Stranger Things – Lovecraft und die 80er

Die beiden bisherigen Staffeln der Serie Stranger Things gehören mithin zu den größten Serienaufregern der letzten Dekade. Der Grund dafür ist die hommage-lastige Atmosphäre, die mit Referenzen geradezu um sich wirft. Das hält den Nostalgie-Faktor konstant hoch, holt aber auch jene mit ins Boot, die die 1980er nur vom Hörensagen kennen. Man ist also nicht darauf angewiesen, alles zu entdecken, was in die Serie gepackt wurde, um sie als coole Story zu genießen.

Montauk – die realen Hintergründe zu „Stranger Things“

Der Hintergrund dürfte sogar für die Riege der Verschwörungstheoretiker interessant sein, jenen, die hinter zeitreisenden Schlachtschiffen, verborgenen Erinnerungen und Persönlichkeiten, die ihren Körper ständig wechseln, her sind. Den Hintergrund stellt nämlich ein reales Experiment der US-Regierung, das als „Montauk-Projekt“ bekannt ist. So lautete der Arbeitstitel der Serie dann auch „Montauk“, bevor die Produzenten beschlossen, die Serie nach Hawkins, Indiana zu verlegen. Die erste Staffel sollte urprünglich am östlichen Ende von Long Island spielen.

Camp Hero

Die meisten Informationen über das Montauk-Projekt stammen aus einer Handvoll Bücher und Interviews, die Preston B. Nichols seit 1982 veröffentlichte (The Montauk Project: Experiments in Time). Darin dreht es sich unter anderem um Gedankensteuerung mithilfe einer Radaranlage. Verschwörungstheoretiker glauben, dass das „Labor“, Camp Hero genannt, für eine Reihe geheimer Experimente an Kindern genutzt wurde, die durch psychokinetische Fähigkeiten auf sich aufmerksam gemacht hatten. Oft wurden sie ihren Familien gestohlen, genau wie Elf (011). Ebenfalls an die Serie angepasst sind Gerüchte, dass Wissenschaftler die psychisch begabten Kinder nutzen wollten, um andere Weltmächte auszuspionieren. In Stranger Things sind es die Russen. In der Camp Hero-Verschwörungstheorie selbstverständlich … Aliens.

Die Experimente im Camp Hero endeten anscheinend 1983, als einer der Probanten, Duncan Cameron, mit seinen psychischen Kräften ein Bigfoot-ähnliches Monster erschuf. Das Monster führte zum Ende der Experimente im Camp Hero und die unterirdische Forschungsstätte wurde mit Zement gefüllt.

Die Kehrseite (The Upside Down)

Das Tor, das geöffnet wurde, ist der tragende Teil der ersten und der zweiten Staffel. Im Original wird die andere Seite dahinter „The Upside Down“ genannt – eine öde, unbewohnte Kehrseite unserer Welt, in der – bis auf die Bewohner – alles ganz genauso existiert, wenn auch wie durch nasse Asche gezogen. In Staffel 1 ist der einzige Anwesende dieser Kehrseite ein Monster, das wie eine Kombination aus Bodybuilder, tropischer Pflanze und Analprolaps aussieht.

Schattenwelt; Netflix

Die Serie folgt den Bewohnern von Hawkins, einer Stadt in Indiana, nach dem Verschwinden eines kleinen Jungen in eben diese andere Dimension. Winona Ryder spielt seine Mutter und eine hochgradig talentierte Gruppe junger Schauspieler seine besten Freunde, die mit Hilfe von „Elf“, einem telekinetisch begabten Mädchen, nach ihm suchen.

In Staffel 2 erweitern die Duffer-Brüder diese Unterwelt dann sogar um ein Vielfaches. Obwohl es üblich ist, Staffeln in sich abzuschließen, kann man hier unmöglich nach der ersten aussteigen, ohne die ganze Geschichte nur rudimentär erfasst zu haben.

Referenzen an die Popkultur

Die Macher der Serie, Matt und Russ Duffer wuchsen in Durham, North Carolina auf. Dieser Ort diente ihnen neben einem „nerdigen Freundeskreis“ als Hauptinspirationsquelle. Ross Duffer erklärte:

„Einige Dinge in Stranger Things stammen aus Filmen, die wir gesehen haben und denen wir in der Serie offensichtlich huldigen. Wir wollten das Gefühl rüberbringen, das du hast, wenn du als Kind in den Wald gehst, um eine Schatzkarte oder was auch immer zu finden, etwas, das ein Abenteuer auslöst. Die Serie ist in dem Sinne autobiographisch, weil wir wünschten, wir hätten etwas im Wald gefunden.“

Aufregend war für die beiden Brüder die Tatsache, dass sie die Geschichte aus der Sicht mehrerer Figuren erzählen konnten.

„Wenn es ein Film wäre, müssten wir eine Geschichte auswählen. Wir könnten die Geschichte der Mutter wählen oder die Geschichte der Freunde oder die des Sheriffs. Wir haben uns darüber gefreut, alles zusammen erzählen zu können.“

Während die TV-Serie weitgehend mit der Arbeit von Steven Spielberg verglichen wurde, bestanden beide Produzenten darauf, dass sie sich viel mehr von den Büchern von Stephen King inspirieren ließen.

„Wir wollten, dass es sich anfühlt, als würdest du dich hinsetzen und ein großes, fettes Stephen-King-Buch lesen. Das war aufregend für uns.“

Die Referenzen an Stephen King sind natürlich kein großes Geheimnis, aber die Brüder haben sich von einer Menge mehr inspirieren lassen. Auffällig ist natürlich der Lovecraft-Touch, der durch die Gegenwelt, die Tunnel und die schwarzen, schleimigen Schlingpflanzen erzeugt wird. Alle Remeniszenzen unterzubringen, wäre aber nahezu unmöglich, denn manche sind nicht so offensichtlich wie besagtes Stephen King– oder Lovecraft-Feeling – oder der Verweis auf die Ghostbusters (als die Gruppe der Kinder sich eben als solche verkleiden).

Netflix; Columbia Pictures / Getty Images

Und selbst hier braucht es genauere Kenntnisse, denn in Episode 3 sehen wir, dass ein „Ghostbusters Certificate of Anti-Paranormal Proficiency“ an der Wand von Mike hängt.

Die Falle, die Dustin (der zu Halloween als Stantz geht) benutzt, um sein „neues Haustier“ zu verstauen, ist sogar 1 zu 1 aus Ghostbusters. Und wie er sich ängstlich dem Mülleimer nähert, wo „Dart“ herumrasselt, ist einer Ghostbusters-Szene zu verdanken. Und schließlich, als es an der Zeit ist, zu handeln, sagt Lucas: „Es ist der Tag des jüngsten Gerichts.“ Stantz und Winston sagen in Ghostbusters genau dasselbe.

Wenn in der ersten Staffel die Weihnachtsbeleuchtung blinkt, erinnert das an das Kommunikationssystem aus Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art„, und auch „Indiana Jones“ ist nicht weit. Hierzu gibt es gleich mehrere Aufnahmen, die auf das Abenteuer-Spektakel verweisen. Es beginnt mit Sheriff Hopper, dessen Silhouette im Tunnelsystem des Schattenmonsters in gleicher Weise gezeigt wird wie die von Harrison Ford in „Indiana Jones und der Tempel des Todes„. In Episode 5 der zweiten Staffel geht er – genau wie Indie – extra für seinen Hut noch einmal zurück. Die Duffers erklärten sogar, dass die Szene, in der Max (Sadie Sink) zum Kürbisfeld fährt, ein Frame-für-Frame-Remake von Short Round (gespielt von Jonathan Ke Quan) ist. Auch die Szene, in der Nancy und Jonathan darüber nachdenken, ob sie in getrennten Räumen in Murrays Haus schlafen sollen, spielt sich ähnlich ab wie die „Tempel-des-Todes“-Szene zwischen Willie Scott und Indiana Jones.

Kamaflage Records

Goonies, Terminator, Alien, Der weiße Hai, Es, Breakfast Club, Der Exorzist, Frankenstein, E.T., Karate Kid, Shining, Herr der Ringe, Gremlins, Poltergeist … die Liste ist endlos. Wer sich den Spaß machen will, alle Referenzen zu finden, wird wohl ein wahrer Kenner der 80er Jahre sein müssen. Und das nicht nur aus filmhistorischer Sicht, sondern auch aus musikalischer. Das dürfte etwas leichter sein, denn entweder kennt man einen Song oder nicht (und im Zweifel kann man immernoch in den Postcredits nachsehen).

Eine besonders gelungene Reminiszenz will ich aber noch anfügen: Die Fans waren ziemlich begeistert von der in der zweiten Staffel neu eingeführten Figur Billy (Dacre Montgomery). Der Metalhead ist zwar ein Metallica-Fan, hat aber auch ein Poster der weniger bekannten Kultband Tank und deren Album „The Filth Hounds of Hades“ von 1982 an der Wand. Die wilden Hunde auf dem Cover könnten mit einem möglichen Augenzwinkern auf die „Demohunde“ verweisen, die Menschen in Hawkins in Fetzen reißen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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