W. F. Harvey

Es mag etwas überraschen, einen so sträflich vergessenen Autor wie William Fryer Harvey gleich neben einige der größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts zu stellen, denn kaum je hört man selbst aus Kreisen, die sich vermeintlich etwas mit der phantastischen Literatur auseinandersetzen, von ihm reden. 1955 lobte ihn die Times und betrachtete ihn als gleichwertig mit MR James und Walter De La Mare. Es ist nicht so, dass man immer etwas auf solche Aussagen geben müsste, aber man hätte erwarten können, dass sich das interessierte Publikum zumindest selbst davon überzeugt. Aber das geschah nicht, und so finden sich bis heute kaum nennenswerte Spuren von ihm. Obwohl Harvey dafür gefeiert wurde, im ersten Weltkrieg sein Leben aufs Spiel gesetzt zu haben, als er einen im lecken und vollgelaufenen Maschinenraum eines Zerstörers eingeklemmten Maat operierte, obgleich die Gefahr bestand, dass der Zerstörer auseinander brach – wofür er die Tapferkeitsmedaille bekam -, bleibt er doch für seine Geistergeschichten in Erinnerung, die zu den besten gehören, die je geschrieben wurden. Viele literarische Riesen haben sich diesem Genre verbunden gefühlt, und deshalb ist es umso bemerkenswerter, gerade in diesem Feld ein Zeichen zu setzen; aber Harvey Stil fühlt sich an wie ein dunkles Schattenbild der Geschichten Sakis (Hector Hugh Munro) und verdienen es, gefeiert zu werden.

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Julio Cortázar: Rayuela

Pablo Neruda drückte es so aus: „Wer Cortázar nicht liest, ist verloren. Ihn nicht zu lesen, ist eine schwere, schleichende Krankheit, die mit der Zeit schreckliche Folgen haben kann. Ähnlich wie jemand, der nie einen Pfirsich gekostet hat. Er würde langsam melancholisch werden und immer blasser, vielleicht würden ihm nach und nach die Haare ausfallen.“

Wer will dem widersprechen.

Julio

Sich seinem gewaltigen Werk – nicht etwa im Umfang, sondern im Rang – zu nähern, verlangt nicht viel außer der Hingabe an die phantastische Realität. Sein Schreiben resultiert aus einer frühen Begegnung mit den Büchern von Jules Verne und Edgar Poe. Mit Verne teilt er sich sogar den Vornamen, da seine Mutter eine Bewunderin des französischen Phantasten war. Poe selbst las er unter der Bettdecke, eine Umgebung, die perfekt zum amerikanischen Meister passte. Poe in so jungen Jahren zu lesen, machte ihn drei Monate lang krank, weil:

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Bartholomäus geht zum Wirt

Ich kannte niemanden, der sich so wie er eindringlich damit beschäftigen konnte, den Boden abzusuchen, als ob dort im Dreck die Handform einer Luke zu finden wäre, eine bestimmte Unebenheit, verräterisch, nur einmal auffindbar und danach für immer verloren. Seine Reise war zu Ende, sein Kummer im Schnnupftuch verborgen, das noch aus dieser Zeit stammte, die er auf der Haut trug, in den Eingeweiden, in den Knochen, die keine Stauchung mehr ertrugen, weshalb er weite Hosen trug, weite Hemden, aufgebläht wie ein frisch befüllter Ballon, und sich dann bückte, weil er einige Zigarettenkippen um die Telefonzelle herum gefunden hatte, die er in einen Plastikbeutel steckte, den er in seiner Manteltasche verbarg, nur ein Transportgerät, die Ladefläche des Gefallenen, um sie später zu rauchen, nachdem er den Tabak getrocknet hatte. Bartholomäus geht zum Wirt weiterlesen

Das letztliebliche Tal

Namen für Kieselsteine: Splitt, Gravel, Gneis, Schiefer, Griffel; in einer Zeit bevor Asphalt, in einer Zeit, da Wege begangen und nicht befahren wurden, in einer Zeit der Fotolinsenbeobachtung; nicht in dieser Zeit, sondern in dieser Möglichkeit.
Sie steht da in Pantoffeln aus zerfranstem Plüsch und verabschiedet mich im Auto, mich und das Auto, das viel früher zu ihr zurückkehren wird als ich. Die Kamera sieht den roten Horch, die Tür noch geöffnet, um keine Barriere entstehen zu lassen zwischen dem Gesichtsfeld und dem Handkuss; sie in einer Schürze aus Polyethylenterephthalat, ich in Baumwolle, nicht sichtbar, fast wie die Kamera blinzelnd, ohne auch nur im Ansatz mit ihrer starren Erinnerung konkurrieren zu können.
Sie hat den Abdruck geduzt, die Oberfläche geschaffen, die mich jetzt angeht. Sie steht dort; wenn der Weg beim Gehen erst entsteht, gibt es diesen Weg in jedem Augenblick, in dem ich aufstehe und das Haus verlasse, in Bewegung bleibe; ich muss nicht zu diesem Ort, ich muss den Moment erreichen; ich muss nirgendwo hin gehen, ich muss nur in Bewegung bleiben.
Ich erträumte mir das letztliebliche Tal neben Pfannenstiel und Nachtberg, das die Historienmacher längst aufgegeben haben wie jeden paphischen Hain der Fürsten in abgelegenen Regionen. Das Geheimnis eines Geheimnisses; im Traum wird hingebosselt, was der belebte Körperschmied gar nicht wissen kann, was der Wachzustand vergrämt und vergrätzt, was ihn eng an einer Schnur in der Zeit führt. Ich plündere mich in den Kellern, verpuppe den Plunder dort, der ohne Herzberührung selbst keinen Puls mehr spüren ließe, ein jedes Symbol ist mir Tür ins Weite, einer neuen Verlorenheit entgegen, die sich anhauchen lässt, Farbtöpfe vor einer gilb gewordenen Leinwand; nur: nein, ich male nicht, ich schreibe Bilder ein ins Leben, ein Bücherfutteral. Niemals schläft die Welt, die in der Erfindung zu finden ist. Niemals schläft. Wir müssten uns alle totmachen, um wie erfrischt und neu in unserer Einbildung nach einem Bilde zu leben, das wir uns vorbereitet in die Nachttischschublade oder einen verlegten Strumpf gestopft haben, der Entdeckung vorgreifend. Und: jetzt, ja, bin ich allein mit dem Bild, im Bild.

Das Kameraauge

Das Kameraauge allein hat die Macht, etwas Vergangenes festzuhalten, das Ungeheuerliche der Vergangenheit, während das papierne Bild selbst noch lange Gegenwart bleibt. Die Erinnerung wird sich damit nicht so auseinandersetzen können wie die Erfindung. Irgendwann hat das Bild den Erinnerer überlebt, es bleibt allein die Vorstellungskraft, eine Schwester der Erinnerung, vielleicht ihr bester Teil. Mir wird beim betrachten alter Daguerreotypien klar, dass dies nichts anderes als Geisterfotografie ist, und wie ich über Geister denke, natürlich ganz allgemein, so wird meine Geschichte sein, die ich dem Bild verspreche.