fernsehserie „Merlin“, in der ein junger Artus und sein Mentor Merlin die Gefahren und Intrigen von Camelot meistern.

Das Geheimnis von Excalibur wird vielleicht nie gelöst werden

Das Geheimnis von Excalibur wird vielleicht nie gelüftet werden. Ob es sich nun um ein reales Schwert, ein mythologisches Symbol oder eine Kombination aus beidem handelt, Excalibur bleibt ein mächtiges und beständiges Element der Artussage. Die Geschichte von König Artus, seinen Rittern und ihrem Streben nach Ehre und Gerechtigkeit wird das Publikum über Generationen hinweg inspirieren und fesseln.

Der Werwolf – Die mythische Kreatur

Wenn der Vollmond aufgeht, weiß jeder, dass er in höchster Alarmbereitschaft sein muss. Der Vollmond ist seit langem für die seltsamen Veränderungen im menschlichen Verhalten verantwortlich, wird aber vielleicht am meisten mit der Verwandlung eines besonders furchterregenden Wesens in Verbindung gebracht – dem Werwolf.

Werwölfe sind mythische Kreaturen, die man in unheimlichen Geschichten auf der ganzen Welt findet, auch wenn sie seit Jahrhunderten hauptsächlich Bestandteil der europäischen Folklore sind. Es gibt viele Variationen ihrer Verwandlung und ihrer Geschichte, aber es gibt keinen Konsens darüber, wie genau dieser Mythos entstanden ist. Gemeinsam ist den Erzählungen jedoch die Verwandlung eines Menschen in einen Wolf oder zumindest in eine wolfsähnliche Kreatur. In den volkstümlichen Erzählungen kann dies auf einen Zauber oder einen Biss zurückzuführen sein. Eine andere Geschichte geht davon aus, dass ein Mensch durch die Begegnung mit einem dämonischen Wesen zu einem Werwolf werden kann, indem ein Pakt geschlossen wird.

Wörtlich bedeutet das Wort „Mann-Wolf“ und man geht davon aus, dass jeder, der von einer solchen Kreatur gekratzt oder gebissen wird, den Fluch ebenfalls in sich aufnimmt.

Aus der skandinavischen Mythologie ist überliefert, dass Männer sich in Werwölfe verwandeln können, wenn sie ihre Kleider ablegen und einen Gürtel mit Wolfsfell oder ein ganzes Wolfsfell tragen. Um zurück in einen Menschen verwandelt zu werden, muss der Werwolf seine menschliche Kleidung wiederfinden.

Es gibt auch Erzählungen über magische Salben, die einen Menschen verwandeln können. Andere Quellen berichten von verwunschenen Bächen, die Menschen die Fähigkeit zur Verwandlung verleihen. Möglich ist auch das Trinken von Regenwasser aus dem Fußabdruck eines Wolfs und das Schlafen im Licht des Vollmonds.

Der Werwolf im Christentum

In vielen Gegenden, in denen das Christentum die vorherrschende Religion ist, wird von Werwolftransformationen durch ein Bündnis mit dem Teufel berichtet. Viele Historiker glauben, dass dies eine Möglichkeit war, die gewalttätigen und kannibalischen Impulse von räuberischen Serienmördern im Mittelalter zu verarbeiten. Religiöse Kulturen erklärten die Verwandlung in einen Werwolf manchmal mit einer göttlichen Bestrafung durch Gott selbst. Tatsächlich wurde gesagt, dass diejenigen, die aus der römisch-katholischen Kirche exkommuniziert wurden, mit dem Fluch des Werwolfs leben müssten.

Obwohl die Verwandlung in diese Kreatur als schrecklich angesehen wurde, gab es Mittel zur Heilung. Einige Kulturen glaubten, dass extreme sportliche Betätigung ausreichen würde, um eine betroffene Person zu heilen. Andere glaubten, dass ein Messerstich in die Kopfhaut eines Werwolfs die Verwandlung stoppt. Es gibt auch Berichte über das Durchbohren der Hände eines Werwolfs mit Nägeln, um ihn zu heilen.

Die frühesten Beispiele des Werwolfs

Das früheste überlieferte Beispiel für die Verwandlung eines Menschen in einen Wolf findet sich im Gilgamesch-Epos aus der Zeit um 2.100 v. Chr. Der Werwolf, wie wir ihn heute kennen, tauchte jedoch erstmals im antiken Griechenland und Rom auf, und zwar in historischen, poetischen und philosophischen Texten.

Im Jahr 425 v. Chr. beschrieb der griechische Historiker Herodot die Neuri, einen Nomadenstamm magischer Männer, die sich für einige Tage im Jahr in Wölfe verwandelten. Die Neurier stammten aus Skythien, einem Gebiet, das heute zu Russland gehört. Ähnlich wie in Skandinavien ist es nicht verwunderlich, dass sich die Bewohner eines so rauen Klimas mit Wolfsfellen wärmten.

Als Ursprung des modernen Werwolfs dient uns Ovids Geschichte von Lykaon, in der die Verwandlung mit seinem unmoralischen Verhalten zusammenhängt. Dieser Aspekt hat dazu beigetragen, dass sich die Figur des monströsen Werwolfs vor allem in der Schauer- und Horrorliteratur durchgesetzt hat, von der wir uns gleich einige Beispiel ansehen.

Lykaon war ein Sterblicher, der versuchte, die Allwissenheit des Zeus zu testen. Um zu sehen, ob Zeus wirklich allmächtig und allwissend war, tötete Lykaon seinen eigenen Sohn und servierte Zeus dessen gebratenes Fleisch.

Zeus wusste natürlich, was Lykaon getan hatte, und bestrafte ihn für seine schrecklichen Taten, indem er ihn in einen Wolf verwandelte.

Lykaons charakterliche Defekte wurden also physisch auf seinen Körper aufgepfropft, er wurde zu dem, was sein Verhalten vermuten ließ. Was aber vielleicht am wichtigsten ist, Lykaon führte die Idee ein, dass man überhaupt erst ein Monster sein muss, um sich in einen Werwolf zu verwandeln.

Die Pulp-Ära des Werwolfs

Im frühen zwanzigsten Jahrhundert hatte die Verwendung Viktorianischer Folklore und Pseudo-Folklore in Bezug auf den Lykanthropen einen deutlichen Einfluss auf die Werwölfe der Schauerliteratur und die Autoren der Pulp-Fiction begannen, die Geschichten handlungsorientierter zu gestalten und sie in die Fantasy-Literatur zu integrieren.

Tatsächlich gab es in der Folge eine zunehmende Überschneidung zwischen Detektivgeschichten und Werwolfsgeschichten, um das abscheuliche Element der Gesellschaft zu verorten, das direkt auf den Mythos um Lykaon verweist. Sicherlich trägt die Trope des Detektivs dazu bei, den Werwolf für eine neue Generation von Lesern zu definieren, aber es ist die Verwendung der Folklore, die die Darstellung dieses Monsters authentisch macht und ihm eine bedeutende Abstammung verleiht.

Die Werwolf-Literatur

Unser erstes Beispiel stammt von Algernon Blackwoods Erzählung „Der Hund im Camp“ (1908), und handelt von John Silence, einem okkulten Detektiv, dessen Aufgabe darin besteht, das Auftauchen eines Werwolfs während eines Campingausflugs zu erklären. Silence definiert den Werwolf als „nichts anderes als die wilden und möglicherweise blutigen Instinkte eines leidenschaftlichen Mannes, der die Welt mit seinem fließenden Körper durchkämmt“. Diese Beschreibung ist fast wortwörtlich aus Eliphas Levis Buch Transzendentale Magie (1856) übernommen, in der der Werwolf wie folgt beschrieben wird:

„Nichts anderes als der siderische Körper eines Menschen, dessen Wildheit und blutige Instinkte durch den Wolf verkörpert werden“.

Durch die Wiederaneignung eines früheren Textes vermittelt Silence dem Leser die Erklärung der Lykanthropie und verortet sie in der Vergangenheit als Zeugnis abergläubischerer Zeiten.

In Seabury Quinns „Die Blutblume“ (1927) ist die Pseudo-Folklore gleichermaßen Ursache und Mittel zur Vernichtung der Bestie. Der okkulte Detektiv Jules de Grandin rettet eine junge Frau vor ihrem Onkel, der sie mit Hilfe einer exotischen Blume in einen Werwolf verwandeln will, indem er einen Exorzismus durchführt, bei dem er Pentagramme malt und lateinische Worte spricht. Grandin stützt sich auf volkstümliche Berichte über Werwölfe und religiöse Traktate über Werwölfe aus der Zeit um 1500. Die Idee der „Blutblume“ bezieht sich vielleicht auf die Beziehung zwischen Eisenhut und Werwolf. Insbesondere behauptet de Grandin, dass das „alte Land“ oder Europa ein Ort ist, aus dem diese Folklore stammt, insbesondere die Erwähnung von Transsylvanien.

In Quinns „Der Mann, der keinen Schatten warf“ (1927) kehrt Osteuropa als Quelle von Monstern zurück. Hier wird Graf Czerny, ein ungarischer Graf, der beschuldigt wird, ein „loup-garou“ zu sein, der haarige Handflächen hat und Blut trinkt, von Grandin mit einem Pflock durch das Herz getötet. Obwohl Czerny viele Merkmale aufweist, die wir als Vampir bezeichnen würden, ist seine Verbindung zu den Werwölfen eindeutig. Sowohl sein Name als auch die Anschuldigung, gegen die Türken gekämpft zu haben, bringen ihn mit einem anderen bluttrinkenden Grafen in Verbindung, nämlich Bram Stokers Dracula. Stokers Ungeheuer war selbst das Produkt einer (zweckentfremdeten) Folklore. Der Einfluss von Emily Gerards Artikel „Transylvanian Superstitions“ auf Stokers Werk, insbesondere auf die vampirischen Elemente von Dracula, ist nach der Entdeckung von Stokers Arbeitsnotizen bekannt worden.

Der Grund für den Rückgriff auf frühere Folklore zur Schaffung monströser Schlüsselfiguren wird von Algernon Blackwood genannt. In seiner Geschichte „Rennender Wolf“ begegnet der junge Mann Malcom Hyde einem Werwolf. Als Produkt europäischer Einwanderer, die in die Neue Welt verdrängt wurden, hat Hyde keine einheimischen Wurzeln und es fehlt ihm an folkloristischem Wissen. Blackwoods Geschichte spiegelt hier die Sorge der frühen amerikanischen Gothic-Romanautoren wider, dass es in der Neuen Welt nicht genug Geschichte in Form von Burgen und Ruinen gab, um eine gotische Fassade aufrechtzuerhalten. Stattdessen historisiert Blackwood seine Werwölfe, indem er sich indianischer Tropen bedient, ähnlich wie andere Pulp-Autoren europäische Folklore und Texte verwendeten.

Autoren bauten ihre Darstellungen von Werwölfen also auf den Grundlagen früherer Folklore auf. Auf diese Weise verliehen sie ihren lykanthropischen Kreaturen einen Anstrich von gotischer Authentizität. Der Erfolg von Stokers lykanthropischem Vampir in der Populärkultur zeigt, wie wirksam die Kombination von Folklore und Gotik ist, um ein glaubwürdiges und dauerhaftes Monster zu schaffen. Indem sie eine Detektivfigur in viele Pulp-Fiction-Geschichten einfügten, verliehen die Autoren ihren Texten eine Stimme der Autorität, die die Taxonomie jedes einzelnen Werwolfs für ihre Leserschaft erläuterte. Während sich der Werwolf mittlerweile stark verändert hat, ist das Modell des Lernens über jede Inkarnation des Werwolfs ähnlich geblieben. Und mit jedem Werwolf-Text wird die Beziehung zwischen Folklore und Werwölfen neu geschmiedet.

Warum wir Geschichten wieder und wieder erzählen

Carl Jung

Im Laufe der Zeit hat die Menschheit immer wieder die gleichen grundlegenden Geschichten erzählt. Von den antiken Mythen bis zum modernen Kino folgen die Erzählungen oft vertrauten Strukturen, wie die Reise des Helden, die Tragödie der Hybris oder der Triumph der Liebe über alle Widrigkeiten. Doch trotz dieser Wiederholungen haben diese Geschichten eine große Anziehungskraft und offenbaren mit jeder neuen Erzählung neue Dimensionen. Dieses Phänomen lässt sich auf drei zentrale Faktoren zurückführen: die Universalität menschlicher Erfahrungen, die Anpassungsfähigkeit von Geschichten an sich verändernde Kontexte und die vielschichtige Komplexität, die dem Erzählen von Geschichten innewohnt.

Im Herzen jeder Geschichte, die Bestand hat, spiegelt sich der Zustand des Menschen wider. Themen wie Liebe, Angst, Ehrgeiz und Sterblichkeit sind nicht an Kultur oder Zeit gebunden; sie sind der menschlichen Erfahrung inhärent. Carl Jungs Konzept der Archetypen – universelle Symbole und Motive, die im kollektiven Unbewussten eingebettet sind – bietet einen Rahmen, um zu verstehen, warum sich bestimmte Geschichten ewig anfühlen. Archetypen wie der Held, der Mentor, der Schatten und der Betrüger kommen immer wieder vor, weil sie grundlegende Aspekte unserer Psyche widerspiegeln.

Die Geschichte eines Helden, der sich ins Unbekannte wagt, Prüfungen besteht und verändert zurückkehrt, ist in allen Kulturen allgegenwärtig. Von Odysseus in Homers Odyssee bis zu Luke Skywalker in Star Wars spricht diese Erzählstruktur zu unseren eigenen Reisen des Wachstums und der Selbstentdeckung. Die Wiederholung dieser Themen unterstreicht ihre Relevanz; wir erzählen diese Geschichten immer wieder, weil sie Wahrheiten zum Ausdruck bringen, die konstant bleiben, auch wenn sich die Welt weiterentwickelt.

Während die Kernstrukturen der Geschichten jedoch bestehen bleiben, verändern sich ihre Details, um die Werte, Ängste und Hoffnungen ihrer Zeit widerzuspiegeln. Diese Anpassungsfähigkeit sorgt dafür, dass sich alte Geschichten für ein neues Publikum frisch und relevant anfühlen. Shakespeares Stücke zum Beispiel wurden unzählige Male in verschiedenen Medien und an unterschiedlichen Schauplätzen adaptiert – vom feudalen Japan in Kurosawas Thron des Blutes bis zum modernen Highschool-Drama 10 Dinge, die ich an dir hasse. In jeder Nacherzählung werden Aspekte der ursprünglichen Erzählung hervorgehoben, die mit zeitgenössischen Anliegen in Einklang stehen.

Shakespeare
Shakespeare

Der technologische Fortschritt trägt ebenfalls dazu bei, bekannten Geschichten neues Leben einzuhauchen. Die epischen Schlachten der alten Sagen können heute mit atemberaubenden visuellen Effekten in Filmen wie Der Herr der Ringe dargestellt werden. In ähnlicher Weise bieten die spekulativen Welten der Science-Fiction einen modernen Kontext für uralte Fragen über Moral und Identität, wie in Blade Runner, wo es um die Frage geht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Geschichten sind nicht statisch; sie entwickeln sich mit der Interpretation. Jede Nacherzählung, ob durch mündliche Überlieferung, geschriebenen Text oder visuelle Medien, fügt Bedeutungsebenen hinzu. Die Zuhörer bringen ihre eigene Perspektive ein, die durch persönliche Erfahrungen und kulturelle Hintergründe geprägt ist und ihr Verständnis einer Erzählung beeinflusst. Diese dynamische Interaktion zwischen Geschichte und Publikum sorgt dafür, dass selbst die bekanntesten Geschichten neue Erkenntnisse liefern können.

Man denke nur an die anhaltende Anziehungskraft von Mary Shelleys Frankenstein. Ursprünglich als warnende Erzählung über unkontrollierten wissenschaftlichen Ehrgeiz gedacht, wurde sie seitdem durch so unterschiedliche Aspekte wie postkoloniale Theorie, feministische Kritik und Bioethik neu interpretiert. Jede Generation findet Aspekte der Geschichte, die ihre spezifischen Ängste und Hoffnungen ansprechen, so dass die Erzählung relevant bleibt und zum Nachdenken anregt.

Ein wichtiger Grund, warum die Menschheit immer wieder dieselben Geschichten erzählt, ist der Trost und die Erleichterung, die sie bieten. Vertraute Erzählungen dienen als Anker in einer unberechenbaren Welt, sie bieten Sicherheit und ein Gefühl der Kontinuität. Die Vorhersehbarkeit bestimmter Handlungsstränge, wie z. B. die Auflösung einer romantischen Komödie oder der Triumph des Guten über das Böse in einem Fantasy-Epos, verschafft eine emotionale Befriedigung, die in heutiger Zeit anders nicht zu erreichen ist.

Außerdem vertieft die Wiederholung unsere Auseinandersetzung mit einer Geschichte. Bei jeder Begegnung fallen uns Details auf, die wir zuvor übersehen haben, wir schätzen die Kunstfertigkeit der Erzählung und denken darüber nach, wie sich unsere eigene Perspektive verändert hat. Die vielschichtige Natur des Geschichtenerzählens sorgt dafür, dass sich das Wiedersehen mit einer Geschichte anfühlt, als würde man einen alten Freund treffen.

Die unerwartete Zeugin

Die unerwartete Zeugin

Der zweite Band der „Phillipsdorf-Reihe“ von Daniel Weber wartet zunächst mit einer angenehmen stilistischen Überraschung auf, dass der Kern des Romans die Untersuchung eines äußerst skurrilen Mordes nachzeichnet. Ohne viel Federlesens beginnt das Abenteuer mit dem Interview eines Geistes, der weiß, was wirklich geschehen ist mit Christoph Biber, der nach dem bestialischen Mord an einer jungen Frau in einer Klinik für geistesgestörte Verbrecher selbst tot aufgefunden wird – erwürgt von seiner eigenen Hand. Der Geist – eine Dame mit dem Namen Leichtfried, meldet sich bei Stefan Hanns, weil ihr Gerechtigkeitssinn sie dazu treibt. Sie weiß zu berichten, dass Biber unschuldig ist. Und tatsächlich wissen wir es am Ende auch, was wir aber im Laufe des Romans erfahren, ist völlig unglaublich. Nun, im Grunde unglaublich, aber schauen Sie sich um, liebe Leser, liebe Leserinnen! Schauen Sie sich um und werden Sie sich gewahr, wo wir uns befinden! In Phillipsdorf, im Bezirk des Wahnsinns!

Im Laufe der Untersuchungen, die Stefan Hanns mit seinem besten Freund Raphael Kurzhaus führt (der ihm plötzlich ebenfalls wie ein Enigma erscheint aufgrund seiner schon im ersten Band „Die zweifelhafte Erbschaft“ überraschenden Qualitäten als Geisterjäger), erfahren wir die unausweichlich auf ein entsetzliches Ende zusteuernde Geschichte des Studenten, der im Alter von 20 Jahren nach Phillipsdorf kam und zum Spielball von Mächten wurde, die er zu keiner Zeit begreifen konnte.

Daniel überspringt Szenen, die andere Autoren wahrscheinlich in die Länge gezogen hätten, um die ganze Geschichte aufzublähen, die aber die Geschwindigkeit der Erzählung bremsen würden. Natürlich ist das eine Diskussion, die jeder Autor immer wieder mit sich selbst ausmacht, aber denken wir an die Welt des seriellen Erzählens, wie es in Comics üblich ist. Zwischen zwei Szenen (also in diesem Fall zwischen zwei Panels), existiert die Erzählwelt weiter und der Leser/die Leserin führt die Geschichte im Hintergrund selbst aus. Das bedeutet allerdings nicht, dass uns etwas in Phillipsdorf entgeht oder alles nur fragmentarisch erzählt würde. Ganz im Gegenteil ist hier die Einschränkung des Epischen eine Wohltat, weil sie vom Autor wohldurchdacht ist und sich alles auf das Wesentliche fokussiert.

Der stilistische Schwung, der diesem zweiten Band innewohnt, vertieft unsere Begegnung mit den skurrilen Charakteren und führt uns auf eine neue Ebene. Sie werden genau in der richtigen Dosis weitergesponnen und neue Figuren ins Rampenlicht gerückt. Wie bereits in „Die zweifelhafte Erbschaft“ ist David Grau im gesamten Werk eine Schlüsselfigur, bleibt aber mit seinen Machenschaften immer noch vage genug, als würden wir etwas nur durch die Augenwinkel beobachten. Er scheint überall seine Finger im Spiel zu haben, tritt aber nie in definitiver Form auf. Er ist einerseits freundlich, strahlt andererseits aber eine Kälte aus, hinter der mehr zu stecken scheint. Wir ahnen etwas, aber wir wissen es noch nicht genau, was es ist. Einerseits erinnert die Figur an den Grafen von Saint Germaine, scheint etwas von altem Adel, und genau wie der Graf eine Art Unsterblichkeit (zumindest Alterslosigkeit) an sich zu haben, die Rätsel aufgibt.

Andererseits ist er durchaus dämonisch, von Geheimnissen umhüllt und auf seinem Anwesen von zwei Dienern umgeben, deren Namen Bände sprechen: Ratte und Wurm. Seltsame Namen, nicht wahr? Aber vielleicht nicht so seltsam wie die Tatsache, dass er der vermeintliche Bruder der „Alten“ ist, einer durchaus mächtigen Hexe, deren dunkle Machenschaften überhaupt erst zum vorliegenden Geschehen führen. Ihr Tod wird nicht geschildert. Das ist eine der oben genannten Herangehensweisen des Autors und erscheint deshalb zunächst unspektakulär, nachdem sie doch bereits im ersten Band als äußerst Geheimnisvoll und gefährlich (wie ihr Bruder auch) dargestellt wird. Aber ihre Hinterlassenschaft ist alles andere als seicht. Sie wird sich – untot wie sie fortan ist – am Ende des Romans einreihen in die Gruppe bizarrer Mitbewohner des Erzählers Stefan Hanns, der das geerbte Haus seines Großonkels nun fast schon wie eine geisterhafte WG führt, die (ähnlich wie der Vergleich Graus mit Saint Germain) durchaus etwas von „What We Do In The Shadows“ hat, auch wenn sich diese Horror-Mockumentary um Vampire dreht.

Es ist speziell die Atmosphäre und der schwarze Humor, die alles unterlegen und die in dieser speziellen Geschichte die Tragik nicht melodramatisch erscheinen lassen. Denn dass es diese Tragik gibt, ist unzweifelhaft und beginnt bereits bei der Halb-Ghoula Helena, die sich wünscht, ein ganz normales pubertierendes Mädchen zu sein, was ihr auch gelingt (einmal abgesehen von ihren Essgewohnheiten, die recht viehisch sind). Es geht weiter über die titelgebende „unerwartete Zeugin“ – eines der Opfer der „Alten“, die rein aus Langeweile (und schon zu Lebzeiten) ihre Nase (und jetzt Geisternase) in die Angelegenheiten anderer Leute steckt. Einerseits wird hier zwar dieser typische Archetyp einer biederen Nachbarschaft parodiert, andererseits aber die erfrischende Idee dargeboten, einen Geist als – fast schon – Kronzeugen auftreten zu lassen. Am Ende werden Stefan und Raphael ihr in einer wunderschönen Szene Erlösung bieten, denn eines ist der Autor sicher nicht: ein Berserker. Daniel Weber ist vielmehr interessiert an den Konfliktpunkten, und es gibt eben Dinge, die sich nicht zwischen den Zeilen erledigen lassen, sondern die es wert sind, erzählt zu werden.

Fast schon am Rande bekommen wir immer wieder Hinweise auf eine Welt, die von H.P. Lovecraft erschaffen wurde. Es fallen Namen wie Arkham oder Nyarlathotep, aber doch ganz anders wie das Heer an Autoren des Lovecraftschen Horror diese Begrifflichkeiten nutzt. Daniel Weber verbindet seinen Bezirk des Wahnsinns zwar mit der Welt des Mythos, aber er macht das auf seine Weise, indem er nicht etwa seine Erzählwelt Lovecraft unterwirft, sondern ganz im Gegenteil Lovecrafts Fieberträume Teil von Phillipsdorf sein lässt.

Die zweifelhafte Erbschaft

Es gibt Städte, die größer sind als ihre Landkarte. Wien ist eine davon. Unter den barocken Fassaden, den akkurat nummerierten Bezirken, den Grüften und Kaffeehäusern, rumort seit Jahrhunderten ein anderes Wien: ein Wien der Widergänger, der toten Engel, der verdrängten Träume. Daniel Weber hat diesem unsichtbaren Wien einen Namen gegeben: Phillipsdorf, den „verbotenen 24. Bezirk“.

Was Weber hier entwirft, ist kein Schauplatz im herkömmlichen Sinn, sondern ein lebender Organismus. Phillipsdorf ist das Übermaß der Stadt, das, was sie nicht aushält. Ein Bezirk, der nur existieren kann, weil er offiziell nicht existiert. Schon in dieser paradoxen Logik liegt sein phantastisches Prinzip: ein Ort zwischen Realismus und Wahn, zwischen Topographie und Mythos. Wo die Gothic Novel noch das Grauen in alten Mauern suchte und die Weird Fiction das Fremde als kosmischen Einbruch verstand, kommt bei Weber das Unheimliche aus der Ordnung selbst – aus Wien, das sich im eigenen Spiegel nicht mehr erkennt.

Die zweifelhafte Erbschaft

Phillipsdorf ist der Teil von Wien, der träumt, deliriert, und sich selbst überlebt. Damit knüpft Weber an eine Linie an, die von Meyrink über Kubin bis zu Schulz reicht: an jene Tradition, in der das Phantastische nicht von außen über die Welt hereinbricht, sondern aus ihrem Inneren aufquillt. In dieser Logik wird der „24. Bezirk“ zur Schwelle zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, zwischen Geschichte und Halluzination.

Bereits der erste Band, Die zweifelhafte Erbschaft, führt den Leser in dieses Zwischenreich. Der Schriftsteller Stefan Hanns erbt das Haus seines verstorbenen Großonkels – mit der Bedingung, es zu bewohnen. Eine klassische Ausgangssituation, die Weber sogleich unterläuft. Denn das, was Hanns erbt, ist weniger Besitz als Verstrickung: eine Einladung in das, was Wien verdrängt hat. Gemeinsam mit seinem Freund Raphael Kurzhaus betritt er das Viertel, das aussieht, als sei es aus der Zeit gefallen – ein wuchernder Rest aus Schutt, Geschichte und Mythos.

Nur das geerbte Haus steht unversehrt da, beinahe zu unversehrt. In seinen Räumen wartet eine Bibliothek voller okkulter Bücher, ein Geheimnis namens „Helena“, ein halbmenschliches, halb ghulhaftes Mädchen von sechzehn Jahren und eine Nachbarschaft, die jede Vorstellung sprengt: darunter ein Vampir. Doch Weber führt sie nicht als Kuriositäten vor. Sie sind Spiegelbilder, Ausformungen einer Stadt, deren Schatten zum Leben erwacht sind.

Der Ton schwankt zwischen grotesk und ernst, zwischen schwarzem Humor und metaphysischem Schauer. Im Verlauf der Geschichte geraten Stefan und seine Mitbewohner in einen Angriff durch „weiße Diener“ – Wesen ohne Gesicht. Es ist der Moment, in dem Phillipsdorf selbst zu erwachen scheint, als hätte das Viertel genug vom Versteckspiel. Der Angriff wird abgewehrt, aber nichts ist gewonnen. Am Ende bleibt kein Abschluss, sondern ein Aufbruch: Die Erbschaft war nur der Türgriff zu einem größeren, dunkleren Raum.

Mit Phillipsdorf hat Daniel Weber ein literarisches System geschaffen, das zugleich Stadt, Spiegel und Mythos ist. Jeder Band erweitert den Bezirk ein Stück, wie ein Traum, der sich selbst weitererzählt. Die Stadt wird hier nicht beschrieben, sie wird erinnert. Und diese Erinnerung ist unzuverlässig, fiebrig, manchmal schön, manchmal tödlich.

So ist Phillipsdorf vielleicht das ehrlichste Wien der Gegenwartsliteratur – eines, das seine eigenen Dämonen nicht länger versteckt, sondern mit ihnen lebt.

Robin Hood – Der vermummte Räuber

Robin Hood

Im Laufe der Jahrhunderte hat das Erzählen und Nacherzählen der traditionellen Robin-Hood-Geschichten dazu geführt, dass eine schier unendliche Vielzahl von Interpretationen entstanden ist, die sich in Comics, Accessoires, Filmen, TV-Serien, Computerspielen usw. niederschlägt. Da es an unbestrittenen historischen Beweisen mangelt, hat jeder „Geschichtenerzähler“ die Gelegenheit genutzt, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und der beliebten Legende eigene Wendungen und Verzierungen hinzuzufügen. Infolgedessen hat die Fiktion über die Tatsachen gesiegt und eine Marke geschaffen, die als Symbol der Popkultur millionenfach reicher ist als eine echte historische Figur je sein könnte.

Der verbotene Tag

Historiker verbinden die Ursprünge der Robin-Hood-Legende oft mit den frühen heidnischen Festen am 1. Mai, dem „Robin-Hood-Tag“, und dem 30. Juni, an dem Mittsommer gefeiert wird.

Um die Ankunft des Frühlings zu symbolisieren, war es Tradition, ein Stück aufzuführen, in dem ein Jugendlicher als Robin Hood auftrat und die Maikönigin, auch „Jungfer Marian“ genannt, in den Wald brachte. Dort würde der Abt der Unvernunft, auch Bruder Tuck genannt, ihre Paarung „segnen“. Der unzüchtige und unmoralische Inhalt dieser Aufführungen wurde vom einfachen Volk sehr geschätzt und diente natürlich auch als Ausrede für rüpelhaftes Verhalten sowie aufrührerisches Schlemmen und Trinken.

Die Besorgnis der Behörden in England und Schottland über den unanständigen Ton der Feierlichkeiten wuchs unvermeidlich. Diese Parodie der Ehe, kombiniert mit all den ausschweifenden Vergnügungen, verschaffte dem Robin-Hood-Tag den berüchtigten Ruf, für eine große Anzahl illegitimer Kinder verantwortlich zu sein. Einige Historiker, die oft als „die Söhne Robins“ bezeichnet werden, behaupten, dass der Nachname Robinson so entstanden sein könnte.


Obwohl das schottische Parlament im Jahr 1555 beschloss, dass „niemand als Robin Hood, Little John, Abt der Unvernunft oder Maikönigin“ auftreten sollte, verbot das englische Parlament erst mit dem Aufkommen puritanischer Einflüsse im 17. Jahrhundert den Robin-Hood-Tag vollständig. Während der Restaurationszeit wurde das Fest wieder eingeführt, allerdings wurde es als einfaches Maifest bekannt. Die kirchlichen und bürgerlichen Behörden konnten sich schließlich darüber freuen, dass sie den Robin Hood’s Day erfolgreich aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht hatten.

Mensch und Mythos

Mensch oder Mythos? Das ist die am häufigsten gestellte Frage zu Robin Hood. Weil es keine schlüssigen historischen Beweise für seine tatsächliche Existenz gibt, ist er zu einer extrem polarisierenden Gestalt geworden. Das schwer fassbare Geheimnis seiner wahren Herkunft trägt zur Faszination bei. Ob er gelebt hat oder nicht, ist heute nicht mehr wirklich wichtig.

Robin Hood Day 1969 der St Louis Park Historical Society

Im Laufe der Jahrhunderte hat die Fiktion über die Tatsachen gesiegt und die Geschichten von Englands berühmtestem Gesetzlosen sind zu einer weltweiten Legende geworden. Sie haben Robin Hood als „Volkshelden“ etabliert und ihn zur „internationalen Berühmtheit“ erhoben – zur Ikone der Populärkultur mit einer über 500 Jahre alten Fangemeinde.

Die Volkskultur hat Robin Hood zu einer symbolischen Ikone der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit gemacht und ihn mit zahlreichen Tugenden und Attributen ausgestattet, die seinem globalen Status als Volksvertreter gerecht werden.

Legt man jedoch die zahlreichen Schichten der Fantasien, die zu seinem internationalen Ruhm beigetragen haben, beiseite, so entdeckt man bald einige sehr dunkle Verbindungen zu Gewalt und bösartigem Verhalten.

Der vermummte Räuber

Wissenschaftler weisen schnell darauf hin, dass Robin Hood in erster Linie ein „Gesetzloser“ war und viele der „echten“ Banditen, von denen verschiedene Historiker glauben, ihre Taten könnten in den Mythos eingeflossen sein, nichts anderes als gnadenlose, mörderische Diebe waren, die kein Mitgefühl oder eine andere Ethik als den Selbsterhalt kannten. Trotz ihrer Verbrechen fanden sie in der Bevölkerung Bewunderung. Tatsächlich haben im Laufe der Jahrhunderte viele Kriminelle bewusst Vergleiche mit der traditionellen Robin-Hood-Legende gezogen, um Unterstützung in der Bevölkerung zu finden und ihr Image aufzupolieren.

Tempelmönch

Wir wissen, dass Robin Hood seit Langem mit den geheimnisvollen Geistern der Waldfolklore, wie dem Grünen Mann und Herne dem Jäger, in Verbindung gebracht wird. Es gibt aber auch plausible Hinweise darauf, dass er sogar Mitglied der Tempelritter gewesen sein könnte – jener heldenhaften Mönchsoldaten, die während der Kreuzzüge die Pilger auf ihrer Reise ins Heilige Land bewachten und neben Richard Löwenherz kämpften.

Als ihr Orden im Jahr 1307 von der katholischen Kirche exkommuniziert wurde, flohen viele Templer in die Wälder Mittelenglands, die bereits zuvor ein Zufluchtsort für Gesetzlose gewesen waren. Um unauffällig zu bleiben, trugen sie oft wenig mehr als die einem Mönch gebührende Kapuzenkleidung. Von dieser leiten sich die Worte „Hood” (Kapuze) und „Hoodlum” (Ganove) ab. Einige Historiker sind der Ansicht, dass dies auf den wahren Ursprung des Namens Robin Hood oder Robin of the Hood – oder gar Robbing Hood (vermummter Räuber) – verweist.

Von ihren Kritikern wurden die Templer auch misstrauisch als „eine esoterische Bruderschaft, die nach verbotenem Wissen hungert“ betrachtet. Man warf ihnen vor, Verbindungen zu okkulten Gruppen in der arabischen Welt zu knüpfen und sich an teuflischen Praktiken zu beteiligen. Der gefeierte Autor Sir Walter Scott hielt ihre militärische Organisation für wahrhaft bösartig und machte die Templer zu den Bösewichten seines klassischen Romans „Ivanhoe“, in dem auch Robin Hood und seine Bande von Sherwood-Geächteten auftreten.

In der Ballade „The Geste of Robyn Hode“ aus dem frühen 13. Jahrhundert wird Robins grausame Ader deutlich. Darin tötet er kaltblütig fünfzehn Förster, weil sie es versäumt haben, ihn für seine Bogenschießkünste zu bezahlen.

Der Fernsehhistoriker Michael Wood erklärt, dass der Begriff „Robehode“ bis 1300 allgemein für jeden lokalen Bösewicht verwendet wurde. In den Gerichtsregistern wurden mehrere Hods und Hoods mit dem Vornamen Robert geführt, darunter eine Familie aus Wakefield in Yorkshire. Sie waren zwischen 1270 und 1340 für ihre leichtfertige, brutale Gewalt und ihr unsoziales Verhalten berüchtigt.

Robin Hood in der Fantasy

Obwohl einige Historiker behaupten, dass die Figur Robin Hoods bis in die mittelalterlichen Mythen zurückverfolgt werden kann, tritt die Legende auch in den Genres Science Fiction und Fantasy auf. Das ist womöglich einer der Hauptgründe dafür, warum sich Robin Hood als globale Figur etabliert hat.

© DC

In der DC-Comics-Serie „Red Hood und die Outlaws“ wird die Robin-Hood-Legende in eine futuristische Welt mit mittelalterlichen Untertönen versetzt. Ein verbotenes Artefakt erinnert an den „Heiligen Gral“ und spiegelt die Werte und Prinzipien einer längst vergangenen, gerechten Gesellschaft wider. Am Ende entpuppt sich das begehrte Objekt als eine alte, ledergebundene Kopie der Geschichte von Robin Hood.

In der Star Trek: The Next Generation-Episode „Gefangen in der Vergangenheit“ aus dem Jahr 1991 sah man, wie sich der Schauspieler Patrick Stewart als der schelmische „Q“ ganz in den traditionellen Federhut usw. kleidete und Captain Picard und seine Crew in ein Robin-Hood-basiertes Szenario mit romantischem Touch nach Sherwood Forest transportierte.

Auf dem schmalen Grat zwischen den Genres Science-Fiction, Fantasy und Horror werden oft allerlei Themen neu interpretiert und zusammengeführt. So ist es also kein Wunder, dass auch die Robin-Hood-Legende ihre Horror- und Fantasyableger gefunden hat. Anfang 2013 wurde „Zombie Hood” veröffentlicht. Der Film spielt in Nottingham und entnimmt seine Handlung der traditionellen Legende.

In ihrem ersten Comic von Eco Comics verbündet sich Robin Hood mit den Horrorschwergewichten Dracula und Jekyll & Hyde, um eine Gruppe kriminell gesinnter Vampirinnen zu besiegen. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Robin-Hood-Legende in ihren fantasievollen Adaptionen keine Grenzen kennt.

Elfen

Wenn die meisten Leute an klassische Fantasy denken, denken sie vielleicht an Tolkien, und bei weiterem Nachdenken wahrscheinlich an Elfen. Und das aus gutem Grund: Elfen gibt es in der Fantasy schon sehr lange. Aber wie viele Tropen und Wesen, die unsere Buchseiten bevölkern, stammen sie aus der germanischen Folklore. Die Elfen ließen sich davon allerdings nicht aufhalten und wanderten quer durch ganz Europa, nach Skandinavien und Großbritannien. Es ist jedoch Island, das die größte Population der Elfen beherbergt, besser bekannt als das vergessene Volk, das in Felsformationen lebt.

Jacob Grimm definiert in den 1830er Jahren Elfen als übernatürliche Wesen dritter Klasse in seinem Standartwerk „Deutsche Mythologie“. Es dauerte nicht lange, und sie erlebten in den USA der 1890er Jahre einen Aufschwung als fleißige Helfer des Weihnachtsmanns, die in Skandinavien lebten und ihre Magie zur Herstellung von Geschenken einsetzten. Die Elfen widmeten sich eifrig der Aufgabe und entwickelten schnell den Ruf, die beste Handarbeiter der Welt zu sein.

Die meisten Elfen-Sichtungen finden dann auch in den wenigen Tagen vor Weihnachten statt, wenn sie unterwegs sind, um Kinder mit grenzwertigem Verhalten auszuspionieren. Eine Elfe namens Albtraum besucht Kinder Tage vor Weihnachten. Wenn die Kinder unartig sind, beschert sie ihnen Elfenträume oder ganz ihrem Namen nach Albträume, indem sie sich auf ihre Brust setzt, während sie schlafen. Elfen bestrafen Kinder auch mit Schluckauf, wenn sie zu ungestüm werden.

Die Romantik des 19. Jahrhunderts gibt den Elfen eine Größe von 1,50 m, atemberaubende Schönheit und lang anhaltende Jugendlichkeit während ihres tausendjährigen Lebens. Laut der Literatur des 19. Jahrhunderts haben Elfen göttliche Einflüsse, einschließlich magischer Fähigkeiten. Ihre blattförmigen Ohren kanalisieren magische Energien vom Himmel, was ihnen die Fähigkeit verleiht, zu kontrollieren, was Menschen sehen und fühlen. Sie legen Magie in Gegenstände, wie z. B. Pilze, um Menschen vorübergehend eine magische Sicht zu gewähren.

Viele Elfen im materiellen Erdkreis haben ihr Zuhause in Bäumen. Es handelt sich dabei um längliche Öffnungen in den Stämmen der Bäume, die die gleiche Höhe erreichen, wie die jeweilige Spezies, die darin wohnt.

Am 6. Januar eines jeden Jahres feiern die Elfen den letzten Tag der Weihnacht in verborgenen Feldern. Ihre brennenden Fackeln sind schon von weitem zu sehen. In jeder Nacht oder an einem nebligen Morgen kann man Elfen auf Wiesen tanzen sehen, wo sie Elfenkreise hinterlassen. Wer auf einen Elfenkreis tritt, hat Pech, und wer in einen solchen uriniert, bekommt eine Geschlechtskrankheit.

Ältere Aufzeichnungen

Um 1220 dokumentierte Snorri Sturluson die Unterschiede zwischen Licht- und Dunkelelfen in der Prosa-Edda. Laut Snorris Edda sind Lichtelfen strahlender als das Sonnenlicht und leben an einem himmlischen Ort namens Alfheim, während Dunkelelfen dunkler als Pech sind und sich in unterirdischen Höhlen oder tief in den Wäldern aufhalten. Eine dritte Art, die schwarzen Elfen, ähneln Zwergen und leben in Svartalfaheim. Die skandinavische Folklore verstärkt die übernatürlichen Fähigkeiten der Elfen.

Die englische Tradition sieht Elfen als boshafte Wesen, die ihren menschlichen Opfern Unglück und Krankheit bescheren. Die Christen entwickelten Erzählungen von Elfen, die mit bösen Absichten handeln. Ein metrischer Zauberspruch aus dem 10. Jahrhundert bietet ein Elfenheilmittel für Rheuma, das durch ein Projektil namens Elfenschuss oder einen von einem Elfen geschossenen Pfeil verursacht wird. Elfen benutzen Pfeilspitzen aus Feuerstein, um Menschen und Vieh scharfe Schmerzen zuzufügen. Wiederholte Einstiche führten zu einem Elfenschlag, der Lähmungen verursachte. Verführerisch attraktive Frauen wurden in England mit Elfenschönheit beschrieben. Im Beowulf lesen wir von einer Elfenschönheit, die ihre Opfer betäubt, und die dadurch mit Dämonen in Verbindung gebracht wird. Eine Elfe namens Königin Mab verknotete Haare zu Elfenlocken.

In Schottland wurde Alfheim zu „Elphame“ oder „Elfhame“ und seine Herrscherin ist die Feenkönigin; oft wird sie die Königin von Elphame genannt, besonders in Balladen wie Thomas the Rhymer. Trotz der Tatsache, dass die meisten modernen Interpretationen von Feen und Elfen kleinwüchsige Kreaturen beinhalten, trifft dies nicht unbedingt auf diese spezielle Feenkönigin zu, vor allem angesichts der etablierten gälischen Tradition von Feen und Elfen in ihrer Mythologie (die als Sídhe bekannt sind).

Manche Gelehrte sind der Meinung, dass die Dunkelelfen lediglich Zwerge waren, aber die Tatsache, dass die Zwerge gesondert im Gebiet um Nidarvellir wohnen, legt etwas anderes nahe.

Natürlich bleibt es beim Rätselraten, denn die Mythologie ist bereits so alt und die Quellen, die wir zu Rate ziehen können, im Vergleich zu den überlieferten Texten aus anderen Mythologien so schmerzhaft spärlich. Daran ist wahrscheinlich die mündliche Überlieferung schuld.

Um bei den Lichtelfen zu bleiben: Wenn wir einen Blick auf ihre Erwähnung in der nordischen Mythologie werfen, finden wir Freyr als ihren Gott. Es gibt aber noch einen anderen Namen, der viel älter zu sein scheint, je nachdem, welche Quelle man konsultiert, und der lautet „Yngvi“. Wenn wir noch einmal einen Blick in Tolkiens Werk werfen, mag es angesichts seiner Vorliebe für Mythologien nicht überraschen, „Ingwe“ als Namen für den Hochkönig der Elfen im Westen zu finden.

Gütige und böse Elfen

Wenn wir uns von der nordischen Mythologie wegbewegen und uns in die englische und gälische Folklore hineinwagen, stellen wir also fest, dass sich die Vorstellung von Elfen im Allgemeinen zu verändern beginnt. Anstatt wohlwollende Kreaturen oder kleine Gottheiten, sind es nun Betrüger und Unholde, wie in der Ballade „Lady Isabel and the Elf Knight“, wo der Elf versucht, Isabel zu ermorden. Besehen wir uns die Rolle der Drachen in der weltweiten Mythologie, stellten wir merkwürdigerweise fest, dass der Drache umso grausamer ist, je weiter die Mythologie im Westen liegt. Nordische Drachen und asiatische Drachen waren weitaus wohlwollender als ihre verschiedenen Gegenstücke.

Die Dökkálfar waren jedoch weder gütig noch wohlwollend, und die Tradition der „Dunkelelfen“ hat sich gegenüber dem nordischen Konzept nur wenig verändert. Ob Drow, Dunkelelfen oder Schwarze Elfen, die Idee von dunkelhäutigen und/oder in der Dunkelheit lebenden Kreaturen, die weit mehr in Fantasy-Rollenspielen und Videospielen auftauchen als in der Literatur, scheint genug Anklang zu finden, um überdauern zu können.

Eines lässt sich jedoch festhalten: die Elfen sind heute so weit von ihren ursprünglichen mythologischen Konzepten entfernt, wie sie von Tolkiens Darstellung entfernt sind. Man könnte freilich dasselbe über Vampire sagen.

Stellen wir uns doch einmal die Frage, ob man eine Elfe noch als Elfe bezeichnen sollte oder ob man einen ganz anderen Namen benötigt. Hier kommen wir an einen Scheideweg: In der einen Richtung haben wir die Elfen, die sich unter dem Banner der klassischen Mythologie und der Folklore tummeln, und diejenigen, die Elfen in einer wesentlich neuen Haut präsentieren.

Sam Sykes Die Tore zur Unterwelt und Richard Morgans Dwenda (Das Zeitalter der Helden 1 – 3, erschienen bei Heyne) sind hier die Bücher, die dem geneigten Leser als erstes einfallen mögen. Natürlich sind diese Rassen keine Elfen im eigentlichen Sinne, sie werden von uns nur mit Elfen verglichen, so wie man eine fiktive Kultur, die luftige, weite Hosen trägt und mit dünnen Klingen kämpft, mit japanischen und anderen ostasiatischen Kulturen vergleichen würde. In gewisser Weise wollen die Leser immer etwas Vertrautes sehen. Es könnte sein, dass eine Rasse, die wir als Elfen wahrnehmen, in Wirklichkeit, abgesehen von den spitzen Ohren und der natürlichen Schlankheit, von Elfen so weit entfernt ist wie Kreide von Käse. So sind wir nun mal.

Früher boten Elfen eine Möglichkeit, etwas Ungewöhnliches in Geschichten einzubringen. Jetzt, wo Elfen in der epischen Fantasy so abgetragen erscheinen, ist das etwas anderes. Das Konzept hat sich überholt. Es gibt neuere und relevantere Wege, fremde Rassen zu erforschen, und da viele Autoren in der modernen Fantasy auf verschiedene Quellen schauen, um sich inspirieren zu lassen, wird die Elfe immer weniger beachtet – bis jemand beschließt, neoklassisch zu sein und sie zurückzubringen oder ihnen ein komplettes Makeover zu verpassen. So oder so, irgendwann wird man sich mit ihren mythologischen Ursprüngen auseinandersetzen; sei es mit einem literarischen Kopfnicken oder einer kompletten Ablehnung des traditionellen Konzepts.

Elfen wurden in der Fantasy-Literatur des 20. Jahrhunderts durch ihren größten Fan, J.R.R. Tolkien, bekannt. Ihre bemerkenswertesten Beschreibungen finden sich in Tolkiens Silmarillion. Als geschätzte Geschichtenerzähler teilen Elfen gerne ihre Erfahrungen mit talentierten menschlichen Schriftstellern.

Würfel, Wahnsinn und Wahrheit – Die dunkle Legende von Dungeons & Dragons

Die erste Ausgabe von D&D

In den frühen 1970er-Jahren, irgendwo in einem bescheidenen Wohnzimmer im Mittleren Westen der USA, schrieben ein paar Männer Geschichte – ohne es zu ahnen. Gary Gygax und Dave Arneson erschufen mit Dungeons & Dragons nicht nur ein Spiel, sondern eine neue Art des Geschichtenerzählens. Sie brachten etwas in die Welt, das mehr war als Würfel und Regeln, mehr als Tabellen und Miniaturen. Sie riefen eine Welt ins Leben, die jenseits des Sichtbaren lag – ein Reich aus Schwertern, Zaubern, Drachen und Heldenmut. Und sie legten damit den Grundstein für eine Kultur, die bis heute wächst.

D&D entstand aus der Leidenschaft für Strategiespiele, Fantasy-Literatur und mittelalterliche Geschichte. Ursprünglich war es eine Erweiterung zu einem historischen Kriegsspiel namens Chainmail, das mit Fantasy-Elementen angereichert wurde – Magie, Monster, Mythen. Bald lösten sich die Geschichten von ihren historischen Wurzeln. Der Fokus verlagerte sich vom militärischen Taktieren zur individuellen Erfahrung: Spieler erschufen Figuren mit Namen, Hintergrundgeschichten und eigenen Zielen. Es war der Beginn des Rollenspiels, wie wir es heute kennen.

Doch so märchenhaft der Ursprung auch war – Dungeons & Dragons zog nicht nur Bewunderung auf sich. In den 1980er-Jahren begann sich ein Schatten über das Spiel zu legen. Es war die Zeit der Satanic Panic, einer moralischen Panikwelle in den USA, in der alles, was nach Okkultismus roch, unter Verdacht geriet. Heavy Metal, Horrorfilme – und eben auch Dungeons & Dragons. Der Vorwurf: Das Spiel fördere Satanismus, schwarze Magie, Realitätsflucht – ja sogar Selbstmord und Mord.

Das Monster-Handbuch

Der wohl bekannteste Fall war der von James Dallas Egbert III., einem hochbegabten, aber psychisch instabilen Studenten der Michigan State University. 1979 verschwand Egbert aus seinem Wohnheim. Schnell wurde spekuliert, dass sein Verschwinden mit Dungeons & Dragons zu tun habe – er sei angeblich in den Dampfkanälen unter dem Campus unterwegs gewesen, um dort das Spiel in realer Umgebung nachzustellen. Die Medien griffen die Geschichte gierig auf. Die Vorstellung eines jungen Mannes, der so sehr in eine Fantasiewelt abtauchte, dass er sich selbst verlor, war zu verführerisch. Auch wenn später klar wurde, dass Egberts Probleme tiefgreifender waren – Depressionen, Drogenmissbrauch, sozialer Druck – blieb die Verbindung zu D&D haften. Als er sich ein Jahr später das Leben nahm, schien das Narrativ vollendet: Dungeons & Dragons als gefährliches Tor zu einer finsteren, seelenverschlingenden Welt.

Diese Erzählung wurde von Persönlichkeiten wie Patricia Pulling verstärkt, einer Mutter, die nach dem Selbstmord ihres Sohnes eine Kampagne gegen Rollenspiele startete. Sie gründete die Organisation B.A.D.D. – Bothered About Dungeons & Dragons – und verbreitete die These, das Spiel sei ein Einfallstor für dämonische Besessenheit. In Talkshows, Nachrichtenformaten und Kirchenversammlungen wurde D&D zum Sündenbock einer verunsicherten Gesellschaft, die nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen suchte.

Hollywood griff die Atmosphäre auf. Der Fernsehfilm Mazes and Monsters mit einem jungen Tom Hanks befeuerte die Ängste weiter. Darin verliert ein Student durch das Rollenspiel den Bezug zur Realität, bis er glaubt, seine Spielfigur sei real – ein tragisches, fiktives Echo auf die tatsächlichen Schlagzeilen. Das Bild des rollenspielenden Jugendlichen als weltfremder, potenziell gefährlicher Sonderling verfestigte sich.

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Doch die Wahrheit war – und ist – vielschichtiger. Während die Öffentlichkeit sich an Schlagzeilen klammerte, wurde D&D in stillen Kellerräumen, in Schulbibliotheken und Jugendzentren zu einem Zufluchtsort für die, die anders waren. Für Außenseiter, Träumer, Kreative. Für Kinder, die in ihrer Welt keinen Platz fanden, aber in Faerûn oder Greyhawk mutige Paladine und listige Zauberer sein durften. Rollenspiel konnte, entgegen aller Vorwürfe, verbinden, stärken, sogar heilen.

Psychologen und Soziologen begannen sich in den 1990ern intensiver mit dem Phänomen zu befassen. Die Ergebnisse widerlegten die Panikmache: Kein direkter Zusammenhang zwischen Rollenspiel und psychischer Instabilität. Im Gegenteil – D&D förderte soziale Kompetenzen, Problemlösungsfähigkeiten und kreative Ausdruckskraft. Es half Jugendlichen, über Ängste zu sprechen, Rollen auszuprobieren und im geschützten Rahmen mit Emotionen umzugehen. Was als dämonisch verschrien war, entpuppte sich als Werkzeug der Selbstfindung.

Mit dem Aufstieg von Popkultur-Phänomenen wie Stranger Things und dem Erfolg von Streamingformaten wie Critical Role wurde D&D in den 2010er-Jahren neu entdeckt – diesmal nicht als Bedrohung, sondern als Kulturgut. Die Würfel rollten wieder, aber das Echo klang freundlicher. Der Mythos blieb, doch der Schatten wich zurück.

Heute, über fünfzig Jahre nach seiner Entstehung, ist Dungeons & Dragons mehr als ein Spiel. Es ist ein Spiegel der Fantasie, ein Portal zu anderen Welten – aber auch ein Mahnmal dafür, wie schnell Gesellschaften das Fremde dämonisieren, wenn sie es nicht verstehen. Die dunklen Geschichten rund um das Spiel sind Teil seiner Geschichte – nicht, weil sie wahr wären, sondern weil sie zeigen, wie mächtig Geschichten sein können.

In einem Raum, irgendwo, sitzen heute wieder vier Freunde um einen Tisch. Kerzen flackern. Charakterbögen liegen ausgebreitet, Würfel klackern. Einer liest vor: „Vor euch erhebt sich der schwarze Obelisk. Nebel kriecht aus den Fugen des Tempels. Ein Wind weht euch fremde Worte zu – in einer Sprache, die niemand kennt…“ Und mit einem Atemzug sind sie fort – nicht verloren, sondern gefunden. In einer Welt, in der alles möglich ist.