Steven Erikson: Im Reich der Sieben Städte / Im Bann der Wüste (Das Spiel der Götter 2)

Deadhouse Gates ist das zweite Buch in Steven Eriksons epischer Fantasy-Serie The Malazan Book of the Fallen. Es wurde von Blanvalet in die beiden Teile Im Reich der Sieben Städte und Im Bann der Wüste gespalten. Hier gibt es die Besprechung zum ersten TeilDie Gärten des Mondes – zu lesen; und hier das Vorgespräch zum Spiel der Götter.

Wenn es etwas gibt, das man über Steven Erikson sagen kann, dann, dass er keine Angst hat, Risiken einzugehen. Die Gärten des Mondes war ein Roman, der sich weigerte, seine Vision aufzugeben, auch wenn das bedeutet, dass viele Leser Mühe haben werden, mit ihr Schritt zu halten. Deadhouse Gates, das zweite Buch in der Serie Malazan Book of the Fallen, erfordert vom Leser ähnliche Zugeständnisse, aber es sind Zugeständnisse anderer Art. Am Ende von Die Gärten des Mondes gibt es eine ganze Menge narrativer Impulse, in in den Konflikt mit der Pannionischen Domäne führen, die aber erst im dritten Buch – Memories of Ice – aufgenommen werden. Stattdessen lässt Deadhouse Gates fast alle Charaktere aus dem ersten Buch zurück, zugunsten einer anderen Geschichte, die auf einem anderen Kontinent spielt.

Obwohl es nicht viel Überhang vom vorherigen Roman gibt, wird Lesern, die neu in der Malazan-Serie sind, dennoch geraten, mit Die Gärten des Mondes zu beginnen. Der Grund dafür ist nicht so sehr die kontinuierliche Notwendigkeit (die vom Autor empfohlene chronologische Lesereihenfolge richtet sich ohnehin nicht nach dem Erscheinen der Bücher und soll an anderer Stelle aufgeführt werden), als dass es im ersten Buch Offenbarungen über die Geschichte und Natur der Welt gibt, von denen man im vorliegenden Buch profitieren wird.

Die Geschichte versetzt uns auf den Kontinent der Sieben Städte und führt eine Vielzahl neuer Charaktere in die Serie ein, folgt aber weiterhin einigen aus dem ersten Buch.

Von den weitläufigen Darstellern, die in den Gärten des Mondes auftauchten, sind diesmal nur Kalam, Fiedler, Apsalar und Crokus wieder dabei. (Der Rest wird sich im nächsten Buch wiederfinden.) Und es muss wohl kaum erwähnt werden, dass jeder, der mit dem ersten Buch der Serie nicht zurecht kam, auch tunlichst hier die Finger davon lassen sollte. Das ist kein konventionelles Fantasy-Werk, es ist viel zu visionär und gewaltig, als dass es für jedermann geeignet wäre. Die Charaktere sind so atemberaubend gut ausgearbeitet und interagieren so leidenschaftlich mit ihrer Welt, dass es manchmal schwer fällt, sich selbst emotional von den Figuren zu trennen. Erikson hat alle Sympathie in dieses Epos gesponnen.

Alle Ereignisse in Deadhouse Gates konzentrieren sich auf die kontinentale Rebellion, die in den Gärten des Mondes prominent vorhergesagt wurde, und kennzeichnen Konflikte und Blutvergießen in einem bisher beispiellosen Ausmaß.

Die Handlung von Deadhouse Gates ist viel enger geflochten und fokussierter als die in Die Gärten des Mondes, da sie sich auf nur eine Handvoll Hauptfiguren konzentriert, aber auch viel ambitionierter ist. Jeder einzelne Handlungsstrang hätte durchaus ein eigenes Buch sein können, ist aber kunstvoll zu einem zusammenhängenden Muster von Ereignissen verwoben, das zwar nur allmählich, dafür aber unweigerlich zu einem katastrophalen Ende führt. Die große Dimension der Haupthandlung ist das erste echte Beispiel dafür, wozu der Autor fähig ist, und Eriksons unglaubliche Gabe, Geschichten zu erzählen, ist nur ein Hinweis darauf, was der Rest der Serie noch auf Lager hat. Eriksons anthropologischer Hintergrund gibt den Landschaften, die seine Charaktere bereisen müssen, weiterhin ein ziemlich einzigartiges historisches Gefüge, und wenn sie kämpfen und sterben, ist es immer klar, dass dies nur die neuesten Verse eines alten, traurigen Liedes sind, das in den tausend Schichten der Erde verschwinden.

Deadhouse Gates gibt uns einen ersten wirklichen Blick auf das Reich der Sieben Städte, einen kulturell vielfältigen Wüstenkontinent, der größtenteils aus kriegerischen Stämmen und religiös geführten Städten besteht; ein Kontinent inmitten einer gewalttätigen Rebellion gegen die Besatzung des Malazanischen Imperiums. Geleitet von einer Seherin namens Sha’ik, droht diese Rebellion – die Wirbelwind-Apokalypse – das Land in seinen vorimperialen Zustand der Unwissenheit, der Blutfehden und der sinnlosen Gewalt zurückzuführen. Die Soldaten der Apokalypse haben ihre malazanischen Eroberer aus allen außer einer der Heiligen Städte vertrieben, und es ist ihre panische Flucht, die im Mittelpunkt der Geschichte steht: die Kette der Hunde. Fünfzigtausend malazanische Flüchtlinge werden von den Überresten der Siebten Armee Malazans unter der Führung ihres Kommandanten Coltaine über einen feindlichen Wüstenkontinent begleitet. Ihre Not wird uns durch die Augen von Duiker gezeigt, der als kaiserlicher Historiker verpflichtet ist, jedes Detail dieser angespannten und scheinbar unmöglichen Reise aufzuzeichnen.

Und was für eine Reise das ist! Nicht nur für die Charaktere, sondern auch für uns als Leser. Erikson wirft uns zum ersten Mal in dieser Serie in einen emotionalen Mixer und verbringt dann den größten Teil der tausend Seiten damit, den Motor allmählich immer höher und höher zu drehen, bevor er uns schließlich wieder hinauskriechen lässt, zerfetzt und durchgeschüttelt. Wie die Charaktere Schock, Angst, Entschlossenheit, Wut, Pathos, Hoffnung, Verzweiflung und schließlich wortlose Empörung erleben, so erleben wir sie ebenfalls.

Auch die anderen Storylines sind brillant und erwähnenswert, obwohl ich nicht glaube, dass jemand leugnen wird, dass Coltaines Marsch über die Kette der Hunde im Mittelpunkt steht. Hier haben wir Felisin, die sich von den Annehmlichkeiten ihres reichen Lebensstils während der Ausrottung des Adels befreit und zu extremen Maßnahmen gezwungen wird, um die Sklavengruben mit Hilfe von zwei unmöglichen Begleitern zu überleben; dann gibt es Fiedler, den ehemaligen Soldaten der Brückenverbrenner, in der heiligen Wüste von Raraku nach einer alten Legende sucht; Mappo, einen Hirtenkrieger, der endlos zwischen seiner Treue zu einem heiligen Gelübde und seiner Freundschaft mit dem Mann, den er zu vernichten geschworen hat, gefangen ist; und den Attentäter Kalam, der auf seinen Heimatkontinent zurückkehrt und sich darauf konzentriert, Rache an der Imperatrix zu üben, die ihm Unrecht getan hat. Jede der Handlungsstränge ist miteinander verwoben und schafft geschickt die Voraussetzungen für die Ereignisse zukünftiger Bücher der Serie.

3 Gedanken zu „Steven Erikson: Im Reich der Sieben Städte / Im Bann der Wüste (Das Spiel der Götter 2)

  1. Für mich eine der kompaktesten und besten Fantasy Serien übrhaupt. Da kann GoT echt einpacken. Danke für den schönen Bericht. Ich habe Band 1-15 auch rezensiert, finde aber nie die passenden Worte. Ich liebe Elster.

  2. Liebe Petra,
    ich glaube, da können so ziemlich alle Fantasy-Autoren einpacken 🙂 Es ist unvorstellbar, dass dieses Werk noch einmal übertroffen werden kann. Erikson reiht sich damit leicht zwischen Homer und Shakespeare ein. Wer da jetzt lacht, hat die Sache nicht verstanden.

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