Stephen King – Dead Zone

Nachdem sich King in Das letzte Gefecht mit zahlreichen Figuren auseinandergesetzt hatte, reduzierte er diese für sein nächste Buch radikal nach unten und präsentierte sein bis zu diesem Zeitpunkt vollendetstes Werk. Noch lange danach, als er schon längst weitere Meisterwerke wie Friedhof der Kuscheltiere, Christine, Cujo oder Feuerkind geschrieben hatte, sagte er in einem Interview:

„Das beste das ich bis heute geschrieben habe ist The Dead Zone, weil es ein wirklicher Roman ist. Das Buch ist sehr komplex und es behandelt eine aktuelle Geschichte. Die meisten meiner Geschichten bestehen aus einfachen Situationen, die sich selbst entwickeln können. Diese hier hat mehrere miteinander verwobene Ebenen, eine thematische Struktur, die im Hintergrund abläuft, und sie funktioniert auf fast all dieser Ebenen hervorragend.“

Dead Zone war nicht nur Stephen Kings erster Nummer 1 – Bestseller im Hardcover wie auch im Taschenbuch (was er der Sorgfalt seines neuen Verlages zuschrieb, New American Library), es war auch das Buch, bei dem King ein großes Risiko einging und genau das ausmacht, was King so erfolgreich werden ließ.

King betrachtete The Dead Zone als einen neuen Abschnitt in seiner Karriere, er sagte „was nach Das letzte Gefecht herauskam, das waren ganz andere Bücher als zuvor“. Das waren sie zunächst einmal, weil sie nicht mehr bei Doubledy erschienen, und weil King mit weniger Charakteren arbeitete. Das sollte bis Es auch so bleiben. Trotz einiger Unterschiede, war Dead Zone natürlich trotzdem ein Stephen King Buch. Das bedeutet, dass es darin um psychische Kräfte ging (es war das vierte von fünf Büchern, die sich mit paranormalen Ereignissen beschäftigten), und die Protagonisten waren tatsächlichen Einwohnern Maines nachempfunden. Dennoch ist es unbestreitbar, dass sich King seinen vertrauten Themen mit einer neuen Reife näherte.

Dead Zone greift ins Zentrum dessen, was King so erfolgreich machte. Viele Horror-Autoren schreiben über etwas, das außerhalb der Welt steht – ein Spukhaus, einen Serienkiller, über Zombies – mit denen die Protagonisten zu tun bekommen, aber King schrieb von seinen frühesten Kurzgeschichten an, „Ich bin der Torweg“ (1971) und „Graue Materie“ (1973), bis heute über Menschen, die sich in jemand oder etwas anderes verwandelten. Ob es sich um Carrie White handelt, die sich langsam in ihre eigene Mutter verwandelt, um Jack Torrance, der sich in Shining seinem eigenen gewalttätigen Vater nähert, oder besonders rigoros, die Bürger von Jerusalem’s Lot, die zu Vampiren werden. King mag es, auf seinen gewaltigen Seitenzahlen seinen Hauptakteuren die Menschlichkeit zu nehmen und sie in Monster zu verwandeln.

Den Hauptprotagonisten oder jemanden, der ihm nahe steht zu einem Monster werden zu lassen ist ein Markenzeichen vieler der erfolgreichsten Horrorromane (Der Exorzist, Rosemarys Baby, Spuk in Hill House) und Kings spätere Bücher bringen es diesbezüglich zur absoluten Meisterschaft (denken wir an den gemütlichen Cujo, der sich in einen reißenden Killer verwandelt, oder an die heldenhaften Kinder in ES, die sich in abgerissene Erwachsene verwandeln und sich dann zurück in ihre Kindheit begeben). Das spiegelt auch Kings eigene Verwandlung wieder, der sich zu dieser Zeit dank Kokain, Literweise Bier und einem Batzen Geld selbst in ein Monster verwandelte. In Dead Zone, wie auch in Feuerkind und Shining geht diese Verwandlung jedoch mit Psychokräften einher.

Als Danny Torrance seine Kräfte kennenlernte, wurde er von einer Entität besessen oder kontaktiert, die er Tony nannte. In Dead Zone und Feuerkind verwandeln sich Johnny Smith und Charlie McGee tatsächlich in einen Tony, indem sie ihre Fähigkeiten nutzen. Ihre Augen verändern ihre Farbe, ihre Stimmen klingen wie die von jemand anderen und ihre Persönlichkeiten werden hart und unnachgiebig. In diesen beiden Büchern ist demnach eine weitaus größere Transformation am Werk. In Feuerkind verwandelt sich Charlie von einem kleinen Mädchen in eine unabhängige Frau, in der eine Macht wohnt, die kurzerhand die ganze Welt in Flammen aufgehen lassen könnte. In Dead Zone verwandelt sich Johnny von einem freundlichen, gewöhnlichen Lehrer, dem niemand jemals böse sein konnte, in einen gemeingefährlichen Attentäter.

In Das Leben und das Schreiben machte King deutlich, dass die Arbeit an Dead Zone aus zwei Fragen bestand: „Kann ein politisch motivierter Attentäter jemals richtig handeln? Und wenn das so ist, taugt so jemand als Hauptfigur eines Romans?“ King mischt die Karten zu Johnnys Gunsten, indem er ihm die Möglichkeit verleiht, die Zukunft zu erkennen, so dass, als er sich Greg Stillson als Ziel aussucht, der gerade den dritten Weltkrieg vorbereitet, keine Zweifel bestehen, dass er das Richtige tut. Jahre später, in Das Leben und das Schreiben, kompliziert King das Thema, indem er schreibt:

„Johnny unterscheidet sich von anderen gewalttätigen, paranoiden Geheimnisträgern nur insofern, als dass er die Zukunft tatsächlich sehen kann. Aber sagen sie das nicht alle?“

Zu Beginn des Buches ist Johnny ein frisch verliebter, netter Schullehrer. Glücklicherweise kann King über freundliche Menschen schreiben, ohne jemanden zu Tode zu langweilen. Vergleichen wir das Paar Johnny/Sarah einmal mit Ben Mears und Susan Norton, erkennen wir sofort, dass Kings Versuch aus Brennen muss Salem, ein junges Paar darzustellen, etwas Gestelztes und Aufgesetztes hatte, während Johnny und Sarah sich echt und glaubwürdig präsentieren. Das kommt uns als Leser entgegen, denn die ersten 40 Seiten handeln von ihrer Begegnung.

Und zugleich wird uns auch gleich das große Symbol des Buches gereicht, als Johnny nämlich versucht, das Schicksalsrad zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Es dauert etwas, bis wir bemerken, dass wir ein Stephen King Buch in Händen halten. Sarah beginnt, nachdem sie einen schlechten Hot Dog gegessen hat, alles vollzureihern, und Johnny bringt sie nach Hause. Gentleman, der er ist, nutzt er die Gelegenheit nicht aus, sondern nimmt sich ein Taxi, um seinerseits nach Hause zu gelangen. Ein böser Fehler, denn es kommt zu einem Verkehrsunfall, bei dem Johnny in ein Koma fällt, aus dem er viereinhalb Jahre lang nicht erwachen wird. Als er das Bewusstsein wiedererlangt, ist Sarah bereits verheiratet. Johnny kann kaum gehen und sieht die Zukunft, sobald er etwas berührt. Vera Smith, seine verrückte christliche Mutter verkündet, dass Gott ihn für eine Mission ausgerüstet habe. Das hat Ähnlichkeiten mit Mrs. Carmody in Der Nebel und Margeret White in Carrie. Man kann sich darüber beklagen, dass King immer wieder auf christliche Stereotypen zurückgreift, darf dabei aber nicht vergessen, dass sowohl Margeret White als auch Vera Smith Recht mit ihren Aussagen haben. Carrie erledigt die Arbeit des Teufels und Johnny ist wirklich auf einer göttlichen Mission, auch wenn es Zweifel darüber gibt, woraus diese Mission besteht.

Johnny verbringt nun Jahre damit, die Folgen des Komas zu überwinden und die Sehnen und Muskeln wieder zu aktivieren. Dann kann es endlich los gehen. Der Sheriff von Castle Rock (und hier wird die fiktive Stadt zu ersten Mal genannt) bittet die Öffentlichkeit um Mithilfe auf der Suche nach einem Serienkiller. Johnny stürzt sich in die Untersuchungen und wird berühmt, weil er seine Kräfte dazu einsetzt, den Täter zu fassen. Der Medienzirkus macht ihm jedoch zu schaffen und er verschwindet von der Bildfläche, um Privatlehrer zu werden.
Sein erster und einziger Schüler ist Chuck Chatsworth, das verwöhnte und behinderte Kind eines reichen Vaters. Johnny hilft ihm, seine Leseschwäche zu überwinden. An Chucks Abschlusstag, warnt Johnny dessen Eltern vor einem Feuer, das während der Feierlichkeiten ausbrechen wird. Chuck und hundert andere Kinder bleiben zu Hause, aber 81 feiernde Studenten kommen bei dem Brand ums Leben (30 weitere erleiden schwere Verletzungen). Und erneut geht die Presse steil, Johnny versteckt sich erneut, weiß aber mittlerweile, dass seine göttliche Mission daraus besteht, den Kongressabgeordneten (und damit potentiellen Präsidentschaftskandidaten) Greg Stillson zu töten.

Er konnte nämlich Greg Stillsons Hand während einer Wahlveranstaltung schütteln und somit erkennen, dass er den dritten Weltkrieg vorbereitet. Stillson wird von einer Rockerband unterstützt, die unliebsame Reporter verschwinden lässt und die Familien der Gegenkandidaten einschüchtert. Zuerst begegnen wir ihm, als er einen Hund zu Tode tritt, während er gerade dabei ist, Bibeln zu verkaufen. Stillson ist verrückt wie eine Scheißhausratte.
Allerdings ist Johnny, als er sich mit Stillson beschäftigt, selbst schon verrückt. Er leider unter mysteriösen Kopfschmerzen, distanziert sich zunehmend von seiner Familie und von seinen Freunden und es zeigt sich, dass sich bei ihm außerdem einen Gehirntumor entwickelt hat. Der Leser aber ist nach wie vor auf seiner Seite, weil er Johnny kennenlernte, bevor der sich in ein Monster verwandelte.

Besorgt darüber, dass ein künftiger Präsidentschaftskandidat Dead Zone zu seinen Einflüssen zählen könnte, schrieb King ein Ende, bei dem Johnnys versuchter Anschlag bei Stillson eine Panikreaktion heraufbeschwört, als der sich nämlich ein Baby schnappt und als Schild benutzt. Fotos von seiner Feigheit laufen durch die Presse und ruinieren seinen Einfluss. Für Johnny allerdings kommt all das zu spät, er stirbt in einem Kugelhagel. King selbst bezeichnete das Ende unverblümt als einen „Rückzieher“, und damit liegt er nicht falsch. Er schreibt die Geschichte über einen jungen Soziopathen und versaut das Ende. Es kann nicht das sein, was King damals beabsichtigt hat, aber es gibt ja auch noch eine andere Leseart: Was ist, wenn Johnny wirklich verrückt ist? Wir gehen davon aus, dass Johnnys Mission daraus besteht, Stillson zu töten, allein weil diesem so viele Seiten gewidmet werden. Was aber ist, wenn Johnnys Mission die war, Chuck und seine Familie vor dem Feuer zu retten und die Tötung Stillsons nur ein Missverständnis? Während wir das Buch lesen, gibt es keinen Grund, an Johnnys Visionen zu zweifeln, aber Kings Notizen in Das Leben und das Schreiben lassen erkennen, dass auch er an eine alternative Leseart glaubt. Was, wenn Johnnys Hirntumor seine Visionen beeinflusst hat? Schließlich weist King darauf hin, dass Johnny zwar behauptet, die Zukunft zu sehen, dass dies aber schließlich alle versoffenen Irren mit einer Pump-Gun und pochenden Kopfschmerzen tun. Stillsons Feigheit während des Mordversuchs erlaubt den Figuren des Buches, ihn als gemeingefährlichen Irren zu entlarven. Wäre es aber so gewesen, dass Stillson bei dem Anschlag ums Leben gekommen wäre, ginge die offizielle Geschichte so, dass Stillson, als Held des Volkes, von einem Verrückten getötet wurde, der behauptete, in die Zukunft zu sehen.

Wie auch immer man es betrachten mag, es ist ein beunruhigendes Buch. Im Nachhinein betrachtet war sich King der Größe seines Buches zu jederzeit bewusst. Und er wusste, dass man beide Versionen darin unterbekommen konnte. In dieser Phase seiner Karriere brannte King als Autor förmlich, und auch ein „Rückzieher“ konnte der Klasse seiner Werke nichts nehmen. Das letzte Kapitel in Dead Zone ist erstaunlich. Darin besucht Sarah Johnnys Grab und trauert über die verlorene Zukunft, die sie beide hätten haben können. Sie ist davon überzeugt, dass aus ihnen etwas hätte werden können und sie glücklicher wäre als sie es jetzt ist. Da bekommt sie auf einmal das Gefühl, dass Johnny, immer noch der alte Johnny, plötzlich da wäre. Und unter dem Einfluss dieser geisterhaften Präsenz gelingt es ihr, sich mit ihrem Hier und Jetzt anzufreunden, setzt sich in ihr Auto und fährt davon.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

"Ich bin mehr daran interessiert, meinen Geist unterschiedlichen Situationen auszusetzen, als meinen Körper." -- Alan Moore

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz