News Ticker

Stephen King: Vier nach Mitternacht

Nach dem phänomenalen Erfolg seiner Novellensammlung “Frühling, Sommer, Herbst und Tod“, in der mit “Die Leiche” und “Die Verurteilten” gleich zwei seiner besten Novellen überhaupt zu finden sind, kam mit diesen Band bei Kritikern etwas wie allgemeines Kopfschütteln auf. In seinem Vorwort bestätigt King, dass dieser Band sich sehr von seinem vorhergehenden Novellenband unterscheidet. Und es stimmt, “Vier nach Mitternacht”, das bei uns zunächst in zwei Teile gesplittet wurde und erst seit 2016 in der ursprünglichen Fassung erhältlich ist, wirkt wie die durchgeknallte Version von “Frühling, Sommer, Herbst und Tod.”

Kings Sammlungen dienten immer einem gewissen Zweck. “Frühling, Sommer, Herbst und Tod” war dabei die Ausnahme, eine reine Herzensangelegenheit. “Nachtschicht” hingegen war das, was er Doubleday gab, um sie bei Laune zu halten, während er an seinem letzten Gefecht schrieb. “Blut” (bei uns zunächst als “Im Morgengrauen”, “Der Fornit” und “Der Gesang der Toten”) stellte er zusammen, weil man bei Viking sicherstellen wollte, dass es auch 1985 ein Buch von KIng in den Läden gab. Und “Vier nach Mitternacht” wurde veröffentlicht, um King an seinem tiefsten Punkt unter die Arme zu greifen: 1990.

In dieser dritten Phase seiner Karriere hatte King ein wenig den Halt verloren. Phase 1 umfasst seine bahnbrechenden Jahre von “Carrie” bis “Das letzte Gefecht”. Phase zwei endete mit “Es“. Danach hatte King mit dem Ruhestand geflirtet, einen echten Klassiker geschrieben (Sie), mit “Das Monstrum” einen Science Fiction-Bestseller gelandet, der bei Kritikern allerdings als Enttäuschung galt, zwei Fantasy-Romane (Die Augen des Drachen, Drei), Bildunterschriften für ein Buch mit Gargoyle-Bildern verfasst und ein Jahr Pause eingelegt.

Außerdem wurde er in dieser Zeit endlich nüchtern. “The Dark Half”, sein letztes Buch, hatte sich zwar gut verkauft, aber es endete im Gegensatz zu seiner üblichen Entschlossenheit, seinen Figuren ein Happy End zu bescheren, in tiefer Trauer und wurde als seltsam und gewalttätig kritisiert. Das nächste Buch war die Neuauflage von “Das letzte Gefecht” – die ungekürzte Fassung. Es verkaufte sich schlechter als “Das Monstrum” und “The Dark Half”.

Seine Verleger machten sich langsam Sorgen. Stephen King bedeutet Horror, aber er veröffentlichte zu dieser Zeit hauptsächlich Science Fiction und Fantasy. Als King ihnen also vorschlug, ihnen vier Novellen zu geben, die alle einfach nur Horror wären, flossen sie über vor Freude. Die Marketingkampagne lautete: “Diesmal gibt dir Stephen King, was auf der Packung steht!” Sie druckten etwa 1,5 Millionen Exemplare und die Leserschaft, die nach der alten Stephen King-Magie hungerte, schob die Sammlung auf Platz eins der Bestsellerliste der New York Times.

Langoliers

Langoliers ist eine Geschichte über ein Flugzeug, das durch einen Spalt im Raum fliegt und in die Vergangenheit verschwindet. Allerdings ist das nicht die Vergangenheit, die wir mit einer Zeitmaschine erreichen könnten. King hat hier ein sehr originelles Setting gefunden, wie denn die Vergangenheit eigentlich aussehen könnte: verbraucht, farblos und geschmacklos. So zumindest präsentiert sich der Flughafen, an den es die Charaktere verschlägt. Ein Ort, von dem sich die Zeit buchstäblich fortbewegt hat, ein Moment, der gelebt und verworfen wurde. Alles sieht anämisch aus, Sandwiches haben keinen Geschmack, und in der ferne hört man ein merkwürdig rumpelndes Geräusch, das den Hintergrund bildet. Wie sich herausstellt, ist die Vergangenheit nicht statisch, die verbrauchten Momente dürfen nicht bleiben – sie müssen zerstört, zerquetscht, vielleicht sogar recycelt werden. Verantwortlich hierfür sind eben jene Langoliers: riesige, cartoonartige Kugeln mit einem Satz mächtiger Kiefer, die alles, was vor ihnen liegt, fressen: graues Mauerwerk, die gealterte Vegetation und natürlich alle Lebewesen, die ohnehin nicht da sein sollten.

Vor dem Hintergrund dieser sehr realen Bedrohung fügt King eine bunte Auswahl an Figuren hinzu und lässt einige von ihnen unter der Last verrückt werden. Wie in “Der Nebel” bieten diese eine weitere Schicht sorgfältig entwickelter Gefahr, mit der sich die übrigen Charaktere auseinandersetzen müssen. Schaffen sie es zurück?

Das heimliche Fenster, der heimliche Garten

Stephen King war schon immer fasziniert davon, wie Stephen King tickt, und dies ist seine letzte Geschichte über einen Schriftsteller, bevor er alles, was er darüber wusste in dem ausgezeichneten “Das Leben und das Schreiben” verewigte.

In dieser Geschichte befindet sich Mort Rainey mitten in seiner Scheidung und so zieht er sich in seine Haus in Maine zurück, um sich zu verkriechen und zu schreiben. Ein verrückter Bauer und unveröffentlichter Amateurschriftsteller, namens John Shooter taucht auf und behauptet, dass Rainey eine seiner Geschichten gestohlen und als seine eigene veröffentlicht hat, und je mehr Rainey versucht, seine Unschuld zu beweisen, desto tiefer verfängt er sich in Raineys Falle. Am Ende stellt sich heraus, dass Rainey wahnsinnig geworden ist und Shooters Verbrechen selbst begangen hat. Doch so einfach ist es nicht, denn in einer doppelten Wendung wird klar, dass Shooter ein Charakter ist, den Rainey tatsächlich erfunden und derart realistisch gezeichnet hat, so dass dieser schließlich zum Leben erwachte.

Stephen Kings Beziehung zum Plagiat ist kompliziert und wird in dieser Geschichte mit wenig Tiefe erforscht. King war lange das Opfer von Plagiatsvorwürfen und er hatte gerade zwei diesbezügliche Erlebnisse wegen “Misery” (Sie) abwehren können, als er diese Geschichte schrieb. Das erste Erlebnis war, dass ein Mann mit einer Bombenattrappe in sein Haus einbrach und behauptete, King habe sein Manuskript gestohlen, das andere betraf eine gewisse Anne Hiltner, die King verklagte, weil er in Misery ohne ihre Erlaubnis angeblich ihr Leben niedergeschrieben hatte

Der Bibliothekspolizist

Stephen King, den man abgesehen von seinem Ideenreichtum auch als hervorragenden Psychologen kennt, führt uns in dieser Novelle (die King selbst aufgrund der Anzahl an Wörtern so nennt, die aber fachlich gesehen eher ein Kurzroman ist) den Verdrängungsmechanismus seiner Figuren vor. Sam Peebles hat die Vergewaltigung, die ihm als Kind widerfuhr, verdrängt. Durch diese Untat wird sowohl der Schauplatz (Bibliothek), das Manifest der Angst (Der Bibliothekspolizist) sowie die Waffe (in zweierlei Hinsicht, nämlich a, sich der Angst stellen; b, roter Lakritz) zwingend. In psychologischer Hinsicht nahezu perfekt durchdacht ist hierbei die Angst als Nahrungsquelle des Wesens, das sich hinter (oder in) Ardelia Lortz verbirgt. Dass diese Angst über besondere Tränen transportiert wird, ist eine weitere notwendige Manifestation unterbewusster Vorgänge.

Die Beschreibung der Szene, in der Ardelia einem Kind diese Angst mit einem Rüssel absaugt, wird deshalb als besonders erschreckend wahrgenommen. Als erstes fiel mir zu dieser Szene ein, dass es eine spezielle Art Nachtfalter in den Tropen gibt, die sich von Tränen ernährt, die sie ihren schlafenden Opfern aus den Augen saugt. Ob King das wusste oder nicht, soll hier kein Thema sein. Dave Duncan ist die zweite Figur, die verdrängt. Der Augenblick, in dem er seine Geschichte erzählt, wird somit zu einer Katharsis, Duncan zu einer Schlüsselfigur, ohne deren Offenbarung eine Lösung nicht möglich gewesen wäre.

Darüber hinaus gehört die von ihm geschilderte Begebenheit zum Höhepunkt der Novelle. Grossartig wechselt King hier den Ton: Ardelia braucht einen Gefährten und Duncan tappt in die Falle des Sexus. Wenn man wollte, könnte man das Prinzip der Verdrängung ausweiten, z.B. verschweigt die gesamte Stadt die Ära Lortz. Man könnte die Teilnehmer der Anonymen Alkoholiker hinzufügen (laut Duncan sind viele darunter Opfer der Lortz’schen Märchenstunde gewesen), aber es geht hier nicht um eine psychologische Studie, sondern um einen Vorschlag, wie man die Geschichte lesen kann.

Zeitraffer

Gar nicht so schlecht, die Geschichte, die allerdings wie eine Slapstick-Parodie beginnt und da schon ankündigt, wechselhaft zu sein (die Kamera wird vom Tisch gestoßen und wie Dominosteine scheint diese Fallerei die ganze Familie zu infizieren). Denkbar merkwürdiger Beginn. Dann aber wird die Story interessant. Die Polaroid schießt scheinbar immer das gleiche Bild. Dass dem nicht so ist, sondern die Kamera diesen unheimlichen Hund, der sich aufmacht, den Fotografen anzuspringen, auf seinem Weg ablichtet, findet man mit Hilfe Pop Merrills heraus, ein Vorzeige-Charakter der üblen Sorte (Wer erinnert sich nicht gerne und voller Abscheu an Ace Merrill, den Neffen?). Das Geschehen hat durchaus unheimliche Momente, wenn man sich das mal vorstellt. Zumindest ging es mir vor und ich halte es durchaus für eine persönliche Sache. Die Crux, die so ziemlich alles vermiest, ist zum einen Kapitel 11, in dem Kevin sozusagen im Traum einfällt, von Merrill beschissen worden zu sein und dieser die Kameras vertauscht hat, weil er ein gutes Geschäft wittert. Oberknüller ist aber Kapitel 14. Jeder vernünftige Lektor hätte davon mindestens 75 % gestrichen. Auf acht Seiten (nun, das hängt freilich von der Ausgabe ab – ich habe als Vorlage die Paperback-Schwarte “Nachts” von Heyne, 4. Auflage) erfährt man nichts anderes als die extreme Abneigung Molly Durhams gegenüber Pop Merrill, der hier ziemlich entgeistert (weil unter “hypnotischem Kamera-Einfluss” Filmnachschub für die durchaus gefährliche Polaroid kauft. Dieses Kapitel ist in dieser Fassung und in dieser Länge eine Zumutung – betrachtet man den Verlauf und die Geschwindigkeit der Novelle. Nun aber zum versöhnlichen Teil: Richtig, die Geschichte ist nicht die Beste, aber sie ist eben auch nicht schlecht, sieht man von oben angesprochenen Fakten einmal ab. Was mir sehr gut gefallen hat, ist der Epilog, der das eigentliche Happy End zunichte macht. Ein typischer Running-Gag des Horror-Genres. Ich selbst mag sowas.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.

*


Dieser text ist urheberrechtlich geschützt!
%d Bloggern gefällt das: