News Ticker

Stephen King – Brennen muss Salem

Dieses Buch fehlt uns seit Langem schon im Sortiment des Phantastikon. Den Großteil des Manuskripts zu Brennen muss Salem schrieb King, bevor er seine Carrie verkaufen konnte, als er sich noch über einem Schultisch im Wäscheschrank seines Wohnmobils krümmte, am Ende, Verzweifelt und ohne Hoffnung, und an der Highschool unterrichtete. Teilweise inspiriert von den auf seinem Lehrplan stehenden Werken Thornton Wilders “Unsere kleine Stadt” und Bram Stokers “Dracula”, bezeichnete er später sein Buch als “eine Eigenartige Mischung aus Peyton Place und Dracula”, oder als “Vampire in unserer Stadt”. Und genau das ist das Thema.

Nachdem er Carrie verkaufen konnte, überbrückte er die Wartezeit bis zum Erscheinen mit der Weiterarbeit an Salem’s Lot. Er polierte das Manuskrip etwas auf und schickte es zusammen mit Roadwork (das später unter seinem Pseudonym Richard Bachmann als Sprengstoff erscheinen sollte) an seinen Verleger Bill Thompson, der zwischen den beiden entscheiden sollte. Thompson war der Auffassung, dass Sprengstoff zwar das literarischere der beiden sei, dass aber Salem’s Lot, nach einigen Veränderungen, wohl eher die Chance auf kommerziellen Erfolg haben würde.

Die beiden großen Veränderungen, die Thompson verlangte: King solle die grausame Beschreibung eines Todes durch Ratten entfernen (“Ich ließ sie wie einen wütenden pelzigen Teppich über das Opfer hereinbrechen, beißend und kauend. Und als der so Überfallene eine Warnung an seine Gefährten in Obergeschoss rufen will, schlüpft eine von ihnen in seinen offenen Mund und windet sich in Ekstase, während sie ihm die Zunge zerkaut”, schrieb King später). Und King sollte den Anfang der Geschichte ausweiten, um die Plage, die diese kleine Stadt befällt, zweideutiger zu gestalten. King protestierte mit dem Argument, dass jeder Leser von Anfang an wüsste, dass es sich um Vampire handelt und diese Zurückhaltung als literarischen Striptease übelnehmen. Thompson erwiderte, dass er mit “jeder Leser” nur eine sehr kleine Leserschaft meinen könnte. Jetzt schreibe er für ein Mainstream-Publikum, und das Letzte, was dieses erwarten würde, wären Vampire.

Und er hatte Recht. Zu dieser Zeit erwartete niemand Vampire in einem fein aufgemachten Hardcover-Bestseller. Heute allerdings, und aufgrund des Erfolges, ist Salem’s Lot quasi ein Synonym für Vampire und der Anfang zieht sich endlos hin. Man könnte vielleicht einwerfen, dass dies der Einführung der Charaktere dienlich sei, wenn wir es hier nicht mit den wahrscheinlich flachsten Charakteren zu tun hätten, die jemals gedruckt wurden.

Ben Gazzara

Ben Mears (den sich King als Ben Gazzara vorgestellt hatte) kommt in die kleine Stadt Salem’s Lot (Bevölkerung 289), um ein Buch über das alte Marsten-Haus zu schreiben, das auf einem Hügel steht und dort wie ein gotischer Held brütet. Das Marsten-Haus wird im ganzen Buch nichts anderes zu tun haben als für die großartige Atmosphäre zu sorgen, und King beschreibt es mit nicht gerade wenigen Worten. Ben beginnt eine Affäre mit der extrem langweiligen Susan Norton, die ihm dabei hilft, den tragischen Motorradunfall in seiner Vergangenheit zu überwinden. Mit von der Partie sind ein dem Alkohol verfallener Priester, der mit seinem Schicksal hadert, ein netter junger Arzt, die an die Naturwissenschaften glaubt und ein zu Scherzen aufgelegter Schullehrer, der von seinen Schülern geliebt wird. Ohne besonders von King herausgearbeiteten Grund zieht Barlow, ein Vampir, komplett ausgestattet mit Europäischem Manierismus und hypnotischen Augen mit seinem Diener Straker in das alte böse Marsten-Haus ein. Wenn das Buch zu Ende ist, wird Barlow das Blut der meisten Stadtbewohner getrunken und sie dadurch zu Vampiren gemacht haben. Die anderen werden geflohen sein.

Brennen muss Salem entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, wirft seine Angel aus, an der man unweigerlich festhängt. Das Buch ist voller grandioser Actionmomente. Die “Bösen” sind dermaßen arrogant, dass es ein wahres Vergnügen ist, wenn jemand des Weges kommt und ihnen das Grinsen aus dem Gesicht wischt, und seine “Guten” lässt King nicht ohne eine gewisse Vehemenz sterben. Der wahre Grund, warum das hier nicht zu Kings besten Arbeiten zählt ist jedoch, dass man dem Buch jederzeit anmerkt, wie sehr King hier versucht, über das Horrorpublikum hinauszugehen.

Stark beeinflusst von Bram Stokers Dracula, Grace Metalious’ erfolgreichem Kleinstadt-Skandalroman Die Leute von Peyton Place und Shirley Jacksons großem Horror-Roman Spuk in Hill House, kommt Brennen muss Salem nicht von diesen Einflüssen los. Der Roman überführt Dracula in ein modernes Amerika, oder es wirft ein paar Vampire nach Peyton Place. Dabei sind die Charaktere äußerst dünn gezeichnet und erreicht nicht einmal Ansatzweise die Tiefe von Peyton Place.

Salem’s Lot ist von der ersten Seite an ein hügeliges Höllenloch, die Hauptfiguren sind eindimensional, die Zweitbesetzung eine blasse Kopie aus Grace Metalious’ Roman. In Kings Buch hat jeder ein schreckliches Geheimnis, und die Stadt ist voller Baby-Prügler, böswilligen Klatschbasen, heimlichen Trinkern, kinderhassenden Schulbusfahrern, pornoliebenden Stadträten, Frauenkleidertragenden Ladenbesitzern, unentdeckten Mördern, pädophilen Priestern. Jeder ist entweder ein Idiot, ein Quälgeist oder ein Penner, und alle miteinander sind verbittert oder hasserfüllt. Sogar der Milchmann hasst es, täglich die Milch auszuliefern.

Kings Herzlosigkeit gegenüber seinen Figuren erlaubt ihm, sie mit größtem Vergnügen um die Ecke zu bringen (tatsächlich sind die Todesarten von exklusiver Qualität), aber er macht auch den jugendlichen Fehler, zu glauben, die übertriebene Darstellung, wie man eine Frau schlägt, ein Kind misshandelt, wie Ehegatten sich betrügen, von einem tyrannischen, betrunkenen Ehemann, sei in irgendeiner Form dazu geeignet, ein reifes und erwachsenes Buch zu schreiben. Stattdessen werden hier nur dunkle und dreckige Klischees bedient.

Es ist aufschlussreich, dass der einzige unvergessliche Charakter in dem Buch derjenige ist, den King selbst entworfen hat: Mark Petrie, ein übergewichtiger Horror-Nerd, dessen lebenslanger Popkulturgebrauch ein Ausbildungslager für eine Vampirapokalypse war. Er ist vorbereitet durch seinen extremen Konsum an Horrorfilmen, Comics und Gruselgeschichten. Mark ist der Prototyp aller heutigen Nerds wie ihn etwa Jesse Eisenberg in Zombieland als Columbus spielt oder Fran Kranz als Marty in The Cabin in the Woods. Für diese Jungs macht ihr Interesse sie nicht zu Außenseitern, es macht sie zu Überlebenden.

Aber es ist Kings Verehrung für Shirley Jackson, die ihn reitet – zum guten wie zum schlechten. Jackson war eine begnadete Stilistin, und auch für heutige Verhältnisse ist Spuk in Hill House als außerordentliche Leistung anzusehen. In seinem Sachbuch Danse Macabre bezeichnet King Jacksons Buch als “Ur-Roman” über den “bösen Ort” und widmet ihr ein ganzes Kapitel.

“Es ist weder meine Absicht noch der Platz, um meine eigene Arbeit hier zu besprechen, aber Leser meiner Bücher wissen, dass ich mit dem Archetyp des “bösen Orts” mindestens zweimal liebäugelte. Einmal indirekt in Brennen muss Salem, und einmal direkt in Shining.”

In Brennen muss Salem ist es das Marsten-Haus, über das King auch in Danse Macabre schreibt:

“Es gab dieses Haus, aber es hatte nicht mehr zu tun, als für die Atmosphäre zuständig zu sein.”

Und das legt den Finger genau in die Wunde. Nach der kurzen, gemeinen und schnell abgehandelten Carrie war Brennen muss Salem voller endloser Passagen in lilafarbener Prosa (gespickt mit unzähligen idiomatischen Extravaganzen), die zwar nach Jackson’scher Größe strebte, aber sich eben doch nur nach endlosen Passagen anhörte. Aber King tat hier vor allem eins: Er zeigte, dass er mehr wollte als ein Pulp-Autor sein. Er wollte über das Leben der Menschen schreiben. Er strebte nach Literatur.

1974 hatte der Horror noch keine Ambitionen, aber Salem’s Lot war ein Hardcover-Versuch über einen literarischen Roman, der auch zufällig Vampire beinhaltete. Oft überzeichnet und verquer wies das Buch darauf hin, dass King nicht etwa Fantasy oder Science Fiction schrieb. Er schrie Horror, und er tat das mit dem gleichen Ernst wie die besten Mainstream-Schriftsteller dieser Tage. Das Buch ist das Dokument eines gescheiterten Versuchs, aber es ist wichtig als eine Standortbestimmung, ein Manifest. King hatte eine Absicht, und Brennen muss Salem war ein Wurf, der seine Möglichkeiten noch nicht ganz umfasste.

Das sollte sich mit seinem nächsten Roman grundlegend ändern. In Shining nämlich trifft er genau auf die Zwölf.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.