Stephen King / Der Anschlag

Viele amerikanische Autoren spüren irgendwann einmal das Bedürfnis, den „großen amerikanischen Roman“ zu schreiben; ein Mythos, der bereits seit dem Erscheinen von Onkel Toms Hütte (1850) existiert und dessen Ruf so illustre Autoren wie Herman Melville oder William Faulkner folgten (vielleicht ohne dass sie es wussten). Stephen King wird allgemein nicht als ein Anwärter gesehen, und mit einem Einzelwerk mag es der König schwer haben, was aber sein Gesamtwerk betrifft, so ist man sich mittlerweile einig, dass er der brillianteste Chronist des amerikanischen Lebens ist, und so reiht er sich zumindest neben Balzac ein, für den das auf das Frankreich seiner Zeit zutraf, und setzt sich auch neben Charles Dickens, der das für England tat.

Und trotzdem gibt es Stimmen, die Kings 11/22/63 (So „Der Anschlag“ im Original) für etwas halten, dass dem „großen amerikanischen Roman“ so nahe kommt wie schon lange kein Roman mehr, was daran liegt, dass er den nationalen Horror der Ermordung Kennedys zum Thema hat.

Die Idee verfolgte King schon seit 1971. Acht Jahre nach dem Attentat auf JFK begann er ein Buch mit dem Titel Split Track zu schreiben, in dem es um die Frage gehen sollte, wie wohl die Geschichte weitergegangen wäre, wenn Kennedy nicht ermordert worden wäre. Frisch verheiratet, mit einer einjährigen Tochter zu Hause und kaum drei Monate in seinem neuen Job als Lehrer tätig, gab er das Buch nach 14 Seiten auf, weil er der Menge an Recherchearbeit nicht gewachsen war. 36 Jahre später schrieb King in Marvel Spotlight über einen Comic, der die Geschichte eines Mannes erzählte, der durch ein Zeitportal im Hinterzimmer eines Diners reist, um die Ermordung Kennedys zu verhindern. Die veränderte Geschichte aber verwandelt die Gegenwart in eine radioaktive Einöde und er muss erneut zurückkehren, um sich selbst daran zu hindern, Oswald aufzuhalten. Von dieser Story war King so beeindruckt, dass er glaubte, sie könne ein Publikum erreichen, das ansonsten nicht zu seinen Lesern zählte. Sechs Monate später machte sich Russell Dorr, der mit King seit Jahrzehnten als Berater und Rechercheassistent zusammenarbeitet, auf, um Material über die Ermordung Kennedys zusammenzutragen. Und im Januar 2009, 38 Jahre nach der ersten Idee, fing King an, den Anfang dessen zu tippen, was dann als Der Anschlag bekannt werden sollte. Tatsächlich wurde das Buch einer von Kings größten Bestsellern. Er hatte wieder einmal einen Nerv getroffen.

King schreibt diesen Roman mit der vollen Breitseite seines Könnens. Dass er die lebendigsten Figuren zeichnen kann, die es in der Literatur überhaupt zu finden gibt, ist bekannt, hier aber schafft er es, das Kolorit einer Epoche entstehen zu lassen, als wäre sie niemals weg gewesen. Wenn er von der kleinen texanischen Stadt schreibt, in der Jake auf Sadie trifft, ist es für unsere Breitengrade vielleicht schwieriger als für den Amerikaner, der diese Zeit erlebt hat, die King Size Coke zu schmecken und den allgegenwärtigen Zigaretten-, Zigarren- und Pfeifenrauch zu riechen, aber wir bekommen ein direkte Vorstellung davon, die so dreidimensional ist, wie sie auf Buchseiten überhaupt nur sein kann. Das hier waren die letzten Tage der Unschuld in Amerika. John Wayne war immer noch die Nummer eins an der Kinokasse und Amerika war das goldene Land der Möglichkeiten.

Es waren aber auch die Tage der Rassentrennung, des Ku Klux Klan und des Slogans „Besser tot als rot“. Es gab Städte im Süden, die es Schwarzen nicht erlaubten, innerhalb ihrer heiligen Stadtgrenzen zu leben. Eine Zeit, in der die Armee, die Polizei und die Nationalgarde schwarze Studenten zu einer weißen Schule begleiten mussten. In den Restaurants hingen Schilder mit der Aufschrift „Keine Farbigen“, und natürlich mit dem alles schlagenden „Wir behalten uns das Recht vor, den Service für jedermann zu verweigern“. Dies würde sich in den 70er Jahren ändern, als es nicht mehr als angemessen erachtet wurde, rassistisch bigott zu sein. Die Schilder wurden ersetzt durch: „Kein Hemd, keine Schuhe, keine Bedienung“. Dieses Vorurteil gegen die langhaarigen, friedliebenden Hippies war akzeptabel.

Dies ist die Kulisse, mit der Jake zurecht kommen muss. Und wir sind bei ihm, begleiten ihn bei jedem Schritt auf seinem Weg. Aber Jake ist nicht allein vor Ort, er hat das Gefühl, dass die Vergangenheit aktiv gegen ihn kämpft und um jeden Preis verhindern will, dass Jake das Attentat auf den Präsidenten vereitelt. Er lernt, dass die Vergangenheit nicht verändert werden will. Tatsächlich scheint die Idee nicht besonders originell zu sein. Zeitreiseabenteuer hat es immer schon gegeben. Aber es ist die Art und Weise, wie der Roman geschrieben wurde, der ihn zu einem Klassiker macht.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.