Spiel mir das Lied vom Tod

Zu dominant. Zu desillusionierend. Zu echt. Amerika hat ihn nicht gemocht, den großen, guten, bösen Film von der unvergänglichen Sterbemelodie eines untergegangenen Traums. Der Mythos vom freien, fairen, anständigen Westen hing mit Spiel mir das Lied vom Tod (im Original: C’era una volta il West, englischer Titel: Once Upon a Time in the West) am italienischen Galgen, da hockte niemand mit dem Gewehr hinter einem Baum, um den Strick mit der Kugel durchzufeuern. Der gerechte, der saubere Cowboy lag tief eingegraben unter der Erde, sittsame Frauen weinten lautlos ins blütenweiße Taschentuch, tapfere hoben die bunten Röcke. Kojoten schrien, Killer schossen, Geier warteten. Und Maestro Leone rieb sich trotz amerikanisches Missfallens, das unschwer patriotische Empörung und globalen Neid teilte, die Hände: Che successo! Welch fulminante Leistung! Che magnificenza! Welch großartiges Schauspiel!

Pionierzeit Wilder Westen: Anständig gegen Unanständig. Der Gewinner…

Spiel mir das Lied vom Tod kam 1968 in die Kinos. Zehn Jahre später sahen Kucki, Noppe und Lupus, drei brave Jungs aus der Unterprima, diesen Film, der sich längst schon mehrmals um den Globus gedreht hatte, im alten Schaumburg-Odeon zum ersten Mal. Und wollten diese Mäntel. Zumindest solche, zumindest ähnlich lange, schmutzig-sandfarbene Mäntel, die so lässig-locker an der Hüfte fallen, um den Pistolengurt darunter verbergen zu können. Die richtigen Mäntel eben, um sich in der nächsten Vorstellung zuhause zu fühlen. Und über die Harmonica (Charles Bronson) sagt:

„Ich hab schon mal drei von diesen Mänteln gesehen. Sie haben am Bahnhof auf jemanden gewartet. In den Mänteln waren drei Männer, und in den Männern drei Kugeln.“

Tatsächlich schaffte es nur Lupus, auf dem Flohmarkt in Amsterdam einen von der Sorte zu erstehen, die nach Pulverdampf und Wüstenstaub zu riechen scheinen. Noppe und Lupus trugen die speckigen Wildlederjacken ihrer Väter. Egal auch. Sie waren die Jünger. Rau, roh, männlich. Sie hörten diese göttliche Musik.
Und fragt man sie heute, die graugewordenen Ewig-Phantasten, die wie das damals war bei Spiel mir das Lied vom Tod, dann zucken die Mundwinkel, als würden sie nicht wissen, ob sie lächeln oder seufzen sollen. Sie sagen „Damals war wie heute, was denn sonst?!“, und ziehen die imaginäre Hutkrempe ins Gesicht. Basta. Alles gesagt.

Cheyenne (Jason Robards)

Natürlich nicht. Denn irgendwie will sie ja erklärt sein, diese Faszination eines Films, die selbst Leute packt, die gar nicht so unbedingt Genre-Liebhaber sind. Sergio Leones C’era una volta il West, erster Teil seiner Amerika-Trilogie (1971: Todesmelodie, 1984: Es war einmal in Amerika), ist ein Western, den wenigstens namentlich jeder halbwegs am Leben davor, dazwischen und danach Interessierte kennt. Und nicht nur ein Western. Wenn Cheyenne (Jason Robards) , der bärtige Kerl mit seinem düsteren Gestern und dem gutem Willen für das Morgen, der schönen, toughen Jill (Claudia Cardinale) sagt…

„Manchmal erinnerst du mich an meine Mutter. Sie war, weiß Gott, die größte Hure, die rumlief in Almado, aber sie war eine herrliche Frau. Und ob mein Vater eine Stunde mit ihr zusammen war oder einen Monat, er ist bestimmt ein glücklicher Mann gewesen.“

Jill (Claudia Cardinale)

…dann ist das ein so grundehrlicher Film, dass man die unentbehrlichen, da eh unumgänglichen Leichen fast kompromisslos verzeiht. Es war eben so.
Wenn Frank (Henry Fonda) von seinem Auftraggeber Morton (Gabriele Ferzetti) gefragt wird, warum er McBain und seine Familie erschossen hat, dann weiß man, dass es für diesen kaltschnäuzigen Mann mit seinen stahlblauen Augen gar keine Alternative gegeben hat. Typen wie der…die waren eben so.

„Ist dir wirklich nichts anderes eingefallen, als sie umzulegen? Ich sagte, du solltest sie einschüchtern.“ – „Ich mach das eben auf meine Art.“

Und echte Männergespräche, die sich auf Wesentliches fixieren, klingen bei Leone eben so:

„Ich bin deinetwegen hier. Ich will endlich wissen wer du bist.“ – „Manche Leute sterben vor Neugier.“ – „Schon möglich.“ (Frank/Harmonica)

Oder so:

„Wie soll ich einem Mann trauen, der sich’n Gürtel umschnallt und außerdem Hosenträger hat? Einem Mann, der noch nicht mal seiner eigenen Hose vertraut?“ (Tod)

Jetzt die komplette Story von Spiel mir das Lied vom Tod herunterzuladen und „erstmal“ (zum wievielten Mal genau?) zu sagen, wer jetzt wer ist und warum eigentlich, wäre irgendwie schon etwas lächerlich. Könnte auch verspottend wirken. Wer das Märchen nicht kennt, das ihnen gewidmet ist, – dem schweigenden, seltsamen Rächer (Harmonica), dem habgierigen, gefühlskalten Killer (Frank), der starken, sehnsuchtsvollen Witwe (Jill) und dem geschäftigen, kranken, träumenden Chef einer Eisenbahngesellschaft (Morton) – , soll es sich erzählen lassen: Auf der Leinwand. Dem Bildschirm. Von einem guten Freund, der dafür ewig dankbar sein wird.

„Und jetzt…spiel mir das Lied vom Tod!“

Besser vielleicht noch: Man lässt zuerst die Musik sprechen, diese einmalig schöne, beinahe opernhafte Musik, die Ennio Morricone noch vor Beginn der Dreharbeiten komponiert hatte und die zu Weltruhm gelangte. Unerreicht: Die klagende Mundharmonika, Schlüsselinstrument, das zur zentralen Hinrichtungsszene führt, brutal und aufwühlend,  im Film gespielt von Charles Bronson, tatsächlich von Franco de Gemini. Ehre, wem Ehre…

Harmonica (Charles Bronson)

Freilich bleibt Morricone die ersten dreizehn Minuten des Films stumm. Da sind die drei Männer (Franks Leute) am Bahnhof, und alles, was man hört, – und merkwürdigerweise nicht vergisst, so banal es scheint – , sind das Tickern eines Telegramms, eine klappernde Tür, das Rotieren des Windrads, das Surrren einer Fliege, Wassertropfen, die auf einen Hut fallen, knackende Fingergelenke, letztendlich das Keuchen des Kessels einer haltenden Lokomotive…und aus der steigt, anfangs nicht sichtbar, der Mann (Harmonica), auf den die drei gewartet haben. Sie sehen sich an.

Dann:

Harmonica: „Habt Ihr ein Pferd für mich?“
Snaky: „Wenn ich mich so umsehe, dann sind nur drei da. Sollten wir denn tatsächlich eins zuwenig haben?“
Harmonica: „Ihr habt eins zuviel.“

Erkannt. Erschossen.

Einfach. Ehrlich. Echt. So läuft das Spiel, gemeinsam entwickelt von Leone, Dario Argento und Bernardo Bertolucci, geschrieben im Teamwork mit Sergio Donati, exzellent fotografiert von Tonino delli Collis. Schach unter den Brettspielen.
Exakt in seiner Rolle: Charles Bronson, vor C’era una volta il West eher als (guter) Nebencharakter bekannt, ein markanter, schön verwitterter Kerl, den der große Italiener unbedingt haben wollte.

„Mit Bronsons Gesicht könnte man eine Lokomotive stoppen.“ (Leone)

Allerdings war es genau dieses Ideal-Gesicht, das „United Artists“ für Leones erste US-Produktion nicht passte. Der Film-Mogul wünschte einen prominenten amerikanischen Publikumsliebling als Harmonica, der Regisseur blieb beharrlich und fand in „Paramount“ einen begeisterten und vor allem auch großzügigen Geldgeber: Drei Millionen US-Dollar standen für Spiel mir das Lied vom Tod, primär in Spanien gedreht, zur Verfügung, das war mehr als doppelt soviel Geld, wie Leone für Zwei glorreiche Halunken ausgeben durfte.

Frank (Henry Fonda)

Henry Fonda, der für die Rolle des boshaften Killers Frank sein Hollywood-Saubermann-Image abgestreift hatte, – wohl nicht ungern, der krasse Klimawechsel reizte durchaus – , erschien zu den
Dreharbeiten mit braunen Kontaktlinsen und unrasiert, um stilechter zu wirken, aber Leone hatten längst die eigenen so göttlich blauen Augen überzeugt. Zu schön für einen Bad Boy? Geht eh nicht.

Spannend und durchaus kurios am Rande: Es hätte Leone tatsächlich gefallen, die drei Männer am Bahnhof, Franks Leute, die Harmonica beseitigen sollten, von Lee van Cleef, Eli Wallach und Clint Eastwood spielen zu lassen. Die Hauptdarsteller aus Zwei glorreiche Halunken als unsympathische (und unfähige!) Auftragskiller, denen der Tod bereits in den Augen steht? Schon absolut okay, dass Eastwood nicht konnte, weil er bereits anderweitig drehte (Hängt ihn höher). Van Cleef und Wallach wären dabeigewesen. Klappte nicht. Besser auch nicht. Besser so. (Halunken-)Ehre, wem Ehre…gut, das hatten wir schon.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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2 Kommentare auf "Spiel mir das Lied vom Tod"

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Erik R. Andara
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Dieser Film ist eine metaphysische Prachtperle unter den Western – das habe ich schon als Sechsjähriger, quer über das Bett meiner Tante liegend, und gebannt dem Spiel auf der Mundharmonika lauschend, erkannt – während ich mich fragte: wie lange und wie weit würde ich es wohl in so einer erbarmunsglosen und schmutzigen, aber trotzdem komisch aufrechten Welt schaffen, wenn ich dieser Junge wäre! Danke für diesen Abgesang auf wahre Größe in bewegten Bildern!

Tobias Reckermann
Autor

Phantastik ist das zwar jetzt nicht, aber fantastisch war die Wirkung schon auf mich (- und zäh 😉 Bronsons Lied lässt einen immerhin an ihn als eine Art Personifizierung des Todes denken und Fondas wasserblaue Augen haben auch etwas Magisches.

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