Stephen King / Christine

Als Kind der 50er Jahre haben Autos Stephen King schon immer fasziniert. Da gibt es Billy Nolans 61er Biscayne in Carrie, den Volkswagen von Jack Torrance in Shining, die lebendigen Trucks von „Rhea M“, den Pinto/Hotbox in Cujo, den Killer-Kombi in „Raststätte 81“, den außerirdischen Buick Roadmaster in „From a Buick 8“ (dt. Buick) und den Autounfall, der die Handlung von Misery (Sie) auslöst. Autos sind, gemeinsam mit Denim, Rock’n’Roll, und Akne ein Teil von Kings amerikanischer Palette, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis King ein Auto zum Hauptgegenstand eines Romans machen würde. Als das Buch dann herauskam, war es jedoch nicht das, was man erwartet hatte. Es war ungewöhnlich und selbst die Qualität überraschte. Holperig, schlampig und aufgebläht – das war die Kritik, die sich Christine gefallen lassen musste.

Für mich war es das Buch, durch das ich in den King-Kosmos gefallen bin. Ich las es an einem Tag. Und was soll man schon auf Kritiker geben?

Die Idee für Christine entstand 1978, als King eines Tages nach Hause ging und an seinen langsam den Geist aufgebenden Pinto dachte, der auch den ersten Funken für Cujo lieferte. Aber 1978 lieferte sein Pinto keine inspirierten Romane, sondern nur Kurzgeschichten. „Wäre es nicht lustig“, erinnert sich King, „wenn die kleinen Zahlen auf dem Kilometerzähler rückwärts laufen würden, und wenn sie rückwärts laufen würden, würde sich das Auto dann verjüngen? Das wäre eine interessante Kurzgeschichte.“ Dann kamen die 80er Jahre.

Vielleicht lag es daran, dass die 80er Jahre eine Ära des überdimensionalen Überflusses waren, vielleicht lag es daran, dass King jeden Tag riesige Mengen an Kokain schnaubte und Literweise Bier trank, vielleicht lag es aber auch daran, dass immer weniger Redakteure diesem Goldesel sagen konnten, was er herausnehmen sollte, denn schon bald war seine kleine Autoidee größer als eine Kurzgeschichte, größer als eine Novelle, sogar größer als seine anderen Romane. Nach The Stand war Christine zu diesem Zeitpunkt der umfangreichste.

Das 1983 erschienene Buch verkaufte sich im ersten Jahr 303.000 Mal und King bekam eine Menge von diesem Geld. Zuvor hatte er einen Vorschuss von der New American Library für seine Bücher akzeptiert, aber der Zahlungsplan stimmte ihn nicht zufrieden. Bei den meisten Verlagsverträgen in Amerika erhalten die Autoren ein Viertel ihres Vorschusses bei Vertragsunterzeichnung, ein Viertel bei Annahme des Manuskripts, ein Viertel bei Veröffentlichung und ein Viertel nach Veröffentlichung. Erst nach Auszahlung dieser Vorschüsse schuldet der Verlag dem Autor Tantiemen. Kings Bücher verkauften sich jedoch so schnell, dass ihm Tantiemen geschuldet wurden, bevor seine letzte Vorauszahlung fällig war, aber seine Verleger waren nicht verpflichtet, ihm seinen überdimensionalen Tantiemenscheck zu geben, bevor sie ihm seinen kleineren Vorschuss gezahlt hatten. Für Christine bot King ihnen einen neuen Deal an: Er akzeptierte einen Vorschuss von einem Dollar und dafür einen größeren Anteil der Tantiemen. In dem Moment, in dem ein Exemplar verkauft wird, verdient er also seine Tantiemen. Es ist selten, dass ein Autor solche Bedingungen diktieren kann, und es ist ein Zeichen seiner Macht, dass man sich schnell einig war.

Das Buch ist nicht nur ungewöhnlich, weil es in Pittsburgh statt in Maine spielt, oder durch die neuen Vertragsbedingungen, sondern auch, weil es das erste Buch war, das King in einem völlig besoffenen Blackout schrieb. Und hier setzt die Kritik an, die besagt, dass es sich auch wirklich wie das Werk eines Betrunkenen anfühlt: voller Wiederholungen, aufgebläht, ungeschickt und unausgegoren sei es das eitle Werk eines unaufhaltsamen Autors.

Das Buch selbst ist relativ einfach gestrickt. Arnie Cunningham ist ein Nerd mit schlechter Haut, als Mechaniker aber ein Ass. Seine Eltern aus der Mittelschicht schämen sich für seine Leidenschaft, an Autos zu arbeiten, und stellen sich ihn stattdessen in einem Schachclub oder als Sportstudent auf einer Elite-Universität vor. Sein Freund Dennis, der die Geschichte (meistens) erzählt, ist der Star der Football-Mannschaft ihrer Schule. Eines Tages entdeckt Arnie Christine, einen verrostete Plymouth Fury, Baujahr 1958, und kauft das Auto sehr zum Entsetzen von Dennis und seinen Eltern. Er restauriert es liebevoll, wird immer besessener von diesem Auto und zieht sich gleichzeitig von seinen Eltern, Dennis, und sogar seiner Freundin Leigh zurück. Leute, die sich ihm in den Weg stellen, werden von der fahrerlosen Christine überfahren, wenn Arnie nicht in der Stadt ist, und das Ganze endet damit, dass Dennis einen Truck mietet und Christine in kleine Stücke zertrümmert. Es gibt auch eine Nebenhandlung über Zigarettenschmuggel, die etwa 100 Seiten umfasst, und Dennis verbringt die gesamte Mitte des Buches in einem Krankenhaus.

King selbst beschreibt Christine als „Happy Days gone mad“, aber selbst er gibt zu, dass es seinen Absichten nicht entsprach. In der Einleitung zu „Vier nach Mitternacht“ schreibt er: „Als die meisten Kritiken von Christine andeuteten, dass es ein wirklich schreckliches Werk war, kam ich zu der zögerlichen Überzeugung, dass es wahrscheinlich nicht so gut war, wie ich gehofft hatte (was mich jedoch nicht davon abhielt, die Tantiemen einzulösen)“. Diese Haltung das gesamte Buch bis hin zu der Tatsache, dass King die Filmrechte verkauft hatet, bevor es überhaupt gedruckt wurde. Das ganze Buch fühlt sich so gehetzt an, als hätte King einen ersten Entwurf voller Fehler, Wiederholungen und Maßlosigkeiten vorgelegt, anstatt sich die Zeit zu nehmen, den Text zu überarbeiten.

King sorgte dafür, dass jedes der 51 Kapitel mit einem Rock’n’Roll Text beginnt. Die Genehmigungen waren so teuer, dass er sie selbst bezahlen musste (in Höhe von 15.000 Dollar), und ihre Copyright-Informationen nehmen drei ganze Kleingedruckte Seiten in Anspruch. Als unverbesserlicher Vielschreiber braucht King ewig, um Christine einzuführen. Als Arnie das Auto kauft, braucht er vier Kapitel, um es in die Werkstatt zu fahren (das aufregendste Ereignis: es bekommt einen Platten). Nachdem er Arnie in der Garage abgesetzt hat, geht Dennis nach Hause und verbringt ein ganzes Kapitel damit, mit seinem Vater über nichts Besonderes zu plaudern, bevor er ins Bett geht und einen schlechten Traum hat (es gibt viele schlechte Träume in diesem Buch).

Aber es ist nicht nur die Länge, sondern auch die inkonsistente Charakterisierung. Als Arnie einen heftigen Streit mit seiner Mutter Regina hat, sehen wir die Ereignisse durch Dennis‘ Augen. Auf drei Seiten beschreibt Dennis Regina als aristokratisch, dann bezeichnet er sie als semi-aristokratisch, dann sagt er, sie sei gar nicht aristokratisch, sondern wie eine Königin in Blue Jeans. Dennis behauptet, Arnies Eltern zu mögen, dann verspottet er sie unerbittlich und erklärt, dass er Regina nicht traut, weil sie ihn einmal angeschrien hat und er denkt, dass sie auf ihn herabschaut, dann erklärt er plötzlich, dass er in sie verliebt ist (!). Dennis spricht immer wieder davon, wie großartig seine eigene Mutter ist, aber er hat mindestens drei Gespräche mit seinem Vater, in denen es nur darum geht, ihre Ambitionen, Schriftstellerin zu werden, zu verspotten.

King hat sich zwar schon immer für die großen Beschreibungen entschieden, verlässt er sich normalerweise nicht so sehr auf sie. Hier scheint es, als ob er sich selbst nicht davon abhalten kann, sich in langen Beschreibungen von weichen menschlichen Körpern zu suhlen, die von Christine in Straßenketchup verwandelt werden. Er begnügt sich nicht mit ein paar Szenen des automobilen Gemetzels, sondern lässt den Geist von Roland LeBay wieder auferstehen, dem gemeinen alten Mann, der das Auto an Arnie verkaufte und dann starb, nur um ausgedehnte Passagen über LeBays fortschreitenden Zerfall zu schreiben. Wie selbst King zugibt, ist LeBay ein Niemand, der nur da ist, weil Christine einen Besitzer braucht. „Ich konnte ihn nicht aus dem Buch heraushalten. Auch nach seinem Tod kam er für einen weiteren Auftritt zurück und wurde immer hässlicher und hässlicher.“ Nach Carrie machte King in Interviews deutlich, dass es Charaktere gab, die „außer Kontrolle gerieten“ und zurückgestutzt werden mussten, aber in Christine gab es für ihn offensichtlich keinen Grund, diszipliniert zu Werke zu gehen.

Es ist nicht nur Kings Nachsicht gegenüber seinen eigenen schlimmen Tendenzen, die Christine untergräbt, es ist die grundlegende Ausführung, die so schlampig ist. King neigt dazu, die Hintergrundgeschichte von jedem in seinen Büchern zu durchdenken, sogar bis hin zum Briefträger in Cujo, der in zwei Szenen erscheint und nichts mit der Handlung zu tun hat. Doch als die Produzenten der Filmversion von Christine anriefen, um zu fragen, ob das Auto bereits con Beginn an böse ist oder erst später dazu wurde, antwortete er: „Ich weiß es nicht. Ihr könnt tun, was ihr wollt.“

Die schlimmste aller Sünden ist die zusammengestückelte Qualität von Christine. Die ersten und die letzten Seiten werden von dennis in der ersten Person erzählt, dann aber wird er verletzt und verbringt eine lange Zeit im Krankenhaus, so dass die mittleren Seiten in der dritten Person erzählt werden. Es holpert, und King sagt, es war eine unvollkommene Lösung für ein Schreibproblem. Er sagt, dass er feststeckte, als Dennis verletzt wurde und aus dem Spiel genommen werden musste. Nachdem er einen Haufen verschiedener Lösungen ausprobiert hatte, beschloss er, es in der dritten Person zu erzählen. „Es hätte fast das Buch zerstört“, gab er später zu.

Einige Leute behaupten, dass King „literarisches Junk Food“ schreibe, das versnobt und abweisend ist. Doch nichts an dem verzweifelten Hunger nach Akzeptanz von Carrie, der brutalen Selbstprüfung in Shining, dem Experimentieren in Dead Zone, der resignierten Erforschung von Schicksal und Zufall in Cujo oder der gerechten Wut und Traurigkeit von „Die Leiche“ hat irgendetwas mit Junk Food zu tun. Bei Christine sieht das jedoch anders aus: übergroß, fettig, chaotisch läßt es den Leser leer und unzufrieden zurück. Es ist eines der wenigen Stephen King Bücher, die von Anfang an nicht richtig zünden.

Doch nach diesem Wechselspiel der Gefühle bekam sich King wieder in den Griff. Als nächstes schrieb er einen seiner absoluten Klassiker: Friedhof der Kuscheltiere.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.