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Stephen King – Carrie

Titelbild: Coverart für “Carrie” von Tomislav Tikulin

Carrie war Stephen Kings erster Roman. Ein Großteil seines Ruhms liegt in der Tatsache, dass er eigentlich bereits der vierte war, den er an Verlage geschickt hatte.

(Bei den ersten drei Büchern handelt es sich um Amok, Todesmarsch und Qual, die alle in späteren Jahren veröffentlicht wurden.)

Es ist eine Geschichte, wie sie in Literaturdebatten immer gerne herausgekramt wird, um zu sagen: Wir wissen bescheid, wir kennen die Geschichten abseits der Buchdeckel. Ebenso beliebt ist die Geschichte, dass King den einzigen Entwurf, den es von Carrie gab, weggeworfen hat, bis ihn seine Frau davon überzeugen konnte, den Roman doch bitte wieder aus dem Müll zu klauben. Der Rest ist Publikationsgeschichte der 70er Jahre.

Carrie bleibt ein Roman, der völlig zum Zeitgeist passte. Er erschien etwa zur gleichen Zeit, als Rosemary’s Baby und Der Exorzist veröffentlicht wurden und in den Kinos Wenn die Gondeln Trauer tragen und The Wicker Man liefen (die britische Originalfassung von 1973 wurde in Deutschland erst im jahre 2009! veröffentlicht). Es war die Zeit, in der sich die Leute mehr für die seltsame, paranormale Seite der menschlichen Existenz zu interessieren begannen und nichts mehr mit Gespenstern und Spuk anfangen wollten.

Das Buch erzählt die Geschichte der Carrie White, einer High-School-Schülerin mit latent vorhandenen, telekinetischen Fähigkeiten, die sich im Laufe der Erzählung immer mehr entwickeln. Das Buch ist an manchen Stellen brutal, an anderen anrührend (wie etwa Carries beschädigte Beziehung zu ihrer hysterischen, religiösen Mutter). Am Ende des Romans blickt man auf eine beeindruckende Zahl Toter hinab, die man anfänglich gar nicht erwarten konnte angesichts des im Roman vorherrschenden Tons. Oder im Angesicht von Carrie selbst.

Strukturell ist der Roman mit einer typischen dritte-Person-Erzählstimme ausgestattet, durchsetzt mit Auszügen aus anderen Medien: Zeitungsartikel, Autobiographien der Charaktere, Abschriften polizeilicher Vernehmungen usw. Das funktioniert nicht immer wie gewünscht, weil diese Einschübe sich zu nahe an Kings Erzählstimme orientieren und außerdem die schlechtesten Phrasen des Romans darstellen. Während man also dem Hauptstrang der Erzählung folgt, wird man plötzlich ganz woanders hin katapultiert, oft dorthin, wo die Aussicht weniger interessant ist. Insbesondere die Auszüge aus Susan Snells gefälschter Biographie sind nicht wirklich besonders interessant. Unter anderem, weil sich diese Passagen nicht wie eine Biographie sondern wie Monologe lesen.

Trotzdem handelt es sich bei Carrie um eine gute Geschichte. Carrie selbst ist ein faszinierender Charakter: ein Archetyp (das verletzte Mädchen mit ungeahnten Kräften), zu dem King in seinen späteren Werken zurückkehren sollte. King selbst beschrieb das Buch als „ein Kuchen, gebacken von einem Erstklässler. Lecker genug, um ihn essen zu können, aber etwas klumpig und verbrannt an der Unterseite.“ Das ist eine ziemlich gute Einschätzung. Als Debut-Roman ist Carrie ein recht ordentliches Jugendwerk. Als Absichtserklärung – jener Absicht nämlich, Geschichten über Seltsamkeiten, das Verdrehte und das Menschliche zugleich zu schreiben – ist der Roman außergewöhnlich.

Kingismus

Es bietet sich an, bei jeder King-Rezension nach den gemeinamen stilistischen Details und den wiederkehrenden Bildern in seinen Romanen zu suchen. Carrie ist natürlich interessant, weil es Kings erste Veröffentlichung war und ein paar Ideen enthält, die er im Laufe seiner Karriere wiederholen würde. Da wäre zum Beispiel der innere Monolog. King hat die Angewohnheit, die Gedanken seiner Charaktere durch Klammer-Einschübe oder Kursiva in den Haupttext einzubringen (Sehen Sie, was ich getan habe?). Das ist eine effektive und elegante Methode, um das platte „Sie dachte“ zu umgehen. Bis zum Ende des Romans dominiert das Stilmittel des inneren Monologs sogar über den Erzähltext.

Carrie enthält bereits deutlich jene kingspezifischen Themen, die er noch einmal durchdenken und mit noch größerer Wirkung aufbieten würde. Zum Beispiel Carries Gespräche mit ihrer Mutter – es sind dies jene Stimmen, die in späteren Romanen wie Misery, Dolores oder Der dunkle Turm wieder auftauchen werden.

Der Flagg-Charaker

Noch etwas. King hat einen Charakter erschaffen, der offiziell in neun Romanen auftaucht: Randall Flagg (aka Walter O’Dim, der Mann in Schwarz, der Wanderer in The Stand). Er ist kein netter Kerl, aber ein genauerer Blick auf ihn lohnt sich erst in späteren Romanen, angefangen bei The Stand. Jedoch gibt es viele Indizen dafür, daß diese Figur auch in anderen Texten Kings auftaucht, und da ist Carrie keine Ausnahme.

Carries Mutter bezieht sich in ihrem religiösen Eifer regelmäßig auf „den schwarzen Mann … seine gespaltete Hufe schlägt rote Funken aus dem Asphalt“. Natürlich bezieht sich dieses Beispiel auf den Teufel, oder besser: mehr auf den Teufel als auf Randall Flaggs übliche Erscheinung. Allerdings ist „der schwarze Mann“ furchtbar nahe am „Mann in Schwarz“ und anderen Flagg-Synonymen.