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Susanna Clarke / Jonathan Strange & Mr. Norell

BBC (c) BBC

Susanna Clarkes Debütroman Jonathan Strange & Mr. Norrell eroberte im Jahr 2004 mit starker Unterstützung eines selbstbewussten Verlegers die Genrewelt im Sturm und verdrehte sogar einigen Mainstream-Literaten den Kopf. Teils historische Fantasy, teils alternative Geschichte, ein bisschen Schwert und Zauberei mit einem Hauch von Gothic, gewann der Roman mehrere Preise und wurde in seinen ersten Jahren seines Erscheinens mehrfach neuaufgelegt. Bücher von derart gereifter Imagination und mit kulturell relevanten Aussagen innerhalb eines großen historischen Umfangs, geschrieben in einer stilvollen Prosa, gibt es nicht oft zu bestaunen. Es ist die Geschichte der Wiedergeburt der Magie in Großbritannien in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und sie kehrt nicht in der Form zurück, wie man das hätte erwarten können.

Zu Beginn von Jonathan Strange & Mr. Norrell wird Magie in Großbritannien für tot gehalten – dabei ist es eine Facette der Geschichte, dass nur der legendäre Rabenkönig sie praktizieren kann, und selbst er wird gemeinhin als eine Erscheinung, Alpträumen entsprungen, angesehen. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass ein respektabler Herr, Herr Norrell, sich seit Jahren zurückgezogen hält und magische Bücher hortet. Tatsächlich ist er der einzige bekannte praktizierende Magier (im Gegensatz zur Horde der „theoretischen Magier“, die ewig diskutieren, aber ihre Ideen nie anwenden), er wird nach London geladen und der High Society als Retter der Magie vorgestellt.

Während er in der britischen Hauptstadt praktische Magie unterrichtet, wird Norrell einem dynamischen jungen Herrn namens Jonathan Strange vorgestellt. Heißblütig und voller radikaler Ideen, wie Magie angewendet werden könnte, wird schnell eine Grenze zwischen Lehrling und Mentor gezogen. Herr Norrell ist weitaus zurückhaltender und schweigsamer, die Dynamik der Beziehung zwischen den beiden treibt die Geschichte in immer tiefere Implikationen kultureller Gepflogenheiten und historischer Relevanz.

Aber das Buch besitzt zusätzliche Schichten, von denen zwei erwähnenswert sind. Während Norrell sich in London bei den Reichen und Mächtigen beliebt macht, schließt er einen Pakt mit einem Elfen, dem Gentleman mit dem Haar wie Distelwolle, um eine wichtige Persönlichkeit namens Lord Pole zu unterstützen. Poles Verlobte von den Toten auferstehen zu lassen, hat seinen Preis: Das halbe Leben der Frau muss in der Finsternis des Märchenlandes verbracht werden und sie dort endlos bis in die Nacht tanzen. Diese Frau, Emma Pole, und ein schwarzer Diener, den sie eines Abends trifft, Stephen Black, fügen sich nahtlos in das Leben der beiden Magier, der Elfen und der Herren und Adligen von London ein. Noch wichtiger ist, dass ihre gesellschaftliche Relevanz im Laufe der Geschichte immer mehr an Bedeutung gewinnt, was in Clarkes Aussagen zu Themen gipfelt, die ihren eigenen Positionen innewohnen.

Clarkes Kommentare sind brillant subtil, die Positionen der verschiedenen Charaktere finden sich am Ende des Romans sowohl als eine vernichtende und aufmunternde Stimme der britischen Kultur. Keine leichte Aufgabe, die Autorin schließt die eine Hand zu einer Faust und richtet sie auf die „stickigen“ und „imperialen“ Aspekte der traditionellen „Avalon-Weltanschauung“. Die andere Hand streckt sie aus, indem sie Charaktere wie Emma Pole, Stephen Black und andere in ein neues Licht hebt – ein Licht, das hell auf ihre Zukunft scheint, aber auch andere wichtige Charaktere in den Schatten wirft. Der Reichtum dieser Symbolik ist nur ein weiterer Grund für die Größe des Romans.

Clarke füttert die Erzählung mit subtil substantiellen Bögen und bedient sich eines Tons, den man von Charles Dickens kennt (wenn auch gelegentlich augenzwinkernd und ironisch). Ihre Prosa – wie auch ihre beiden Hauptfiguren – sind ein wunderbares Beispiel für zurückhaltende Dynamik. Ihre Beschreibungen sitzen am rechten Fleck. Der düstere Äther des Märchenlandes, die heimgesuchten Wälder in ihrer Merkwürdigkeit und Schwärze und Black, die Machenschaften des Gentleman mit dem Haar wie Distelwolle, die magischen Seltsamkeiten in Spanien und das dunkle Land, in dem einige der Charaktere gefangen werden, sind eine Freude für jeden Phantasten.

Allerdings ist Jonathan Strange & Mr. Norrell kein Buch für jeden Genre-Fan. Die übernatürlichen Elemente sind mehr thematisch als funktional angelegt. Diejenigen, die sich dem Buch nähern und einen Fantasy-Roman mit Zauberern und Zaubersprüchen erwarten, werden völlig enttäuscht sein. Diejenigen jedoch, die sich in der Dämmerung, der Zartheit der Elfen, den Stimmungen eines gestörten Egos und der anspielungsreichen Kultur erfreuen, werden in Clarkes Debüt alles finden, was sie lieben. Stilistisch klar, phantasievoll, tief und gesellschaftlich relevant, erreichen nur wenige Werke der modernen Phantastik diesen Grad an literarischer Qualität.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.