Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
Der Phantastikon-Podcast ist ein literarisch-philosophisches Format รผber das Fantastische in all seinen Formen โ von klassischer Phantastik und Horror รผber Mythos und Symbolismus bis hin zu modernen Grenzbereichen zwischen Realitรคt und Imagination. Er verbindet intellektuelle Tiefe mit erzรคhlerischer Atmosphรคre und richtet sich an Hรถrer, die das Denken und Trรคumen gleichermaรen ernst nehmen.
Basiert Sweeney Todd auf einer wahren Geschichte oder ist er nur eine Figur, die sich ein Schriftsteller ausgedacht hat?
Basiert Sweeney Todd auf einer wahren Geschichte oder ist er nur eine Figur, die sich ein Schriftsteller ausgedacht hat?
Ich bin sicher, ihr habt alle schon einmal von ihm gehรถrt. Sweeney Todd, der teuflische Barbier der Fleet Street. Sein Friseurstuhl war auf geniale Weise prรคpariert, denn nachdem Todd einem Kunden die Kehle durchgeschnitten hatte, bediente er einen Bolzen, der die Leiche rรผckwรคrts durch eine Falltรผr schickte, die in den Keller fรผhrte. Dort wurden die Opfer zu Fleischpastete verarbeitet, die in der angrenzenden Konditorei verkauft werden sollte. Geleitet wurde das Geschรคft von einer Mrs Lovett, deren Vorname – je nachdem, wer die Geschichte erzรคhlt – variiert.
Seinen ersten Auftritt hatte Sweeney Todd in „The String of Pearls“ im Jahre 1846. Autor und Herausgeber: Edward Lloyd, auch wenn man hier und da etwas anderes liest. Etwa zur gleichen Zeit war bereits ein Bรผhnenstรผck aufgefรผhrt worden, und das mit groรem Erfolg. Die Bรผhnenversion hatte Dibdin Pitt verfasst und im Britannia Theatre in London aufgefรผhrt. Seit der Konzeption von Sweeney Todd gibt es jedoch Stimmen, die behaupten, dass der Mann auf die ein oder andere Weise tatsรคchlich gelebt haben kรถnnte. Einige sagen, dass die Figur auf einem historischen Psychokiller basiert, und wieder andere behaupten, dass er genau unter diesem Namen existiert hat. All diese Menschen betrachten Sweeney Todd als die Geschichte wahrer Begebenheiten. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Heute werden wir also versuchen, alle Beweise, die es da drauรen gibt, zu prรคsentieren und so viel wie mรถglich รผber die Wahrheit herauszufinden.
Zu Beginn wollen wir Folgendes klarstellen: Es gibt keinen einzigen Beleg dafรผr, dass es jemals einen Menschen namens Sweeney Todd gab, der Verbrechen in der ihm zugeschriebenen Weise begangen hat. Die urbane Legende von Todd wurde schon in der viktorianischen รra erzรคhlt und ausgeschmรผckt. So wie man die Geschichte kennt, ist sie jedoch falsch, zumindest so lange, bis Historiker einen Anhaltspunkt dafรผr finden. Was sehr unwahrscheinlich ist. Es besteht jedoch immer noch die Mรถglichkeit, dass Sweeney Todd nach dem Vorbild eines echten Mรถrders, eines Verbrechers oder einer Legende geschaffen wurde; und genau das werden wir in dieser Folge untersuchen.
Aber bevor wir zu den interessanteren Dingen kommen, lasst uns kurz ein paar einfache Optionen besprechen. Die erste ist sehr prosaisch und wird von Michael Anglo in seinem Buch รผber Penny Dreadfuls – den viktorianischen Horror-Groschenheften – erwรคhnt, das heute etwas schwer zu finden ist. Er behauptet, dass ein Forscher nach einer grรผndlichen Suche in den Londoner Verzeichnissen von 1768 – 1850 entdeckte – es ist bezeichnend, dass der Name des Forschers nicht genannt wird – dass ein gewisser Samuel Todd, dessen Geschรคft die Herstellung von Perlenketten war, in den 1830er Jahren in der Nรคhe der Fleet Street lebte. Anglo kommt zu dem Schluss, dass der Autor, wรคhrend er รผber die Handlung einer neuen Penny Dreadful-Geschichte nachdachte, von diesem Namen inspiriert wurde und ihn einfach benutzte.
Die zweite Variante ist noch alltรคglicher. Sie bezieht sich auf ein Fragment aus Charles Dickens Roman „Leben und Abenteuer des Martin Chuzzlewit“, der zwischen 1843 und 1844, also kurz bevor „The String Of Pearls“ verรถffentlicht wurde, in Fortsetzungen erschien. Es lautet so:
„Toms bรถses Genie fรผhrte ihn allerdings nicht in die Buden eines jener Hersteller von Kannibalengebรคck, das in vielen gรคngigen lรคndlichen Legenden als gutgehendes Einzelhandelsgeschรคft in der Groรstadt dargestellt wird.“
Das soll nicht heiรen, dass der Autor von „The String Of Pearls“ genau dieses Fragment gelesen und als Grundlage fรผr seine Geschichte verwendet hat, obwohl es eine interessante Hypothese ist, da eine groรe Anzahl von Dickens Werken sofort nach ihrer Verรถffentlichung von Autoren der Groschenromane plagiiert wurde. Vielmehr war es im damaligen London eine ziemlich bekannte urbane Legende.
Es besteht durchaus die Mรถglichkeit, dass die Geschichte รผber Sweeney Todd auf einen echten Mรถrder zurรผckzufรผhren ist, oder zumindest auf einen bestimmten Fall, der in den Zeitungen erwรคhnt wurde. Besagter Vorfall, der im Jahresregister gefunden wurde, weist einige รhnlichkeiten mit der Legende auf. Hier der betreffende Ausschnitt vom Dezember 1784, Seite 208:
„Ein bemerkenswerter Mord wurde auf folgende Weise von einem Barbiergesellen begangen, der in der Nรคhe der Hyde Park Corner lebt. Lange Zeit war er Eifersรผchtig auf seine Frau gewesen, aber es gelang ihm doch nie, ihr eine Verfehlung nachzuweisen. Zufรคllig kam ein junger Herr in den Salon seines Meisters, um sich rasieren und kleiden zu lassen, und als er redselig wurde, erwรคhnte er, einem feinen Mรคdchen in der Hamilton Street wiederbegegnet zu sein, von der er in der Nacht zuvor gewisse Gefรคlligkeiten erhalten hatte, und beschrieb gleichzeitig ihre Person. Der Friseur, der sie als seine Frau erkannte, schnitt dem Herrn, vรถllig wahnsinnig geworden, die Kehle von einem Ohr zum anderen auf und entwischte.“
Einige Verbinden die Geschichte von Sweeney Todd auch mit dem schrecklichen Fall von Sawney Bean, eines berรผchtigten schottischen Kannibalen aus dem 16ten Jahrhundert. Meiner Meinung nach gibt es nichts, was Bean รผberzeugend mit unserem Barbier verbindet, auรer vielleicht einer leichten รhnlichkeit der Vornamen. Wenn Bean also tatsรคchlich der Mรถrder war, auf dem unsere Geschichte basiert, kรถnnten wir Sweeney Todd รผberhaupt nicht als wahre Geschichte betrachten. Historiker haben die Legende von Sawney Bean lรคngst entlarvt – was wir uns allerdings in einer anderen Folge etwas genauer ansehen werden.
War Sweeney Todd vielleicht ein Franzose?
Dies ist eine der Hypothesen, die aus mehreren Quellen gespeist wird. Es wurde vermutet, dass der Schriftsteller, der die Figur geschaffen hat, die Idee dazu bekam, als er mehrere รคltere Ausgaben des Tell-Tale von 1824 durchging, wo er eine Geschichte รผber mehrere Verbrechen fand, die in der Rue de la Harpe in Paris begangen wurden. Diese Geschichte basiert auf einem frรผheren Bericht, der im Archiv der Pariser Polizei abgelegt wurde. Ich recherchierte selbst und ich fand tatsรคchlich ein Buch mit dem Namen „The Terrific Register: Or, Record of Crimes, Judgments, Providences, and Calamities“, das die gleiche Geschichte enthรคlt wie das Tell-Tale, sozusagen Wort fรผr Wort. Sie wurde 1925 verรถffentlicht und enthรคlt eine vollstรคndige Darstellung der Verbrechen in der Rue de la Harpe, die ich im Folgenden zusammenfasse:
Zwei opulente Mรคnner, begleitet von einem Hund, gingen in die Rue de la Harpe und betraten den Laden eines Frisรถrs, um sich rasieren zu lassen. Sie waren in Eile, also trennten sie sich, nachdem der erste Mann fertig war, der daraufhin einige Geschรคfte in der Nachbarschaft erledigte, und danach zurรผckkommen wollte, bevor der Frisรถr mit seinem Freund fertig war. Als er jedoch zurรผckkam, informierte ihn der Frisรถr, dass sein Freund bereits gegangen sei. Dennoch blieb der Hund vor der Tรผr sitzen, also dachte der Mann, dass sein Freund nur fรผr einen Moment weggegangen sein musste und bald zurรผckkehren wรผrde. Das tat er nicht. Dann fing der Hund an zu jaulen und der Frisรถr bat den Mann, ihn zu entfernen. Er versuchte es, der Hund aber blieb hartnรคckig. Mittlerweile hatte sich eine kleine Menge vor dem Laden versammelt und die Leute schlugen vor, hineinzugehen und nach dem verschwundenen Mann zu suchen. Als sie schlieรlich hineinstรผrmten, fanden sie niemanden. Der Frisรถr behauptete, er sei unschuldig, und in diesem Moment sprang ihm der Hund an die Kehle. Der Frisรถr wurde ohnmรคchtig, und er wรคre gestorben, wenn man den Hund nicht angeleint hรคtte. Jemand schlug vor, das Tier freizulassen, um zu sehen, ob es seinen Besitzer finden kรถnnte. Der Hund stรผrmte in den Keller. Bei nรคherer Untersuchung wurde eine รffnung zum Nachbarhaus entdeckt, wo eine Konditorei lag. Und dort fanden sie die Leiche des vermissten Mannes. Wรคhrend des Prozesses, bei dem auch die Besitzerin der Konditorei angeklagt wurde, gab der Barbier zu, dass er seine reichsten Kunden ermordete, um sie auszurauben. Die schreckliche Wahrheit wurde enthรผllt.
Die Besitzerin der Konditorei, deren Laden so berรผhmt fรผr herzhafte Pasteten war, dass die Leute aus den entferntesten Teilen von Paris in die Rue de la Harpe strรถmten, war die Komplizin dieses Halsabschneiders, und diejenigen, die vom Rasiermesser des einen ermordet wurden, wurden durch das Messer der anderen zu diesen Pasteten verarbeitet, mit denen sie – unabhรคngig von diesen Raubmorden – ein Vermรถgen verdient hatte.
Diese Geschichte wurde fast zwanzig Jahre vor der angeblich ersten Version von „The String of Pearls“ auf englisch verรถffentlicht. Daher mรผssen wir aufgrund der auffallenden รhnlichkeit zu dem Schluss kommen, dass die Geschichte des teuflischen Barbiers aus der Fleet Street auf diesem oder einem รคhnlichen Bericht basiert. Wenn die Fakten aus diesem Buch korrekt sind, hรคtten wir eine starke Basis, um Sweeney Todd als eine wahre Geschichte zu betrachten.
Aber – sind die Ereignisse in der Rue de la Harpe wirklich passiert? Ist Sweeney Todd eine wahre Geschichte, die zumindest teilweise auf diesen Verbrechen beruht? Es ist unwahrscheinlich, und ich habe noch keinen endgรผltigen Beweis dafรผr gefunden. Manche haben die Wahrhaftigkeit der Geschichte verteidigt, weil sie in den Memoiren aus den Archiven der Pariser Polizei von Fouchรฉ erschien, dem ersten Polizeiprรคsidenten der Stadt. Aber das Problem ist, dass kein anderes Dokument oder Register existiert, was angesichts der Art des Falles verdรคchtig erscheint.
Einige Quellen behaupten sogar, dass die Darstellung der Rue de la Harpe einer alten franzรถsischen Volkserzรคhlung sehr รคhnlich ist, die als „Geschichte des Barbiers und der blutigen Pastetenverkรคuferin“ aus dem Mittelalter bekannt ist. Theoretisch ist die Geschichte in einer alten Ballade nachweisbar, die folgendermaรen lautet:
Gegen Ende des 14. Jahrhunderts, das wissen wir,
da lebte dieser teuflische Barbier,
an einer Ecke in der Rue de Marmosette.
Er fรผhrte dieses schreckliche Handwerk fort
und niemand hielt ihn auf bei seinem Mord.
In seinem Keller machte er sie dann
bereit fรผr die Arbeit nebenan.
Chor. Mit einem Kuchen, mit einem Wein, mit einem Gesang,
mit einem Kuchen, Wein, Gesang – Haha!
Die Geschichte erzรคhlt uns auch genau
von seiner Komplizin, einer รผblen Frau,
Kaltherziger als der schlimmste Landvogt.
Und all die armen Teufel, die er getรถtet hat
verwandelte sie in Fleischpasteten.
Und er sagte von seinen Kunden, als sie tot darniederlagen:
„Fort sind nun diese Schweinekreaturen“.
Obwohl viele Artikel im Internet sich auf diese รbersetzung beziehen, konnte ich die originale franzรถsische Ballade nirgendwo finden und niemand bietet eine seriรถse Quelle dafรผr. Mir erscheint es auch seltsam, dass der Begriff „teuflischer Barbier“ bereits in einer so frรผhen Version verwendet wird, und auch der Stil der Ballade ist mehr als ungewรถhnlich.
In einem der Kapitel von Paul Fรฉvals „Le Vampire“ wird die Rue de Marmosette vom Schriftsteller kurz erwรคhnt:
Paris hat schon immer Mรคrchen geliebt, die ihr das kรถstliche Gefรผhl von Gรคnsehaut geben konnten. Als Paris noch sehr jung war, hatte es bereits viele Geschichten zu erzรคhlen; von der schuldhaften Komplizenschaft zwischen dem Frisรถr in der Rue de Marmosette, vom Blutstrom der feinen Herren bis hin zu der galanten Metzgerei des Hauses in der Sackgasse Saint-Bernard, dessen abgerissene Mauern mehr menschliche Knochen als Steine beinhalten.
Le Vampire stammt jedoch aus dem Jahre 1865, als der Bericht รผber die Verbrechen in der Rue de la Harpe bereits verรถffentlicht war, und hilft uns daher nicht viel.
Einer Quelle am nรคchsten kommt das, was in einem Buch รผber Sweeney Todd von Peter Haining enthalten ist. Dort heiรt es, dass er ein Lied in einem Buch mit alten franzรถsischen Balladen, das 1845 verรถffentlicht wurde, gefunden hat. Er nennt sogar den Namen des Herausgebers, einen gewissen M. Lurin, aber ich konnte keine Notiz รผber ihn oder รผber sein Werk finden. Angesicht der Kritik, die Hainings Buch – zumindest teilweise – fรผr eine Erfindung ohne historische Fakten hรคlt, ziehe ich es vor, vorsichtig zu bleiben.
Und zusammengefasst kommen wir zu dem Schluss, dass jedes Argument, das fรผr Sweeney Todd als eine wahre Geschichte sprechen kรถnnte, keine Berechtigung hat. Festzustellen ist, dass seit der viktorianischen รra eine Tradition existiert, die dieses Geheimnis gerne lรผften mรถchte. Ich schรคtze, dass viele Webseiten, die sich mit diesem Thema befassen, nur auf den Zug aufspringen mรถchten. Doch wer weiร, ob eines Tages nicht neue Beweise auftauchen werden. In der Zwischenzeit kรถnnen wir noch das Penny-Dreadful-Original „The String of Pearls“ und das Musical รผber Sweeney Todd von Steven Sondheim genieรen, auf dem der Film von Tim Burton basiert. Schlieรlich ist jede einzelne Geschichte auf eine bestimmte Weise wahr.
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