Stephen King / Friedhof der Kuscheltiere

Unseren Artikel über die gleichnamige Verfilmung von 1989 findet ihr hier.

Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere ist jenes Buch, von dem King den Gerüchten zu folge dachte, es sei zu beängstigend, um veröffentlicht zu werden. Diese Idee wurde dann zu seiner ganzen Marketingkampagne. King weigerte sich, Interviews zu geben oder Werbung für das Buch zu machen. Aber natürlich nicht, weil das Buch wirklich  “zu beängstigend” war, sondern weil er dem Verlag Doubleday, mit dem ihm nichts verband, noch ein Buch schuldete. Es lag bereits seit Jahren in der Schublade und er veröffentlichte es dann auch nur widerwillig. Ironischerweise wurde es sein erster Mega-Blockbuster.

Vorher hatte Doubleday Das letzte Gefecht, über das der Verlag die Nase rümpfte und deshalb nur 50.000 Mal drucken ließ. Diesmal würdigten sie seinen Erfolg, indem sie zehnmal so viele Exemplare druckten und eine massive Werbekampagne starteten.

In einem Interview, das ein Jahr nach der Veröffentlichung von Friedhof der Kuscheltiere gegeben wurde, sagte King:

“Wenn ich es auf meine Weise machen würde, hätte ich Friedhof der Kuscheltiere noch immer nicht veröffentlicht. Es gefällt mir nicht. Es ist ein schreckliches Buch – nicht in Bezug auf das Schreiben, aber es wendet sich in Richtung Dunkelheit. Seine Aussage scheint zu sein, dass nichts funktioniert und nichts einen Wert hat, und das glaube ich nicht wirklich.”

Seit Shining hatte King kein Buch mehr geschrieben, das so sehr mit seinem eigenes Leben verknüpft war. 1978, als Das letzte Gefecht bei Doubleday erschien, zog King mit seiner Familie nach Orrington, damit er an der Universität in Maine kreatives Schreiben unterrichten konnte. Ihr Haus lag am Rande der Route 15, einer stark befahrenen Straße, und King und seine Frau Tabitha waren ständig in Sorge, dass ihr jüngster Sohn in den Verkehr geraten könnte. Am Erntedankfest tötete ein Auto dann zwar nicht den Sohn, aber die Katze der Tochter, die über Smuckys Verschwinden derart außer sich geriet, dass King zunächst in Erwägung zog, ihr die Lüge zu unterbreiten, die Katze sei weggelaufen.

Heyne

Smucky wurde mit allen Ehren am örtlichen Friedhof für Haustiere begraben, der von ein paar Kindern aus der Nachbarschaft gepflegt wurde. Der Friedhof befand sich auf einem bewaldeten Weg hinter dem Haus der Kings, und es war so ruhig dort, dass King manchmal in einem Gartenstuhl draußen saß und schrieb.

Nachdem er sich gefragt hatte, was passieren würde, wenn Smucky wieder zum Leben erwachen würde, begann er, Friedhof der Kuscheltiere zu schreiben. Als er fertig war, gab er das Manuskript seiner Frau zu lesen, die es angeblich hasste. Er gab es Peter Straub, der das gleiche sagte. Also legte King es in eine Schublade und schrieb stattdessen Dead Zone. Erst als er Jahre später erkannte, dass Doubleday in verarschte, dachte er wieder an Friedhof der Kuscheltiere.

Das Buch beginnt mit Louis Creed, der mit seiner Familie – seiner Frau Rachel, Tochter Ellie und dem Kleinen Sohn Gage – in ein Haus in Ludlow (Maine) zieht, wo Louis einen Job in der örtlichen Universität angenommen hat. Die Route 15 führt direkt an ihrem Haus vorbei, und er und seine Frau haben Angst, dass Gage – ihr jüngstes Kind – auf die Straße rauslaufen und von einem vorbeifahrenden LKW angefahren werden könnte. Auf der anderen Straßenseite lebt der charmante, ältere Jud Crandall mit seiner Frau Norma. Die Creeds haben schnell das Gefühl “nach Hause gekommen” zu sein und versinken in ihrer glückseligen Häuslichkeit, bis Ellies Katze Churchhill von einem Auto überfahren wird.

In dem Wissen, dass Ellie durch den Verlust ihres Haustieres am Boden zerstört sein wird, bringt Jud Louis in den Wald, um ihm einen Gefallen zu tun. Die ansässigen Kinder haben hinter dem Creed-Haus, am Rande des riesigen North Ludlow Woods, einen “Friedhof der Kuscheltiere” angelegt, aber hinter diesem Friedhof verbirgt sich ein versteckter Pfad, der zu einem geheimen indianischen Gräberfeld führt, das vor langer Zeit vom Micmac-Stamm errichtet wurde. Louis begräbt Churchill dort, und die Katze kehrt in ein heikles zweites Leben zurück.

Ullstein

Etwas scheint nämlich mit Churchill nicht zu stimmen, und die Leute meiden ihn instinktiv. Ellie aber ist überglücklich, dass ihre Katze lebt, auch wenn sie schlecht riecht. Bald darauf wird die glückselige Existenz der Familie Creed endgültig zerstört, als Gage auf die Straße läuft und von einem LKW erfasst wird. Louis schickt Rachel und Ellie zu ihren Eltern nach Chicago, exhumiert Gage heimlich aus seinem Grab, und beerdigt ihn auf dem Micmac-Friedhof. Gage erwacht als Monster zum Leben, tötet Jud, tötet seine Mutter, und wird schließlich von Louis getötet. Louis begräbt Rachel auf dem Friedhof, und das Buch endet mit ihrer Rückkehr von den Toten, vermutlich um auch ihn zu töten.

Auf den ersten Blick wirkt Friedhof der Kuscheltiere wie eine Erweiterung der klassischen Horrorgeschichte Die Affenpfote von W.W. Jacobs. Aber auf dem langen Weg zum Micmac-Gräberfeld, den Louis und Jud nehmen, wird das Beunruhigende des Buches mehr als deutlich. Dieser Marsch ist ein halluzinatorischer Spaziergang durch den Wald, der von Phantomgeräuschen heimgesucht wird und beunruhigende Visionen auslöst. Er endet mit einer Begegnung mit dem Wendigo, einem indianischen Geist im Dunstkreis von Wahnsinn und Kannibalismus, einem Wesen, das so gewaltig ist, dass man kaum mehr als seine Beine erkennen kann, wenn man sich im Wald an ihm vorbeibewegt. Das Micmac-Gräberfeld ist “böse” geworden, weil dort Menschen begraben wurden, die von diesem Geist des Kannibalismus besessen waren.

Als King Friedhof der Kuscheltiere schrieb, waren die Micmac-Indianer gerade wieder Bestandteil der Nachrichten. 1980 verabschiedete die Regierung der Vereinigten Staaten schließlich das Maine Indian Claims Settlement, das den Indianern Land in Maine zusicherte, was aber zu großen Spannungen führte, weil es einige Ungereimtheiten gab. Diese Schlagzeilen gingen King definitiv durch den Kopf als er Friedhof der Kuscheltiere schrieb, denn es gibt sogar eine Erwähnung im Buch.

Obwohl es nie ausdrücklich erwähnt wird, wird angedeutet, dass das Gräberfeld der Micmac “böse” wurde, als weiße Siedler kamen, und obwohl das zunächst wie die Projektion antikolonialer Politik klingen mag, schrieb King schon immer darüber. Friedhof der Kuscheltiere ist bis zu diesem Zeitpunkt das dritte Buch, in dem die Hauptfiguren  irgendwie von Indianern verflucht werden: Das erste war Shining, mit dem Overlook Hotel, das auf einem indianischen Friedhof gebaut wurde, das zweite war Feuerkind mit dem geistesgestörten indianischen Killer John Rainbird, der Charlie McGee verfolgte, und jetzt Friedhof der Kuscheltiere, das dem bekannten Bogen des Pionierromans folgt. Die Creed-Familie zieht von der Stadt Chicago an den Rand der unbekannten Wildnis, genau wie die Siedler in den alten Cowboy-Geschichten, und Jud sagt sogar einmal:

“Ich weiß, dass es sich wie ein Witz anhört, zu sagen, Ihr schönes kleines Haus dort an der Hauptstraße, mit dem Telefon und dem Kabelfernsehen und allem, was dazu gehört, läge am Rande der Wildnis. Aber so ist es.”

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Es ist die typisch amerikanische Siedlergeschichte: Hier ist das sichere und warme Familienhaus, und dahinter liegt die unbesiedelte Wildnis voller dunkler Dinge. Darüber hat Nathaniel Hawthorne regelmäßig geschrieben, und King tat das während seiner ganzen Karriere.

Kings Werk ist nachvollziehbar, weil es im Kern aus einer Idee besteht, die wir alle heimlich für wahr halten: Unsere Sicherheit ist eine Illusion. Egal wie warm und sicher sich das Haus der Familie Creed anfühlt, es kann jederzeit vom Tod heimgesucht werden. Louis sentimentalisiert den Tod als natürlichen Teil des Lebens, als der aber plötzlich seine Klauen nach der Katze, seinem Sohn und der ganzen Familie ausstreckt, ist seine erste Reaktion, ihn um jeden Preis zu bekämpfen. Sein Einverständnis mit dem Tod war eine Lüge, ebenso wie sein Gefühl der Sicherheit. Tatsächlich ist die Familie Creed auf Lügen aufgebaut. Rachel hat den Tod ihrer kranken Schwester Zelda jahrelang geheim gehalten, weil er sie zu tief traumatisiert hat, und jetzt tun sie und ihre Eltern so, als hätte ihre Schwester nie existiert, in der Überzeugung, dass dieses beschämende Geheimnis ihre Familie zerstören könnte, wenn je darüber gesprochen wird. Louis seinerseits hat den Versuch seines Schwiegervaters, ihn zu bestechen, damit er Rachel nicht heiratet, geheim gehalten. Ihr Familienverbund fühlt sich nur so lange sicher und geborgen, wie sie diese Geheimnisse voreinander bewahren. Solange sie nicht an die Micmac-Grabstätte hinter ihrem Haus denken. Solange sie nicht an den Tod denken.

Sogar Jud und Nora Crandalls 50-jährige Ehe, die Louis und Rachel bewundern, erweist sich als auf Lügen aufgebaut. Wenn die Toten vom Micmac-Gräberfeld zurückkehren, besitzen sie ein geheimes Wissen, mit dem sie die Lebenden quälen. Als Gage von den Toten zurückkehrt, enthüllt er, dass Jud nicht nur während seiner gesamten Ehe heimlich Prostituierte besuchte, sondern Nora auch eine Affäre mit mehr als einem von Juds Freunden hatte. Keiner wusste je vom Geheimnis des anderen, und so scheint es, dass ihre Ehe nicht auf Liebe und Zuneigung

Das alles könnte man als eine unbequeme, metaphorische Erzählung lesen: Nette weiße Menschen lassen sich nieder und ein böser Fluch der Eingeborenen ruiniert ihr Leben. Aber King macht deutlich, dass das Böse das Ergebnis der Siedler ist, und nicht der indigenen Bevölkerung. Die Siedler waren diejenigen, die das Land überhaupt erst sauer werden ließen. Wie Jud Louis wiederholt sagt:

“Was du gekauft hast, das besitzt du, was du besitzt, kommt schließlich zu dir nach Hause.”

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Die Weißen haben Amerika “gekauft”, und die Teile, die sie zerstört haben, sind jene Teile, die sie besitzen, und schließlich müssen sie dafür bezahlen. Aber es gibt auch eine subtilere Idee, und sie ist Teil dessen, wovon so viele Bücher Kings leben. Das Land ist älter als wir, und während der größte Teil davon in Parzellen und Grundstücke aufgeteilt wurde, gibt es Landstriche, die dieser Trennung widerstehen. Es gibt Teile des Landes, die zwischen die Grenzen fallen. Und auch sie waren Teil des Geschäfts.

Der Wendigo verkörpert diese Art der unbestimmten Existenz. Er wird als körperloser Fluch, als riesiges Monster, als Halluzination und als Geist des Kannibalismus bezeichnet. Er existiert zwischen den Grenzen, weder ganz lebendig noch tot, weder hier noch dort. In Kings Büchern gibt es viele solche Orte, an denen die Grenzen verschwimmen. Das Overlook Hotel ist einer von ihnen, die Dead Zone, die Johnny in seinen Träumen sieht, ist ein anderer, der Club in der 249B East 35th Street in “Atemtechnik” ist ein dritter. Es gibt auch Charaktere, die auf diese Art verschwimmen. Zum Beispiel Randal Flagg in Das letzte Gefecht, der sich von einem Mann zu einem Teufel zu einer Krähe wandelt, oder alle Figuren Kings, einschließlich Louis Creed, die auf eine Art dargestelt werden (ein netter durchschnittlicher Junge, ein hingebungsvoller Ehemann) und als etwas völlig anderes enden (ein politischer Attentäter, ein mörderischer Nazi-Anhänger, ein Mann, der den Tod seiner ganzen Familie verursacht). In Kings Geschichten entpuppt sich eine sichere und zuverlässige Identität normalerweise als Lüge, an die wir glauben, weil sie bequem, und nicht weil sie eine unveränderliche Tatsache ist.

King teilte uns schon immer mit, dass es ältere Kräfte gibt, die direkt unter der Oberfläche darauf warten, uns herauszufordern. Es ist nie die der Horror, der imaginär ist, sondern unsere Realität – Familie, Zuhause, wirtschaftliche Sicherheit. Diese Dinge existieren allein nur als Akt des Glaubens, und wir glauben an sie gegen jeden gesunden Menschenverstand. Denn wenn wir es nicht tun, dann schauen wir nach unten und sehen, dass es nichts gibt, was uns davon abhält, schreiend in die Leere zu fallen. Die Grenze, die den Menschen vom Monster, das Leben vom Tod, oder den Bestsellerautor, der in einer Villa lebt, vom mittellosen Trunkenbold am Straßenrand trennt, ist weitaus dünner, als wir denken. Tatsächlich ist diese Grenze nur eine Erfindung unserer Vorstellungskraft. Und als Arbeiter auf den Feldern des Imaginären hat Stephen King das besser verstanden als die meisten anderen.

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