Schlagwort: Diogenes-Verlag

W. F. Harvey – Die Bestie mit den fünf Fingern

W. F. Harvey wurde hineingeboren in das faszinierende Zeitalter der Psychoanalyse. Als Arzt dürften ihm die Unternehmungen Freuds um 1900 nicht entgangen sein, wie ja kaum jemanden der akademischen Welt. Die Surrealisten zogen ihren eigenen Spuk daraus, andere lehnten die Psychoanalyse rigoros ab. In der Kunstwelt fand Freud – wenig erstaunlich – den größten Anklang, aber Harvey ist einer jener Schriftsteller, die aus der Psychoanalyse Gespenstergeschichten ableiteten.

Hier haben wir also die Sammlung psychologischer Gespenstergeschichten von W. F. Harvey vorliegen, die sich etwas anders ausmachen als die klassische Variante. Zwar könnte man behaupten, eine Gespenstergeschichte sei immer auch psychologisch konnotiert und würde damit nichts falsches behaupten, aber uns interessiert die Frage nach der Einbildung. Wenn wir davon überzeugt sind, dass es in einer Geschichte um das Übernatürliche geht, nehmen wir  als Leser eine andere Haltung ein, als wenn wir berechtigte Zweifel haben, die sich aber nie aufdecken lassen, weil der Autor uns in ein Grenzland schickt: Zufall? Einbildung? Grauen? Alles zusammen? Schauen wir uns die Geschichten im Einzelnen an:

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Die Blaupause des Spionagethrillers: Die neununddreißig Stufen

Im August 1914, dem Monat, in dem Großbritannien in den Krieg eintrat, begann John Buchan mit der Niederschrift eines Romans, der als Blaupause für Spionagethriller in die Geschichte eingehen sollte: Die Neununddreißig Stufen. Als das Buch im Oktober 1915 veröffentlicht wurde, war es sofort ein Erfolg, nicht zuletzt bei den Soldaten an der Front: “Das ist genau die Art von Literatur für uns”, schrieb ein Offizier dem Autor.

Es wird vermutet, dass die Erstausgaben deshalb so selten zu bekommen sind, weil die meisten von ihnen im Schlamm Frankreichs verloren gingen. Das Buch, das Buchan nonchalant als “Schocker” abtat, veränderte sein Leben, und Hitchcocks Film von 1935, in dem der Inhalt massiv verändert wurde, zementierte es endgültig in der öffentlichen Vorstellung. Richard Hannay, der Held der Geschichte, wurde zum Inbegriff für Mut und Einfallsreichtum unter Druck.

Obwohl der Roman auf vielen Bestenlisten auftaucht (Crime Writers Association Platz 20Mystery Writers of America Platz 22), hat es heute nur noch historischen Wert. Würde ein Autor ein solches Manuskript heute bei einem Verlag einreichen, hätte es wahrscheinlich keine Chance, veröffentlicht zu werden. Zur Zeit seines Erscheinens muss es sich dabei aber durchaus um eine faszinierende Lektüre gehalten haben. Deutschland und Großbritannien befanden sich im Krieg miteinander und es gab zweifelsohne wirklich Spione in jedem Land. Zunächst erschien die Geschichte in einer Zeitschrift, was man ihr auch anmerkt. Sie ist schnell und oberflächlich geschrieben, hangelt sich von Cliffhanger zu Cliffhanger, die Kapitel rollen sich stereotypisch ab.

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Patricia Highsmith – Der Schneckenforscher

Kabinettstückchen

Diogenes

Patricia Highsmith bewegt sich ziemlich sicher in ihren psychologischen Kabinettstückchen (und natürlich auch innerhalb des kriminalistischen Dramas, das hier keine allzu große Rolle spielt), und obwohl ihre Sprache präzise ist, ist sie nicht gerade lyrisch. Sie berichtet, anstatt zu beschreiben, und sie kommt fast ohne Metaphorik auf Satzebene aus. Würden ihre Figuren nicht in einem konstanten psychologischen Extrem agieren, könnte man sie als flach bezeichnen.

Und diese Figuren sind wahrlich schwer, wenn nicht unmöglich zu mögen. Graham Greene nennt die Autorin in seinem Vorwort “die Schriftstellerin der Beklemmung“; studiert man diese Geschichten näher, erkennt man sie als ein Beispiel dafür, wie die weniger angenehmen menschlichen Eigenschaften – wie der Impuls zur Grausamkeit – wichtige Verbindungspunkte zwischen der Figur und dem Leser sein können. Das ist zwar keine tiefgründige Beobachtung, aber ihre unsicheren, beleidigenden, affektierten, unbequemen, elenden, ängstlichen, grausamen Charaktere kommen nie über diese Eigenschaften hinaus. Sie haben Erfolg oder auch nicht, meist beim Töten oder getötet werden, aber sie entwickeln sich durch ihre Erlebnisse nicht. Highsmiths Kurzgeschichten trotzen James Joyces Erwartung an die Erleuchtung:  Die Menschen verhalten sich schlecht und es kommt nicht zu einer Veränderung ihres Charakters. Keine Verschiebungen in der Wahrnehmung, keine Wunder der Gnade. Man könnte sagen, dass für Highsmith die Veränderung des Charakters in der Regel auf eine Erhöhung der eingefassten Fähigkeit hinausläuft. So wie etwa ein Gefängnisaufenthalt eher zu einer fortgeschrittenen kriminellen Ausbildung führt als zu einer Rehabilitation.

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