Stephen King – Sie

Stephen KingSieRecht erfreulich ist Sie von Stephen King. Viele sind ja immer noch der Meinung, dass Stephen King lediglich wegen seines Namens so gute Kritiken erhält, doch der vorliegende neueste Roman Kings, beweist einmal mehr, dass King derjenige ist, der in der Horror-Szene das Sagen hat. Sie ist womöglich Kings persönlichster Roman überhaupt, beschreibt er doch in konzentrierter Form den Horror, den ein Schriftsteller durchmachen kann. Die Geschichte ist fast schon unverschämt simpel, und doch geht sie mitten ins Herz.
Der Serienautor Paul Sheldon wird nach einem schweren Unfall in der einsamen Gegend von Colorado ausgerechnet von seinem Fan Nr. 1, der Ex-Krankenschwester Annie Wilkes gerettet. Diese schafft ihn in ihr abgelegenes Haus, setzt ihn unter Drogen, hält ihn wie ein Haustier gefangen und nötigt ihn zum Schreiben eines Romans um die Serienheldin Misery, die Sheldon kurz zuvor in dem Abschlussroman der Serie sterben ließ. Langsam offenbart sich die wahre Natur von Annie. Sie ist wohlweislich geisteskrank, hegt aber für Sheldon unbegreifliche Muttergefühle.
Wird sie aber von Sheldon geärgert, greift sie zu unglaublichen Erziehungsmethoden, beispielsweise der mit einem elektrischen Küchenmesser vorgenommenen Amputation eines Fußes Sheldons. Für den Autor beginnt ein wahrer Horrortrip, und Stephen King versteht es meisterhaft, die geballte Atmosphäre in diesem Haus und die sich langsam verändernde Psyche Sheldons zu beschreiben.
Sheldon indessen hegt nur noch den Gedanken, Annie umzubringen und zu fliehen, doch seine ersten Versuche scheitern kläglich, und immer schlimmer entwickeln sich die Strafen für diese Vergehen.
Es gibt keinen Zweifel, dass King mit diesem Roman einen umfassbaren Psycho-Thriller geschrieben hat, der in seinem Gesamtwerk eine herausragende Stellung besitzt.

Originalausgabe: Misery (1987)
Übersetzt von Joachim Körber
München: Heyne, 1987

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Cryptolog, Nr. 3, September 1987

Frank Duwald

1965 in Hagen-Haspe geboren. Verehrer abseitiger, zu Unrecht vergessener Literatur. Mitarbeit u.a. bei Printmagazinen wie “Nachtschatten” und “Das Heyne Science Fiction Jahr”. Seit 2013 Betreiber der Seite „dandelion | abseitige Literatur”