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Stephen King – ES

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Titelbild von Undead Celt

esStephen Kings ES. Es dauerte vier Jahre, bis King es vollenden konnte. Es ist sein ambitioniertestes Buch, eines seiner berühmtesten, und, wie auch The Stand, stellt es einen Wendepunkt zwischen Carrie, Brennen muss Salem und The Shining und der nächsten Phase seiner Karriere dar. ES ist die Summe all dessen, was vorher war, es atmet die alten Interessen aus und bewegt sich nach vorne.

Beendete The Stand die Reihe der Bücher, die King schrieb, bevor er bekannt wurde, beginnt mit ES eine erste Ruhmesphase, eine Phase, in der er nichts mehr zu beweisen hatte. Fehlerhaft, seltsam, abwechselnd langweilig und schockierend – ES ist eines von Kings verwirrendsten und frustrierendsten Büchern. Gleichzeitig ist es auch traurigste.

Als den Anfang dessen, was sich dann als perfekter Sturm neuer King-Romanen erwies, bildete ES das erste von vier neuen Büchern in einem Zeitraum von 14 Monaten, von Oktober 1986 bis Ende 1987. ES kam im Oktober, danach wurde die Öffentlichkeit in kurzer Folge mit Das Auge des Drachen, Sie und Tommyknockers überrollt. Die Erstauflage umfasste (in Amerika) eine Million Exemplare. Es rangiert auf dem zehnten Platz der meistverkauften Bücher der 80er. Für King war es die Konfirmation, seine Bar-Mizwa, seine Volljährigkeit.

King: „Es war die Summe all dessen, was ich bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben gemacht hatte.“ Auch war es das Buch, vor dessen Niederschrift er sich fürchtete. Es dauerte vier Jahre, und drei davon ließ er es „keimen“, was die Art eines Bestseller-Autors ist, zu sagen: „Ich dachte viel darüber nach während ich mir teure Motorräder kaufte.“

es5King schrieb den ersten groben Entwurf am Ende des Jahres 1980, direkt nachdem Feuerkind veröffentlicht wurde. Allerdings nahm er die Geschichte erst ein Jahr später wieder auf, weil er sich so ausgelaugt fühlte. Das Buch war derart wichtig für ihn, dass er sogar mitsamt seiner Familie nach Bangor zog. Er sagt:

„Wir hatten zwei Möglichkeiten. Es gab Portland und es gab Bangor. Tabby wollte nach Portland, ich wollte nach Bangor, weil ich die Stadt für eine harte Arbeiterstadt hielt … und ich dachte, dass die Geschichte, die große Geschichte, die ich schreiben wollte, hier stattfinden müsse. Ich hatte eine fixe Vorstellung, wie ich meine ganzen Gedanken über Monster und die Kindergeschichte „Three Billy Goats Gruff'“ zusammenführen wollte. Das ging nicht in Portland, weil Portland eine Yuppie-Stadt war.
Da war ein Artikel in der Zeitung, gerade zu der Zeit, als wir uns davonmachen wollten. Er handelte von einem jungen Mann, der während der Messe in Bangor aus der Jaguar Tavern kam. Er war homosexuell und einige Jungs trieben ihre Späße mit ihm. Die Späße gerieten außer Kontrolle und sie warfen ihn über die Brücke und töteten ihn. Und ich dachte, das ist genau das, worüber ich schreiben will. Tabby wollte nicht wirklich hierher, aber schließlich haben wir es dann doch getan.“

King kam in Bangor an, lief in der Stadt herum und sammelte Material.

„Bevor ich anfing ES zu schreiben … lief ich überall herum. Ich fragte jeden nach Geschichten über jene Ort aus, die meine Aufmerksamkeit bereits erregt hatten. Ich wusste natürlich, dass die meisten der Geschichten, die man mir erzählte, gelogen waren, aber das interessierte mich nicht. Diejenigen, die wirklich meine Phantasie entflammten, das waren die Mythen. Jemand hat mir erzählt … angeblich kann man mit einem Kanu nicht weit von der Westgate Mall durch die Kanalisation bis hinüber zum Mount Hope Friedhof paddeln … der gleiche Kerl erzählte mir, dass das ganze Kanalisationssystem in Bangor im Rahmen der WPA (eine großangelegte amerikanische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, M.P.) gebaut wurde, und sie irgendwann nicht mehr wussten, was sie dort überhaupt taten. Sie hatten genug Geld von der Regierung bekommen, also bauten sie wie wild durcheinander. Ein Großteil der Pläne ist verloren gegangen, und es ist leicht, sich dort unten heillos zu verirren. Ich beschloß, das alles in mein Buch zu packen und das habe ich schließlich auch getan … Bangor wurde Derry. Es gibt ein Bangor in Irland, das sich in der Grafschaft Derry befindet, also änderte ich den Namen in die fiktive Stadt Derry. Es ist ein Ort, zu dem ich immer wieder zurück komme, so wie vor kurzem in meinem Roman Schlaflos … Castle Rock ist viel fiktiver als Derry. Derry aber ist Bangor.“

Simultan zwischen 1985 und 1958 angelegt, ist ES eine von Kings Science-Fiction-Erzählungen. Wie in Die Arena, Tommyknockers und Duddits, kommt eine außerirdische Lebensform auf die Erde und versteht sich nicht wirklich gut mit ihren Bewohnern. King ist süchtig nach seinen 50-Jahre-Monsterfilmen, genauso wie nach Rock N Roll. Das Geschöpf, als ES bezeichnet, nimmt die Form all dessen an, wovor sich seine Opfer am meisten fürchten – Mumien, Werwölfe, Vampire, Clowns – und frisst sie auf. Es tut dies alle 27 Jahre, aber im Jahr 1958 wird der Zyklus unterbrochen, als ES George Denbrough tötet. Georges Bruder Bill gehört zum Club der Verlierer, einer losen Vereinigung von Kindern, jedes mit einem anderen Problem. Bill stottert, Ben Hanscom ist fett, Eddie Kaspbrak hat eine überängstliche Mutter sowie Asthma, Richie Tozier ist ein Großmaul, der Stimmen nachahmt, Mike Hanlon ist ein nerdiges afroamerikanisches Kind, und Beverly Marsh ein Mädchen mit einem gewalttätigen Vater. Ihre Feinde sind eine Bande schmieriger Rocker, wie sie in nahezu jedem King-Buch vorkommen (siehe Die Leiche, Christine und Manchmal kehren sie wieder). Der Club der Verlierer lernt ES durch eine Kombination aus Selbstverwirklichung und physischer Gewalt zu bekämpfen, und vergisst dann, was einst geschehen ist.

es6Sie werden erwachsen, verlassen Derry, werden alle mehr oder weniger erfolgreich. Dann werden sie an die Ereignisse des Sommers von 1958 erinnert, als die Morde wieder beginnen und Mike Hanlon sie alle wieder nach Hause ruft. Club-der-Verlierer-Mitglied Stan Uris tötet sich sofort nach der Nachricht und die anderen sind auch nicht gerade weit davon entfernt. Aber sie gehen zurück nach Derry, und während einige von ihnen umkommen, halten die anderen umso stärker zusammen. Nach 1138 Seiten bekämpfen sie ES mit der Unterstützung einer metaphysischen Kraft, die als „Schildkröte“ bekannt ist. Das Buch springt zwischen 1985 und 1958 hin und her, bis in beiden Zeitsträngen der Höhepunkt zusammenfällt. Unterwegs gibt es noch einige Abschweifungen, etwa die Geschichte Derrys bis ins Jahr 1740 zurück.

Das Buch fühlt sich groß an, frisch, rot, triefend, vital und roh. Sein Stil ist von Anfang an übermäßig. Auf Seite 2 hören wir von einem Mann, der in den Kanälen ertrunken ist, und King macht uns klar, dass man seine aufgeblähte Leiche mit einem Penis, der von einem Fisch angefressen wurde, entdeckt hat. Ein paar Seiten später wird dem fünf Jahre alten George Denbrough der Arm aus der Schulter gerissen. Später, in einer der Derry-Vergangenheiten sehen wir jemanden, der seinen Penis an die Wand eines Holzfällercamps genagelt bekommt. Es ist diese Art von Buch.

Es ist aber auch ein Buch, bei dem King sich mit dem Schreiben schwer tat. So wie seine Figuren die Erinnerung an ihre Kindheit im Erwachsenenalter verloren, sagt King, dass er sich selbst kaum noch an seine Kindheit erinnern kann, in der es doch einige Zwischenfälle gab, wie zum Beispiel diesen, dass er zusehen musste, wie einige seiner Freunde von einem Zug überrollt wurden. King hatte das völlig verdrängt und erinnerte sich erst später wieder daran. Während des Schreibprozesses, so King, hatte er sich sich in einen halb träumenden Zustand versetzt, in dem er sich in seine Kindheit zurückblendete. Je mehr er schrieb, desto besser erinnerte er sich.

Auch ist es ein Buch der Abschiede geworden. Kings jüngstes Kind war gerade neun Jahre alt und er wollte nicht mehr über traumatisierte Kinder schreiben. King näherte sich dem Ende von ES mit einem solchen Widerwillen, dass es nicht einmal 500 Seiten dauert, bis Pennyvise beim Namen genannt wird, und die Handlung ab diesem Zeitpunkt nur noch vorwärts taumelt. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlt es sich an, als ob Kings Räder alle ineinander greifen. Sein Motor summt, hält sich zurück, bis er keine andere Möglichkeit mehr hat, als loszubrechen. Er hatte bereits vorher große Bücher an der 500-Seiten-Marke aufgegeben (The Cannibals ist ein Beispiel). Diesmal scheint er zu versuchen, eine Masse an Hintergrundgeschichte einzubauen, eine Menge Staub aufzuwirbeln, so dass er die Geschichte vorwärts schieben kann, bevor er den Nerv verliert.

es7Es gibt das Argument, dass Es eine Variation des Minotaurus sei (die Jugend einer Jungfrau wird für die städtische Vitalität einer Kreatur geopfert, die inmitten eines Labyrinths haust), oder eine Antwort auf Ronald Reagans Fetischisierung der 50er-Jahre-Werte. Hier sind die schlafenden Erwachsenen, 1985 aufgeweckt durch den Totschlag an einem Homosexuellen, die plötzlich erkennen, dass ihre Kindheit in den 50ern alles andere als das idyllische Paradies war, nämlich ein problembeladener Ort, an dem Rassismus, Sexismus, Mobbing und Terror auf der Tagesordnung standen. Dass der glänzende Motor amerikanischer Unternehmungen die hässliche Schattenseite von Armut und Leid mit sich brachte.
Aber letztlich ist ES genau das, was darin zu finden ist: Kids bekämpfen ein Monster. In einem Interview sagte King:

„Meine Beschäftigung mit Monstern und dem Entsetzen hat auch mich verwirrt. Also nahm ich jedes Monster, das mir in den Sinn kam und jedes Ereignis aus der Kindheit, über das ich schon mal geschrieben hatte, und versuchte, diese beiden Aspekte zu integrieren. Und es wuchs und wuchs.“

Und es wurde genau das: ein Buch über Monster und Kinder.

Aber seine Kinder sind ein bisschen zu perfekt, betrachtet durch einen Weichzeichner, ein wenig zu leuchtend und versöhnlich. Sie brechen ohne Grund in Lachen aus, werden schnell aus dem Gleichgewicht gebracht. Es wird ständig darüber geredet, wie überlegen Kinder Erwachsenen sind – und das in jeder Hinsicht. Erwachsene sind kalt, sie verrammeln die Türen wenn Kinder um Hilfe rufen, sie sind feige, sie sind beleidigend, kritisch und im besten Falle amüsant.

An einer Stelle sinniert Bills Mutter über ihn und einen seiner Freunde:

Ich verstehe nicht einen von ihnen, dachte sie. Wohin sie gehen, was sie so treiben, was sie wollen … oder was aus ihnen werden soll. Manchmal, oh manchmal sind ihre Augen wild, und manchmal mache ich mir Sorgen um sie, und manchmal fürchte ich mich vor ihnen …

Es ist eine lächerlich erhöhte Sprache („Manchmal, oh manchmal …“) und eine lächerlich noble Vorstellung von Kindheit. Es ist das, was ein Kind hofft, dass seine Eltern über es denken, nicht das, was Eltern wirklich über ihre Kinder denken. Diese Art von Großmütigkeit und Wunscherfüllung ist die Schwäche des Romans. Andererseits ist aber genau das auch seine Stärke. Vielen Schriftstellern wäre es peinlich, ein Buch über ihre Kindheit zu schreiben, in dem sie wie edle Helden auftreten, sich dem Kampf mit einem Monster stellen, das unter ihrer Heimatstadt lebt. King kennt die Bedeutung Verlegenheit nicht. Er sieht, was ein Kind will (nämlich ein Held sein), und er macht es möglich, ohne Umschweife. Zur Hölle mit den Kritikern, zur Hölle mit dem würdevollen Benehmen, zur Hölle mit dem guten Geschmack.

es8Guter Geschmack und Stephen King haben wirklich nie zusammengepasst. Man bekommt den Eindruck, dass er John Waters zustimmt, der behauptet, dass „guter Geschmack der Feind der Kunst ist.“ Das wird nirgends deutlicher als in der zentralen Sex-Szene des Buches. Ich kann mich an keine Szene, die King je geschrieben hat, erinnern, die kontroverser diskutiert wurde, als diese – 1958 – in der die Kinder sich im Alter zwischen 11 und 12 bewegen, ES für den Moment besiegt haben, und in der Kanalisation herumstolpern, ohne den Ausgang finden zu können. In einem magischen Ritual hat Beverly der Reihe nach Sex mit jedem der Jungen. Sie hat einen Orgasmus, und danach sind sie in der Lage, den Weg aus der Kanalisation zu finden. Die Leser haben alles getan: King einen Pädophilen genannt, einen Sexisten, ihm unverzeihlichen Vertrauensbruch vorgeworfen. Aber, in gewisser Weise ist diese Szene das Herzstück des Buches.

Das Buch zieht eine harte Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein, die Menschen auf beiden Seiten scheinen jeweils eine eigene Spezies zu ein. Der Durchgang ist in der Regel Sex. Die Jungfräulichkeit verlieren ist der Stempel, der dich wissen lässt, dass du kein Kind mehr bist (Die Geschlechtsreife ist in den meisten Kulturen auf zwischen 13 und 14 Jahren festgelegt). Beverly ist im Buch diejenige, die ihren Freunden dabei hilft, von magischen, einfachen Kindern zu komplizierten, wahren Erwachsenen zu werden. Sollte es irgendeinen Zweifel daran geben, dass dies das Herzstück des Buches ist, dann betrachten wir den Titel. „It“ (Es) ist das, was wir Sex nennen, bevor wir ihn haben. „Hast du ES getan? Wollte er ES tun? Tun sie ES?“

Keines der Kinder im Buch überwindet seine Schwäche. Jedes hat zu lernen, dass seine Schwäche eigentlich seine Stärke ist. Richies Stimmen bringen ihn in Schwierigkeiten, werden aber zu einer effektiven Waffe im Kampf gegen ES, wo Bill ins Stocken gerät. Bills Stottern kennzeichnet ihn als Außenseiter, aber seine Übungen dagegen schwächen ES. Das gleiche gilt für Eddie Kaspbraks Inhalator. Mehr als einmal nutzt Ben Hanscom sein Gewicht, um von der Rockerbande loszukommen. Und Mike Hanlon ist ein Feigling und Stubenhocker, aber er wird der Hüter Derrys, der Wächter, der zurückbleibt und Alarm schlägt, wenn die Zeit kommt. Und Berverly hat Sex (guten Sex – die Art, die heilt, kräftigt, Menschen einander näher bringt), weil es ihre Schwäche ist, eine Frau zu sein.

es9Durch das ganze Buch hindurch wird Beverly von ihrem gewalttätigen Vater beschimpft, schikaniert und geschlagen, aber er versucht nie, sie sexuell zu missbrauchen, bevor er nicht von ES besessen ist. Erinnern wir uns daran, dass ES zu dem wird, vor was man am meisten Angst hat. Während ES für die Jungen zu einer Mumie, einem Wolfmann, der Kreatur aus den schwarzen Lagunen wird, hat ES für Beverly die Form einer Gischt aus Blut, die aus dem Abfluss der Badewanne spritzt – einhergehend mit der Bedrohung, ihr Vater könnte sie vergewaltigen. Im ganzen Buch ist sich Beverly über ihren sich verändernden Körper bewusst und unglücklich mit der Pubertät im Allgemeinen. Sie will zum Club der Verlierer gehören, wird aber immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass sie nicht einfach einer der Jungs ist. Wie sie immer von ihnen angesehen wird – das erinnert sie permanent daran, dass sie sich von einem Mädchen in eine Frau verwandelt. Jedesmal, wenn ihr Geschlecht erwähnt wird, verschließt sie sich, fühlt sich isoliert und zieht sich zurück.
Die Tatsache, dass der Akt, „es zu tun“, ihr Moment ist, ihr Herz mit dem zu konfrontieren, was sie so isoliert und traurig macht, und sich das dann als wohliger, schöner Akt entpuppt, der sie mit ihren Freunden verbindet anstatt sie für immer zu trennen, das ist Kings Methode, uns zu zeigen, dass der Verlust unserer Kindheit im Grunde nicht in allen Belangen so schlecht ist.

Viele Leute glauben, dass der richtige Moment, King zu entdecken, die Jugendzeit ist, und in der Regel wird er tatsächlich zum ersten Mal von Teenagern entdeckt. Wie oft wird das „Erste Mal“ für Mädchen als etwas Schmerzhaftes porträtiert, das sie bereuen werden. Wie oft präsentieren die Medien die Jungfräulichkeit eines Mädchens als etwas, das geschützt werden muss, gestohlen, geraubt, zerstört werden kann, als etwas, auf das es zu achten gilt. In gewisser Weise ist ES ein Mittel Kings, um Kindern zu sagen, dass Sex, auch ungeplanter Sex, auch seltsamer Sex, auch Sex, indem ein Mädchen die Unschuld in der Kanalisation verliert, kraftvoll und schön sein kann, wenn er mit Respekt unter Menschen, die sich mögen, vollzogen wird. Das ist eine mutige Nachricht, und eine, die andere Autoren nicht bereit sind, zu liefern.

Als ES dann erschien, wusste King, worauf sich seine Kritiker als erstes stürzen würden: auf seine Länge. Er gab sogar ein Interview, in dem er sagte, dass lange Romane in Amerika nicht mehr akzeptabel seien, und er hatte Recht. Die Kritiken waren im Allgemeinen von der Länge des Romans besessen. Sie wogen es wie ein Baby (Vier Pfund!); das Twilight Zone Magazine meckerte, dass King einen besseren Lektor bräuchte. Die New York Times Book Review schrieb: „Wo hat Stephen King, der erfahrenste der Kronprinzen der Dunkelheit, bei ES etwas falsch gemacht? Fast überall. Lassen wir die Disziplin einmal beiseite, die für einen Schriftsteller ebenso wichtig ist wie Fantasie und Stil, hat er alles, was er sich auch nur vorstellen konnte, in diesem Buch angehäuft, zu viel von allem.“ Sogar Publishers Weekly hasste den Umfang des Buches: „Überbevölkert und in unnötige Details verliebt, aufgebläht durch faule, undurchdachte Philosophiererei und Theologisiererei. ES ertrinkt durch Kings ungebremstem Stift … es ist einfach viel zu viel hineingepackt.“

Aber King war vorbereitet. Schließlich war er einmal ein dickes Kind, und er weiß, dass es nichts gibt, das die Leute mehr hassen als dicke Jungs. Kings hat sein Gewicht in vielen seiner Bücher thematisiert, da gibt es den Fluch in Thinner, Vern in Die Leiche, Die Rache des Schmalzarsch Hogan und natürlich Ben Hanscom in ES. Sogar Andy McGees Abstieg in die Fettleibigkeit in Feuerkind. King war als fettes Kind aufgewachsen um fette Bücher zu schreiben, und er weiß, dass sich die Leute über diese verdammt fetten Bücher beschweren, weil Übermaß die Puritaner in Amerika auf die Palme bringt, vor allem die Kritiker. Manchmal ist fett-sein jedoch ein Teil der Schönheit.

esepWährend King behauptet, dass sein Buch von der Kindheit handelt, ist das nicht ganz richtig. Seine Kinder sind zu gut, zu loyal, zu brav. Sie entspringen einer erinnerten Kindheit, keiner erlebten. Was in ES gezeichnet wird, ist das Erwachsenwerden. Dieses Buch handelt von der Tatsache, dass sich Türen nur in eine Richtung öffnen, und während es einen Ausgang aus der Kindheit gibt, gibt es keinen, der aus Erwachsenen wieder Kinder macht.

Im letzten Kapitel, nachdem das Monster besiegt ist, hebt Kings Stil förmlich ab. Das Buch endet nicht mit einem Gefecht, nicht mit Entsetzen, nicht mit Pennywise, sondern mit Bill, der Kontakt mit seiner Frau aufnehmen will, die in ein Koma gefallen ist. In der letzten Passage des Buches wacht er im Bett neben ihr auf, berührt sie, erinnert sich an seine Kindheit, aber er denkt auch daran, wie gut es ist, sich zu verändern, zu wachsen, erwachsen zu sein. Er erinnert sich, dass das Besondere an der Kindheit ihr Ende ist, und dieser kleine Augenblick fühlt sich wie der Funke an, aus dem das Buch entstanden ist, die Saat, aus der es heraus wuchs.

Ja. Es ist ein dickes Buch. Aber vielleicht sind wir alle nur neidisch. Weil so viel enthalten ist, deshalb ist es so dick. Wir bekommen immer gesagt, es zählt das, was drin steckt. Es ist ein erstaunliches Buch, ein fehlerhaftes Buch – und manchmal ist es auch peinlich. Aber es kann nicht zusammengefasst werden durch ein Statement, eine Inhaltsangabe oder durch einen langen, ermüdenden Artikel wie diesen hier. Es ist ein Buch, das etwas einfängt, einige Stücke Zeit, ein paar Gefühle über das Erwachsenwerden und über den Abschied. King schreibt am Ende: „Das Auge des Tages schließt sich“. So geschieht Vergessen. Das ist die Art, wie Kindheit verschwindet. Du schließt die Augen für eine Minute, und wenn du sie wieder öffnest, ist sie für immer fort. Keine Angst, scheint ES zu sagen, das alles ist vorbei mit einem Wimpernschlag.

Michael Perkampus
Über Michael Perkampus (124 Artikel)
Michael Perkampus Kulturanthropologe und der ehemalige Moderator der Literatursendung "Seitenwind" im Radio Stadtfilter, Winterthur. Er ist Übersetzer, Hörbuchsprecher und Sammler von Phantastik. 2014 schuf er mit dem Phantastikon einen Ort im Netz, auf dem sich Erzählungen, Artikel, Interviews und Rezensionen rund um das Thema finden. Er lebt derzeit in Kempten, Allgäu und schreibt kurze Erzählungen, die sich um den Mythenkreis "Schwarzenhammer" drehen.

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1 Kommentar auf "Stephen King – ES"

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Karin Reddemann
Webmaster

ES/Es gefällt mir ungeheuer. Und nein, das ist keineswegs „ermüdend“, mich macht das hellwach. Da steckt alles drin, was ich persönlich wichtig und richtig am Buch/Background, ergo, was ich lesenswert finde.
Fette Kinder können/dürfen also, wenn sie den Babyspeck abgelegt haben, getrost als Erwachsene fette Bücher schreiben?! Tja, warum grundsätzlich nicht?! Wenn sie solche Bücher schreiben!
Der letzte Satz ist hundertprozentig: „Keine Angst, scheint ES zu sagen, das ist alles vorbei mit einem Wimpernschlag.“ – Stark…und gut so, wie es ist.

Bester Gruß,
KaRe

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